Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte.
Aehnlich wie die jüngsten Städte der Neuen Welt, so zeigen auch die uralten Städte des chinesischen Reiches in ihrem Aussehen wie in ihrer Anlage große Einförmigkeit. Was von den ersteren gilt, kann auch von den letzteren gelten: hat man eine gesehen, so hat man alle gesehen.
Spaziergänger mit Singvögeln.
Wer in China erwartet, ähnliche Sehenswürdigkeiten zu finden, wie die Städte Europas sie in ihren Kirchen, Palästen, Museen, Gärten, Theatern, Denkmälern, Fabrikanlagen besitzen, würde in ärgster Weise enttäuscht werden. Die erste Chinesenstadt, welche der Europäer besucht, sei es Canton oder Tientsin oder Tschifu, wird ihn durch die eigenartige Bauart der Häuser, die alten Ringmauern und Thore, die hohen Pagoden und vor allem durch das seltsame bewegte Volksleben fesseln, das sich in den bunten, kuriosen Straßen abspielt. Aber in der nächsten Stadt, die er berühren sollte, wird er dieselben Ringmauern, dieselben Pagoden, dieselben Häuser und Straßen wiederfinden, und so wiederholt sich dies in dem ganzen Reiche mit geringen Abwechslungen. Selbst die beiden berühmten Hauptstädte Chinas, Peking und Nanking, bilden keine Ausnahmen. Es ist wie bei einem Regiment Soldaten: die Individuen sind verschieden, die Uniform ist dieselbe. Und dabei ist diese Uniform, das Aeußere der chinesischen Städte, bei weitem nicht so malerisch, so fesselnd, so altertümlich, wie beispielsweise irgend eine Stadt unserer schönen, sonnigen Mittelmeerküsten.
Jischang am Jangtsekiang.
Wer eine chinesische Inlandstadt besuchen will, die nicht gerade an dem mächtigen Jangtsekiang liegt, der muß entweder ein plumpes, von Chinesen geleitetes Boot mieten, oder den Weg dahin auf Maultierrücken zurücklegen, denn mit Ausnahme des genannten Stromes herrscht auf keinem Fluß Chinas für größere Strecken Dampferverkehr; Eisenbahnen sind vorläufig unbekannt, und da es in China nur sehr wenige fahrbare Straßen giebt, ist auch der Reisewagen als Transportmittel ausgeschlossen. Wo er vorhanden ist, wie etwa zwischen Tientsin und Peking, wird es sich der Reisende wohl dreimal überlegen, ehe er sich zu einem derartigen Marterkasten entschließt. Weder die Unsicherheit, noch die Unkenntnis der ungemein schwierigen Sprache, noch die Kosten bilden so bedeutende Hindernisse für Reisen in China, wie der Mangel an Verkehrswegen. Die Unsicherheit ist nicht so groß, als man bei uns annimmt, keineswegs größer, als in vielen anderen von Europäern gern bereisten Ländern; die Schwierigkeit der Verständigung mit den Chinesen wird durch die Anwerbung eines Dolmetschers umgangen, ja ein solcher ist geradezu eine unbedingte Notwendigkeit; und was die Reisekosten betrifft, so sind sie sehr gering, kaum die Hälfte, unter Umständen sogar ein Viertel jener, an welche man in Europa gewöhnt ist.
