Dreißigster Brief.

Baltimore.

Im April 1840.

Am 18. April Vormittags befanden wir uns ganz in der Nähe der Stadt. Die Fahrt ging bei wenig ausgespannten Segeln nur langsam vorwärts, während dem der Lootse mit dem Senkblei in der Hand, die Tiefe des Wassers zu erforschen suchte. — Ohne weitere Quarantaine halten zu müssen, da der Kapitän mit den Kajüten-Passagieren schon von Norfolk aus, mit dem Dampfboote nach Baltimore vorausgegangen war und vermuthlich über Alles schon rapportirt hatte, fuhren wir bis in die Mitte der Stadt an die Magazine an, wo die noch auf dem Fahrzeuge befindlichen Waaren niedergelegt wurden.

Mit der Adresse meines Landsmanns Gottfried Lieber in der Hand, wünschte ich vor Allem dessen Wohnung aufzufinden, wurde aber aus einem Stadttheile in den andern verwiesen, da der Name des Gäßchens, wo er wohnen sollte, undeutlich geschrieben war. Ermüdet suchte ich im nächsten Speisehause Stärkung, wo ich so glücklich war, einen Bekannten von ihm zu finden, welcher nach dem Mahle so gefällig war, mich bis in die Nähe der gesuchten Wohnung zu bringen. — Mit offenen Armen wurde ich von Lieber empfangen und seiner Familie als alter Schulfreund vorgestellt. — Ein zweiter Landsmann, Papst, welcher bei Ersterem in boarding war (in Wohnung und Kost seyn), bot gleichsam zum Willkommen die Hand, und von Beiden dazu bestimmt, schlug ich in ihrer Mitte die Wohnung auf.

Mehrere sich hier niedergelassene Landsleute, welche während meines Aufenthalts besucht wurden, versprachen Alle, für eine Stelle für mich zu sorgen, welche aufzufinden um so weniger schwer halten würde, da ich auf eine besondere Branche nicht eigensinnig bestand, sondern in verschiedenen Fächern zu arbeiten mich erbot.

Am zweiten Tage meiner Ankunft waren wegen der Feier des Sonntags die Straßen wie ausgestorben und das Leben der geschäftigen Menge bot das Gegenstück von New-Orleans, denn nur Kirchengänger fand man in den Straßen. Der Tag wurde zu Hause im geselligen Kreise zugebracht, und von der alten Heimath erzählt, in welcher mancher jetzt in Amerika lebende Landsmann so viele glückliche Tage verlebt. Es wurden Geschichten Amerikas eingewebt, die sich während der Anwesenheit meiner Freunde zugetragen oder mir auf der Reise selbst begegnet waren.

Den hierauf folgenden Montag machten Lieber, Papst und Schenk blau und begleiteten mich nach dem zwei Stunden von Baltimore entfernt gelegenen Franklinwork, wo auf einer Kasimir-Faktorei Freund Thalemann beschäftigt war[51]. Freudiges Wiedersehen! Herzliches Willkommen in der neuen Welt, worüber in der alten so viel gekannegießert worden war, und nun hinter den Luftschlössern nichts als Entbehrungen aller Art, ohne Beschäftigung, bei welcher sich aber immer Interesse, Bevortheilung und Betrug im Gefolge befinden. Thalemann wünschte auf einige Zeit meine Gegenwart, und ich konnte hier ungenirt im Kreise wahrer Freunde von der Reise ausruhen, da Baltimore nahe war.

Auch Thalemanns Bemühung, bei seiner Ankunft in Amerika, als Bierbrauer, Branntweinbrenner oder Destillateur anzukommen, war vergebens, weshalb er seine Zuflucht zu des Vaters Geschäft als Tuchmacher nahm und sich in mehren Carpet- (Teppich) Fabriken nach Arbeit umsah; doch Alles umsonst. Schon war die letzte Baarschaft verausgabt, und eine trübe Zukunft verbitterte noch mehr die beengte Gegenwart, als der Besuch zweier Schiffsreisegefährden, Weber und Maler, ihn bestimmten, die vakante Stelle in einer Steinkohlen-Niederlage anzunehmen, wo sie arbeiteten, da kein anderes Unterkommen sich gefunden hatte. Es galt hier kein Besinnen, die weichen Hände unternahmen die harte Arbeit. Leider waren aber am zweiten Tage diese schon voller Blasen und aufgesprungen, und nur, um den Lohn der ersten Tage nicht zu verlieren, wurde unter Schmerzen die Woche ausgehalten. Die erhaltenen sechs Dollars langten eben aus, um die laufenden Ausgaben der nächsten Woche zu bestreiten, und auf gut Glück wurde im Lande umgeschaut, bis ihn sein guter Engel nach Franklinwork, seinem jetzigen Aufenthaltsorte, geleitete, wo er als Woll-Sortirer beschäftigt war. — Bei wenigen Bedürfnissen und ökonomischer Haushaltung seiner lieben Frau ist es ihm möglich, Etwas zu erübrigen, wenn er bei anhaltender Arbeit gesund bleibt, und den aufgesparten Lohn kein betrügerischer Bankerot zu Nichte macht.

