Wie die Chinesen ihre Briefe befördern.

Der Umstand, daß in den Briefmarkenalbums nur chinesische Zollbriefmarken, aber keine eigentlichen Reichspostmarken vorkommen, hat in Europa die Meinung aufkommen lassen, China besitze überhaupt kein Postwesen. Das mag richtig sein, wenn man sich darunter das moderne Postwesen nach Stephanschem Muster vorstellt, mit seinen regelmäßigen Versendungs- und Lieferzeiten, mit Briefmarken, Postkarten und internationalen Einrichtungen. Man würde aber gewaltig fehlgehen, wollte man annehmen, daß es in dem großen Reiche der Mitte überhaupt keine Post gäbe. Im Gegenteil. Briefe, Pakete und Gelder können in China heute von einem Ende des viele Millionen Quadratkilometer großen Landes zum andern befördert werden, und diese Sendungen gelangen mit erstaunlicher Sicherheit in die Hände der Adressaten. Städte und Dörfer aller achtzehn Provinzen sind durch die chinesische Post erreichbar, und unsere europäischen Kaufleute können mit dem Dalai Lama von Tibet oder dem Vizekönig der Mandschurei beinahe ebenso einfach korrespondieren, als wäre China ein Glied des Weltpostvereins.

Dabei sind die postalischen Einrichtungen Chinas nicht etwa Errungenschaften der Neuzeit, den Europäern abgelauscht, wie es beispielsweise in Japan der Fall ist. Das chinesische Postwesen ist das älteste des Erdballs, älter als jenes der Aegypter und Chaldäer, ebenso wie ja auch die chinesische Schriftsprache die älteste ist. Schon vor fünftausend Jahren haben die Chinesen Briefe geschrieben und durch ihre Post befördern lassen. Vor einem Jahrtausend besaßen sie schon ihre Regierungszeitung, die durch Postboten an ihre Abonnenten bestellt wurde, und da sage man, die Chinesen hätten keine Post! Marco Polo hat in seinen Werken die erste Schilderung dieser Post entworfen, und hätten die Europäer damals (etwa im dreizehnten Jahrhundert) mehr Unternehmungsgeist besessen, es wäre, gestützt auf die Ausführungen Marco Polos, vielleicht schon zu jener Zeit unserm Kontinent ein Thurn und Taxis erstanden.

Erst im siebzehnten Jahrhundert gelangte das Postwesen in Europa auf dieselbe Stufe, auf der es in China schon zu Anfang der christlichen Zeitrechnung war. Seither ist es den Chinesen freilich in ungeahnter Weise vorausgeeilt, während es bei den letztern beinahe auf derselben Stufe wie zur Zeit Christi stehen geblieben ist. Bis vor wenigen Jahren verschloß sich ja China sogar dem Telegraphen.

Ohne ein eigenes Postwesen wäre es den Chinesen gar nicht möglich gewesen, ihr ungeheures Reich von einer Hauptstadt aus zu regieren. Deshalb stand schon vor Jahrtausenden und besteht heute noch ein eigener Kurierdienst, der in Peking seinen Mittelpunkt hat und dort dem Kriegsministerium untersteht. In einem der Yamen des letztern stehen beständig Kuriere und Pferde bereit, um die kaiserlichen Dekrete und die Pekinger Zeitung an die Vizekönige der einzelnen Provinzen zu bringen, und es werden davon in jeder Woche eine bestimmte Zahl nach verschiedenen Richtungen versendet. Die Kuriere nach der Mandschurei und nach dem nördlichen Tibet sind gewöhnlich beritten, während jene nach dem Süden die mitunter über zweitausend Kilometer weiten Strecken zu Fuß zurücklegen. Wie rasch diese Kurierpost funktioniert, geht beispielsweise aus der Thatsache hervor, daß den kaiserlichen Beamten für die Reise von Peking nach Canton, eine Strecke von etwa zweitausend Kilometern, drei Monate eingeräumt werden, während die Postläufer gehalten sind, diese Strecke in zwölf Tagen zurückzulegen. Es entfallen also auf jeden Tag gegen hundertsiebzig Kilometer. Gewöhnliche offizielle Dokumente werden mit einer Schnelligkeit von zweihundert Li (etwa hundertzehn Kilometer) pro Tag befördert; Dokumente, welche mit der Bezeichnung „Eilig” versehen sind, müssen mit der Schnelligkeit von zweihundertzwanzig Kilometern, und solche, welche den Vermerk „Sehr Eilig” tragen, mit der Schnelligkeit von vierhundert Kilometern im Tag befördert werden. Während der Taipingrevolution versahen die Reichspostboten zeitweise den Dienst mit einer durchschnittlichen Schnelligkeit von zwanzig Kilometern in der Stunde.