Gerade wie es bei uns im Mittelalter der Fall war, ist die weitaus größte Zahl der chinesischen Städte mit festen Ringmauern umgeben, deren Thore bei einbrechender Dunkelheit gesperrt und erst nach Sonnenaufgang wieder geöffnet werden. Ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, so wird in der Regel von den Militärwachen an den Stadtthoren eine rote Kerze entzündet, und ist der letzte Rest derselben verbrannt und die Flamme erloschen, so werden die mächtigen, mit Eisen beschlagenen Thorflügel geschlossen, ein gewaltiger Querbalken durch die an den Flügeln und in den Mauern angebrachten eisernen Lager geschoben und ein schweres Schloß vorgehängt. In vielen Städten, besonders zur Zeit von Krieg oder Unruhen, werden die Thore unter keinen Umständen zur Nachtzeit geöffnet, selbst nicht für irgend einen Mandarin mit dreiäugiger Pfauenfeder. Sollte ein kaiserlicher Postläufer, an seinem gelben Fähnchen und dem Schellengeklingel kenntlich, verspätet eintreffen, so wird er vielleicht in einem herabgelassenen Korbe längs der Stadtmauer emporgezogen. Der Reisende muß sich also darauf gefaßt machen, inmitten von allerlei Gesindel vor den Stadtthoren im Freien zu übernachten, will er nicht in irgend einer der elenden, schmutzstarrenden, übelriechenden Spelunken einkehren, deren es gewöhnlich vor den Thoren mehrere giebt. In Söul entging ich der Sache dadurch, daß ich einfach an einer schadhaften Stelle über die hohe Mauer hinwegkletterte, eine Turnübung, der sich dort schon sehr oft auch die Gesandten fremder Mächte unterziehen mußten. Einen chinesischen Paß wird wohl jeder Reisende mit sich führen, obwohl er nur selten abverlangt wird. Man ist in dieser Hinsicht in China viel weniger streng als in manchem Lande Europas.
In den meisten chinesischen Städten bildet die Ringmauer das bedeutendste und interessanteste Bauwerk. Zehn bis fünfzehn Meter hoch, umgiebt diese mit Granitquadern bekleidete Mauer die ganze Stadt, und nur die wenigen Pagoden ragen darüber empor, die einzigen Gebäude, welcher man bei der Annäherung an die Stadt gewahr wird. Den oberen Rand der Mauer entlang zieht sich eine Parapetmauer mit Schießscharten, aus denen möglicherweise die Mündungen von alten eisernen Geschützen hervorlugen. Vor der Mauer befinden sich gewöhnlich tiefe, breite Gräben, stellenweise mit stagnierendem Wasser oder übelriechenden Abfällen angefüllt; denn die Chinesen haben in ihren Städten noch keine Kanalisierung oder Rieselfelder nach europäischem Muster, sondern lassen den Unrat ihrer Häuser von Kulis in Bottichen vor die Stadtmauern tragen, falls sie ihn nicht anderweitig verwerten. In Peking beispielsweise dient dieser Unrat zum Besprengen und Niederschlagen des Staubes in den Straßen.
Am stärksten und dräuendsten erscheinen die Stadtmauern in der Nähe der Thore, ansehnlicher als wohl in irgend einer Festung Europas, vielleicht die alten Sarazenenmauern im südlichen Spanien ausgenommen. Die Wachthäuser sind auf die Thore aufgesetzt und gewähren mit ihren geschwungenen doppelten Dächern, ihren Schießscharten und Kanonen einen ungemein malerischen Anblick. Hat man das Thor durchschritten, so gelangt man in einen kleinen Festungshof, hinter dem sich mitunter noch ein zweites, ebenso hohes, starkes Thor erhebt. Treppen führen zur Festungsmauer empor, die oben gewöhnlich mit Steinen gepflastert ist und eine Breite von drei bis fünf Meter besitzt. Aber so drohend und unbezwingbar diese chinesischen Ringmauern von außen auf den ersten Blick