Straßenleben in Tokio.
Von all den Sehenswürdigkeiten, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches dem fremdländischen Touristen bietet, ist keine so interessant und reizvoll wie das Volksleben in den Straßen, Winter und Sommer, Tag für Tag, von Sonnenaufgang bis in die zehnte oder elfte Abendstunde, ein Museum eigener Art, das uns ganz Japan, arm und reich, hoch und niedrig, in allen Ständen und Berufsarten, auf die bequemste und anziehendste Weise vor Augen führt: am frühen Morgen bei der Toilette, vormittags im geschäftlichen Verkehr, nachmittags auf der Promenade, abends bei den Vergnügungen.
Schon um sechs Uhr morgens stehen vor dem Hotel die eigentümlichen, japanischen Droschken, die von flinken, strammbeinigen Burschen gezogenen Kurumas, und trat ich um diese frühe Stunde auf die Straße, so begrüßte mich gewiß mein gewöhnlicher Kurumaja, den Hut in der Hand, mit den Worten: „Sukoschi o aruki irraschai?” (Herablassen, eine kleine ehrenwerte Spazierfahrt machen?) Ihn abzulehnen hätte mir nicht viel genützt, denn ein paar andere wären mir mit ihren Handwägelchen gefolgt, straßenauf und -ab, bis ich mich doch entschlossen hätte, einen davon für meine Spazierfahrt zu mieten.
Die Japaner sind keine Frühaufsteher. Um sechs Uhr morgens sind die Straßen noch menschenleer, die Häuser größtenteils geschlossen, und nur hier und da sieht man Weiber, welche die Straßen vor ihren Häusern kehren. Die japanische Polizei ist sehr streng, und jede Vernachlässigung wird empfindlich gestraft. Die Straßen der Hauptstadt haben ja keine Trottoirs; sie sind auch nicht so notwendig wie in europäischen Städten, denn in Tokio giebt es fast gar keinen Wagenverkehr. Alle Welt geht zu Fuß oder fährt in den kleinen Kurumas, deren Zahl in der Hauptstadt allein vierzigtausend übersteigt. Deshalb sind die Straßen auch leicht reinzuhalten. Was die Hauseigentümer nicht zusammenkehren lassen, wird von den zahlreichen Hühnern vertilgt, die um diese Stunde für kurze Zeit aus ihren Käfigen gelassen werden. An den Straßenecken stehen schläfrige Polizisten in ihren europäischen Uniformen; Kulis mit langen, schmalen Bottichen auf dem Rücken eilen geschäftig von Haus zu Haus, um den Unrat des vorhergehenden Tages einzusammeln und auf die Felder vor der Stadt zu tragen, ein gar kostbarer Schatz, denn nur durch diesen ist der Ertrag der japanischen Kulturen so reichlich. In den ärmeren Quartieren bezahlen die Bewohner mancher Häuser mit dem Unrat allein ihren Mietzins. Diese sorgfältige Verwendung der städtischen Abfälle hat freilich auch ihren Nachteil. Tokio besitzt noch immer keine Wasserleitung, die Ziehbrunnen in den Straßen reichen für den Wasserbedarf nicht hin, und in den ärmeren Quartieren muß man zu den Flüssen und Bächen Zuflucht nehmen, welche durch die auf dem Lande allgemein übliche, künstliche Bewässerung einen Teil dieser Abfälle wieder in die Stadt führen, eine der Hauptursachen der Cholera- und Typhusepidemien.
Bald erscheinen in den Straßen auch Landbewohner und Fischer, die den Ertrag ihrer Felder resp. ihres nächtlichen Fanges auf den Markt bringen. Manche tragen ihre Lasten auf dem Rücken, andere haben sie auf Handwägelchen verladen, zuweilen sieht man auch einzelne von Pferden oder Ochsen gezogene Wagen, aber der hauptsächlichste Frachtenverkehr erfolgt doch auf Schultern und Rücken der fleißigen, arbeitsfreudigen Kulis.
