Wie die chinesischen Jungen das A B C lernen.
Wie in den mohammedanischen Ländern, braucht man auch in China die Kinderschulen nicht lange zu suchen; schon aus der Ferne künden sie sich durch einen Heidenlärm an, und es ist geradezu erstaunlich, welches Geschrei die kleinen kahlrasierten sechs- bis achtjährigen Rangen entwickeln können. Gewöhnlich sitzen ihrer nicht mehr als zwanzig bis dreißig in einer Schule, aber man könnte glauben, sie wären von der zehnfachen Zahl, so kräftig sind ihre Lungen. Vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang schreien sie sich ihre Kehlen aus, Tag für Tag, Monat für Monat, ohne sonntägliche Unterbrechung, ohne Ferienzeit, denn diese schönste Zeit der europäischen Schuljugend ist in China unbekannt. Zu Neujahr ist Schulanfang, und kurz vor dem nächsten Neujahr geht der Kursus zu Ende, um nach den Festlichkeiten neuerdings zu beginnen. So geht es drei, sechs, zehn Jahre lang, je nach der Schulbildung, welche die chinesischen Eltern ihren Söhnen zukommen lassen wollen. Ihren Söhnen allein, denn die Töchter sind im Reiche der Mitte von der Schulbildung ausgeschlossen. Sie gehören in das Haus, nicht ins Leben, und selten begegnet man einer Chinesin, die geläufig lesen und schreiben kann.
Dorfjugend am Wege.
Bei meinen Spaziergängen durch Canton wollte ich auch diese chinesischen Kinderschulen kennen lernen, allein der Besuch eines Europäers hätte wohl Lehrer wie Schüler befangen gemacht. So trachtete ich, Gelegenheit zu erhalten, sie unbemerkt zu beobachten. Gegenüber einem der vielen gemauerten, mehrstöckigen Pfandhäuser, welche das Häusermeer der Zweimillionenstadt überragen, befand sich ein kleines, einstöckiges Häuschen. Das untere Stockwerk wurde von einem Kastenverfertiger eingenommen, der den ganzen lieben Tag an seinen Kisten und Kasten hämmerte. Das obere Stockwerk hatte er an einen Privatlehrer vermietet, der etwa zwanzig schlitzäugige Söhnchen des Himmels in den Lehren des Confucius unterrichtete. Mein Dolmetscher hatte von dem Pfandhausbesitzer die Erlaubnis für mich erwirkt, einen Vormittag im ersten Stock seines festen, turmartigen Gebäudes zubringen zu dürfen. Ich schloß die schweren Holzläden des der Schule gerade gegenüberliegenden Fensters und stellte mich an das Guckloch. Das Schulzimmer war nur etwa ein Meter von mir entfernt, und ich konnte es ganz übersehen.
Der Mentor war bereits am Werk: ein alter Mann mit ungeheurer Brille auf der Nase, über welche er beim Lesen hinwegguckte. Alle Lehrer, die ich später in anderen Städten zu sehen bekam, trugen Brillen, nicht etwa ihrer schlechten Augen wegen, sondern als Zeichen ihrer Gelehrsamkeit und größeren Autorität. Neben meinem Lehrer stand ein kleines Tischchen, auf dem sich ein langes elastisches Bambusröhrchen befand. Der Zweck desselben ist bekannt. Auch in Europa weiß es jeder Schuljunge. In einer Ecke der hinteren Wand stand etwa ein Meter hoch vom Boden ein spannenlanges Holztäfelchen, mit einigen chinesischen Schriftzügen bedeckt, wie mir mein Dolmetscher erklärte, zu Ehren des Confucius. In der anderen Ecke bemerkte ich eine scheußliche Fratze auf Papier gemalt, den Gott der Schulweisheit darstellend. Vor beiden standen mit Sand gefüllte Töpfe, in denen einige Räucherkerzchen glimmten. Der Rest der Schulstube wurde von etwa zwei Dutzend kleinen Tischchen und Stühlen für die Schüler eingenommen; die Jungen standen in Reihen vor dem Lehrer und schrieen laut die Sätze nach, die er ihnen aus einem kleinen Buche vorsagte. Dabei schlenkerten sie mit den Händen und tanzten von einem Fuße auf den andern, daß die langen Scheitelzöpfchen