aussehen mögen, so verwahrlost und verfallen zeigen sie sich bei näherer Besichtigung. Die Parapetmauern liegen in den meisten Städten in Ruinen, die Granitbekleidung der Hauptmauer ist an vielen Stellen abgefallen und läßt erkennen, daß der gewaltige Bau nur aus aufgeschütteter Erde besteht. Die Kanonen sind überall verrostet, vollständig unbrauchbar und liegen vielleicht sogar ohne Lafetten in dem üppig emporwuchernden Unkraut. Längs der ganzen, über fünfzig Kilometer langen Stadtmauer von Nanking sah ich überhaupt kein einziges Geschütz, und von den Hunderten eiserner Kanonen auf den Mauern Cantons, der größten Stadt des Reiches der Mitte, fand ich nicht eine, bei welcher ein Schuß nicht größere Gefahren für die Verteidiger als für die Angreifer mit sich bringen würde. Die dräuenden Kanonenmündungen über den Stadtthoren von Peking sind überhaupt nur auf die schwarzen Holzläden der Schießscharten aufgemalt. Ueberall herrscht Verwahrlosung und Verfall; die Thorwachen, in zerlumpte Uniformen gehüllt, lungern schläfrig an den Thoren, Lanzen, Flaggen, Schwerter und Schilde, in den seltsamsten Formen, verrostet und unbrauchbar, hängen hinter ihnen an der Wand. Dringt die Kunde von irgend welchen Unruhen in die Stadt, wird ein neuer Gouverneur ernannt oder eine Inspektion von seiten irgend eines hohen Generals angekündigt, dann wird über Hals und Kopf alles notdürftig ausgebessert und übertüncht, und dabei bleibt es bis zu dem nächsten derartigen Anlaß. In einer Hinsicht sind diese Mauern aber doch von Nutzen für die Städte: sie sind die beliebtesten, wenn nicht einzigen Spaziergänge für den besseren Teil der Bevölkerung. An warmen Sommerabenden kann man dort oben Hunderte lustwandeln sehen, Gelehrte und Litteraten, Kaufleute und junge Stutzer in ihren langen blauen Gewändern, gewöhnlich mit einem kleinen Käfig in der Linken, in dem irgend ein Singvogel oder eine Wachtel umherhüpft. Was die Schoßhündchen bei uns, das sind die Vögel bei den Chinesen.
Außerhalb der Stadtthore breiten sich bei vielen Städten Vorstädte aus, in deren elenden Lehmhütten die ärmeren Klassen der Bevölkerung wohnen und in deren Straßen es gewöhnlich lebhafter zugeht als in der Stadt selbst. Ein fortwährendes Schreien und Lärmen, Drücken, Stoßen, Hin- und Herlaufen, Klopfen und Hämmern, Feilschen und Zanken von zerplumptem, schmutzigem Gesindel, das tagsüber fast ausschließlich auf der Straße lebt. Selbst die Frauen scheinen es zu verschmähen, im Innern der schmutzstarrenden Lehmhütten zu verweilen. In manchen Städten ist um diese Vorstädte noch eine zweite Ringmauer angelegt worden, und man hat zwei Thore zu durchschreiten, ehe man in die innere Stadt gelangt. Auch in dieser ist das Leben und Treiben lebhaft, wenn auch ruhiger und vornehmer als draußen in den Vorstädten. Das Straßennetz der chinesischen Städte ist im allgemeinen regelmäßiger angelegt als jenes der alten europäischen; die Straßen schneiden sich in rechten Winkeln, über Flüsse und Kanäle führen zahlreiche, gewöhnlich sehr steile Brücken, um den Schiffen die Durchfahrt zu gestatten, und wäre alles wirklich so, wie es von den Erbauern der Stadt und den Behörden vorgesehen wurde, dann wäre der Aufenthalt dort gar nicht unangenehm. Aber leider teilen die Chinesen eine charakteristische Eigenschaft mit den meisten anderen Völkern des Orients, bis ans Mittelmeer: städtische Anlagen, Häuser, Tempel, Paläste, einmal hergestellt, werden nur in den seltensten Fällen wieder ausgebessert und bleiben in