1.

In der Office der Bankfirma Stockes & Yarker in St. Louis war Feierabend gemacht worden. Nur zwei elektrische Lampen brannten noch, und zwar vor dem gewaltigen, sechstürigen Geldschrank, der in der Mitte des größten Saales stand.

Jim Stockes, der Inhaber der Firma, und Peter Voß, sein erster Kassierer und Buchhalter, saßen davor und schauten hinein und hatten längst festgestellt, daß die zwei Millionen Dollar, die morgen an Dick Patton, den Baumwollkönig von Missouri, gezahlt werden sollten, nicht darin waren.

„Mr. Stockes, Sie sind ein Dieb!“ sagte Peter Voß mit der größten Gemütsruhe, die ihm als amerikanisiertem Hamburger zur Verfügung stand, und strich sich seinen braunen, halblangen, wohlgepflegten Vollbart. „Sie haben innerhalb zweier Jahre zwei Millionen verspekuliert. Sie haben die grundsolide Firma Stockes & Yarker darum bestohlen. Man sollte Sie von Rechts wegen einsperren!“

Jim Stockes nickte zerknirscht. Er kannte Peter Voßens Sprechweise und nahm keinen Anstoß mehr daran. Im übrigen hatte er bitter recht.

„Jede Ihrer Spekulationen, vor der ich Sie warnte,“ fuhr Peter Voß unbeirrt fort, „ist mißglückt. Es wird Ihnen nichts übrig bleiben, als die Depositen anzugreifen.“

„Niemals!“ rief Stockes und hob abwehrend die Hände. „Ich werde morgen Konkurs anmelden und übermorgen eine Chance als Kornumstecher bei den Elevatoren suchen. In ein paar Jahren bin ich wieder oben.“

Dabei hatte Mr. Stockes das fünfzigste Jahr bereits hinter sich. Aber er war ein Amerikaner und obendrein ein Junggeselle.

„Mr. Stockes!“ sagte Peter Voß ganz ernst und dämpfte plötzlich seine Stimme. „Sie werden morgen nicht Konkurs anmelden.“

„Sie wissen einen Ausweg!“ rief Jim Stockes ungläubig. „Ach, es gibt keinen. Es ist ausgeschlossen. Die verdammten Kupferpapiere. Ja wenn ich ein paar Monate Aufschub erlangen könnte. Sie steigen wieder, sie müssen steigen, sonst geht die ganze Industrie zum Teufel. Aber Dick Patton ist ein Dickkopf. Er wird es nicht einsehen. Ich sage Ihnen, lieber Voß, ich bin fertig.“

„Da es keinen Ausweg gibt,“ sprach Peter Voß verschmitzt lächelnd, „müssen wir einen machen. Bitte, schauen Sie in dieses Fach. Was erblicken Sie? Vier Pakete zu je fünfhundert Tausend-Dollarnoten, also in Summa zwei Millionen.“

„Damn!“ rief Jim Stockes und stürzte sich darauf. „Wie ist das möglich!“

„Pst!“ machte Peter Voß und vertrat ihm den Weg. „Bleiben Sie in einiger Entfernung. Es könnte nämlich sehr leicht der Fall eintreten, daß Sie nur den oberen Schein für echt ansehen, und das wäre mir sehr fatal.“

„Ach!“ stöhnte Stockes und sank vernichtet in den Stuhl. „Jetzt können Sie noch solche Scherze machen?“

„Sie müssen nämlich felsenfest davon überzeugt sein,“ fuhr Peter Voß mit seinem ernsthaftesten Gesicht fort, „daß in diesem Schrank wirklich zwei Millionen liegen, eben dieselben, mit denen Sie morgen Dick Patton bezahlen wollen.“

„Ich bin überzeugt!“ seufzte Stockes achselzuckend.

„Und diese zwei Millionen Dollar werde ich Ihnen heute nacht stehlen!“ flüsterte Peter Voß mit triumphierender Miene. „Ich, Ihr Kassierer, werde den Dieb spielen, um das Haus Stockes & Yarker vor dem Konkurs zu retten.“

Jim Stockes starrte sprachlos in Peter Voßens übermütige Augen und schüttelte den Kopf.