Allmählich werden auch die Häuser geöffnet. Mit lautem Rasseln und Knarren werden die Amado (hölzerne Sturmwände), die zur Nachtzeit rings um die Veranden der Häuser aufgestellt werden, beiseite geschoben, und während meiner langsamen Fahrt erhalte ich gar manchen Einblick in die intimen Verrichtungen des japanischen Hauswesens. Hier lagert eine Familie auf den weichen, reinlichen Matten und nimmt das Frühstück ein. Eltern und Kinder hocken im Kreise um die mit blendend weißem dampfenden Reis gefüllten Schüsseln und schlürfen aus zarten winzigen Täßchen heißen Thee. Dort liegt ein Japaner noch auf der Matratze und schmaucht sein Morgenpfeifchen, während die weiblichen Wesen seines Hausstandes waschen und fegen und kochen. Im Nebenhause breitet ein Kuriositätenhändler seine Schätze zum Verkaufe aus, ohne sich um seine Nachbarinnen zu kümmern, die eben in einem großen hölzernen Bottich ohne irgendwelche Bekleidung ihr Morgenbad nehmen. In einem anderen Hause kauert ein junges Mädchen, bis zu den Hüften unbekleidet, vor einem Spiegel, pudert ihr hübsches Gesichtchen und schminkt ihre Lippen so ungeniert, als wäre sie zwischen vier Wänden eingeschlossen. In demselben Raume macht vielleicht ein Japaner seine einfache Toilette. Seit der Europäisierung des Landes tragen die Japaner ihre alten, sorgfältigen Haartrachten nicht mehr; ihre Zöpfchen fielen der Schere des Friseurs zum Opfer, und die bürstenartigen Haarstoppeln folgen dem Kamme doch nicht. Bärte werden in Japan vornehmlich nur von den Beamten, den Aristokraten und Gelehrten getragen; die Männer des Volkes aber rasieren ihre Gesichter vollständig glatt. Ist diese Arbeit besorgt, so wird der lange, schlafrockartige Kimono angezogen, die Füße werden mit weißen oder blauen Leinensocken bekleidet, und die Toilette ist gemacht.
Die Straßen füllen sich immer mehr, hauptsächlich mit Männern, die in ihre Geschäfte eilen oder auf den Märkten Einkäufe besorgen. Reis, Fische und Gemüse bilden die Hauptnahrung der Japaner. Fleisch wird nur wenig gegessen, an seine Stelle treten die Fische, die in unzähligen Arten auf den interessanten, belebten Fischmärkten zum Verkauf dargeboten werden, und merkwürdigerweise sind es auch hier nur Männer, die ihren täglichen Hausbedarf einkaufen. Alles spielt sich in größter Ruhe ab, Käufer und Verkäufer verneigen sich ehrfurchtsvoll voreinander, und Szenen, wie sie sich auf unseren europäischen Fischmärkten abspielen, sind in Japan ebenso undenkbar wie die unflätigen Flüche, die man bei uns zu hören bekommt. Die japanische Sprache kennt keine Flüche.
Noch größer sind die Höflichkeitsbezeugungen in den Häusern oder auf der Straße, wenn Bekannte einander begegnen. Die große Mehrzahl der Japaner geht noch immer barhäuptig umher; nur Soldaten, Beamte, Studenten oder elegante Dandys tragen Kopfbedeckungen, und bei diesen besteht der Gruß im Salutieren oder ehrerbietigen Abnehmen der Hüte unter mehrfachen tiefen Verbeugungen. Bei Altjapanern wirken die Begrüßungen, selbst in den unteren Ständen, auf den europäischen Beschauer geradezu komisch. Bei einem besseren Zustande der Straßen würden sie wohl voreinander niederknien. So beschränken sie sich bei der Begegnung darauf, stehen zu bleiben und halbwegs in die Knie zu sinken. In dieser Stellung machen sie mehrere tiefe Verbeugungen voreinander, während sie mit den Händen auf ihren Schenkeln mehrmals auf- und niederfahren und bei geöffneten Lippen, aber geschlossenen Zähnen die Luft mehreremale laut hörbar einziehen. So bleiben sie eine geraume Zeit einander gegenüber, bis sich endlich der eine entschließt, seinen Weg fortzusetzen. Er wird stets als der Unhöflichere von beiden betrachtet, außer wenn seine Rangstellung ein höhere sein sollte.
Mutter mit Kind.