der Regel bis zum gänzlichen Zerfall sich selbst überlassen. Ueberdies verwenden die Chinesen nur für ihre Pagoden, für kaiserliche Paläste, einzelne Tempel und Ehrenpforten Stein als Baumaterial, ihre Häuser bauen sie zum größten Teil aus Holz und Lehm, im besten Fall aus ungebrannten Ziegeln. In Hangtschau, Sutschau, Ningpo, Tschinkiang und vielen anderen Städten werden wohl die Grundmauern bis auf etwa einen Meter Höhe über dem Erdboden aus Stein oder Ziegeln ausgeführt. Dann werden von diesen Mauern aufwärts vertikale Bretterverschalungen errichtet, so hoch als das höchstens ein Stockwerk hohe Haus werden soll, und zwischen die beiden Bretterwände wird nun auf die Grundmauern feuchte Erde und Lehm geschüttet. Dieser wird fest gestampft, und sobald er trocken ist, werden die Bretterwände entfernt. Auf die Lehmmauern werden nun die Dachbalken befestigt, das Dach mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt, und das Haus ist fertig. Die Fenster werden mit Papier verklebt, doch kann man in den Städten, besonders längs der Küste, schon sehr viele Fenster mit Glasscheiben finden. Oefen giebt es keine. Im Süden bedarf es deren nicht, im Gebiet des Jangtsekiang wärmen sich die Leute im Winter wie im mohammedanischen Orient an Holzkohlenbecken, und im Norden bis nach Korea wird der Rauch des Küchenfeuers unter den Fußboden geleitet, der auf diese Weise erwärmt wird. Besitzt das Haus über dem Erdgeschoß noch ein Stockwerk, so enthält das obere Stockwerk gewöhnlich die Wohnräume, zu denen man mittels einer steilen, leiterartigen Holztreppe gelangt.
Markt in Wei-hsien, zwischen Stadt und Vorstadt.
Daß derartige Häuser den Unbilden der Witterung und der Zeit nicht lange Widerstand leisten können, ist wohl einleuchtend. Deshalb findet man in chinesischen Städten so zahlreiche Ruinen und Schutthaufen, und daher kommt es auch, daß in diesem ältesten Kulturlande der Welt keine Denkmäler aus früheren Jahrtausenden zu finden sind, wie sie selbst in jenen Ländern heute noch bestehen, welche längst der Geschichte angehören: Babylonien, Assyrien, Altgriechenland und Altägypten. Dort ist die Kultur vergangen, und nur die steinernen Kolossalbauten legen Zeugenschaft ab von dem einstigen Glanze; hier ist die Kultur geblieben, aber die steinernen Denkmäler fehlen. Was davon vorhanden ist, Pagoden aus Stein oder Ziegeln, Ehrenpforten, Festungsmauern und dergleichen, reicht zum größten Teil nicht weiter zurück als in das achte oder neunte Jahrhundert und geht sicher dem gänzlichen Verfall entgegen. Handel und Verkehr konzentrieren sich auf einige wenige Hauptstraßen, wenn man die engen, drei bis vier Meter breiten Gäßchen überhaupt mit diesem Namen bezeichnen kann. In den Städten des Nordens sind die Straßen breiter und für den Wagenverkehr berechnet, die Kaufläden finden sich zumeist nach den einzelnen Geschäftszweigen beisammen; hier die Goldschmiede, daneben vielleicht Buch- oder Papierläden, dort Hutläden, Verkäufer von Kleidern, Fächern, Matten, Möbeln und dergleichen, ähnlich wie es früher auch in vielen Teilen Europas der Fall war. In den Seitenstraßen geht es viel ruhiger zu, und am stillsten ist es in den Bezirken, wo sich die Yamen der Behörden und die mit hohen Mauern umgebenen Wohnungen der Reichen befinden. Innerhalb dieses Viertels oder anstoßend an dasselbe befindet sich in den meisten Provinzhauptstädten noch eine eigene mit Mauern umgebene Stadt, welche die Wohnungen der Mandschukrieger enthält, die sogenannte Tatarenstadt.
