14-15. September.

Mittlerer Barometerstand: 28′′ 1,2′′′Lufttemperatur: 15,7-16,5° R.
Tageszeit.Einnahme:Ausgabe
an Urin:
Fluida.Feste Speisen.
Zeit.Quanti-
tät.
Sp. Gew.Reaction.Farbe etc.Nähere Bestandteile:
8 Uhr 200 CC. Wasser 8 U. 30 M. 19 CC. }1024 s. st. s.III.
400CaffeeButterbrod93024st. s.III‑IV.
103032}1022,5s. st. s.III.
2 200BouillonBeefsteak.—113034st. s.
Häring. Bohnen. 23,957 Gr. Harnstoff
450Wein u.Kartoffeln.123052 1020 0,284Harnsäure
WasserDessert. 1,451Schwefels.
530262 1022 schw. s.1,697Phosphors.
4 150Caffee 9 289 1022 schw. alk.14,443Chlor.
430 M. 400Wasser 11 75 1020,5s.II‑III.
2 430 1008,5s. schw. s.I‑II.
9 350TheeButterbrod
730152 1021,5st. s.III.
24 St.2150 24 St.1369 1017,5s.III.
Körpergewicht: den 14. Sept. Morgens 9 Uhr 40 Min. = 126 23 Grm.
15.935 = 125470
Abnahme = 53 Gramm.

Befinden: sehr gut.
Beschäftigung: 9 St. gearbeitet. 3 St. Krankenbesuche u. Spaziergang.—Nachmittags Besuche im Hause.— 71⁄2 St. Schlaf.—
Hautfunction: Morgens sowohl, als Nachmittags stark duftende Haut.
Darmentleerung: Morgens 8 Uhr 30 Min. und Abends 11 Uhr sehr reichlich. Ebenso hatte am 15ten Morgens 9 Uhr 30 Min. kurz vor der Körpergewichtsbestimmung noch eine reichliche Entleerung Statt.
Witterung: Morgens trübe, Regen.—Nachmittags: gewitterhaft, sehr schwül.—Abends Regen.—SW.

Berechnen wir zunächst die Mittelwerthe aus sämmtlichen vorstehenden 6 Tagen, so ergiebt sich, dass bei einem täglichen Genuss von 1947 CC. Fluidis 1467 CC. Urin entleert wurden, und dass diese enthielten:

24,634 Grm. Harnstoff
0,193Harnsäure
1,419Schwefelsäure
1,990Phosphorsäure und
12,736Chlor.

Das Körpergewicht nahm dabei täglich um 43 Grm. zu.—

Ziehen wir dagegen die Mittelwerthe aus den ersten und letzten 3 Tagen gesondert, so findet sich, dass in den ersten 3 Tagen beim Genuss von 1917 CC. Fluidis entleert wurden:

1279 CC. Urin mit 24,786 Grm. Harnstoff
0,292Harnsäure
1,369Schwefelsäure
2,302Phosphorsäure und
13,615Chlor;

das Körpergewicht aber täglich um 138 Grm. zunahm; dass dagegen in den letzten 3 Tagen beim Genuss von 1977 CC. Fluidis entleert wurden: 1655 CC. Urin mit

24,583 Grm. Harnstoff
0,095Harnsäure
1,469Schwefelsäure
1,679Phosphorsäure und
11,857Chlor;

und dass dabei das Körpergewicht täglich um 52 Grm. abnahm.—

Die Hauptergebnisse dieser Untersuchungen springen leicht in die Augen.—Zunächst ist die Menge des Harnstoffs wieder auf ganz dieselbe Höhe zurückgegangen, auf welcher sie vor dem Gebrauch des Bades in Oldenburg stand; es wurden damals 24,43 Grm., jetzt 24,63 Grm. in je 24 Stunden entleert. Das Resultat stellt sich sowohl bei Berechnung des Mittelwerthes aus allen 6 Tagen, als auch bei Berechnung desselben aus den zwei 3tägigen Perioden im Einzelnen heraus. Ihm entsprechend finden wir auch wieder die Schwefelsäure auf derselben Stufe, wie vor Gebrauch des Bades; wir fanden damals 1,404 Grm., jetzt 1,419 Grm. in 24 Stunden. Schwefelsäure und Harnstoff zeigen, wie in allen obigen Untersuchungen, so auch hier wieder einen beständigen Parallelismus.—Die Deutung dieser Verhältnisse ist nicht schwierig. Die durch Seeluft und Seebad bedingte Beschleunigung des Stoffwechsels hörte sofort nach Rückkehr auf den Continent auf; die Consumption grösserer Mengen Nahrungsmaterial war nicht mehr, wie in Wangeroge, Bedürfniss; die vollkommne Befriedigung des jetzigen Nahrungsbedürfnisses hatte Statt bei einer Menge von stickstoffhaltigen Substanzen, welche per Tag 24,5 Harnstoff zu bilden vermochten. Es geht hieraus mit zweifelloser Gewissheit hervor, dass der vermehrte Consum und die eventualiter vermehrte Harnstoffausgabe in Wangeroge lediglich Folge des Seeluft- und Seebadgenusses waren. Dort, wie in Oldenburg, genoss ich ganz nach Bedürfniss; die Befriedigung desselben führte aber bei mehr oder weniger gleicher Qualität der Nahrung dort zu einer täglichen Harnstoffausgabe von 27-30 Grm., hier nur zu einer solchen von 24 Grm. Deutlicher kann die den Stoffwechsel beschleunigende Wirkung der Seeluft und des Seebades nicht wohl dargethan werden.—