In der gegenwärtigen Uebergangsperiode von Alt- zu Neujapan bekommt man in den Straßen Tokios zuweilen eine ergötzliche Mischung von Volkstrachten zu sehen. Das konservative Element bilden in Japan ebenso wie anderwärts die Frauen. Während monatelanger Reisen im Mikadoreiche habe ich Japanerinnen in europäischer Kleidung niemals auf der Straße, niemals in Theehäusern und Theatern und nur vereinzelt in vornehmen Gesellschaften in der Hauptstadt gesehen. Selbst einzelne Kleidungsstücke, wie Hüte, Schuhe, Strümpfe und dergleichen, haben bei den Japanerinnen noch nicht Eingang gefunden; auf der Straße wie im Hause kleiden sie sich glücklicherweise noch durchwegs japanisch, tragen ihre Kimonos und Obis, fächeln sich mit Papierfächern, rauchen ihre winzigen Pfeifchen, schneuzen sich mit Papierläppchen. Nur ein europäischer Artikel hat Gnade vor ihren Augen gefunden: an Stelle der reizenden Sonnenschirme aus Bambus und buntgeblümtem Papier tragen sie heute schon vielfach unsere unschönen Regenschirme mit dunklem Stoffüberzug. Bei den Orientalinnen fing die europäische Kultur von unten an; in Algier, Tunis, Aegypten, Kleinasien haben die Schönen willig ihre Pantöffelchen mit europäischen Schuhen und Strümpfen vertauscht; bei den Japanerinnen kommt der europäische Segen in Gestalt des Regenschirmes von oben, während sie mit Eigensinn an ihren unschönen, etwas über die Knöchel reichenden Socken und an den schweren, plumpen Holzsandalen, den Getas, festhalten. Auf diesen ein bis zwei Zoll hohen Holzklötzen schlürfen sie mit geknickten Knien und vorwärts geneigtem Oberkörper einher, und wenn die Frauen im Straßenleben Tokios dennoch die reizvollsten Erscheinungen sind, so verdanken sie dies nur ihren lieblichen, freundlichen Gesichtchen und den bunten, langen, faltenreichen Gewändern. Madame de Staël hat in Bezug auf die Europäerinnen sehr richtig bemerkt: „Es ist ihnen schwer, schön zu tanzen, schwerer, schön zu gehen, am schwersten, schön zu stehen.” Den Japanerinnen ist es schwer, schön zu stehen, schwerer, schön zu gehen, und tanzen nach unseren Begriffen können sie gar nicht.
Auch unter den Männern, denen man in den Straßen Tokios begegnet, sieht man nur wenige in europäischer Tracht. Hier reitet wohl ein Offizier in europäischer Uniform einher, stets begleitet von einer Ordonnanz; die Polizisten und Postboten tragen Uniformen, die Beamten, Aerzte, Professoren, Edelleute, Angestellte des Hofes und einzelne Elegants, die Europa besucht oder dort studiert haben, tragen europäische Kleidung. Aber sonst sind die Japaner ihrer alten Tracht treu geblieben. Dem Fortschritt huldigen viele von ihnen höchstens insofern, als sie zu ihren langen Kimonoschlafröcken europäische runde Hüte oder Seidencylinder tragen, was ihr Aussehen keineswegs malerisch macht. Man denke sich nur in einer europäischen Stadt einen Spaziergänger mit Brille, Cylinderhut, Regenschirm und plumpen Holzpantoffeln, den Körper in einen langen, dunkeln Schlafrock gehüllt, der beim Gehen auseinanderschlagend die nackten Beine des Spaziergängers zeigt! Und solche Gestalten sieht man in den Straßen Tokios zu Tausenden. Noch grotesker ist ihr Anblick bei Regenwetter. Um ihren Kimono nicht zu beschmutzen, heben sie denselben zuweilen bis an die Hüften empor und schlürfen in nackten Beinen umher. Dasselbe thun aber auch die japanischen Frauen und Mädchen mit rührender Ungeniertheit.
Im Asakusatempel.