Baltimore, mit 100,000 Einwohnern, worunter der zehnte Theil Deutsche seyn sollen, bietet im kleinern Maßstabe das Großartige im Geschäftsleben, was den ankommenden Einwanderer in New-York mit Erstaunen überrascht, und wer jenes Drängen und Treiben nicht gesehen hat, glaubt schon hier das Non plus ultra zu erblicken, wo jährlich über 2000 Schiffe ankommen sollen.

Aus dem eigentlichen Hafen, das Becken genannt, sind Kanäle in die am Wasser liegenden Straßen geführt, wodurch den Schiffen die Gelegenheit wird, in der Nähe der Vorrathshäuser und großen Speicher der Kaufleute landen zu können, und ihre flatternden Wimpel, an hervorragenden Masten der Schiffe in der Mitte der Häuser, imponiren den kolossalen Schornsteinen gegenüber sehr. — Wird man auch unter der Menge der arbeitenden Klasse weniger Neger und Mulatten gewahr, als in New-Orleans, so ist ihre Zahl doch größer, als in New-York, und bekundet, daß Maryland, worauf Baltimore erbaut ist, zu den Sklavenstaaten gehört. — Die Straßen der Stadt sind meist breit, gepflastert, mit Trottoirs versehen und Bäumen besetzt. Die schönste, eine halbe Stunde lange Straße (Baltimore-Street genannt) zieren Kaufmannsgewölbe und Läden aller Art, und dient zur Promenade der schönen Welt, welche hier sieht, und gesehen zu werden, zu kaufen oder nur durch mehrmaliges Anschauen der Waaren, dem Verkäufer das Leben sauer zu machen sucht.

Sind auch die Dämme zwischen den Häuserreihen und den Kanalufern breit genug, um den zweiräderigen Lastkarren das Ausweichen zu gestatten, so muß doch der Fußgänger sehr Acht haben, um nicht zwischen zwei Feuer zu gerathen, und sich glücklich preisen, wenn er nur mit einem Seitenstoß sich durch die regsame Menschenmenge durchgearbeitet hat. Deshalb bedient sich der Geschäftsmann immer, um schnell und sicher zum Ziele zu gelangen, der Fiaker, Wagen, welche auch hier gleich New-York und Orleans in den Straßen der Stadt, am Ufer und allen Plätzen dem Winke der Gentlemen harren, die sich ihrer bedienen wollen. — Die Häuser, von Backsteinen erbaut, verdrängen immer mehr die noch wenigen Holzwohnungen, und von allen Gebäuden tritt besonders schön die Douane, von weißem Marmor aufgeführt, hervor. Zwölf kolossale Säulen tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab durch eine hohe Kuppel erleuchtet wird. An beiden Seiten sind die Amts- und Geschäftszimmer, so wie die Wohnungen der Angestellten. Die katholische St. Paulus-Kirche, ebenfalls mit einer Kuppel versehen, ist die zweite Zierde der Stadt und ihr innerer Ausbau, reich und geschmackvoll ausgestattet, sie war die schönste, welche ich bis jetzt unter allen Kirchen Amerikas gesehen hatte; dann treten noch von allen den vielen Bethäusern, der Tempel der Unitarier und die Episkopal-Kirche hervor.

Das auf einer Anhöhe stehende Monument Washingtons ist aus weißem Marmor in Form einer Säule bis zu einer Höhe von 160 Fuß aufgeführt, und auf der Kuppel der Säule steht die kolossale Statue des großen Mannes selbst. Eine Wendeltreppe im Innern der Säule führt zum schönsten Standpunkte, von wo aus Baltimore mit einem Blicke übersehen werden kann. — Ein zweites Denkmal, zu Ehren der Bürger errichtet, welche 1814 bei der Vertheidigung von Baltimore gefallen sind, besteht ebenfalls aus einer auf einem Piedestal errichteten Säule, auf welcher die Statue einer Victorie steht und die Namen der gefallenen Bürger auf den die Säule umgebenden Bändern eingegraben sind.