„Sie scheinen die Tragweite dieser überaus famosen Fiktion noch nicht völlig zu übersehen,“ flüsterte Peter Voß wie ein Verschwörer. „Sie gehen morgen zu Dick Patton und erzählen ihm meine nichtswürdige Defraudation. Und was wird geschehen?“

„Er wird es nicht glauben!“

„Sie werden vorher den Diebstahl bei der Polizei anmelden und mir den großen Bobby Dodd nachschicken.“

„Der kriegt Sie! Der kriegt Sie noch vor New York!“ rief Jim Stockes erregt. „Bedenken Sie, welche Folgen das für mich haben kann. Und erst für Sie!“

„Bobby Dodd kriegt mich nicht!“ behauptete Peter Voß keck.

„Er ist der geriebenste Detektiv von Nordamerika!“ stöhnte Stockes. „Nehmen Sie lieber einen anderen.“

„Gerade der geriebenste muß es sein!“ lachte Peter Voß. „Der berühmteste! Die allererste Kraft auf diesem Gebiet! Von dem die Zeitungen am meisten schreiben! Verstehen Sie das nicht, Mr. Stockes? Ueber Bobby Dodd veröffentlichen die Zeitungen spaltenlange Berichte, sie bringen seine Photographie, sie loben ihn über den grünen Klee, sie verhimmeln ihn. Wer schreibt die Berichte? Er selbst, oder die von seinem Genie inspirierten Reporter. Er läßt es sich schweres Geld kosten. Die Zeitungen machen nichts umsonst. Schön dumm wären sie. Geschäft, Mr. Stockes! Er bezahlt nicht nur mit Geld, o nein, sondern auch mit interessanten, pikanten Neuigkeiten. Für einen solchen Mann gehen die Zeitungen durchs Feuer. Da sehen Sie, was er kann. Sein Ruhm ist Papier.“

„Ja aber!“ rief Stockes außer sich. „Tatsache ist, daß er bis jetzt jeden Verbrecher erwischt hat.“

„Steht in den Zeitungen!“ lächelte Peter Voß. „Ueber die, die er nicht gekriegt hat, wird er schon nichts veröffentlichen lassen. Aber zugegeben, er hat sie alle gekriegt! Diese Verbrecher standen eben auch alle unter der Zeitungshypnose. Sie hielten ihren Verfolger für einen Menschen mit höheren Fähigkeiten. Das machte sie unsicher. Sie vertappten sich, und schon hatte er sie beim Wickel. Aber ich garantiere Ihnen, daß Bobby Dodd nur ein ganz gewöhnlicher Mensch ist. Nicht dumm, durchaus nicht, anständiger Durchschnitt, dafür ist er Amerikaner, er versteht nicht nur bei den Zeitungen sein Geschäft zu machen. Die Zeitungen aber dürfen sich nur für die gute Mittelmäßigkeit begeistern. Das liegt in der Natur ihres Geschäfts. Ich gehe jede Wette ein, daß ich Bobby Dodd ein ganzes Jahr an der Nase herumführe, ohne daß er auch nur einen Rockzipfel von mir zu Gesicht bekommt. Ein ganzes Jahr, Mr. Stockes, bis Ihre Kupferpapiere in die Höhe geklettert sind! Denn ich stehe im Gegensatz zu Dick Patton nicht unter Zeitungshypnose. Und eben deswegen muß es Bobby Dodd sein.“

„Das wollen Sie für mich tun?“ stöhnte Stockes auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Mr. Stockes!“ sagte Peter Voß einfach und strich sich durch das braunlockige Haar. „Sie haben mich vor zwei Jahren drüben auf der St. Louis Bridge festgehalten, als ich, vor Krankheit und Hunger schwach und auch sonst total verzweifelt, in den Mississippi springen wollte. Sie haben sich von mir zwei Ohrfeigen eingesteckt und doch nicht losgelassen. Ohne Sie wäre ich heute ein toter Mann. Und das wäre mir höchst unangenehm, besonders da ich seit acht Wochen sehr glücklich verheiratet bin.“

„Aber Dick Patton!“ seufzte Jim Stockes.