Dem Reinen ist alles rein. Das dachten wohl auch die vierzigtausend strammen jungen Burschen, die behende die Kurumas durch die Straßen Tokios ziehen, als ihnen durch die Behörden eine Uniform dekretiert wurde. Bis dahin schienen sie schon reich gekleidet, wenn sie sich ein paar hübsche farbige Figuren auf ihre Bronzehaut auftättowieren ließen. Nun müssen sie aber Uniformen tragen. In Europa dürften sie auch in diesen wegen zu großer Nacktheit eingesteckt werden, aber für japanische Verhältnisse sind sie mehr als genügend bekleidet. Dunkelblaue, strammanliegende Kniehosen bedecken ihre Hüften und Schenkel, ein vorne offenes Jäckchen aus grobem, dunkelblauem Baumwollstoffe den Oberkörper. Auf ihrem Kopfe sitzt ein mächtiger, pilzförmiger Strohhut, auf der Außenseite mit weißem Stoff überzogen, und an ihren Füßen stecken Strohsandalen. Jeder Kurumaj hat überdies auf dem Rücken seines Jäckchens die Nummer seines Handwägelchens aufgenäht. Aehnlich sind auch die Post- und Telegraphenboten uniformiert, nur daß sie außerdem noch weiße gestrickte Handschuhe tragen. Die Kulis, die im Hafen oder an den Ufern des stets mit Booten und Frachtschiffen bedeckten Sumidaflusses arbeiten, ersparen sich auch die Kniehosen. Das vorne offene Jäckchen und ein weißes Lendenband, nicht viel breiter als unsere Kravattenschleifen, bilden ihre einzige Bekleidung.
Die Studierenden der Universität, ja selbst die Schuljungen von Tokio tragen heute der Mehrzahl nach europäische Kleidung, und es befremdet den Touristen nicht wenig, inmitten des fremdartigen, bunten Straßenverkehrs die schlitzäugigen kleinen Japaner statt im Kimono in Beinkleidern und Stiefeln einherwandern zu sehen, die große Schultasche oder ein Paket Schulbücher unter dem Arme. Die kleinen Mädchen dagegen halten gerade so wie ihre Mütter an der reizenden Nationaltracht fest, und unter all den weiblichen Gestalten, die mit dem Fortschreiten des Tages immer zahlreicher im Straßenleben auftreten, sind die Mädchen die lieblichsten. Gewöhnlich tragen sie schon im Alter von sechs oder acht Jahren ein jüngeres Schwesterchen oder Brüderchen, das die Kunst des Gehens noch nicht erlernt hat, auf ihre zarten Rücken gebunden, lassen sich aber dadurch in ihren munteren Spielen keineswegs hindern. Die Abwesenheit von Straßenschmutz und Wagenverkehr erlaubt es ihnen, sich vor ihrem väterlichen Hause umherzutreiben. Zuweilen rollen am späten Vormittage doch einzelne Equipagen von Prinzen oder Gesandten durch die Hauptstraßen, aber gewöhnlich läuft den Pferden ein flinkbeiniger Diener nach Art der ägyptischen Sais voraus und verhindert durch seine Warnungsrufe Unglücksfälle.
Arbeiter bei der Mahlzeit.
Immer lebhafter wird das Leben in den Straßen, und gegen Mittag scheint es, als ob sich die ganze Bevölkerung Tokios auf den Beinen befinde; Priester in ihren eigentümlichen Gewändern erscheinen, hier und dort zieht irgend eine Tempelprozession oder ein Leichenbegängnis mit bunten, glänzenden Schaustücken und Ornamenten einher, ohne daß diese von seiten der Passanten besondere Beachtung fänden. Die vielen Kaufläden, die in manchen Hauptstraßen in kilometerlangen Reihen dicht aufeinander folgen und ihren ganzen Kram, Toiletteartikel für Damen, Fächer, Spielzeuge für Kinder, Porzellane, Geschirre, Pantoffeln, Papierlaternen und dergleichen auf der Straßenseite ausgebreitet haben, sind mit Käufern und Käuferinnen gefüllt, und der ganze Verkehr zwischen diesen Tausenden, das ganze Geschäftsleben spielt sich in so leichter, ungezwungener, man möchte sagen spielender Weise ab, als gäbe es in dem fernen Mikadoreiche überhaupt gar keinen Kampf ums Dasein, als wären alle Einwohner Kapitalisten, die behaglich von ihren