Nicht so, wie mit Harnstoff und Schwefelsäure, verhielt es sich dagegen nach der Rückkehr aus dem Bade mit Harnsäure und Phosphorsäure. Trotz der der frühern ganz gleichartigen Lebensweise wurden vor dem Gebrauch des Bades täglich ausgeschieden:

0,418 Grm. Harnsäure und 2,893 Grm. Phosphorsäure,
jetzt, nach dem Bade: 0,193 u.1,990;

und trennen wir wieder die letztern 6 Tage in die 2 Mal 3 Tage, so wurden während der

ersten 3 Tage im Mittel: 0,292 Grm. Harnsäure und 2,302 Grm. Phosphorsäure, dagegen
während der letzten 3 Tage: 0,095 u.1,679entleert.—

Auch hier tritt uns zunächst wieder der oben so oft beobachtete Parallelismus der Harnsäure und Phosphorsäure entgegen, ein Umstand, auf den ich, bei der Bedeutung der Phosphorsäure für den Ernährungsprocess und bei der Mangelhaftigkeit der Physiologie des letztern jedesmal von Neuem aufmerksam machen möchte. Dann aber fällt es sofort auf, dass beide Stoffe, nicht wie Harnstoff und Schwefelsäure zu dem vor dem Badegebrauch beobachteten Mengenverhältniss zurückkehren, vielmehr weit hinter demselben zurückbleiben, ja noch unter das im Bade selbst beobachtete Minimum herabsinken; dass ferner diese auffallende Erscheinung am frappantesten in einem Zeitraum, der 4 Wochen von der letzten Badezeit getrennt war, hervortritt.—Bestätigen fernere Untersuchungen dieses Factum, so wird dasselbe ohne Frage zur Erklärung der so oft beobachteten s. g. Nachwirkung des Seebades auf den Ernährungsprocess benutzt werden können und uns die nachträgliche Hebung des letztern in ihrem wahren Grunde erkennen lassen.—Erinnern wir uns der obigen Annahme, dass der Gebrauch des Bades die Production von Harnsäure im Organismus absolut steigere, eine vermehrte Ausscheidung derselben bedinge,—ein Verhältniss, dessen causaler Nexus vorläufig dahingestellt bleiben muss—, so ist die auffallende Verminderung der Harnsäurequantität in den nächsten 4 Wochen nach dem Bade nicht eben auffallend. Die Harnsäure kann sowohl aus integrirenden Körperbestandtheilen, als direct aus den eingeführten Nahrungsmitteln hervorgehen. Es ist sehr wohl möglich, dass im Gange des gewöhnlichen Lebens jene integrirenden Körperbestandtheile einen sehr bedeutenden Theil des Bildungsmateriales für die Harnsäure liefern, und eben so möglich wieder, dass das Seebad die Metamorphose dieses Bildungsmateriales in der Weise beschleunigt, dass eine „absolut vermehrte Harnsäureproduction“ resultirt und für die nachfolgende Zeit der Vorrath an jenem Materiale einstweilen erschöpft ist. Dann erscheint selbstverständlich im Harne nur diejenige Quantität Harnsäure, welche aus den eingeführten Nahrungsmitteln direct hervorgeht, eine Quantität etwa, wie wir sie in den letzten Untersuchungsperioden gefunden haben. Wird nun aber in dieser Weise in Folge des Badegebrauchs absolut weniger Harnsäure im Organismus producirt, so wird, nach den oben gegebenen Auseinandersetzungen, damit auch weniger Oxalsäure gebildet und damit endlich eine geringere Ausscheidung von Phosphaten bedingt. Der Organismus erfährt jetzt also, ebenso wie während des Aufenthaltes auf der Insel, noch fortdauernd einen Gewinn an Phosphorsäure, ein Gewinn, der im Stande ist uns diejenigen Zunahmen des Embonpoint zu erklären, die wir oftmals erst im 2ten oder 3ten Monat nach dem Gebrauch des Seebades zu beobachten Gelegenheit haben, ein Gewinn ferner, der im vorliegenden Falle nicht unbedeutend war, wenn wir bedenken, dass vor dem Bade täglich 2,893 Grm., nach der Badezeit aber nur 1,990 Grm. Phosphorsäure ausgeschieden wurden.—Erinnere man sich bei der Ueberlegung dieser Thatsachen und Vermuthungen stets des Experimentes von Wöhler und Frerichs, welches nach Harnsäurefütterung eine Vermehrung des Harnstoffgehaltes des Urins und Erscheinen von Oxalsäure in demselben kennen lehrte; erinnere man sich ferner des von mir erwiesenen Satzes, dass reichlicher Gehalt des Urins an Oxalaten immer zusammenfällt mit abnorm reichlichem Gehalt desselben an Erdphosphaten—, und, ich meine, wir gewinnen damit eine Einsicht in die schwierigen Verhältnisse des Ernährungsprocesses, die für Pathologie sowohl, als Therapie von grossem Werthe ist. An stickstoffhaltigem Materiale (Albuminaten) und an Fetten fehlt es selten, vielleicht nur in wirklichen Inanitionszuständen; aber das dritte Requisit für den Zellenbildungsprocess, die Phosphorsäure (und specieller: der phosphorsaure Kalk) ist vermöge seiner Abhängigkeit von leicht veränderlichen Verhältnissen der Stoffmetamorphose (Harnsäure- und Oxalsäurebildung) steten Schwankungen unterworfen und bedingt—ich bin davon überzeugt—in der grossen Mehrzahl der Fälle allein die mannigfachen Schwankungen in der Körperzu- und -abnahme, die uns im praktischen Leben entgegentreten. Das Studium der Wirkung des Seebades ist in der That nicht sowohl deshalb von Wichtigkeit, weil es uns mit der Wirkung eines einzelnen Heilmittels vertraut macht, sondern namentlich deshalb, weil es auf die gesammte Lehre von dem Ernährungsprocess des Körpers ein bedeutendes Licht zu verbreiten verspricht.—

