Siebenunddreißigster Brief.
Fortsetzung.
Im August 1840.
Von meinem Kollegen aufmerksam gemacht, welcher früher schon den Navy-Yard (Schiffswerfte) besucht hatte, begab ich mich auch dahin, um das große, im Bau begriffene Dampfschiff zu sehen, welches für Rechnung des Kaisers von Rußland hier gefertigt wurde. — Dieses kolossale Schiff, das unter einem, zu solchen Schiffbauten errichteten großem Gebäude stand, war, auf dem Deck gemessen, 250 Fuß lang und 40 Fuß breit, erhielt eine Maschine von 600 Pferden Kraft, und soll für die Summe von 420,000 Dollars verakkordirt worden seyn.
Mit der Zusammensetzung einzelner Theile des zu diesem Bau bestimmten Dampfkessels war man noch nicht weit vorgeschritten, und es ließ sich daher über die Konstruktion, welche von der gewöhnlichen runden Boiler-Form abwich, noch nichts Bestimmtes sagen. Nur so viel konnte ich beurtheilen, daß der Kessel eine Façon erhielt, welche bei wenigstem Brenn-Material und in der kürzesten Zeit das möglichst größte Quantum Dampf zu erzeugen im Stande seyn werde, wie die vielen Verbindungsröhren zwischen dem Siedkasten, welche alle vom Feuer umspült werden, es möglich machten. Bei einer solchen Konstruktion kommt alles darauf an, daß bei Anfertigung die größte Solidität Statt findet, da die komplizirte Zusammensetzung keine Reparatur zuläßt und deshalb auch dergleichen Dampferzeuger nicht für das Allgemeine anzuempfehlen sind. Man hatte daher auch, um die möglichst lange Dauer zu erzielen, statt Eisenplatten, hier Kupfer verwendet, damit außer dem Gebrauche solches nicht vom Roste ergriffen werden könne. Ueber die Größe der Summe, welche dieser Dampfkessel allein bestimmt, war ich erstaunt; leider ist solches, da es nicht sogleich von mir aufnotirt wurde, meinem Gedächtnisse entschwunden. Nur so viel kann ich mich erinnern, daß ich dabei bemerkte: bei uns kostet das größte Haus nicht so viel.
Gleich Baltimore sind auch hier große Mahlmühlen vorhanden, deren Konstruktion, wenn sie nicht durch Dampf in Bewegung gesetzt werden, denjenigen gleich ist, die ich schon angegeben habe. Vorzüglich werden diese Etablissements bei Anwendung von Dampfkraft in dem größten Maaßstabe ausgeführt, wovon man sich erst einen Begriff machen kann, wenn man Dampfmaschinen von 80–100 Pferde Kraft acht Paar Steine in Bewegung setzen sieht, die täglich 50–60,000 Pfund des feinsten Mehls liefern. Der Mechanismus einer solchen Mühleneinrichtung, welcher sich im ganzen Gebäude verbreitet, verrichtet alle vorkommenden Arbeiten, ohne alles menschliche Zuthun. Nur zur nöthigen Beschickung der Dampfmaschine und Verpackung des Mehles sind ein Paar Arbeiter vorhanden.
Auf einer Schneidemühle, wie ich eine ähnliche zu sehen schon in New-Orleans Gelegenheit hatte, fand ich auch hier eine Maschine im Betrieb, welche die Breter zu gleicher Zeit hobelt, fugt, den Wasserspunt anzieht und alles mit einer Schnelligkeit, daß immer ein Arbeiter beschäftigt war, das fertig aus der Maschine kommende Stück wegzunehmen und ein zweiter Gehülfe ein neues Bret einlegen mußte. Der Unterschied bei diesen Maschinen bestand darin, daß die Eine den Spund anhobelte, die andere dagegen, mittelst kleiner Cirkelsägen, solchen anschnitt, welches Letztere mir räthlicher schien, da die abgeschnittenen Federn weniger Kommersch verursachten und leichter beseitigt werden konnten, als dieses bei den wie Spreu herumfliegenden kleinen Hobelspänen der Fall war.