„Wenn er überzeugt ist, daß ich Ihnen das Geld wirklich gestohlen habe, wird er Ihnen Stundung gewähren, bis ich erwischt bin. Natürlich wird er auf Bobby Dodd bestehen. Solange er noch die kleinste Hoffnung hat, das Geld zu bekommen, muß er Stockes & Yarker halten, sonst wäre er ein schlechter Kaufmann, und das ist er nicht. Wenn Sie aber morgen zu ihm gehen und ihm Ihre verfehlten Spekulationen gestehen, wird er Sie ohne Gnade und Barmherzigkeit fallen lassen, und froh sein, zehn Prozent aus dem Konkurs zu fischen.“

„Aber Bobby Dodd!“ warf Stockes ein, schon halb für den mehr als abenteuerlichen Plan gewonnen. „Sie unterschätzen den Mann wirklich.“

„Und Sie unterschätzen mich!“ lachte Peter Voß. „Bobby Dodd hat bei all seinen bisherigen Jagden auf der Gegenseite immer einen guten Verbündeten gehabt, das war das böse Gewissen. Bei mir fehlt es vollständig. Ich besitze sogar einen Ueberfluß vom Gegenteil. Und außerdem werde ich Ihnen jetzt ein Geständnis machen, Mr. Stockes. Sie sind zwar kein richtiger Yankee, denn als solcher hätten Sie mich damals ruhig ins Wasser springen lassen müssen. Aber ein smarter Gentleman sind Sie doch, denn Sie haben mich Ihres höchsten Vertrauens gewürdigt, ohne die geringste Neugier nach meinem Vorleben zu bekunden. Und darüber sollen Sie jetzt das Nötigste erfahren, nur damit Sie einsehen, daß ich mich vor zehn Bobby Dodds nicht zu fürchten brauche. Ich bin nämlich ein Junge, der mit allen Hunden gehetzt ist, obschon ich sehr gewöhnlich aussehe. Mit meinem Allerweltsgesicht kann ich in jede Maske hineinkriechen. Jawohl, auch Schauspieler bin ich gewesen, auf einer ungarischen Schmiere. Bis zu meinem siebenten Jahr war ich bei meinen Eltern. Mein Vater war ein höherer Medizinalbeamter in Hamburg. Im Cholerajahr starb er, ebenso meine Mutter. Ich kam dann zu meinem Onkel nach Strienau, einer Mittelstadt an der Oder in Schlesien. Mein Onkel war dort Amtsrichter, ein ganz gescheiter und anständiger Kerl. Nur mit seinen Erziehungsgrundsätzen war ich nicht ganz einverstanden. Anstatt in die Obersekunda zu gehen, lief ich nach Hamburg, kroch in den Kohlenraum eines englischen Trampdampfers und kam erst im Atlantik an Deck. Erst gab’s was zu essen, dann Prügel. Aber ich hatte meinen Willen durchgesetzt. Acht Jahre habe ich mich so in der Welt herumgetrieben, als Stiefelputzer und Kameltreiber, als Kellner und Bierkutscher, als Polizeimann und Tramp. Ich war Cowboy in Texas und Heizer auf einem Mississippiboot. In Frisco habe ich Kisten genagelt, und in New York bin ich als Sandwichman herumgelaufen. Zwischendurch war ich immer wieder an Bord, auf See, als Matrose, als Steward, als Kohlenzieher und sogar als Zahlmeister. Ich habe in China Opium geschmuggelt und war in Odessa Krankenwärter in einer Cholerabaracke. In Iquique lag ich drei Tage in Eisen, weil ich dem englischen Kapitän den Pott mit den madigen Bohnen an den Kopf geworfen hatte. Das war Meuterei. Am vierten Tag war ich draußen, und in der Mauer des Gefängnisses war ein großes Loch. Ich spreche und schreibe vier Sprachen und kann mich außerdem in einem halben Dutzend ganz passabel verständigen. Ich habe in Chicago als Großreeder Konkurs gemacht und in Key West ein Vermögen verspielt. Bis ich schließlich auf die St. Louis Bridge ging. Und das übrige wissen Sie.“

„Aber wie kamen Sie auf die Brücke?“ rief Jim Stockes erstaunt. „Ein Mensch von Ihren Fähigkeiten!“

„Die Liebe ist eine schwere geistige Krankheit!“ sagte Peter Voß beinahe ernst. „Damals wollte Polly nichts von mir wissen. Erst als ich Ihr Buchhalter wurde, hat sie sich mit mir verheiraten wollen.“

„Und wenn er Sie trotz alledem erwischt?“ rief Stockes.

„Dann werde ich die erste Gelegenheit benutzen, ihm wieder auszukneifen,“ erwiderte Peter Voß siegesgewiß.