Aehnlich wie die mohammedanischen Städte, so zeichnen sich auch die chinesischen vor allem durch Schmutz und Unrat aus. Wohl sind in vielen Kloaken vorhanden, die in der Mitte der Hauptstraßen angelegt und mit Steinplatten bedeckt worden sind; wohl laufen auch an den Häusern entlang schmale Abzugsgräben, aber es ist niemand da, der die Pflasterung, niemand, der die Kloaken in Ordnung hält, und so kommt es, daß sich beides, Pflaster und Kloaken, längst friedfertig vereinigt haben, daß man in Kloaken fällt, wenn man auf lockere Steine tritt, und in den Unratspfützen, in welche man häufig durch den ungemein lebhaften Verkehr gedrängt wird, über Steine stolpert. Hier und dort haben sich die Kloaken einen Ausweg nach den Wasserkanälen gesucht, und in diesen waschen die sorgsamen Hausfrauen am Morgen Reis und Gemüse für ihre Mahlzeiten. In den Häusern der Reichen geht es wohl besser zu. In den chinesischen Städten, wo alle Berufszweige zu Zünften vereinigt sind, selbst die Lastträger, Barbiere und Bettler, giebt es auch eine Zunft der Kanalräumer. Für geringes Geld holen sie täglich den Unrat aus den Häusern derjenigen, die sie bezahlen, und tragen ihn in Kübeln, die von wagerechten Schulterstangen herabhängen, vor die Stadtthore oder auf offene Plätze neben den Hauptstraßen, um ihn dort in der Sonne trocknen zu lassen. Welche Gerüche unter solchen Umständen die chinesischen Städte erfüllen, läßt sich eher ahnen als sagen.
Von passender Unterkunft für europäische Reisende kann natürlich keine Rede sein; freilich giebt es in allen Städten chinesische Hotels, aber gewiß würde jeder lieber in unseren Kuhställen die Nacht zubringen als in diesen elenden, von Schmutz, Unrat und Ungeziefer erfüllten Löchern, die, gewöhnlich im ersten Stockwerk gelegen, nichts weiter enthalten als Schlafbretter an den Wänden, ähnlich den Schiffskojen, die man überdies noch mit chinesischen Reisenden teilen muß. Ueber diese Bretter sind schmutzige Matten gebreitet, im Winter vielleicht noch schmutzigere Wolldecken. Von Bequemlichkeiten für die Toilette, Auskleiden und dergleichen ist nichts vorhanden. Die fensterlosen Räume sind mit den widerwärtigsten Gerüchen geschwängert, in denen Opiumrauch den Grundton angiebt; in den unteren Räumen herrscht die Nacht über Lärmen, Schreien und Gepolter; hat es sich vielleicht zeitweilig gelegt, dann kommt man wegen des unaufhörlichen Gebells der Hunde oder dem Geknabber der Ratten nicht zur Ruhe, und steht man bei Tagesanbruch auf, so ist vielleicht der Reisesack mit Geld und Gut verschwunden. Glücklicherweise befinden sich heute schon in den meisten Städten christliche Missionen mit europäischen Missionaren, und dorthin pflegen sich die Reisenden zunächst zu wenden, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.
Nächst den mehrstöckigen Pagoden und Buddhatempeln sind in den verschiedenen Provinzstädten wohl die Yamen der Regierungsbehörden die anspruchsvollsten Bauten. Den Yamen des obersten Mandarins, gewöhnlich vom Range eines Taotai, kennzeichnen zwei hohe Flaggenmasten vor dem Haupteingange; residiert in der Stadt ein Provinzgouverneur, so stehen vor seinem Yamen vier derartige Flaggenstangen, und die Dächer seiner Wohnung sind mit gelben Glasurziegeln bekleidet, ähnlich wie der Kaiserpalast in Peking. Auch in Bezug auf die Yamen herrscht in China große Einförmigkeit. Wer jemals einen dieser Häuserkomplexe betreten hat, der findet sich ohne Führer in allen zurecht. Während in den alten Städten Europas häufig genug die Aemter in verschiedenen, voneinander recht weit entfernten Gebäuden untergebracht sind, liegen sie in den chinesischen Städten alle innerhalb der Yamenmauer beisammen: Stadtwache, Gefängnis, Gerichtssaal, Polizei, Kasse und endlich die Wohnungen der Beamten. Die einzelnen Gebäude sind rechtwinkelig zu einander angelegt und umschließen mehrere viereckige Höfe, deren innerster gewöhnlich die Privatwohnung des Taotai selbst enthält.