Die hiesigen Theater und das vorhandene Museum wurden von mir nicht besucht, um die Kasse möglichst zu schonen, so lange Verdienst solche nicht wieder zu füllen versprach. Leider hatte sich aber bei der Menge arbeitsloser Menschen während meines vierzehntägigen Aufenthaltes noch keine Stelle gefunden, obgleich sich Freund Schenk und Senftleben alle Mühe gegeben hatten. Viele Fabrikherren hatten den größten Theil ihrer Arbeiter entlassen, und wehe thut Einem der Anblick leerer Gebäude und unbenutzter Maschinen. — Ein ähnliches war der Fall mit der großen Eisen-Manufaktur, wo Dampfboote gebaut, und Senftleben gewöhnlich als Zimmermann beschäftigt wurde, welche zur Zeit über 200 Arbeiter entlassen hatte, worunter der Letztere mit inbegriffen war. Die Herren dieser Fabrik waren äußerst zuvorkommend und artig, als beim Vorstellen meiner Person um die Erlaubniß gebeten wurde, mich in der Fabrik umsehen zu dürfen, und bedauerten, wegen Drange der Umstände, von meinem Anerbieten, unter die Zahl der Kupferarbeiter aufgenommen zu werden, keinen Gebrauch machen zu können. — Ueberhaupt ist in Amerika der Einlaß in Fabriken weniger schwer zu erlangen, als es in England der Fall ist; obgleich auch hier am Eingange gewöhnlich die Worte: „No admittance“ andeuten, daß der Zutritt von Neugierigen nicht erlaubt ist, so reicht doch immer die gestellte Bitte an den Fabrikherrn selbst, oder in dessen Abwesenheit, an den Vormann der Anstalt hin, Einem die Thüre zu öffnen, und nur ein Mal bin ich, bei den vielen Besuchen von Fabriken, ungehört abgewiesen worden. Dabei herrscht die gute Sitte, daß nicht wie bei uns, Leute mit offenen Händen den Ausgang versperren, da der Amerikaner sich in solchen Fällen schon mit dem Danke begnügt.

Der 4. Mai brachte eine Unterbrechung in das alltägliche Leben der Bevölkerung von Baltimore, da auf diesen Tag eine große Whig-Konvention ausgeschrieben war, wozu von der betreffenden Parthei, selbst aus den entferntesten Staaten, um das Fest zu verherrlichen, Deputationen hierher geschickt waren, welche sich zu mehren Tausenden zum festlichen Zuge, mit Fahnen und verschiedenen andern Insignien geschmückt, in der West-Baltimore-Straße aufstellten und mit klingendem Spiele vor jeder Abtheilung und den Hauptrednern an der Spitze, in Prozession nach einem freien Platz vor der Stadt zogen. Längs der Straßen, durch welche der Zug, den Whig-Blätter auf 10,000 Mann angaben, passiren mußte, hatten auf beiden Seiten die politischen Gegner (Demokraten) in Unzahl sich aufgestellt, da diese meist den niedern Ständen angehören, und suchten auf mancherlei Art die Whigs zu höhnen. Lange blieb es beim gegenseitigen Beschimpfen ohne weitere Störung herbeizuführen, als sich aber einige 40–50 junge Leute von der demokratischen Parthei, zum Schimpfe der Gegner mit einem ausgestopften Mann, den Whig-Kandidaten zur Präsidenten-Stelle, General Harrison vorstellend, dem Zuge anschließen wollten, fühlten sich mehrere Whigs veranlaßt, dieses zu vereiteln, wodurch eine förmliche Prügelei entstand, wobei einem Kämpfenden ein solcher Schlag auf den Kopf versetzt wurde, daß er sogleich entseelt zu Boden sank, und leblos hinweggetragen wurde. Solche Vorfälle sind nicht neu, und machen daher kein Aufsehen mehr, denn während das Gefecht vorfiel, setzte der übrige Zug, als sey nichts geschehen, seine Bewegung fort. Keine Behörde fühlte sich veranlaßt einzuschreiten oder eine Kriminaluntersuchung einzuleiten, um des Thäters habhaft zu werden, das hieße zu weit in die so gepriesene Freiheit eingreifen, da ja Keiner zum Mitziehen, oder zum Maulaufsperren gezwungen werde, sich also selbst zuzuschreiben habe, was ihm bei einem solchen Falle begegne. Schöne Grundsätze! Für die Wittwe mit sechs Kindern wurde eine Kollekte eingesammelt, und dieselbe damit ein für alle Mal abgespeist. —