„Aber bedenken Sie, den Zufall haben Sie nicht in der Gewalt!“ warnte Jim Stockes. „Angenommen, er bringt Sie hierher zurück und stellt Sie vor den Strafrichter. Dann werde ich als Betrüger entlarvt.“

„I wo!“ lachte Peter Voß gerade heraus. „Ich nehme den ganzen Trick auf meine eigene Rechnung. Denn woher wissen Sie denn den Stand Ihrer Firma? Aus den Büchern, die ich führe. Wenn ich nun diese Bücher schon seit zwei Jahren systematisch gefälscht hätte zugunsten der Firma! Wie sieht dann die Sache aus? Ich habe den ganzen Schwindel ohne Ihr Wissen eingefädelt, um die Firma Stockes & Yarker zu retten. Und wenn Sie mir dann den besten Anwalt besorgen, rechne ich sogar auf einen Freispruch mit auffälliger Rührung im Zuhörerraum.“

„Damned!“ stieß Jim Stockes zwischen den Zähnen hervor. „Sie sind ein dreimal verteufelter Kerl. Ihr Deutschen seid uns Yankees über, ihr habt mehr Phantasie. Wenn Sie Ihren Hals für mich in die Schlinge stecken wollen, dann sehe ich nicht ein, was mich davon zurückhalten sollte, es ebenfalls zu tun. Ich werde morgen Dick Patton breitreden wie einen Pfannkuchen.“

„Großartig!“ rief Peter Voß vergnügt, umarmte ihn und klopfte ihm ermunternd auf den Rücken. „So gefallen Sie mir, Mr. Stockes. In spätestens zwei Jahren haben wir die Firma saniert. Dann bringe ich Ihnen als reuevolles Schaf die zwei Millionen zurück.“

„He!“ machte Mr. Stockes überrascht und schnappte nach Luft. „Wozu das?“

„Na!“ lächelte Peter Voß und tippte sich an die Stirn. „Meinen Sie vielleicht, daß ich auch nur eine Minute länger als Millionendieb in der Welt herumrasen will, als es unbedingt nötig ist? Im Gegenteil, ich will rehabilitiert werden. Ich bringe das Geld zurück und stelle mich den Richtern. Wenn sie mich auch nicht freisprechen, ich bin doch der Held des Tages.“

„Ja, aber!“ rief Stockes verzweifelt. „Dann kommt ja der Schwindel heraus. Die zwei Millionen existieren doch gar nicht.“

„Aber sie existieren in Ihrer Einbildungskraft, Mr. Stockes,“ beruhigte ihn Peter Voß. „Ich bin Ihr Kassierer und habe Sie getäuscht. Ich habe falsche Bilanzen gemacht. Das wirft kein schlechtes Licht auf Sie. Sie haben mir eben vertraut. Die Bücher werde ich sofort in Ordnung bringen. Was wollen Sie? Ich gestehe diese Fälschungen vor Gericht ruhig ein, ich gebe zu, daß ich Ihnen mit den zwei Millionen im Geldschrank einen blauen Dunst vorgemacht habe, um Sie, meinen Lebensretter, zu retten. Ich breche damit jeden Kassiererrekord. Man wird sich um mich reißen, auch wenn ich ein paar Monate ins Gefängnis marschieren muß. Und dann denken Sie an die kolossale Reklame für die Firma Stockes & Yarker.“

„Voß!“ keuchte Stockes, außer sich vor diesen sich stetig überbietenden Kühnheiten seines Kassierers. „Voß, in Gottes Namen, ich gebe mich in Ihre Hände. Tun Sie, was Sie wollen. Sie sind mir über! Ich bin mit allem einverstanden. Das eine aber sage ich Ihnen! Besteht die Firma noch in zwei Jahren, dann wird sie heißen: Voß, Stockes & Yarker!“

„Topp!“ sagte Peter Voß und schlug ein. „Ich nehme an. Schon um die Firma in der Folgezeit vor Ihren tollen Spekulationen zu schützen. Da werde ich Ihnen nämlich einen großen Riegel vorschieben.“

„Schieben Sie, schieben Sie!“ rief Jim Stockes glücklich und umarmte ihn. „Bei Ihnen darf ich ruhig in die Schule gehen, ohne daß sich meine grauen Haare darüber ärgern.“

Peter Voß reichte ihm Hut und Stock.