Ein Tempelbau.
Der Vorhof der Yamen dient den ärmeren Volksklassen zum Aufenthalt, den Kindern zum Spielplatz. Obwohl die Chinesen vor dem Regierungsvertreter einen Heidenrespekt haben, trocknen sie doch in dem Vorhof seines Palastes ihren Reis oder ihre schmutzige Wäsche oder geben sich verschiedenen Arbeiten hin. Von diesem Platze führen drei, stets nach Süden gerichtete Pforten in das Innere. Die mittlere, größte Pforte wird nur bei besonders festlichen Anlässen geöffnet; auf ihre schweren, schwarzen Thorflügel sind zwei riesengroße Fratzen gemalt, welche die bösen Geister abwehren sollen. Die Pforte zur Linken ist ebenfalls geschlossen und öffnet sich nur, um die zum Tode verurteilten Verbrecher hinauszulassen. Die Pforte zur Rechten ist die gewöhnliche Eingangspforte. Ueber alle drei erhebt sich ein kleines Ziegeldach, an dem große Holztafeln mit den Würden und Titeln des höchsten Mandarins in Goldlettern befestigt sind. An der Innenseite des Eingangs hängt eine große Trommel, für jene bestimmt, die den Mandarin um Schutz und Recht anrufen wollen. Sobald der Mandarin die Trommel hört, ist er verpflichtet, die Hilfesuchenden sofort zu vernehmen und ihnen Genugthuung zu gewähren. Ich fand diese Trommeln auch im Norden Chinas und selbst in den Städten Koreas. Allein gewiß werden sich nur sehr wenige rühmen können, den Klang der Trommeln jemals gehört zu haben, nicht etwa, weil sich in China niemand über Unrecht zu beschweren hätte, sondern vielmehr deshalb, weil die Chinesen dank der Willkür und Habsucht der Mandarine stets trachten, ihre Differenzen auf irgendwelche andere Art auszutragen, ehe sie sich den Mandarinen in die Hände geben.
Von den ebenerdigen Gebäuden mit vorspringenden Ziegeldächern, die den ersten Hof umschließen, ist jenes zur Linken das Gefängnis, jenes zur Rechten das Wachthaus, auf dessen Wand gewöhnlich eine ganze antike Waffensammlung prangt: zweischneidige oder doppelte Schwerter von verschiedenen Formen, Lanzen, Dreizacke, Schilde, Fahnen und dergleichen, selten Feuerwaffen. Das der Pforte gegenüberliegende Gebäude ist eine Art Säulenhalle mit einer nach dem zweiten Hof führenden, gewöhnlich verschlossenen Pforte. Hier werden die Gerichtssitzungen abgehalten; an dem in einer Ecke aufgehängten Gong schlagen die Wachen zur Nachtzeit die Stunden an.
Jenseits der Gerichtshalle liegt ein zweiter Hof, dessen Seitengebäude die Bureaus der Sekretäre enthalten, während das Mittelgebäude von dem großen Empfangssaal des Mandarins eingenommen wird. Die Wände sind mit schönen Ebenholzschnitzereien, Zeichnungen und Inschriften bedeckt, von der Decke hängen Lampions herab, und an der hinteren Saalwand liegt eine etwa zwei Fuß hohe Estrade mit einem kleinen Theetischchen und einigen roten Kissen, der gewöhnliche Sitz für den Mandarin und seine Besucher; an den Seitenwänden stehen abwechselnd kleine geschnitzte Tscha-ki (Theetischchen) und ebensolche Armstühle. Durch zwei Seitenthüren steht diese Empfangshalle mit den Privatgemächern des Mandarins in Verbindung, die sich in den um einen dritten Hof angeordneten Gebäuden befinden.
Allee zum Grabe des Confucius in Kin-fu.