ihrer sonst kahlrasierten Schädel wie Uhrenpendel hin- und herbaumelten. In einer Hand trug jeder ein kleines rotes Zettelchen, mit einigen Schriftzeichen bedeckt, auf welche mitunter ein Blick geworfen wurde. Von Zeit zu Zeit kehrte die ganze bezopfte Gesellschaft zu ihren Sitzen zurück, augenscheinlich um das eben vom Lehrer Gehörte auswendig zu lernen. In sitzender Stellung konnten die Jungen nicht so gut mit den Beinen strampeln und die Arme bewegen, dafür schüttelten sie die Köpfe oder wiegten den Oberkörper hin und her und schrieen dabei nach Leibeskräften ihre Lektion herunter. Das verhinderte den bebrillten Lehrer aber nicht, allmählich einzuschlummern. Zuerst schien es, als würde er in dem vor ihm auf dem Schoße liegenden Büchelchen lesen; dann begann er mit dem Kopfe zu nicken, wie eine chinesische Porzellanfigur mit beweglichem Kopf, und endlich schlief er ganz fest, trotz des Gebrülles rings um ihn. Mitten während der Schulstunde trat ein verspäteter Schüler ein, was die anderen zu noch stärkerem Schreien veranlaßte. Der Lehrer erwachte. Zornig blickte er auf den kleinen putzigen Nachzügler, der schüchtern vor das Bild des Weisheitsgottes trat und sich davor auf die Knie werfend mit der Stirn den Boden berührte; dann bezeigte er dem Confuciustäfelchen und schließlich auch dem Lehrer die gleiche Verehrung. Aber dieser nahm den Jungen sehr ungnädig auf. Ihn bei den Kleidern packend, legte er ihn über seine Knie und drosch mit dem Bambusrohr recht unbarmherzig auf ihn los. Die anderen Schüler wagten es gar nicht, aufzublicken. Hatte einer von ihnen seine Lektion erlernt, so trat er vor den Lehrer, reichte ihm das rote Zettelchen und plapperte dann den Inhalt herunter, aber nicht mit der Vorderseite dem Lehrer zugewandt, wie bei uns, sondern mit der Kehrseite. Bei den Chinesen ist eben alles umgekehrt.
Beim Schreiben und Tuscheanreiben.
Die letzte Schulstunde wurde dem Schreiben gewidmet. Jeder Schüler hatte vor sich auf dem Tische ein kleines Schreibheft aus dünnem, durchscheinendem Papier, eine Tuschschale, ein Stückchen Tusche und einen Haarpinsel mit Bambusstiel. Der Lehrer verteilte kleine Schreibunterlagen mit einigen chinesischen Schriftzeichen; diese wurden unter das letzte Blatt des Heftes geschoben (die Chinesen schreiben bekanntlich von oben nach unten, von hinten nach vorn), und jeder Schüler malte nun mit schwarzer Tusche die durch das dünne Papier sichtbaren Schriftzeichen mit ziemlicher Gewandtheit nach, ohne daß sie dabei ihren Arm auf den Tisch legten, sondern ganz frei hielten. War eine Seite damit bedeckt, so wurde die Uebung auf der zweiten von neuem begonnen, während der Lehrer von Schüler zu Schüler schritt und die Reihenfolge der einzelnen auszuführenden Striche erklärte. Jedes der zahllosen Schriftzeichen der chinesischen Sprache besteht nämlich aus verschiedenen Strichen, viele darunter haben deren sogar dreißig oder mehr, und die unrichtige Stellung auch nur eines einzigen Striches würde den Sinn des ganzen Zeichens verändern. Ebenso ist es auch nicht einerlei, ob man das Zeichen von oben oder unten oder in der Mitte zu malen beginnt; der unrichtige Anfang erschwert das Malen des ganzen Zeichens, ähnlich wie es bei unserer Schrift der Fall ist, wenn wir ein Wort mit einem Buchstaben in der Mitte zu schreiben beginnen würden. Etwas nach zehn Uhr vormittags wurde der Unterricht für eine Stunde unterbrochen, die Jungen packten ihre Siebensachen zusammen und gingen nach Hause, nicht lärmend und schreiend und lachend, wie zuweilen unsere Schüler, sondern ernst und gravitätisch. Wieder die verkehrte Welt!