Durch die in kleineren Steinhauer-Werkstätten sich mit Zerschneiden von Marmor- und Granit-Blöcken beschäftigenden Arbeiter wurde ich von Neuem an die von Dampfkraft in Bewegung gesetzten Sägemaschinen erinnert, wie ich dergleichen schon in New-York, Cincinnati und Baltimore gesehen hatte. — Eine dieser Anstalten, welche mit der Kraft von 12 Pferden arbeitete, setzte eine Gittersäge mit funfzehn Blättern in Bewegung, so daß mit einem Schnitt der aufgelegte Block, wenn er die dazu nöthige Breite hat, in sechszehn Platten getrennt wird. Auf die Länge der Steine kommt es nicht an, aber nur bis zu einer Breite von fünf Fuß können solche geschnitten werden, da dieses die Sägeblattlänge bestimmt. Möchten doch unsere Steinhauer, welche jetzt mit ihrem Pulversprengen und Abschällern der Steine so viele gute Werkstücken zu dem bestimmten Zweck unbrauchbar machen, sich dieser amerikanischen Methode bedienen, und, wenn sie auch nicht Dampfmaschinen in Anwendung bringen, wenigstens nur, wie hier auch tausendfältig geschieht, mit großen Handsägen arbeiten. Die Menge von Verbrauch solcher geschnittenen Steinplatten, und die Schnelligkeit, mit welcher solche Gittersägen arbeiten, mag daraus hervorgehen, daß zwanzig Menschen während ihrer ganzen Lebenszeit nicht so viel Schnitte zu thun vermögen, als in einem Jahr eine solche Maschine macht.
Auch die großen Porter-Brauereien, worauf mich schon in der Heimath Gall’s Reisebericht aufmerksam gemacht hatte, sind zu besehen und hauptsächlich Bierbrauern zu empfehlen. Wie sehr bleiben hinter diesen nicht unsere Anstalten zurück! Mehr noch, als in der großen Branntweinbrennerei zu New-York wird hier zu allen Arbeiten, welche in unsern Brauhäusern durch Menschenhände verrichtet werden, Dampfkraft verwendet. Die Früchte hebt die Maschine vom Wagen auf die obersten Böden des Brauhauses, von wo aus solche in die großen Quellbottiche laufen, und zu bestimmten Zeitabschnitten von der Maschine mit frischem Wasser übergossen werden. Ist die Frucht nach gehöriger Weiche auf die Malztenne hinabgelassen und durch die Maschine in die gehörigen Haufen gebracht worden, so sorgt solche ebenfalls durch kunstgerechtes Wenden, daß alle Körner den richtigen Wurzelkeim erhalten, worauf das gewachsene Malz ebenfalls durch Dampfkraft auf die Schwelgböden gehoben, ausgebreitet und gewendet wird. Von hier läuft es auf die Malzdarre, wo die Maschine ebenfalls das Umwenden besorgt. Auf die Speicher über der Mühle gehoben, wird es von solcher, welche gleich den andern Maschinen durch Dampf in Bewegung gesetzt wird, geschroten. Ferner bringt die Dampfmaschine das Schrot in drei ungeheuere Würzbottiche, rührt es darin um, pumpt das erforderliche Wasser und hebt die Würze in die Braukessel, von hier läuft solche auf Rinnen in die, Teichen ähnlichen, Kühlschiffe, wo sie ebenfalls durch mechanische Vorrichtung umgerührt und so, schnell abgekühlt, in den Keller fließt. Von hier aus wird das Bier ebenfalls durch Dampfkraft zum Verkauf aus den Lagerfässern in die im Hofraum liegenden Barrels (Fässer) aufgepumpt. Alle diese Verrichtungen setzt die Dampfmaschine mit ihren mechanischen Verbindungen Tag und Nacht fort und nur fünf oder sechs Menschen sind dabei nöthig.