Freilich werden zu kaiserlichen Postläufern nur die größten und stärksten Männer ausgesucht, und sie heißen im Chinesischen auch Tschien-fu, d. h. starke Männer, oder Tsien-li-ma, d. h. Tausendpferd. In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich nur wenig von dem chinesischen Landvolk: lose blaue Jacken mit langen, weiten Aermeln, kurze, bis über die Knie reichende Beinkleider und einen schwarzen Hut, der in Form und Größe einer umgestürzten Schüssel ähnelt. Die Waden sind nackt, und die Füße sind mit leichten Strohsandalen bekleidet. In der Rechten halten die Läufer einen papiernen Sonnenschirm, in der Linken eine Papierlaterne, deren Licht nach Eintritt der Dunkelheit angezündet wird. Die Depeschen, Zeitungen und Pakete sind in Oelpapier eingeschlagen und gewöhnlich in einem Rückenkorb aus Bambusgeflecht untergebracht, der durch ein um die Brust geschlungenes Tuch festgehalten wird. An diesem letztern baumelt eine kleine Glocke oder Schelle, das Abzeichen der Postläufer. Obschon die zu tragende Last zuweilen vierzig bis fünfzig Kilogramm beträgt, ist die gewöhnliche Gangart der Postläufer der Laufschritt. Tag und Nacht, bei glühender Hitze oder grimmiger Kälte traben sie auf den elenden Wegen leicht einher, oft mehrere Stunden ohne Unterbrechung. Unterkunft und Nahrung erhalten sie in den einzelnen Ortschaften, die sie berühren, von den Behörden, doch gilt es den Läufern als Regel, sich niemals zu sättigen, sondern lieber öfter, dafür aber nur eine geringe Menge Speisen zu sich zu nehmen. Charakteristisch für die Sicherheitszustände in China ist es, daß die Postläufer keine Waffen tragen. Nur in unruhigen Zeiten werden ihnen ein oder mehrere Geleitsmänner mitgegeben, ebenso kräftig und ausdauernd, wie sie selbst sind. Diese Tschien-fu haben eine eigentümliche Art, sich auf Kämpfe mit etwaigen Straßenräubern einzuüben. In einem hohen Raume werden an langen, von der Decke hängenden Seilen schwere Sandsäcke befestigt. Der Uebende stellt sich in der Mitte zwischen denselben auf und versetzt der Reihe nach jedem Sacke einen kräftigen Stoß, bis sie sich alle in schwingender Bewegung befinden. Die Aufgabe des Uebenden besteht nun darin, die schweren Säcke fortwährend in Schwingung zu erhalten und darauf zu sehen, daß kein Sack ihn von hinten trifft oder gar umwirft. Sollte das geschehen, so wird der Betreffende zum Geleitsdienst nicht mehr zugelassen. Man glaubt gar nicht, welche Behendigkeit und Kraft es von dem Uebenden erfordert, sich diese von allen Seiten auf ihn eindringenden Sandsäcke vom Leibe zu halten, und die chinesischen Straßenräuber haben auch gewöhnlich vor den Geleitsmännern der Post einen heiligen Respekt.

Briefbogen.

Briefumschlag.

Ein chinesischer Brief (ein Viertel der natürlichen Größe).