Die Schulstube war nun leer, und mein Dolmetscher führte mich hinüber. Die Tische und Sitze waren nicht beschmutzt, bekritzelt und zerschnitten, wie jene unserer Schulen, sondern von makelloser Reinheit. Auf dem Tische des Lehrers lag das Buch, aus welchem er seine Weisheit schöpfte, dasselbe Buch, das ich später in Shanghai, in Nanking und anderen Städten Chinas überall in Verwendung finden sollte und das den Chinesen seit tausend Jahren unverändert von Generation zu Generation als Urquell ihres Wissens dient. Ein Zeitgenosse Karls des Großen war sein Verfasser. Mit einer gewissen Ehrfurcht nahm ich das Buch zur Hand. In der chinesischen Schrift giebt es bekanntlich keine Buchstaben, sondern jedes Wort, jeder Begriff hat sein eigenes Zeichen. Immerhin ist es befremdend, daß die Tausende von Millionen chinesischer Schulkinder, welche seit dem neunten Jahrhundert nach diesem Lehrbuche unterrichtet worden sind, als ersten Anfang, unserem ABC entsprechend, gleich die philosophischen Lehren des Confucius eingetrichtert bekommen haben. Der erste Satz dieses Sant-tsz-king genannten Lehrbuches lautet nämlich folgendermaßen:
„Dschin tschi tsu, sing pun schen
sing siang kin, si siang yeten”.
Da stand es in den eigentümlichen, verzwickten Hieroglyphen, jedes Zeichen eine Art Rösselsprung mit Strichlein und Punkten, dick und dünn, keilförmig oder gebogen, mit Quadrätchen und Dreiecken dazwischen, ohne irgendwelche Anleitung zur Erforschung des Rätsels, ein Dutzend Rösselsprungfiguren in vertikalen Reihen untereinander. Mein Dolmetscher sagte mir den Inhalt her, ohne die Zeichen auch nur anzusehen, denn ebenso wie jeder andere Chinese, vom Kaiser bis zum letzten Handwerker, hatte auch er als Kind dieses ABC des chinesischen Unterrichtswesens auswendig lernen müssen. Die Uebersetzung lautete:
„Menschen sind bei ihrer Geburt von Natur aus gut,
Im praktischen Leben weichen sie weit voneinander ab”.
Dann folgen gelehrte, tiefsinnige Sätze über die Notwendigkeit der Kindererziehung und die Art, wie sie erfolgen soll, endlich einige Fundamentallehren, z. B.:
„Es giebt drei Mächte — Himmel, Erde, Mensch.
Es giebt drei Lichter — Sonne, Mond und Sterne.
Es giebt drei Bande — zwischen Fürst und Beamten: Gerechtigkeit, zwischen Sohn und Vater: Liebe — zwischen Mann und Weib: Eintracht.
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, — Anstand, Weisheit, Wahrheit:
diese fünf Kardinaltugenden muß man beachten.
Reis, Hirse, Hülsenfrüchte, Weizen, Roggen und Gerste —
sind sechs Lebensmittel, mit denen die Menschen sich ernähren.
Das chinesische ABC.
Gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn, Eintracht zwischen Mann und Weib, vom älteren Bruder Güte, vom jüngeren Bruder Achtung;
Ordnung zwischen älteren und jüngeren Leuten, Freundschaft zwischen Gefährten, vom Fürsten Rücksicht und vom Minister Treue:
diese Pflichten sind allen Menschen auferlegt”.