Renten leben und die Geschäfte nur so nebenbei, zum Zeitvertreib, führen, ohne Absicht auf Gewinn. Die leichte, fröhliche Lebensart der Japaner, der Hang zu Vergnügungen, Spielen, Leckereien zeigt sich auch durch die zahlreichen ambulanten Händler, mit denen die Straßen gefüllt sind, Tag für Tag, Woche für Woche, als wäre jeder Tag des Jahres ein Matsuri (Festtag). Um sie besser kennen zu lernen, verlasse ich meine Kuruma und wandere zu Fuß durch die sich dicht drängende Menschenmenge. Aber sofort werde ich von anderen Kurumaja erspäht, und mehrere umringen mich mit derselben Zudringlichkeit wie die Eseltreiber in der Muski von Kairo oder die Vetturini von Neapel. „Riksha? Danna? O ide nasai? Irraschaimas no desaka?” „Wollen Sie eine Rickshaw, Herr? Wollen Sie nicht fahren? Wollen Sie nicht ehrenwerten Platz nehmen?” Und wenn ich versuche, sie abzuschütteln, entschuldigen sie sich: „Sore kara O mi aschi de ikimas.” „Sie wollen also vorwärts schreiten mit den ehrenwerten Beinen?” Alles ist in Japan ehrenwert. Ueberall hört man die gebräuchlichsten Begrüßungen: „Ohaio”, oder „Yo o ide nafaimaschta”, oder „Sajonara” und „Irraschai”, von allen Seiten werden einem verschiedene Waren, Leckereien, geschabtes Eis oder Limonaden angeboten, stets in freundlichster Weise. Hier der Modschi-Yaki (Briefverbrenner), mit seinen süßen Kuchen, welche die Form von allerhand Schriftzeichen, Tieren, Ornamenten und dergleichen zeigen. Neben ihm der Ameya oder Gallertenmann, der den Kindern für einen Pfennig mittels eines Röhrchens aus Gerstenbrei allerhand Figuren bläst; an einer vom Verkehr verschonten Ecke kauert ein Wahrsager, ein Tuch vor sich gebreitet, auf dem er mittels fünfzig kleiner Stäbchen und sechs roten und schwarzen Holzwürfeln allen, die es wünschen, für ein paar Pfennige ihre Zukunft vorhersagt; dort lenkt ein ambulanter Verkäufer von klebrigen Bohnenkuchen mit Gong und Schellengeklirre die Aufmerksamkeit auf sich, während ein blinder Amma (Masseur) dies mittels eines Pfeifchens thut; für wenige Pfennige ist er bereit, irgend jemandem, ob Mann oder Frau oder Kind, die Glieder durchzukneten. Hier schreitet gravitätisch ein bebrillter Arzt einher, gefolgt von einem Jungen, der ihm den Arzneikasten und Mörser trägt; dazwischen schleicht scheu ein zerlumpter Eta (ein Paria) umher; oder ein Kami-Kudsuhiroi (Lumpensammler) sammelt mit seinem Bambushaken Papierstückchen oder Kleiderfetzen; oder ein Spatzenfänger stiehlt sich vorsichtig, mit einem klebrigen Bambusstocke bewaffnet, den Hausdächern entlang und fängt mit erstaunlicher Geschicklichkeit die ahnungslosen frechen Vöglein. Vor den Tempeleingängen drängen sich Schaubuden, Verkaufsstände mit Spielwaren für Kinder, buntgeschmückten Haarnadeln für Mädchen, Toiletteartikeln, Früchten und Leckereien; zwischen ihnen kauert, umringt von Bewunderern, ein Künstler, mit Säckchen verschieden gefärbten Sandes versehen, aus denen er abwechselnd eine Handvoll nimmt und damit allerhand Landschaften, Figuren, Ornamente und dergleichen auf den Boden streut. Die Tempel selbst werden eifrig besucht, vornehmlich von Frauen und Mädchen. Sie waschen zunächst an dem Tempelbrunnen ihre Hände, dann schreiten sie langsam an die Stufen, die zum Götzenschreine emporführen, und machen die Gottheit dadurch auf sich aufmerksam, daß sie den vom Dache hängenden Glockenzug stark anziehen; erschallt die Glocke oder der Gong, so klatschen sie laut ihre Hände zusammen und sagen mit gebeugtem Oberkörper ihr Gebet her. Darauf verkünden sie durch abermaliges Händeklatschen der Gottheit, daß sie fertig sind, werfen einige Kupfermünzen vor den Altar oder in eine danebenstehende Holzkiste für die Priester und gehen ihres Weges.