Die Yamenbeamten sind nur die Vertreter der kaiserlichen Regierung, von dieser bestellt, nicht etwa städtische Beamte. Die Stadtverwaltung wird ähnlich wie bei uns von der Bürgerschaft gewählt, und nur das Tatarenviertel der einzelnen Städte untersteht direkt den kaiserlichen Behörden. Je nach der Größe der einzelnen Städte sind diese in eine verschiedene Zahl von Stadtvierteln eingeteilt, deren jedes etwa sechzig bis hundert Familien umfaßt. Man darf sich aber diese Familien nicht etwa so vorstellen wie bei uns. Häufig gehören mehrere hundert Personen zu einer Familie und wohnen in eigenen ummauerten Häusergruppen beisammen: Großeltern, Eltern, Kinder und Kindeskinder, vielleicht zwanzig bis vierzig Familien derselben Abstammung. Die Aeltesten jeder dieser Familiengruppen, chinesisch Kia-tschang, bilden eine Art Stadtrat und wählen unter sich einen Aeltesten oder Pao-tsching. Dieser ernennt die verschiedenen Beamten seines Viertels und hat die Bestimmungen des Stadtrates bezüglich der Reinigung, Aufsicht und Sicherheit in seinem Gebiet auszuführen. Für die gemeinschaftlichen Interessen aller Stadtviertel wählen die Stadträte der letzteren eigene Vertreter, und über diesen steht endlich der Regierungsmandarin oder Taotai.
Mandarinsstiefel im Stadtthor von Kiautschou.
Man darf nicht etwa glauben, daß diese Mandarine überall mit ihren Erpressungen und Bedrückungen leichtes Spiel haben. Ganz wie ich es in den koreanischen Städten gefunden habe, so geht es auch in China zu, das ja doch nichts weiter als ein großes Korea ist. Treiben es die Mandarine zu arg, so werden sie von der Stadtbevölkerung einfach vor die Thüre gesetzt, ohne daß der Provinzgouverneur oder gar die Pekinger Regierung dagegen Einspruch erheben würde. Ist die Stadtbevölkerung dagegen mit der Verwaltung des Taotai zufrieden, so wird die Dankbarkeit ihm gegenüber auf recht eigentümliche Weise zum Ausdruck gebracht. Am Ende seiner Dienstzeit begeben sich die Mitglieder des Stadtrats nach dem Yamen und bitten den Mandarin in ihrer blumenreichen Sprache, der Stadt doch ein Paar seiner Stiefel zu schenken. Gewährt er diese ihn besonders ehrende Bitte, so werden die Stiefel in feierlicher Prozession mit Musik und Fahnen nach dem südlichen Stadtthor getragen und dort an der Decke aufgehängt, wo sie bleiben, bis sie in Stücke fallen.
Aber nicht nur der Stadtrat, auch das niedere Volk versammelt sich häufig, um über öffentliche Angelegenheiten zu beraten, und als Versammlungsort dienen in den Städten eigene Beratungshallen mit großen Höfen, wo auch die wandernden Theatertruppen ihre Buden aufzuschlagen pflegen, Hahnen- und Wachtelkämpfe stattfinden. Die unteren, ungemein abergläubischen Volksklassen sind von Agitatoren leicht aufzuwiegeln, besonders wenn irgendwo in einer Stadt das Feng-schui verletzt wurde. Feng-schui heißt wörtlich Wind-Wasser, bedeutet aber den Schutz gegen die bösen Geister, die in China überall in der Luft wie im Innern der Erde herumziehen und fortwährend bestrebt sind, den Chinesen Unheil anzuthun. Die glückliche Seite ist die südliche, und deshalb stehen auch alle offiziellen Gebäude in China mit den Hauptfronten nach Süden; vor den Thoren zu Privathäusern werden eigene freistehende Mauern errichtet, um die bösen Geister abzuhalten. Kein Gebäude darf höher sein als das andere, es sei denn eine Pagode oder ein Tempel, und die Fremden, besonders die Missionare, müssen bei dem Bau ihrer Häuser alle möglichen Finten anwenden, um die Chinesen zu beruhigen. Selbst Flaggenmaste und Telegraphenstangen zerstören das Feng-schui. Die Mehrzahl der Unruhen und Aufstände gegen die Missionare hat diesen einfältigen Aberglauben zur Ursache. In Ningpo bestand der amerikanische Konsul darauf, einen hohen Flaggenmast vor seiner Wohnung zu errichten, und da er seinen Willen, gestützt auf die Kriegsschiffe, durchsetzte, errichteten die Chinesen nahebei einen noch höheren Mast, auf den sie als Gegenwirkung eine kleine teuflische Fratze setzten. Lange, gerade Kanäle findet man in chinesischen Städten selten, denn in solch breiten Avenuen könnten die bösen Geister zu leicht verkehren; wo solche Kanäle sind, werden sie durch künstliche Inseln durchbrochen, oder durch zahlreiche, verschieden hohe Brücken überspannt. Die geraden Straßen der Stadt würden den bösen Geistern auch ungehinderten Durchzug gewähren, deshalb werden die Firmentafeln vor die Häuser in die Straße gehängt, wodurch die Teufelchen natürlich abgelenkt werden.