Dieser Art sind die Sätze, welche alle chinesischen Jungen auswendig zu lernen haben, ohne auch nur ein Wort davon wirklich zu verstehen, denn sie sind in der alten klassischen Sprache der Chinesen verfaßt, die von den vielen Dialekten, wie sie heute in dem ungeheuren Lande gesprochen werden, mitunter ebenso verschieden ist, wie etwa Lateinisch vom Deutschen. Der Unterricht der Chinesen beginnt also etwa ebenso, als würde man unseren des ABC unkundigen Schülern einen lateinischen Klassiker, etwa Cicero, in die Hände geben und z. B. mit dem Satz beginnen:
Homo sum; humani nihil a me alienum puto —,
wobei man ihnen sagt, wie die einzelnen Wörter ausgesprochen werden. Aehnlich hat es ja wirklich der Dichter des Verlorenen Paradieses, der blinde Milton gethan, der sich von seinen Töchtern lateinisch vorlesen ließ, ohne daß sie selbst ein Wort davon verstanden; aber sie kannten doch zum mindesten die Buchstaben und ihre Zusammensetzung zu Wörtern; nach der chinesischen Lehrmethode aber müssen die Kinder das Wort nicht nach den einzelnen Schriftzeichen, aus denen es besteht, sondern nach seinem allgemeinen Aussehen erkennen und die Aussprache wissen, ohne auch nur von einem den Sinn, die Bedeutung zu verstehen. Wie geplagt müßte ein europäischer Schriftsetzer sein, der, ohne jemals ein chinesisches Schriftzeichen gesehen zu haben, ein chinesisches Buch in Typen setzen sollte! Aber er wäre noch glücklich zu preisen im Vergleich zu den jugendlichen Söhnen des Reiches der Mitte, welche außerdem noch die Aussprache jedes dieser Tausende und Abertausende von Schriftzeichen kennen müssen.
Tausende und Abertausende von Zeichen! Mit jenen des San-tsz-king ist es nämlich lange nicht abgethan. Denn auf dieses erste Lehrbuch folgt ein zweites mit ähnlichem Inhalt und tausend Wortzeichen, von denen nicht zwei in Aussprache oder Bedeutung einander gleich sind. Das Buch stammt aus dem Jahre 550 nach Christi Geburt, also aus der Zeit der Langobardenzüge über die Alpen. Und haben die chinesischen Jungen auch dieses von Anfang bis zu Ende auswendig gelernt, so müssen sie dasselbe mit den vier Büchern und fünf Klassikern thun, welche die großen Schätze der chinesischen Litteratur enthalten.
Der dritte Band der fünf Klassiker, Lun-yü, enthält die wichtigsten Gespräche von Confucius und darunter auch das in Deutschland so viel gebrauchte Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir thut, das thue auch den anderen nicht”.
In diesen sogenannten neun heiligen Büchern befinden sich 4601 verschiedene Wortzeichen, von denen manche, wie gesagt, bis zu dreißig verschieden gestellte Striche, Punkte, Keile enthalten, wobei die falsche Stellung eines einzigen den Sinn des ganzen Zeichens ändert. Die chinesische Schriftsprache enthält im ganzen gegen 200000 verschiedene Wortzeichen, von denen jedoch die größte Zahl veraltet ist. Das große Wörterbuch von Kang-hyi enthält 44449 der gebräuchlichsten.