In der Mittagsstunde leeren sich die Straßen, und zur Sommerzeit erscheinen sie zwischen zwei und vier Uhr nachmittags wie ausgestorben, höchstens daß bei großer Hitze Frauen oder Kinder die Straße vor ihren Häusern mit Wasser besprengen, oder daß dies von seiten der Stadt mittels großer Wasserkarren geschieht. Drei oder vier Mann schöpfen das Wasser aus den offenen Bottichen mittels Kübeln, die an Stangen befestigt sind, und schleudern es kräftig über die Straße; vor vielen Kaufläden hängen große, blaue oder schwarze Tücher vom Dache bis zum Straßenboden, um die Sonnenstrahlen abzuhalten. Die Hausbewohner geben sich der Siesta hin, schlafen, schlürfen ihren Thee oder rauchen ein paar Pfeifchen. Später, gegen fünf Uhr, wird der Straßenverkehr wieder lebhafter, die Leute besuchen vielleicht Theehäuser oder die vielen Sakebuden, die an dem vorgehängten Fichtenzweige und den großen, grell bemalten Sakebottichen sofort kenntlich sind. Die beste Gattung Reiswein zeigt auf dem Bottich eine große gemalte Blume, Hanazakari, die zweite die Schriftzeichen Muso-itschi, d. h. von keinem übertroffen, eine dritte hat eine große Päonie aufgemalt. In den letzten Jahren hat die Einführung von Eismaschinen eine ganze Menge von Eisbuden entstehen lassen, in denen geschabtes Eis mit Fruchtwässern versetzt feilgeboten wird, eine rasch beliebt gewordene Leckerei bei den unteren Volksklassen. Tausende wandern auch zu dieser Stunde nach dem nächsten Badehause, um trotz der Hitze ein heißes Bad zu nehmen. Tokio besitzt über tausend öffentliche Badehäuser, in denen durchschnittlich täglich dreihunderttausend Bäder genommen werden, ganz abgesehen von den Furodo oder Hausbädern, von denen sich in jedem besseren Hause eins befindet und von den Bewohnern täglich mehrmals benutzt wird. Man braucht in diese Badehäuser gar nicht einzutreten, um das Treiben im Innern wahrzunehmen, denn die Wände der Badehäuser bestehen vielfach aus Latten, zwischen denen man durchblicken kann. Männer, Weiber, Kinder treten scharenweise ein, zahlen am Eingange einige Pfennige, bewahren ihre Kleider in Kästchen an den Wänden auf und steigen splitternackt in das mit heißem Wasser gefüllte Bassin, das nur durch ein Seil oder eine Bambusstange in zwei Hälften für die beiden Geschlechter geteilt ist. Manche Frauen hocken auf den ins Wasser führenden Stufen, manche Fräulein stehen, nur in ihre Haut gekleidet, lachend und plaudernd am Rande des Bassins, wieder andere trocknen sich in höchst naiver Weise ab. Die ganze Gesellschaft benimmt sich dabei so ungeniert, als ob sie im Theater oder Theehause wäre. Solche Theehäuser sind in der That mit manchen Bädern verbunden, und in den kleinen abgeschlossenen Räumen ruht sich vielleicht nach dem Bade ein junges Pärchen auf weichen Matten aus.
Ist der Abend angebrochen, so erscheint wieder alles in den Straßen; Tausende pilgern hinaus unter die gewaltigen, uralten Fichten des Shiba- oder Uyenoparkes und lagern sich auf den Rasen oder in die Theehäuser, die rings um die Lotosteiche oder an den Ufern des Sumidagawa massenhaft stehen, andere mieten Vergnügungsboote, gehen in Theater oder Klubs, um Tanz und Gesang der zahllosen Gaishamädchen zu bewundern; in den Straßen leuchten allmählich lange Reihen von buntfarbigen Lampions auf, aus vielen Häusern ertönt Gesang und Samisenspiel, überall ist Leben und Fröhlichkeit, als gäbe es bei diesem leichten Phäakenvölkchen gar keinen Ernst, keine Arbeit und als wäre die ganze Hauptstadt des Mikadoreiches nichts als ein ungeheurer Badeort in der Hochsaison. Den Ernst des Lebens unter den Japanern lernt der Fremde im Straßenverkehr nur kennen, wenn eines der häufigen Erdbeben den Boden der Stadt erschüttert, Schornsteine, Dächer, ganze Häuser einstürzen und die Bevölkerung erschreckt auf die Straße eilt. Oder wenn sich am dunkeln Nachthimmel glühendrot die Blumen von Yeddo, die Flammenzungen von Schadenfeuern