Für die reitenden Boten sind auf bestimmte Entfernungen Pferdewechsel vorhanden, und die Beförderung der Postsäcke erfolgt in ähnlicher Weise, wie sie beispielsweise in den Vereinigten Staaten noch in den sechziger Jahren, vor der Eröffnung der Pacific-Eisenbahnen, stattfand. Dort waren es Privatunternehmer, die bekannte, noch heute blühende Firma Wells Fargo Expreß, welche die Briefbeförderung zwischen dem Mississippithal und Kalifornien besorgten, und noch in den siebziger Jahren bin ich in Arizona diesen Postreitern mitunter selbst begegnet.

Obschon die Läufer der chinesischen Regierungspost nur mit offiziellen Depeschen Peking verlassen, werden ihnen auf ihrem Wege nach den entfernten Provinzhauptstädten doch auch viele Privatbriefe zur Besorgung übergeben, ein recht einträglicher Nebenverdienst, wenn man bedenkt, daß die Beförderung eines Briefes, je nach der Strecke, zwei- bis vierhundert oder selbst noch mehr Cash, d. h. vierzig bis achtzig Pfennig kostet.

Aber der eigentliche nichtamtliche Postverkehr Chinas wird durch private Postunternehmungen besorgt, deren es in jeder größeren Stadt eine beträchtliche Anzahl giebt. Es spricht nicht wenig für die Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Geschäftsleute, daß diese privaten Postanstalten unter keinerlei Regierungsaufsicht stehen, keine Bürgschaften zu hinterlegen haben und mitunter nur unbedeutendes Betriebskapital besitzen; dennoch werden ihnen häufig von Kaufleuten beträchtliche Geldwerte zur Beförderung übergeben. Obschon nun diese Beförderung gewöhnlich durch einfache, arme Postläufer erfolgt und die Briefe mitunter mehrmals die Hände wechseln, kommen Verluste doch nur selten vor. Tragen die Angestellten der betreffenden Firmen die Schuld an dem Verlust, so wird derselbe von den Firmen voll ersetzt.

Jede dieser Privatposten besitzt in den verschiedenen Städten eigene Agenten, und wo sich eine Agentur für jeden einzelnen Unternehmer nicht lohnen würde, bestellen mehrere einen gemeinschaftlichen Agenten, welcher dafür an ihre Gesamtheit jährlich eine Art Miete zu entrichten hat. Was er während des Jahres über diese Summe an Beförderungsgebühren einnimmt, ist sein Verdienst. Wird die Summe aber nicht erreicht, so wird ihm der Unterschied von den Postanstalten ersetzt.

Die Chinesen schreiben viel mehr Briefe, als man anzunehmen geneigt wäre, und der ungeheure Geschäftsverkehr im Inland macht die große Zahl von Briefen und dementsprechend auch die große Zahl von privaten Postämtern begreiflich. Dennoch ist der Verdienst der letzteren wegen der Zersplitterung des Postdienstes und der doppelten oder dreifachen Besetzung desselben Postens nur gering. Würde die Regierung das ganze Postwesen in eigene Verwaltung nehmen und in ähnlicher Weise einrichten, wie es heute wohl in allen Staaten des Erdballs geschieht, so könnten sehr beträchtliche Einnahmen erzielt werden.

Die Chinesen schreiben ihre Briefe gewöhnlich auf kleine, weiche, gelbliche Papierbogen, die durch rote Striche in vertikale, fingerbreite Spalten geteilt sind. Jede Spalte enthält eine Zeile der eigentümlichen, von oben nach unten und von rechts nach links geschriebenen Schriftzeichen.

Der Brief wird in einen geklebten Umschlag von länglicher Form gesteckt, der der Länge nach mit einem zweifingerbreiten Streifen von roter Farbe, der Glücksfarbe, bedruckt ist. Auf diesen wird die Adresse geschrieben und der nun fertige Brief auf eines der Postämter getragen. Briefmarken sind in den chinesischen Privatpostämtern unbekannt. Der Beamte erkundigt sich, ob der Briefschreiber die Beförderung ganz oder teilweise bezahlen oder die Bezahlung dem Adressaten überlassen will, und pinselt dementsprechend einen Vermerk auf den Briefumschlag: „Weingeld (d. h. Postgebühr) bezahlt”, oder „Weingeld nach dem Tarif”, oder „so und so viel Cash bezahlt, Rest einzufordern”. Nur wenn der Brief Banknoten, Wechsel und dergleichen enthalten sollte, wird die Beförderungsgebühr von dem Absender bezahlt, und er erhält dafür einen Empfangsschein, auf Grund dessen er im Fall des Briefverlustes die volle Wertsumme vom Postamte einfordern kann. Bei solchen Wertsendungen sind je nach der Entfernung des Bestimmungsortes für je hundert Taels ein halber bis anderthalb Tael Versicherungsgebühr zu bezahlen.