Wir bringen also die Verminderung der Harnsäure im Urin in der dem Seebade folgenden Zeit noch auf Rechnung des Bades, es documentirt sich in ihr eine s. g. Nachwirkung; ihr entsprechend ist die Phosphorsäureausscheidung gering; die Ernährung des Körpers hebt sich noch fort und fort.—Die Körpergewichtsbestimmungen dienen zur Unterstützung dieser Ansicht.—Während das Körpergewicht am Ende der Untersuchungen auf Wangeroge, am 12ten August, 125

321 Grm. betrug, belief es sich am 1sten Septbr. zu gleicher Tageszeit auf 127

175 Grm. Der in Wangeroge erreichte Gewinn war also nicht nur ein bleibender, sondern wuchs noch, auch nach erfolgter Rückkehr. Und wenn dieser fortschreitende Gewinn in der ersten Zeit des September sich nicht mehr so augenscheinlich kund gab, wenn wir am 13. Septbr. wieder ein Gewicht von nur 126

30 Grm. finden, so mag das in dem durch sehr angestrengte Thätigkeit gesteigerten Stoffverbrauche, wie er in der That im September Statt hatte, seinen Grund haben, nicht aber den obigen Satz entkräften.—Während der letzten 3 Untersuchungstage, vom 12.-15. Septbr., hatte sogar täglich eine geringe Körpergewichtsabnahme (von 52 Grm.) Statt. Aber ich muss zur Erklärung dieser auf die während dieser 3 Tage aus unbekannten Gründen sehr gesteigerte Diurese aufmerksam machen. Bei nicht geringer Hauttranspiration und reichlichen Darmentleerungen wurden bei täglichem Genuss von 1977 CC. Fluidis 1655 CC. Urin entleert, ein Verhältniss, welches in Vergleich mit den frühern eine noch viel bedeutendere, momentane Gewichtsabnahme hätte erwarten lassen.—Bei Beurtheilung der Gewichtsverhältnisse des Körpers sind selbstverständlich stets alle Factoren der Stoffmetamorphose, die Einnahmen und gesammten Ausgaben zu berücksichtigen; ein Tag oder wenige aufeinanderfolgende Tage können durch gesteigerte Diurese, Hauttranspiration oder Darmentleerung sehr leicht einen Körpergewichtsverlust von einigen Pfunden bedingen, ohne dass man deshalb schon von einem beeinträchtigten oder sinkenden Ernährungsvorgang reden darf; der momentane Verlust gleicht sich rasch wieder aus. Nur wenn in Zeiträumen von 8, 14, 21 u. s. w. Tagen Veränderungen in den Körpergewichtsverhältnissen eintreten, ist ein Schluss auf die Energie des Ernährungsprocesses zulässig. Solches ist aber, mit Ausnahme der letzten 3 Untersuchungstage bei meinen Untersuchungen der Fall—und wenn das Körpergewicht vor Gebrauch des Bades am 9ten Juli 120