zeigen. In jedem Stadtviertel wird der Besucher Tokios hohe Pfähle mit Glocken und Leitern finden, an deren Spitze Wachtleute beständig nach verdächtigem Rauch oder Flammen Umschau halten. Bemerken sie dergleichen, dann verkünden sie durch eine bestimmte Anzahl von Glockenschlägen das Quartier, in dem Feuer ausgebrochen ist, und sofort entsteht unter der heiteren, sorglosen Bevölkerung lebhafte Bewegung. Hastig eilt alles nach Hause, die Bewohner des bedrohten Stadtteiles laufen oder fahren in Kurumas so rasch als möglich in ihre Quartiere, um ihre Siebensachen in Sicherheit zu bringen. Die kleinen, aus dürrem Holz, Strohmatten und Papierwänden bestehenden Häuschen flammen ja bei dem geringsten Anlaß wie Zunder auf, und an eine Rettung des Hauses oder der nächsten Nachbarhäuser ist gar nicht zu denken. Tokio ist schon vielmals durch Feuer zerstört worden, und in jedem Jahre, ja in jedem Monate werden Hunderte oder Tausende von Häusern eingeäschert. Kein Wunder, daß bei solchen Anlässen die ganze Stadt in furchtbarer Aufregung ist, die freiwilligen Feuerwehrgesellschaften mit ihren phantastischen Bannern und glänzenden Helmen rasch nach der Brandstelle eilen und selbst in entfernteren Straßengevierten das entsetzte Volk mit fieberhafter Schnelligkeit den ganzen Hausrat zusammenrafft, um ihn nach einem sicheren Stadtteil zu tragen. Die ungemein einfache Einrichtung der Häuser erleichtert dies. Die Mädchen rollen eiligst die dünnen Matratzen, Strohmatten und Kleidungsstücke zusammen, die Frauen werfen ihre Koch- und Eßgeschirre in einen Korb, die Männer heben die verschiebbaren Holz- und Papierwände aus den Fugen, und ein kleiner Handkarren nimmt die ganze Einrichtung auf. Nur das Dach und die Pfähle, auf welchen es ruht, bleiben zurück und werden ein Raub der Flammen, wenn es der Feuerwehr nicht gelingt, rings um die Brandstätte einen Kranz von diesen leeren Häusern rasch niederzureißen.
Manchmal steht ein hohes, außerordentlich massiv aussehendes Gebäude beinahe unversehrt da, eine Kura, d. h. ein feuerfestes Haus aus etwa vierzig Centimeter dicken Lehmwänden, worin der wohlhabendere Japaner seine wertvollen Sachen aufzubewahren pflegt. Diese weiß polierten Häuser, die trotz dem Material, aus dem sie gebaut werden, äußerlich sehr geschmackvoll aussehen, werden äußerst sorgfältig aus Lehm und Bambusflechtwerk errichtet. Die Bauzeit dauert ein bis zwei Jahre, da von den vielen Lehmschichten die unteren immer vollständig trocken sein müssen, bevor eine weitere darüber aufgetragen werden kann. Das Dach besteht aus dicht gefügten, schweren Ziegeln. In Feuersgefahr werden die dicken Läden und Thüren, deren staffelförmige Ränder ineinander greifen, geschlossen und die Ritzen derselben von besonders dazu Angestellten mit immer bereitstehendem Lehm zugeschmiert. Die Kura wird dann gleichsam versiegelt, indem der Schließende die Schriftcharaktere seines Namens auf Thüre und Fenster in den Lehm gräbt, und sie darf erst nach Beendigung des Brandes im Beisein einer Urkundsperson geöffnet werden. So ist in Japan bei Feuersgefahr alles sorgsam organisiert, sowohl das Verhalten des Einzelnen, wie das der Gesamtheit, da dieses Volk seit alters mit elementaren Gewalten wie Feuer, Erdbeben und Wassersnot zu rechnen gewohnt ist. Unter der Shogunherrschaft mußten die Lehensfürsten und die höchsten Staatsbeamten in voller Rüstung zu Pferde auf dem Brandplatze erscheinen und den Kampf mit dem Elemente leiten. Jetzt ist die Feuerwehr vollständig nach europäischem Muster eingerichtet.
Sonderbar ist das Verhalten der Ueberlebenden, die Familie oder Eigentum, oder beides verloren haben. Kein herzzerreißendes Klagen, kein Zeichen überquellender Verzweiflung, sondern nur stumme Resignation in das Unabänderliche sieht man auf allen Gesichtern. Ein so großer Gemütsmensch der Japaner sonst ist, Aeußerungen seelischen Schmerzes weiß er zu unterdrücken.
Landleute.