Erst wenn die Jungen eines dieser Bücher nach dem anderen auswendig gelernt haben, erfolgt die Erklärung des Sinnes durch den Lehrer, wobei gewöhnlich die Kommentare von Tschu-fu-tze benützt werden, welche zur Zeit der Kreuzzüge geschrieben wurden. Das ist das Um und Auf des Wissens, welches der chinesischen Jugend beigebracht wird. Mathematik, Geographie, Geschichte, Religion, ihre eigene Umgangssprache, irgend welche praktische Wissenschaften sind dem chinesischen Lehrplan absolut unbekannt, und selbst Leute, welche von den Chinesen als die größten Gelehrten angesehen werden, haben häufig nicht die leiseste Ahnung von der Lage der Kontinente, geschweige denn der einzelnen Länder. Alles, was jenseits der Grenzen des himmlischen Reichs liegt, heißt einfach Barbarei, und nur die Mandarine, welche in den offenen Häfen Dienst thun, kennen die Bedeutung, wenn auch nicht die Lage von Deutschland, England, Rußland. In all diesen Dingen, welche bei uns jedem Schuljungen der ABC-Klassen geläufig sind, herrscht eine ebensolche Unkenntnis wie etwa bei unseren ABC-Schülern über Confucius. In China giebt es keinen staatlichen Unterricht, keine Staats- oder städtischen Schulen, Schulzwang, Schulklassen, Diplome, Schulferien und Prüfungen, ausgenommen die allgemeinen Wettprüfungen für die Beamtenstellen. Aber dennoch hat jede Stadt, jedes Dorf eine bestimmte Anzahl von Privatschulen, welche gewöhnlich von durchgefallenen Prüfungskandidaten für Beamtenposten unterhalten werden. Sie erheben von den Schülern ein jährliches Schulgeld von zwei bis fünf Taels (etwa sechs bis fünfzehn Mark), was ihnen bei einer Schülerzahl von zwanzig bis vierzig ein spärliches Jahreseinkommen von hundert bis hundertundfünfzig Taels, oft auch weniger, gewährt, also ein ähnliches Schullehrerelend wie in Ländern, die uns näher liegen. In größeren Städten kommt es häufig vor, daß die wohlhabenderen Einwohner einer Straße oder eines Stadtviertels sich zusammenthun und einen eigenen Lehrer zum Unterricht für ihre Kinder nehmen, zuweilen geschieht dies auch von einzelnen reichen Familien allein, oder von kaufmännischen Zünften, welche gewöhnlich einen Raum ihres Zunfthauses oder Klubs für Schulzwecke einrichten. Auch die in China sehr ausgebreitete Wohlthätigkeit hat viele Schulen geschaffen, aber der Unterricht ist in allen derselbe. Auch in den höheren Schulen, welche in manchen Großstädten, wie z. B. in Canton, Shanghai, Tientsin, in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, giebt es keine anderen Lehrbücher; die wichtigste Fertigkeit, die dort gelehrt wird, ist der elegante Stil, die Dichtkunst und Korrespondenz; bei der letzteren kommt es aber nicht darauf an, eigene Gedanken leicht und klar niederzuschreiben, sondern die größtmögliche Zahl stereotyper Wendungen und Floskeln auswendig zu lernen, in welchen der Schreiber sich und seine Familie möglichst herabzusetzen, die Person des Adressaten in den übertriebensten Ausdrücken herauszustreichen sucht. Auch die neugegründeten Hochschulen und Universitäten in Peking, Tientsin, Nanking sind keineswegs als solche aufzufassen, doch gehen sie weiter als die gewöhnlichen chinesischen Schulen und zeigen Mathematik, Geographie, Geschichte und vor allem moderne Sprachen unter ihren Lehrfächern. Soll ein Junge in Arithmetik, in verschiedenen Künsten und Fertigkeiten ausgebildet werden, so wird er nach mehrjährigem Besuch einer der oben geschilderten Schulen zu einem Handelsmann oder Gewerbetreibenden in die Lehre gegeben. Was er ins Leben an Kenntnissen mitbringt, sind Lesen und Schreiben, aber auch das nur in beschränktem Maße, das desto größer wird, eine je größere Zahl von Jahren er in einer Schule Unterricht genossen hat. Die unteren Stände begnügen sich damit, ihre Jungen zwei, drei Jahre in die Schule zu schicken, Gärtner, Bootsleute, Kulis, Lastträger thun auch das nicht. Im allgemeinen kann man annehmen, daß etwa dreißig Prozent mindestens ihren Namen schreiben und die einfachsten Aufschriften, Firmenschilder und dergleichen lesen können, etwa zehn bis zwanzig Prozent, je nach der Provinz, können einfache Briefe schreiben, und nur vielleicht fünf Prozent beherrschen die Sprache und Litteratur einigermaßen. Sie genießen dafür aber auch bei ihren Mitbürgern das größte Ansehen.