„Gehen Sie, sonst versäumen Sie den Klub. Sie können Dick Patton ein bißchen vorbereiten. Aber Vorsicht! Der Mann ist so scheu, wie er dick ist. Inzwischen werde ich die Bücher berichtigen. Ich werde dafür sorgen, daß von morgen ab kein Mensch, der in diese Bücher gesehen hat, daran zweifelt, daß heute abend in diesem Fach wirklich zweitausend Mille gelegen haben. Es wird später im Prozeß sonnenklar daraus hervorgehen, daß ich diese Fälschungen schon seit zwei Jahren betrieben habe, um die Verluste, die Ihre Spekulationen verursacht haben, zugunsten der Firma zu verschleiern. Denn nun kann ich es Ihnen gestehen, auch ich glaube an die Kupferpapiere. Nur muß man es aushalten können. Und darum stehle ich Ihnen auch die beiden Millionen, die gar nicht vorhanden sind. Vor Mitternacht empfehle ich mich dann. Es steht Ihnen frei, nach dem Klub noch einmal hierher zu kommen.“

„Wohin wollen Sie?“

„Nach Deutschland. Ich habe etwas Heimweh. Ich will meinem Onkel einmal Guten Tag sagen. Vielleicht ist er schon preußischer Justizminister. Denn gestrebt hat er immer. Und nun noch eins, und das ist sehr wichtig. Ich muß leider meine kleine Frau unaufgeklärt zurücklassen. Führe ich jetzt zu ihr hinaus und enthüllte ihr den famosen Plan, sie würde mich unter keiner Bedingung weglassen. Sie würde vielmehr siebenunddreißig Aerzte herbeitelephonieren und mich von ihnen auf meine Nerven untersuchen lassen. Und gelänge es mir auch, sie schließlich zur Einsicht zu bringen, würde ich meinen Vorsprung verlieren, den ich unbedingt haben muß. Denn heute ist der letzte Termin. Auch würde sie mich dann keinesfalls allein reisen lassen. Aber dann hätte mich Dodd sicher schon in Pittsburg beim Kragen. Sie werden einsehen, daß ein Defraudant nicht mit seiner Frau fliehen kann, selbst wenn er sie noch so sehr liebt.“

„Goddam!“ erwiderte Stockes betroffen. „Das stimmt. Sie denken aber auch an alles.“

„Mr. Stockes, Sie übernehmen es wohl, ihr reinen Wein einzuschenken. Sonst hält sie mich am Ende gar für einen richtigen Dieb, und das wäre mir schon aus dem Grunde ärgerlich, weil ich sie später, wenn die Luft rein ist, nachkommen lassen will. Vor allen Dingen, Mr. Stockes, nichts schriftlich, und auch nichts durchs Telephon. Nur mündlich und ohne Zeugen. Man kann gerade darin nicht vorsichtig genug sein.“

„Und wenn wir nun hier belauscht worden sind?“

„Da kennen Sie Peter Voßen schlecht!“ lachte er leise, schlug das Hauptbuch auf und fuhr mit der Feder ins Tintenfaß.

Jim Stockes trat zwanzig Minuten später in den Exzelsiorklub. Da saßen schon Dick Patton, sein Millionengläubiger, Reginald Splarks, der allmächtige Getreidehändler, und Merrymann Peacock, der Direktor des Tabaktrustes, an einem runden Tische und winkten mit den Pokerkarten. Stockes nahm Platz und spielte sehr vorsichtig.

„Mr. Stockes hat keinen Mut!“ schnaubte Dick Patton.

„Ich habe morgen zweitausend Mille zu bezahlen!“ knurrte Stockes. „So etwas greift an. Ich habe sie eben mit meinem Kassierer zusammen abgezählt und in den Geldschrank gelegt.“

„Blödsinn!“ knurrte Splarks. „Man legt keine zweitausend Mille in seinen Geldschrank.“

„Sie vergessen,“ bemerkte Jim Stockes etwas von oben herab, „daß die Firma Stockes & Yarker keine Bank nötig hat, da sie selber eine ist. Bei Ihnen mag das anders sein.“

„Gut gegeben!“ lachte Peacock schallend auf.

„Hätten Sie nur das Geld gleich mitgebracht!“ schnaufte Dick Patton.

„Ich pflege niemals vor dem Termin zu bezahlen,“ erklärte Jim Stockes kühl.

„Ich halte!“ schrie Peacock. „Und wer noch einmal von Geschäften spricht, zahlt hundert Dollar in die Pinke.“

So pokerten sie, bis sie sich wie immer um elf Uhr trennten.

Jim Stockes fuhr noch einmal in seine Office. Es fiel das nicht weiter auf, weil er gewohnt war, abwechselnd mit Peter Voß den elektrischen Lärmapparat zu kontrollieren, der seinen Riesengeldschrank mit der Wache der Schließgesellschaft verband, deren Wächter eben die Straße hinabpatrouillierte. Die beiden elektrischen Birnen brannten noch immer vor dem Geldschrank. Man pflegte sie der Sicherheit halber die ganze Nacht brennen zu lassen.

