XVI.
Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]
Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische Viertel. Das Kaiserviertel nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den „Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause, „Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand, während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und weißer Wein floß.
Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und sind im Goetheviertel. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.
Was soll ich endlich von dem unhistorischen Viertel sagen? Es stammt aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große, schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde Goetheviertel.
Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet Goethes Vaterhaus, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges, bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden. Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine, damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus, Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“
Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft, die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.
Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren Angehörigen freien Eintritt.
Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer. Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter — der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:
Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst
Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.
Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes!
Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen!
Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher
Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“
Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen und verbannen sollen.“
Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des Goetheschatzes verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.
Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen Sohn, Johann Wolffgang.“
Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige heraus.
Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“, die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf Goethe und seine Familie bezüglich.
Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem
Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus
Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht
im ersten Buche und lautet:
„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.“
Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die
Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
Frankfurt.
Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende Victoria.
Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“
Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat, von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er ihn kaum.
Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und Kornmarkt zusammentreffen.
Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht, Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt. Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien.
Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam nie von seiner Seite.
In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung fanden.“
Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann, die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]
„— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18] Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich; ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie nötigte, waren ungezwungen und leicht.
Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber; wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen Pausen meinen Besuch zu wiederholen. —
(17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“
Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim, einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister Goethe in Weimar.
Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das
Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den
Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes
gefallen ist.
In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können.
Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.
Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“.
Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt: die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes. In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze.
Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten, die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief.
Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie, wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind; denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte Anwendung:
„Wer den Dichter will verstehn,
Muß in Dichters Lande gehn!“
FUSSNOTEN:
[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.
[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber.
[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens. Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.
[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu langen macht.
[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.
[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.