VIII.

Der Philosoph von Gravenstein.

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.

Leonore im Tasso, I, 1.

Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen trägt wie das Schloß: Gravenstein, dänisch Graasteen. Wir befinden uns nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,

„— wo der dänische Pflüger den Deutschen, Dieser den Dänen versteht —“

wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet „bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a. Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.

Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch geschichtliche Weihe verliehen hat.

In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. September 1765 Friedrich Christian (der Jüngere) geboren, als Sohn Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch nicht ein. —

Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.

Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.

Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel nicht führte.

Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.

Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.

Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches
Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!

Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht — 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.

Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu „schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin des Königs Christian VIII. von Dänemark.

In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne „die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.