Die Lage aller von mir getroffenen Landsleute hier, ist nicht von der Art, daß sie um das Glück, was sie in Amerika getroffen, zu beneiden wären. In der Nähe besehen, nimmt sich Vieles anders aus, als man durch briefliche Schilderungen glauben zu machen sucht. Ohne mich weiter auf gewünschte Auskunft einzulassen, bemerke ich nur noch, das nicht alles Gold ist, was glänzt. — Was die zweite Anfrage anlangt, wegen der hierher importirten Verbrecher[52], erlaube ich mir die Bemerkung, daß ich nur Einen davon, und wie es schien, gebessert, in Baltimore getroffen, aber dieser Zusendung halber, mitunter viel Vorwürfe habe hören müssen. Wie man darüber hier urtheilt, mag folgender Zeitungs-Auszug bekunden: „Daß deutsche Verbrecher, und zwar auf Befehl deutscher Regierungen nach den Vereinigten Staaten importirt worden sind, scheint keinem Zweifel zu unterliegen und wird uns von den glaubwürdigsten Männern versichert, nur scheinen darüber keine schriftlichen Dokumente vorhanden zu seyn. — Daß es schließlich in einer Seestadt, wie Baltimore, überhaupt an Gesindel und charakterlosen Geschöpfen jeder Art, so auch an deutschem Gesindel nicht fehlen wird, und an verworfenen Menschen, welche Hang zum Müßiggang und Hoffnung auf Gewinn aus unserm Vaterlande hierher gelockt, und die hier wie dort eine Last und Schmach der Gesellschaft sind, versteht sich leider von selbst, und die schamlosen Betteleien mit Trug, List und Undank gepaart, die von deutschen Einwanderern handwerksmäßig getrieben werden, und wofür wir selbst zahlreiche Beweise liefern können, sind allerdings der biedern, betriebsamen und allgemein geachteten deutschen Bevölkerung unserer Stadt längst ein Greuel, und je mehr dieses in den Augen der Amerikaner auffallen, Widerwillen und öffentlichen Tadel hervorbringen muß, desto mehr ist es die Pflicht aller Bessergesinnten unter unsern deutschen Mitbürgern, mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß zur Ehrenrettung des deutschen Namens, diesem Unwesen gesteuert werde etc.“

Was muß sich nun der eingeborne Amerikaner nach diesem Geständnisse der Deutschen selbst für einen Begriff von der Kenntniß deutscher Regierungen über den moralischen und sittlichen Zustand Amerika’s machen? Da man sich nicht scheut, ihnen den Abschaum menschlicher Gesellschaft zu überschicken, wird dadurch nicht geradezu einer freundlichen, humanen Aufnahme von Seiten der Amerikaner entgegengearbeitet, und geht nicht Achtung für denjenigen, welcher geehrt und geliebt in der Heimath, nur aus überspannten Ideen, oder sonstigen Maximen sein Vaterland verläßt, hier verloren? Muß dadurch nicht der Gerechte mit dem Ungerechten leiden?

Um die falschen Ansichten der Eingebornen über unser Vaterland und dessen Verfassung noch zu mehren, tragen besonders solche Emigranten bei, welche sich als verfolgte Demagogen ausgeben, die für das Beste der deutschen Freiheit, mit Mund und Feder gestritten haben wollen, und von ihrer Regierung verfolgt, nur im freien Amerika sichere Zuflucht gefunden hätten, obgleich sich Niemand in der lieben Heimath um solch ein Subjekt bekümmert hat, welches vielleicht schlechter, unpolitischer Streiche halber relegirt oder im Examen durchgefallen ist und sich hier nun durch Erzählung solcher Mährchen, Theilnahme und Unterstützung zu verschaffen sucht. Daß das von solchen Menschen geschaffene Bild über deutsche Verfassung den deutschen Emigranten nur zum Nachtheil gereichen muß, ist natürlich, da der sich allein frei dünkende Amerikaner darin nur despotische Regenten und sklavische Bettler zu erblicken glaubt.

Gewöhnlich gesteht sich auch der mit dem getroffenen Loos unzufriedene Deutsche hier nicht ein, daß nur er allein und außer ihm Niemand weiter die Schuld trägt, warum er nach Amerika versetzt worden ist, und sucht immer die Regierungsform vorzuschützen, welche zu diesem Vorhaben die Ursache gewesen wäre, obgleich diese zu beurtheilen, ihm selten die Kenntniß zusteht, wie die Widersprüche seiner Angaben hinlänglich bekunden. Als Beispiel mag die Bemerkung gelten, wie einer meiner Landsleute, (Schuhmacher) bis im dritten Himmel entzückt, sich über amerikanische Freiheit ausließ, wo jeder treiben dürfe, was er wolle. Auf die von mir gestellte Frage, welches die ihm zum Auswandern bestimmte Ursache sey, da ich doch wisse, daß er in seiner Vaterstadt recht gute Tage verlebt habe, gab er zur Antwort: wie höchst ungerecht es von der Behörde sey, jeden zum Meister sich Anmeldenden aufzunehmen, wodurch der Verdienst der alten Meister geschmälert und deshalb dieselben einer trüben Zukunft entgegen sehen müßten, aus welcher Ursache er den Wanderstab ergriffen und in das schöne freie Amerika gereist sey!