So gern ich auch in die Kellerräume hinabgestiegen wäre, so geboten doch meine finanziellen Umstände die größte Sparsamkeit und da ohne Geschenk der in diesem Departement angestellte irische Arbeiter keine Lust bezeugte, mir dahin freien Eintritt zu gestatten, so mußte ich auf das, was Gall mit folgenden Worten beschreibt, mit eigenen Augen zu sehen, verzichten:
„Was mich bei dem Eintritt in den Keller ebenso in Erstaunen setzte, waren die ungeheuren Bierfässer, oder vielmehr Kufen, in welchen das Bier für die heißesten Sommerwochen, in welchen nicht gebraut werden kann, aufbewahrt wird. Eins dieser Riesenfässer enthielt 3000 Barrels oder, das Barrel zu fünf Dollars angeschlagen, für 15,000 Dollars oder 80,000 Franks Porter. Es maß 27 Fuß im Durchmesser und hatte dabei eine Höhe von 22 Fuß. Noch vierzehn andere, jüngere Riesen von 600 bis 1000 Barrels, wovon jedoch nur fünf gefüllt waren, standen in einem und demselben unermeßlichen Gewölbe. — Man läßt das Bier, damit es sich möglichst vollkommen reinige in kleinen Fässern von einem Barrel, gähren. Sechs hundert hierzu bestimmte Fässer liegen in zwölf langen Reihen auf eben so vielen, beinahe achtzig Fuß langen Rinnen, welche sich nach einem Ende um etwa acht Zoll neigen. Die Hefe aus allen diesen Rinnen, ergießt sich in ein großes gemauertes Becken, aus welchem sie in besondere Gefäße aufgepumpt wird. Nachdem es hierauf ausgespült worden, werden die Fässer auf den Rinnen umgedreht, das Bier strömt alsdann in dasselbe Becken zusammen und wird durch die Maschine in die erwähnten Aufbewahrungskufen gehoben.“
Dieses hier gebraute Getränke, welches in die meisten Staaten versendet wird, ist dem Deutschen in Amerika, unter den Namen: Porter, Englisch Ale oder Strong-Beer bekannt, und ist, wie dieses die Amerikaner lieben, äußerst stark, so daß ein Bierglas voll davon schon berauscht. Aus gewöhnlichem Bier, wie es bei uns gebraut wird, machen sich die Amerikaner nichts. Es haben daher schon mehrmals deutsche Bierbrauer mit verschiedenen Sorten von Bieren Versuche gemacht, aber ohne Glück. Ja, eine auf Baierische Manier eingerichtete großartige Bierbrauerei, welche des guten Wassers halber in Newark sich etablirt und Niederlagen in New-York errichtet hatte, mußte schon im ersten Jahre aus Mangel an Absatz den Betrieb wieder einstellen, obgleich ihr Produkt, wie mir versichert war, äußerst gut gewesen seyn soll. — Da nun die Porter-Biere zu theuer und stark sind, so wird für gewöhnlich außer Thee und Kaffee, selbst von den vornehmsten Familien, nur Wasser getrunken. Die ärmere Klasse, bei welcher das viele Wassertrinken häufig Bauchgrimmen verursacht, findet darin den schönsten Grund, einem Glas Wasser, ein Glas Whisky, (Branntwein aus türkischem Waizen, oder Welschkorn, in Amerika Mais genannt) nach zu schicken. Der ankommende Deutsche aus dem Bierlande vermißt daher nichts mehr, als sein gutes nahrhaftes Getränk und deshalb haben Spekulanten in allen größern Städten kleine Hausquetschen etablirt, wo Halb- oder Small-Bier fabrizirt wird. Dieses hat nun zu Errichtung deutscher Bierhäuser Anlaß gegeben, welchen Verkaufsgeschäftes sich die Frau befleißigt, während der Mann seiner Hände Arbeit nachgeht. Der Verkauf des Biers unterliegt noch keiner Abgabe, da diese kleinern Lokale nicht der Beachtung werth scheinen und größere Restaurationen schon hinlänglich auf spirituöse Getränke besteuert sind, worunter das Porter mit gerechnet wird.
Da ich schon in New-Orleans, Baltimore und Washington versäumt, die dasigen Museums zu besuchen und mir gleichsam diesen Genuß bis jetzt aufgespart hatte, so fand ich auch hier zusammen, was wahrscheinlich jene drei Museen nicht bieten können. Aller hier in Peals-Museum zu Philadelphia aufgestellten naturhistorischen Gegenstände zu erwähnen, noch gar zu beschreiben, fühle ich mich viel zu schwach. Es soll diese Bemerkung nur als Fingerzeig gelten, damit meine Landsleute, welche dieses lesen und hieher kommen sollten, nicht versäumen, eines der größten Museen der Welt zu sehen.
Das merkwürdigste Stück ist ein im Staate New-York in einem Sumpf aufgefundenes Mammuths-Skelett, dessen Höhe zwölf und seine Länge 18 Fuß beträgt. Die Vorderzähne fehlen, dagegen sind die beiden Fangzähne um so auffallender, da jeder über fünf Fuß lang und an der Wurzel zehn Zoll im Durchmesser stark ist. Die Backzähne haben, wie angegeben wird, 1½ Fuß im Umfang und sind vier Pfund schwer. — Die über 5000 Exemplare starke Vögelsammlung enthält Alles, vom Strauß bis zum kleinsten Kolibri herab, und unter den schön gefiederten Papageien, Paradiesvögeln &c. zeichnet sich vor Allem eine, in einem besondern Glaskasten stehende Mäunra aus. Von den vielen Schlangen, welche theils leben, sind die Klapperschlangen am Auffallendsten. Außer einer großen Menge vierfüßiger Thiere, Fische, Insekten, Raupen, Schmetterlinge, Conchilien und Mineralien, sieht man noch verschiedene thierische Mißgeburten, Menschen- und Thier-Schädel, wie ganze Gerippe. Eben so interessant sind die mannichfaltigen Waffen und Kostüme indianischer Stämme, so wie die Bildergallerie ausgezeichneter Staatsmänner und Gelehrter aus der alten und neuen Welt.