Nach dem Buch der Gebräuche, das seit vielen Jahrhunderten von den Chinesen nach Thunlichkeit befolgt wird, soll der Knabe im siebenten Lebensjahr die Kardinalpunkte des Wissens und das Zählen lernen; aber es darf ihm nicht gestattet werden, auf derselben Matte (mit den Eltern) zu sitzen, oder an demselben Tische zu essen; im achten Jahre muß ihm gelehrt werden, Näherstehende zu bedienen und anderen vor sich selbst den Vorrang zu lassen; mit zehn Jahren muß der Knabe zu Privatlehrern in die Schule geschickt werden und dort Tag und Nacht bleiben, um Arithmetik und Schreiben zu lernen; er muß dort einfache Kleider tragen und sich anständig, aufrichtig und zweckentsprechend benehmen. Mit dreizehn Jahren soll der Knabe sich mit Musik und Dichtkunst befassen; mit fünfzehn Bogenschießen und militärische Künste lernen. Dann ist er mit zwanzig Jahren so weit, um als Mann ins Leben zu treten und noch mehr Anstandsregeln zu lernen, sowie seinen Kindes- und Geschwisterpflichten treu nachzukommen; mit dreißig Jahren soll er heiraten und die Leitung von Geschäften übernehmen; mit vierzig Jahren kann er in den Staatsdienst eintreten, und wenn der Landesfürst seine Regierungspflichten mit Weisheit erfüllt, soll er ihm treu dienen, sonst nicht. Mit fünfzig Jahren kann er zum Rang eines Ministers erhoben werden, und mit siebzig Jahren muß er sich ins Privatleben zurückziehen.
Diese Vorschriften lesen sich sehr schön, aber mit ihrer Ausführung kann es natürlich nicht sehr genau genommen werden. Immerhin steht der Lebenslauf der Chinesen trotz der einseitigen Schulbildung auf einer viel höheren Stufe, als es gewöhnlich angenommen wird. Dank ihrer guten und strengen häuslichen Erziehung und ihrer Beobachtungsgabe lernen sie zu Hause von praktischen Dingen vielleicht ebensoviel wie in den Schulen von den alten Klassikern, und das Auswendiglernen der letzteren stärkt ihr Gedächtnis in hervorragender Weise. Welch große Fähigkeiten in der jungen Welt Chinas schlummern und nur geweckt zu werden brauchen, zeigt der überraschende Erfolg und das rasche Vorwärtskommen jener, welche in den vielen christlichen Missionsschulen Chinas, in den von Europäern geleiteten Schulen in den offenen Vertragshäfen, dann in jenen der ostasiatischen Kolonien erzogen werden. Ich habe deren in Shanghai, Hongkong, Batavia und vor allem in Singapore besucht, und die Lehrer waren des Lobes voll über die Lernbegierde und das verhältnismäßig rasche Auffassungsvermögen der chinesischen Schüler. Am meisten Gelegenheit, dies zu beobachten, bietet wohl das großartig angelegte, reich ausgestattete Raffle’s Institute in Singapore, wo ich selbst mehrere Tage in den verschiedenen Klassen unter mehreren Hunderten chinesischer Schüler zubrachte. Junge Chinesen, welche in europäischen oder amerikanischen Lehranstalten ausgebildet wurden, haben ihre Lehrer in Erstaunen gesetzt und bei den Prüfungen die besten Studenten der kaukasischen Rasse in mancher Hinsicht übertroffen.