Ebensowenig wie Wasserleitung und Kanalisierung giebt es in den chinesischen Städten Straßenbeleuchtung. Bis neun oder zehn Uhr abends geht es in den Geschäftsstraßen recht lebhaft zu, und die kleinen Oellämpchen in den weit geöffneten Kaufbuden werfen auch auf die Straßen hinreichend Licht. Aber dann werden die Thore geschlossen, die hölzernen Läden der Kaufbuden geräuschvoll zugeschlagen, die Lampen ausgelöscht, und es herrscht überall Dunkelheit und Ruhe. Nur hier und dort an Straßenkreuzungen oder an Brückenaufgängen flackern armselige Lichter, die entweder durch gemeinschaftliche Beiträge der Straßenbewohner oder durch die Freigebigkeit einzelner unterhalten werden. Verspätete Passanten, die nach Hause eilen, tragen stets Handlaternen, um auf den elenden Wegen nicht zu stolpern oder in Löcher zu stürzen. Gegen Mitternacht hört alles Leben in den Straßen auf, man hört nur den Schritt der Wachen und das Aufstoßen ihres Bambus- oder Eisenstabes auf das Pflaster; alle zwei Minuten schlagen sie auch noch kräftig auf einen Gong, um zu zeigen, daß sie wachen. Nichts konnte mich zur Nachtzeit mehr ärgern als diese dumpfen, feierlichen Schläge, die mich jedesmal aus dem Schlafe weckten. Schreitet ein einsamer Wanderer durch die Straßen, erweckt er zufällig einen Hund, so bellen bald Hunderte oder gar Tausende dieser Bestien und machen während einer halben Stunde einen derartigen Heidenlärm, daß von Schlafen keine Rede sein kann.
Gegen Diebe und Einbrecher gewähren die Wachleute natürlich keinen Schutz, weil sie ja ihr Nahen selbst durch ihre lärmenden Schritte und Stockschläge verkünden. Häufig folgen ihnen aber ein paar hundert Schritte hinderdrein andere, ruhig einherschleichende Wachleute, und diesen gelingt es nicht selten, Einbrecher auf frischer That zu ertappen.
Zwei oder drei Stunden nach Mitternacht beginnen die zahlreichen Hähne zu krähen, endlich bricht die Dämmerung an, und bald erwacht die Stadt aus ihrem Schlafe; das Gepolter mit Thüren und Fensterläden ertönt von neuem; die niedrigen Schornsteine beginnen zu rauchen, die Einwohner kochen ihren Morgenreis und bereiten sich zu neuem Tagewerk vor. So viele Arme es in den chinesischen Städten auch geben mag, ihre Mahlzeiten, Reis, Gemüse, Fische haben auch die Bettler, ausgenommen zur Zeit von Hungersnot. Die Glücksgüter sind in China lange nicht so ungleich verteilt wie bei uns, und herrscht in dem Reiche der Mitte auch nicht so protziger Reichtum und Luxus, so giebt es dafür auch nicht so viel offenes und verstecktes Elend.