Wohl giebt es bei den meisten Privatpostämtern Chinas, und es sind deren Tausende, feste Tarife; je größer die Entfernung, desto höher die Bestellungsgebühr; das Briefgewicht ist dabei Nebensache. Deshalb kommt es auch in den verschiedenen Großstädten täglich vor, daß eine Anzahl Briefschreiber ihre für dieselbe Stadt bestimmten Briefe in einen einzigen Umschlag zusammenthun, wodurch je nach der Zahl der Briefe ein oder mehrere Taels an Postgebühr erspart werden. Am Bestimmungsorte übernimmt es dann der Adressat, die anderen beigeschlossenen Briefe an ihre Adressen abzuliefern oder nochmals der Post zur Beförderung zu geben. So beträgt beispielsweise die Gebühr für einen Brief von Tschunking am oberen Jangtsekiang nach Hankau, eine Entfernung von 3000 Li, 60 Cash, im Hankauer Lokalverkehr jedoch nur 5 Cash; werden zwanzig Briefe nach Hankau befördert, so würden sie einzeln 60 Cash, zusammen 1200 Cash, d. h. nahezu einen Tael kosten. In einem Umschlag vereinigt, kosten sie nur 60 Cash, und dazu in Hankau selbst je 5 Cash, d. i. 100 Cash Bestellungsgebühr. Statt 1200 Cash haben also die Empfänger zusammen nur 160 Cash zu bezahlen.

Uebrigens gelten die Tarifsätze der Postämter nur für Fremde und Privatleute, die nur selten Briefe absenden. Die Inhaber der Postämter lassen mit sich reden. Je geringer ihr Ansehen und ihre Stellung, desto wohlfeiler ist die Beförderung; haben die Postämter es mit großen Hongs, d. h. Geschäftshäusern zu thun, die viele Briefe absenden, so gehen sie mit ihrem Tarif auf zwei Drittel oder die Hälfte herunter; ja sie befördern die Briefe der Angestellten dieser Häuser ganz frei, d. h. stempeln diese Briefe „Weingeld bezahlt” und lassen an den Abgangstagen ihrer Postläufer die Briefe von den einzelnen Hongs durch ihre Angestellten selbst abholen.

Beim Eintreffen der Kuriere senden die Postanstalten die Briefe den verschiedenen Adressaten ins Haus und ziehen dabei die Gebühren ein. Die großen Geschäftshäuser haben aber gewöhnlich bei ihren Postämtern eine laufende Rechnung und zahlen die Briefgebühren ein- oder zweimal jährlich.

In den Großstädten haben sich die meisten größeren Postunternehmungen untereinander bezüglich der Absendung ihrer Läufer nach anderen wichtigen Städten geeinigt, d. h. einen sogenannten Pool abgeschlossen, demzufolge jeden Tag oder jeden zweiten, dritten, vierten Tag, je nach Erfordernis, der Läufer einer anderen Postanstalt abgeht und die Briefe sämtlicher Postanstalten mitnimmt. Da jeder Brief die zu bezahlende Summe und den Namen der Postanstalt zeigt, so ist die Abrechnung ziemlich leicht. Dank dieser Vereinigung der Postämter lohnt es sich nunmehr auch, zeitweilig Kuriere nach entfernteren, unbedeutenden Städten abzusenden, so daß heute thatsächlich in ganz China von diesen Postanstalten Briefe bestellt werden. Der Kurier erhält von seinem Absender den Auftrag, den betreffenden Brief auf seinem Wege in dem dem Bestimmungsort nächstgelegenen Wirtshause abzugeben. Der Wirt verwahrt den Brief, bis ein nach demselben Dorfe ziehender Maultiertreiber oder Lastträger bei ihm vorkommt, und übergiebt ihn diesem zur Weiterbeförderung. Gewöhnlich sind diese Leute froh, sich durch solche Gelegenheiten ein paar Cash zu verdienen, und geben die Briefe gewissenhaft ab.