Irgendwo im Dunkeln stand Peter Voß. Die Bücher waren in Ordnung.

„Allright!“ flüsterte er. „Leben Sie wohl, Mr. Stockes, und fallen Sie nicht aus der Rolle. Morgen um neun benachrichtigen Sie die Kriminalpolizei von dem Diebstahl und engagieren Bobby Dodd. Dann gehen Sie zu Dick Patton. Haben Sie ihn im Klub getroffen?“

„Ich denke,“ nickte Mr. Stockes, „er wird mit sich reden lassen.“

„Hab ich es Ihnen nicht gleich gesagt?“ triumphierte Peter Voß. „Dann aber fahren Sie sofort zu meiner Frau. Sie wird heute nacht kein Auge zutun. Es hat absolut keine Gefahr, sie einzuweihen. Vor der vollendeten Tatsache wird sie schon die Segel streichen. Denn sie ist nicht nur die hübscheste, sondern auch die gescheiteste Amerikanerin zwischen New York und Frisco. Und nun, fort mit Ihnen! Geben Sie dem Wächter draußen ein Trinkgeld, daß er mich auch hier herauskommen sieht. Sie haben mich natürlich nicht angetroffen. Offiziell tauche ich erst kurz nach Ihnen hier in der Office auf.“

„Alles Glück!“ stöhnte Jim Stockes, preßte ihm die rechte Hand fast entzwei und ging, indem er alle Schlösser von draußen zusperrte. Im gemächlichen Tempo führte ihn sein Automobil über den glatten Asphalt. Am oberen Ende der Straße traf er den Wächter und drückte ihm fünf Dollar in die Hand.

Der Mann verstand, grüßte dankend und stiefelte die leere Straße hinunter. Vor der Office Stockes & Yarker nahm er Aufstellung.

Es dauerte gar nicht lange, so wurden drinnen einige Schlösser geöffnet, die Tür sprang auf, und der Wächter griff zu.

„Nanu, was fällt Euch ein!“ rief der vermeintliche Dieb und stieß ihn mit der kleinen, gelben, ledernen Handtasche kräftig vor den Bauch. „Seht Euch doch erst die Leute an!“

„Mr. Voß!“ rief der Wächter ganz verdutzt und löste den Klammergriff. „Entschuldigen Sie nur die Uebereilung.“

„Macht nichts, guter Freund!“ erwiderte Peter Voß vergnügt und gab ihm eine Zigarette. „Ihr habt nur Eure Pflicht getan. Ihr konntet nicht wissen, daß ich heute noch so spät den Lärmapparat kontrollieren würde, zumal soeben Mr. Stockes selbst hier gewesen ist.“

„Aber wie können Sie wissen, daß er dagewesen ist?“ fragte der Wächter und blieb stehen.

„Aus dem Kontrollbuch!“ erklärte Peter Voß seelenruhig. „Es hängt neben dem Apparat.“

„Darf ich Ihnen behilflich sein?“ fragte der Wächter, um seine Unhöflichkeit wieder gut zu machen.

„Bitte sehr!“ sagte Peter Voß, überließ ihm gnädigst die Handtasche und steckte sich eine Zigarette an.

Da kam hinter ihnen ein gelbes Automobil angetöfft. Es hatte die Nummer 1177.

„Eine Zahl, die sich leicht merken läßt!“ meinte Peter Voß und winkte dem Chauffeur.

Das Auto hielt. Der Wächter riß diensteifrig den Schlag auf und reichte Peter Voß die Handtasche hinein.

„Haben Sie auch genug Benzin?“ fragte er den Chauffeur, der den Motor nicht erst abgestellt hatte.

„Eben aufgefüllt!“ erwiderte der. „Wohin wünscht der Herr zu fahren?“

„St. Louis Bridge!“ kommandierte Peter Voß und griff an den Hut, um sich von dem Wächter zu verabschieden.

Der stand auf dem Kantstein und zog höflich die Mütze. Gleich darauf verschwand das gelbe Auto mit Peter Voß um die nächste Ecke. Das letzte, was der Wächter sah, war die hellerleuchtete Nummer.

„1177!“ sagte er zu sich. „Das ist wirklich eine Zahl, die man nicht so leicht vergißt.“

Dann trabte er zufrieden die Straße wieder hinunter.