Ein heftiger Wortkampf, welcher am gestrigen Abende alle Anwesenden in unserer Wohnung in Allarm brachte, gab Anlaß, daß heute mehrere der Gäste an Ort und Stelle sich von der Ursache des Streites überzeugten, welchen ich mich anzuschließen nicht verfehlte. — Es sollten nämlich einige Tage vor meiner Ankunft in Philadelphia in einem Stadttheile, durch das Gesetz dazu berechtiget, von der Eisenbahn-Kompagnie die Schienen gelegt werden, da aber die daselbst Wohnenden sich in ihrem Marktgeschäft beeinträchtigt glaubten, so widersetzten sie sich der weitern Arbeit und demolirten einen Theil der schon fertigen Bahn. Auf desfalsiges Anrufen des Gesetzes, wodurch die Polizei einzuschreiten suchte, nahm die Erbitterung der Demolirenden zu, welches den Gerichtshof veranlaßte, die Miliz zu requiriren, um mit entschiedener Kraft einschreiten zu können. Leider kam aber Letztere den erhaltenen Befehlen nicht nach, wodurch die Insurgenten in ihrem Muthwillen noch mehr bestärkt wurden und sich erfrechten, die Eisenbahngebäude, nebst den Gasthof des Herrn Emory in Brand zu stecken, und die herbeieilenden Spritzen vom Löschen abzuhalten. Herr Emory hatte nämlich für einige zwanzig Polizei-Offizianten, welche zur Herstellung der Ordnung möglichst gewirkt hatten, eine Abendmahlzeit bereitet. — Hiernach kann man beurtheilen, wie schwach die Gesetzgebung bei Ausübung ihrer Rechte in diesem sich freidünkenden Lande ist, da sie nicht einmal vermag, das Eigenthum der Bürger und die erworbenen Rechte einer Gesellschaft vor der Willkühr roher Menschen zu schützen.
Am Morgen des vierten Tages meines Aufenthaltes waren Philadelphia’s Straßen wie ausgestorben, und keine Spur war vorhanden, daß hier 200,000 Menschen zusammen verkehren sollten. Die Feier des Sonntags hatte alle Geschäfte gelähmt, und selten verließ Jemand das Haus eher, als die Kirchenglocken zum Gebet in die Tempel riefen. Auch ich konnte diese Zeit nicht besser benutzen, als in frommer Andacht an Gottgeweihter Stätte mich der ferneren göttlichen Gnade zu empfehlen. In einem Tempel der Quäkergemeinde, welche Sekte mich durch ihre Handlungsweise für sich eingenommen hatte, ließ ich mich nieder. Die Räume waren mehr als überfüllt und eine tiefe Stille, welche nur durch neugierig Kommende und Gehende unterbrochen wurde, herrschte im Gebäude. Wohl eine Stunde harrte ich der Dinge, die da kommen sollten, doch vergebens. Keiner der Frommen glaubte sich vom Geiste inspirirt, um durch lautes Gebet den Andern seine Gedanken vorzutragen und Alle murmelten nur still vor sich hin. Dadurch ward ich zuletzt selbst gelangweilt und verließ den Ort, um eine andere von den 60 hier vorhandenen mitunter prachtvollen Kirchen zu besuchen.
Leider hatte ich durch Erkältung heute wieder viel von Kolik zu leiden und ich sah mich genöthigt, auf dem Wege zum Tempel in einer Apotheke einzusprechen, worauf ich, ins Quartier zurückgezogen, mir Linderung zu verschaffen suchte.
Die Theater hier zu besuchen, erlaubte der Stand meiner Kasse nicht, und nur auf die nöthigsten Ausgaben beschränkt, war es möglich; mit der Baarschaft New-York wieder zu erreichen, wohin ich mit dem Dampfschiffe am Morgen des 11. August abzugehen gedachte. Doch die Schmerzen nahmen am Abend zu, und der Leibesschaden machte die Hülfe eines Arztes nöthig, wodurch die zur Fuhre bestimmten letzten vier Dollars mit angegriffen wurden und ich so am nächsten Morgen zwar von Schmerzen befreit, doch sehr schwach, von Neuem den Wanderstab ergriff und zu Fuße langsam dem auf meiner Tour liegenden Newark zu pilgerte, wo ich in Freundes Armen wieder einen Tag der Ruhe genießen konnte.