Dort, wo zwischen verschiedenen Städten Dampferverkehr herrscht, werden die Briefsäcke den Compradores, d. h. Zahlmeister, der Dampfer zur Beförderung anvertraut, und diese beziehen dafür von den Postämtern gewisse Summen, die entweder für jeden Postsack oder jährlich bezahlt werden. An den verschiedenen Bestimmungsorten der Postsäcke erwarten die Agenten der Postämter die Ankunft des Dampfers und nehmen die Säcke zur Verteilung oder Weitersendung der Briefe in Empfang. In ähnlicher Weise wird sogar auch der Briefverkehr zwischen China und den zahlreichen chinesischen Kolonien in Ostasien, in Singapore, Siam, Tonking, Saigon, den Philippinen besorgt. Die Chinesen gehen so viel wie möglich den europäischen Postämtern aus dem Wege, besonders wenn es sich um Beförderung von Geldsummen handelt. Gerade die Chinesen in den Kolonien senden sehr viel Geld nach ihrem Heimatsland, wohin sie ja gewöhnlich bei zunehmendem Alter selbst zurückkehren.

Auf Flüssen, die einen Dampferverkehr besitzen, werden die Postboten gewöhnlich nur stromabwärts in eigenen Segel- und Ruderbooten nach ihrem Bestimmungsort gesandt; der Verkehr stromaufwärts erfolgt zu Land mittels Läufern. Am besten wird der ganze Postdienst dieser Art aus der Schilderung des Verkehrs auf der wichtigsten Verkehrslinie Chinas, dem Jangtsekiang, erhellen. Der entfernteste dieser Flußhäfen ist Tschungking am oberen Jangtsekiang, in der Luftlinie nur vierhundertdreißig Kilometer von der tibetanischen Grenze entfernt, eintausendfünfhundert Kilometer von Peking und etwa ebensoweit von Shanghai. Die wirkliche Entfernung dürfte zweitausend Kilometer übersteigen.

Tschungking besitzt sechzehn Postämter, von welchen sich drei mit dem Brief-, Geld- und Paketverkehr mit den stromabwärts gelegenen Städten bis Shanghai befassen, während dreizehn den Postverkehr im ganzen westlichen und südwestlichen China besorgen. Neun von ihnen besorgen auch die Beförderung von Waren, Gepäck und Reisenden (mittels Sänften und Tragstühlen) nach der Mehrzahl der dortigen Städte. Alle dreizehn Postämter bilden eine Art Postverein, denn sie berechnen die gleichen Gebühren und senden ihre Läufer, gewöhnlich drei- bis neunmal im Monat, gemeinschaftlich aus. Von diesen Läufern werden nicht weniger als 48 der wichtigsten Städte und Märkte der Provinz Szetschuan regelmäßig bedient, ferner fünf Städte in der 1000 Kilometer entfernten Provinz Schensi, zwei Städte in Kansu, zwei in Kweitschau und drei in Yünnan, zusammen also 60 Städte, in welchen die Postämter von Tschungking eigene Agenturen unterhalten. Im Bedarfsfalle werden nach den verschiedenen Städten noch Extraposten abgesandt, deren Zahl monatlich im Durchschnitt sechs erreicht.

Die drei mit den Flußhäfen des Jangtsekiang verkehrenden Postämter benutzen zur Beförderung der Briefe und Pakete sogenannte Post-Wasserhände, d. h. kleine, von einem, höchstens zwei Mann gelenkte Segel- und Ruderboote, in welchen die Kuriere und Poststücke untergebracht werden. Die Briefpakete werden in Oelpapier gewickelt, dann in wasserdichte Säcke gepackt und mit Schnüren an die Ruder des Bootes gebunden, damit im Falle eines Schiffbruchs diese Ruder als eine Art Rettungsgürtel dienen und die Briefsäcke nicht verloren gehen. Ein Brief von Tschungking nach Hankau kostet 60 Cash, ein Paket etwa 300 Cash für je 500 Gramm Gewicht, ein Wechsel von 1000 Taels nach Hankau 1000 Cash (also 1⁄10 Prozent), worin die Versicherungsgebühr eingeschlossen ist. Die drei Postämter lassen gemeinschaftlich alle fünf Tage ein Postboot nach Hankau abgehen, und ebenso häufig wird die Post von Hankau nach Tschungking gesandt. Extraposten kommen jetzt, da Tschungking bereits eine Telegraphenverbindung mit dem chinesischen Netz besitzt, auf dieser Linie nur noch selten vor.

Die Postboote sind länger und leichter gebaut als die gewöhnlichen Flußboote; der Bootsmann sitzt am Hinterteile des Schiffes und rudert mit den nackten Füßen, wobei die große Zehe etwa wie der Daumen arbeitet; mit der Rechten handhabt er das Steuerruder. Gleichzeitig wird, wenn irgend möglich, auch das Segel benutzt; dennoch war die kürzeste Zeit, in welcher ein Postboot von Tschungking Hankau erreicht hat, bisher elf Tage, stromaufwärts würde es selbstverständlich noch viel länger dauern; deshalb werden die Postboote, sobald sie Itschang oder Hankau erreicht haben, für 3000 bis 4000 Cash verkauft und Bootsleute, wie Kuriere kehren zu Land nach Tschungking zurück, wobei sie gleichzeitig die Hankauer Post mitnehmen.

Auf der Reise von Tschungking den Jangtsekiang abwärts ist der nächste offene Flußhafen Itschang, gleichzeitig der Endpunkt der Dampferfahrt. Dort befinden sich nur drei Agenturen von Hankauer Postämtern, die aber Briefe und Wertsendungen nach allen größeren Orten Chinas annehmen. Der wichtigste Verkehrsmittelpunkt des Jangtsekiangthales ist die etwa sieben Tagereisen weiter stromabwärts gelegene Stadt Hankau, die Metropole des chinesischen Theehandels, mit etwa einer Million Einwohner. Hier befinden sich nicht weniger als siebenundzwanzig verschiedene Postunternehmungen, von denen fünfzehn ihre Poststücke mit Dampfern, zwölf mit Landboten versenden. Briefe von hier nach Shanghai oder Ningpo kosten 80 Cash, nach Canton 100 Cash, nach Peking oder Tientsin 200 Cash, und die Postanstalten arbeiten so vorzüglich, daß selbst bei der Beförderung auf Fluß- und Kanalbooten Verluste selten vorkommen. So sandte beispielsweise, wie der Zolldirektor von Hankau berichtet, die Postanstalt Hotschang in den letzten fünfzehn Jahren 4200 Postboote aus, von denen nur drei ihre Postsäcke verloren haben.

Die Post des nächsten Posthafens Kiukiang wird durch vierzehn Agenturen von Hankauer oder Shanghaier Postanstalten besorgt, und mehrere Agenturen ruhen in den Händen einer einzigen Chinesenfirma. Auch hier arbeiten die verschiedenen Postämter zusammen und senden gemeinschaftlich einzelne Kuriere mit den Postsäcken nach verschiedenen Städten. So wird beispielsweise an allen Tagen des Monats, welche die Ziffern 1, 4 und 7 enthalten (also am 1., 4., 7., 11., 14., 17., 21., 24. und 27.), die Post nach den Städten des Südens, an allen Tagen, welche die Ziffern 2, 5 und 8 enthalten, nach den Städten des Nordens befördert. Der weiter stromabwärts gelegene offene Hafen Wuhu ebenso wie das nur zwei Tagereisen von Shanghai entfernte Tschinkiang liegen bereits gänzlich innerhalb der Interessensphäre der großen Postanstalten Shanghais, der Hauptstadt des Jangtsekianggebietes.

Neben den privaten Posten und dem oben bezeichneten Kurierdienst für Regierungsdepeschen besteht in China seit einer Reihe von Jahren noch eine Art halboffizielle Post, die von dem ausgezeichneten Leiter der chinesischen Zollämter, Sir Robert Hart, ins Leben gerufen wurde und wohl den bescheidenen Anfang für die nunmehr zur Einführung gelangende chinesische Reichspost bilden dürfte. Ursprünglich war dieser Postdienst nur für den Verkehr der Zollämter bestimmt, allein er hat sich so sehr bewährt, daß die in den Vertragshäfen residierenden Europäer ihre für das Innere Chinas, für Peking und Korea bestimmten Briefschaften hauptsächlich nur der Zollpost anvertrauen. Dieselbe ist ganz nach europäischem Muster organisiert, und die Beförderung geschieht im Sommer durch Dampfer, da ja die Vertragshäfen mit wenigen Ausnahmen Dampferverbindung mit Shanghai und demzufolge auch mit Korea und Tientsin, dem Hafen von Peking, besitzen. Da im Winter die Häfen des Gelben Meeres während mehrerer Monate durch Eis geschlossen sind, erfolgt der Postdienst dann durch Kuriere, und zwar zwischen Peking und Tientsin täglich, zwischen Tientsin und Nintschwang in der Mandschurei einmal wöchentlich, und zwischen Tientsin und den südlicheren Häfen Tschinkiang, Tschifu (d. h. also auch Shanghai) dreimal wöchentlich.

Außerdem geht von Shanghai bei jedesmaliger Ankunft der europäischen und amerikanischen Postdampfer noch eine Extrapost mit den für die Regierung und die ausländischen Gesandtschaften bestimmten Briefschaften über Land nach Peking ab. Diese Extraposten legen die Strecke Shanghai-Peking in zwölf Tagen zurück. Die Zollpostämter besitzen für die Freimachung der Briefe eigene Postwertzeichen, welche in der Mitte den chinesischen Drachen zeigen und am Rande die Wertangabe in englischer Sprache, ein, zwei oder drei Candarins, tragen. Die chinesischen Briefmarken haben jedoch nur für den chinesischen und koreanischen Verkehr Gültigkeit. Sollen Briefe z. B. von Peking oder Söul mittels der Zollpost nach Europa gesandt werden, so wird auf dieselben der Wert der Briefmarken für die Sendung nach Shanghai, also drei Candarins, aufgeklebt und außerdem noch der Wert in so vielen englischen Briefmarken, als für die Sendung nach Europa oder Amerika erforderlich ist. In Shanghai wird von seiten der Zollpost die entsprechende deutsche, englische oder französische Briefmarke dazugeklebt, je nachdem die Briefe mit deutschen, englischen oder französischen Postschiffen nach Europa abgehen.

Für den lokalen Briefverkehr in Shanghai, Hankau, Ningpo, Tschifu und Tschinkiang haben die europäischen Verwaltungen dieser Vertragshäfen eigene Briefmarken zur Einführung gebracht, und dieselben werden auch zur Freimachung der Briefe für andere Vertragshäfen benutzt. Die Behörden machen mit diesen Briefmarken vortreffliche Geschäfte, weniger durch die Lebhaftigkeit des Briefverkehrs als durch den Absatz, den sie bei europäischen Briefmarkensammlern finden.

Wie man aus den vorstehenden Ausführungen sieht, ist China ganz im Gegensatz zu den herrschenden Anschauungen viel mehr mit postalen Einrichtungen versehen, als es wünschenswert ist, ja in keinem Lande der Welt giebt es so vielerlei Postanstalten als gerade in China. Shanghai allein besitzt beispielsweise außer den sechs früher schon erwähnten staatlichen Postämtern noch gegen dreißig Privatposten für den Inlandverkehr.

Im Lauf der letzten Jahre hat es der Leiter des chinesischen Zollwesens, Sir Robert Hart, zu Wege gebracht, an vielen Hauptverkehrsrouten eine kaiserliche Post einzuführen. Er bediente sich dazu der Zollbeamten sowie einzelner Privatpostanstalten, und der ganze Apparat arbeitet so vortrefflich, daß bald das ganze Chinesische Reich kaiserliche Postämter besitzen dürfte.

Militärmandarin in Tsining.