400 Grm. betrug, 14 Tage nach dem Bade, am 1sten Septbr., sich aber auf 127

175 Grm., und noch 14 Tage später, am 14. Septbr., auf 126

23 Grm. belief, so liegt darin mit aller Bestimmtheit der Beweis, dass das Seebad den Ernährungsprocess hebt, die Anbildung von Körpersubstanz befördert; und diese Wirkung zeigt sich sicher sowohl während des Aufenthaltes auf der Insel selbst, als auch noch in der der Badezeit zunächst folgenden Zeit[19].—

[19] Am Tage, wo mir diese Zeilen zur Correctur vorliegen, den 12. Decbr. 1854 Morgens 10 Uhr, beträgt das Körpergewicht: 126 Pfd. 422 Grm. Der Gewinn an Körpersubstanz ist also ein andauernd bleibender geworden, ohne dass die Lebensverhältnisse gegen die frühern im Januar und Februar verändert gewesen wären.—

Was endlich den Chlorgehalt des Urins in dieser dem Bade folgenden Zeit betrifft, so stand derselbe im Mittel eben so hoch, als während der letzten Badezeit.—Während dieser wurden täglich 12,019 Grm., in Oldenburg täglich 12,736 Grm. entleert. Im Vergleich zur Oldenburger Zeit vor dem Bade wurden jetzt täglich circa 2 Grm. Chlor mehr ausgeschieden. Ich glaube nicht, dass diese Vermehrung als Folge des Bades anzusehen ist. Ebenso wie ich oben die Vermehrung des Chlorgehaltes des Urins während der Badezeit nur als Folge gesteigerten Salzgenusses ansprach, so möchte ich es auch hier thun. In beiden letzten 3tägigen Untersuchungsperioden kam ein Tag vor, an welchem sehr salzreiche Speisen (Häring und gesalzener Schinken) genossen wurden; an jedem dieser Tage war der Chlorgehalt des Urins abnorm hoch; am 31sten Septbr. belief er sich auf 18,419 Grm.; am 14ten Septbr. auf 14,433 Grm. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass nur hierdurch die höhere Mittelzahl von 12,736 Grm. per Tag bedingt wurde. Die übrigen Tage geben ein Mittel, das ganz demjenigen gleich steht, welches in Oldenburg vor Gebrauch des Bades beobachtet wurde.—Dieses Verhältniss gesteigerten Salzgenusses muss ich auch zur Erklärung der bedeutenden Wasserausgabe durch die Nieren in der letzten 3tägigen Periode in Anschlag bringen; bei ziemlich beträchtlicher Hautfunction und geregelter Darmentleerung kam sonst ein Verhältniss von 1977 CC. Fluidis : 1655 CC. Urin nicht vor;—und dass reichlicher Salzgenuss das Wasserbedürfniss, wie die Urinsecretion steigert, ist eine bekannte Thatsache.—Andrerseits wollen wir aber auch nicht verkennen, dass nach Aufhören des Bades die gesteigerte Thätigkeit der Haut wieder nachliess und wenn in den ersten 3 Tagen der letzten Untersuchungen noch ein ähnliches Verhältniss zwischen genossenem Fluidum und entleertem Urin (1917 CC. : 1279 CC.) obwaltete, wie zur Badezeit, so mag die Veränderung desselben in den letzten 3 Tagen (1977 : 1655) zum Theil wenigstens von der allmälig nachlassenden Haut- und wieder gesteigerten Nierenthätigkeit bedingt gewesen sein.—

Endlich habe ich noch eines wichtigen Umstandes zu gedenken. Es wurde oben schon mehrfach erwähnt, dass während des Gebrauches des Seebades der Urin stets stark sauer oder sauer, fast nie aber schwach sauer reagirte. Die letzten 6 Beobachtungstage zeigen uns, dass auf dem Festlande und unter den frühern gleichen Lebensverhältnissen der Säuregrad des Urins sofort wieder ein geringerer wurde; der Urin reagirte mehrfach nicht nur schwach sauer, sondern mitunter sogar alkalisch.—Bei dem Mangel unserer Kenntniss der Bedingungen des verschiedenen Säuregrades des Urins enthalte ich mich auch hier wieder aller Hypothesen in Betreff dieses Umstandes; das Factum ist aber wichtig genug, um die vollste Aufmerksamkeit späterer Beobachter zu verdienen.—

Damit schliesse ich die Reihe der in Frage kommenden Untersuchungen ab; zum Schluss stelle ich nur noch der klaren Uebersicht halber die sämmtlichen aufgefundenen Mittelwerthe zusammen: