ZEHNTES KAPITEL
CACAO. — KAFFEE. — KIRCHWEIHFEST. — LEBEN IN DARAGA.
Ein herabspringender Stein hatte mich auf dem Mayon so erheblich am Fusse verletzt, dass ich über einen Monat nicht ausgehn konnte. Unter solchen Umständen war es sehr angenehm eine geräumige bequeme Wohnung zu haben. Mein Häuschen lag an einem klaren Bach von einem Garten umgeben, in welchem Kaffee, Cacao, Orangen, Bananen, Papayas in üppiger Fülle zwischen hohem Unkraut wuchsen. Viele überreife Cacaofrüchte waren unbenutzt abgefallen, ich liess die reifen sammeln, rösten und mit gleicher Menge Zucker zu Chocolade verarbeiten, eine Kunst, die hier in jeder grösseren Haushaltung verstanden wird; denn Chocolade vertritt bekanntlich bei den Spaniern die Stelle des Thee’s und Kaffee’s; auch die Mestizen und bemittelten Eingeborenen machen starken Gebrauch davon.
Der Cacaobaum stammt aus dem zentralen Amerika, reicht dort von 23° N. bis 20° S. (von 30° N. bis 30° S. Rappt. Jury XI, 268), gedeiht aber nur in den heissesten, feuchtesten Erdstrichen. Nach Karsten setzt er bei einer mittleren Temperatur von unter 23°.3 C. schon keine Frucht mehr an, von allen Kulturfrüchten verlangt er die grösste Wärmemenge.
In die Philippinen wurde er von Acapulco aus eingeführt, entweder nach Camarines 1670 durch einen Steuermann, Pedro Brabo de Lagunas, oder nach Samar, unter Salcédo’s Regierung (1663–1668) durch die Jesuiten.[1] Seitdem hat er sich über einen grossen Theil der Inseln verbreitet, und, obgleich wohl nie Gegenstand besonderer Pflege, ist seine Frucht doch von vorzüglicher Beschaffenheit. Der Cacao von Albay steht, wenn man den im Lande dafür gezahlten Preis als Maassstab gelten lässt, dem Carácas wenigstens gleich, der in Europa den ersten Rang behauptet und wegen seines hohen Preises gewöhnlich zu drei Vierteln mit geringeren Sorten gemischt wird.[2] Man findet aber den Strauch meist nur in kleinen Gärten, in unmittelbarer Nähe der Häuser, und so gross ist die Trägheit der Indier, dass sie die Früchte häufig verfaulen lassen, ohne die köstlichen Saamen zu nutzen, obgleich der einheimische Cacao höher im Preise steht als der eingeführte. Auf Cebú und Négros wird etwas mehr gebaut, aber lange nicht ausreichend für den Bedarf der Kolonie, die das Fehlende gewöhnlich von Ternate und Mindanao einführt. Den besten Cacao der Philippinen erzeugt die kleine Insel Maripipi, NW. von Leyte; er ist schwer zu haben, gewöhnlich schon voraus bestellt, das Liter wird gern mit 1 Dollar bezahlt; der von Albay gilt 2 bis 2½ Doll. die Ganta (3 Liter).
Der Indier steckt die zum Keimen bestimmten Kerne gewöhnlich einzeln mit etwas Erde in dütenförmig gefaltete Blätter und hängt sie unter seinem Dache auf. Sie wachsen schnell und werden, um die Entwicklung des Unkrauts zu hemmen, in sehr geringen Entfernungen von einander (6′ bis 7′) ausgepflanzt. Diesem Verfahren ist es wohl zuzuschreiben, dass sich die Pflanzen nur zu Sträuchern von 8 bis 10 Fuss Höhe entwickeln, während sie in ihrem Vaterlande bis 30′, manche Arten selbst 40′ hoch werden. (Nach Angabe des Paters von Borongan freilich kommen auf einer kleinen Insel bei Guiuan ausserordentlich grosse Cacaobäume vor.) Dennoch soll ein solcher Strauch, der schon im 3ten oder 4ten Jahre die ersten Früchte trägt, vom 5ten oder 6ten Jahre an volle Ernten von je einer Ganta Cacao geben die, (wie oben bemerkt), 2 bis 2½ Doll. gilt, und immer Käufer findet.[3] Der Nutzen einer in vollem Ertrage stehenden Pflanzung muss daher höchst beträchtlich sein. Trotz dem ist es bisher nicht gelungen den Cacaobaum im Grossen einzubürgern. Es heisst die ökonomische Gesellschaft habe eine erhebliche Geldprämie für Jeden ausgesetzt, der eine Pflanzung von 10,000 tragenden Bäumen aufweisen könnte, nur ein Einziger, der verdiente Oidor Azoala, soll sie gewonnen, die Pflanzung aber trotz der gebrachten Opfer wieder aufgegeben haben. (Im Bericht über die Thätigkeit der Gesellschaft finde ich diese Prämie nicht erwähnt.)
Das Haupthinderniss scheint in den fast alljährlich wiederkehrenden gewaltigen Stürmen zu liegen, die zuweilen in einem Tage eine ganze Pflanzung der nicht tief wurzelnden Bäumchen zerstören. 1856 soll ein einziger Taifun mehrere bedeutende Plantagen kurz vor der Ernte von Grund aus vernichtet und dadurch allgemeine Entmuthigung hervorgerufen haben.[4] In Folge davon wurde eine Zeitlang die steuerfreie Einführung von Cacao gestattet und man konnte den von Guayaquíl für 15 Doll. den Quintál kaufen, während der einheimische mehr als das doppelte galt.
Der Baum hat auch viel durch feindliche Insekten zu leiden, durch eine Krankheit deren Ursache unbekannt,[5] und wird, abgesehn von andern Raubthieren, besonders von Ratten heimgesucht, die zuweilen in solchen Schaaren einfallen, dass sie in einer Nacht die ganze Ernte vernichten. Gutgehaltene Cacaopflanzungen werden von amerikanischen Reisenden als sehr schön geschildert. In den Philippinen, wenigstens in Ost-Luzon, zeigt der enggepflanzte, vernachlässigte, von Flechten bedeckte Baum schon früh ein greisenhaftes Ansehn. Seine Lebensdauer ist kurz. Die zuweilen fast fusslangen ovalen Blätter hängen vereinzelt an den Zweigen, bilden keine dichte Krone, die Blüthen sind sehr unscheinbar, nicht grösser als Lindenblüthen, röthlich gelb, und brechen an langen Stielen einzeln, oder in kleinen Büscheln unmittelbar aus dem Stamm oder den stärkeren Aesten hervor. Die Frucht reift in sechs Monaten, wird 5 bis 8″ lang, gleicht einer sehr warzigen Gurke und ist im reifen Zustand roth oder gelb. Zwei Spielarten scheinen auf den Philippinen nur gebaut zu werden.[6] Das Fleisch ist weiss, breiartig weich, schmeckt angenehm säuerlich, und enthält in fünf Reihen anderthalb bis zwei Dutzend Kerne, die so gross sind wie Mandeln und wie diese aus zwei Samenlappen und einem kleinen Keim bestehen, dies sind die Cacaobohnen, geröstet und fein gerieben geben sie Cacao, dieser mit Zucker und gewöhnlich auch mit Gewürzen vermischt, Chocolade. Bis vor wenigen Jahren bereitete fast jede Haushaltung in den Philippinen ihre Chocolade selbst, nur aus Cacao und Zucker. Indier, die Chocolade geniessen, setzen oft gerösteten Reis dazu. Jetzt ist in Manila eine Fabrik errichtet, die Chocolade nach europäischer Art bereitet. Ein beliebter Zusatz zur Chocolade in den örtlichen Provinzen sind geröstete Pilikerne.[7]
Die Europäer lernten das aus dem Cacao bereitete Getränk zuerst in Mexico unter dem Namen Chocolatl kennen.[8] Schon zur Zeit Cortes’, eines leidenschaftlichen Chocoladentrinkers, war der Baum Gegenstand ausgedehnter Kultur. Die Cacaokerne vertraten bei den Azteken die Stelle des Geldes, Montezúma empfing darin einen Theil seines Tributes. Bei den alten Mexicanern genossen aber nur die Reichen den Cacao ungemischt, die andern setzten, wegen des hohen Werthes der Bohne als Münze, Mais- oder Mandioca-Mehl dazu. Noch heut dienen in Zentral-Amerika die Cacaobohnen als Scheidemünze, weil kein Kupfergeld vorhanden ist, die kleinste Silbermünze aber ½ Real beträgt.[9] Doch soll es im zentralen Amerika und am Orinoco noch jetzt undurchdringliche Wälder geben, die fast ganz aus wilden Cacaobäumen bestehn.[10] Ein Theil ihrer Früchte wird auch gesammelt, ist aber von sehr geringem Werth. Schon an und für sich weniger aromatisch als die kultivirten Sorten, können sie nicht mit Sorgfalt zur rechten Zeit gepflückt und getrocknet werden und verderben auf dem langen Transport durch die feuchten Wälder.
Bis vor kurzem, als namentlich Franzosen sehr bedeutende Pflanzungen in Zentral-Amerika anlegten, hatte der Ertrag in den amerikanischen Produktionsländern seit Aufhebung der Sklaverei fast von Jahr zu Jahr abgenommen. Obgleich nach F. Engel eine gedeihende Cacaopflanzung bei geringer Mühe und Auslage mehr Ertrag giebt als jede andre tropische Kultur, so sind auch dort die Ernten, die überdies erst nach 5 oder 6 Jahren beginnen, wegen der vielen Feinde der Pflanze nicht sicher, die Kultur eignet sich daher nur für grössere Kapitalisten oder ganz kleine Bauern, die den Baum in ihren Gärten ziehen. Die grossen Pflanzungen sind aber nach Aufhebung der Sklaverei meist in Verfall gekommen und die frei gewordenen Sklaven sind zu unbetriebsam.
In Europa mundete die ursprüngliche Chocolade nicht allgemein; sie fand erst später durch Zusatz von Zucker grössern Anklang. Das übertriebene Lob ihrer Verehrer rief den erbitterten Widerspruch der Gegner des neuen Getränks hervor, auch regten sich bei den Geistlichen Gewissensskrupel wegen des Gebrauchs des nahrhaften Cacao als Fastenspeise. Der Streit dauerte bis zum 17. Jahrhundert fort, wo das Getränk in Spanien zum allgemeinen Bedürfniss wurde.[11] In Spanien wurde der Cacao 1520 eingeführt, die Chocolade zuerst heimlich bereitet, wegen des Monopols der Conquistadoren. 1580 war sie dort schon in allgemeinem Gebrauch, in England aber so unbekannt, dass 1579 ein englischer Kapitän eine weggenommene Ladung als nutzlos verbrannte (Kottenkamp I., 579). Nach Italien kam sie 1606, nach Frankreich wahrscheinlich durch Anna von Oesterreich. In London wurde 1657 das erste Chocoladenhaus eröffnet. Deutschland folgte 1700 nach.[12]
Mit dem Kaffee geht es in den Philippinen beinahe wie mit dem Cacao. Der Strauch gedeiht vorzüglich, seine Frucht ist von so ausgezeichnetem Geschmack, dass geringer Manila-Kaffee wie guter Java bezahlt wird, dennoch ist die Kaffeeproduktion der Philippinen höchst unbedeutend und verdiente bis vor Kurzem kaum der Erwähnung. Nach dem Berichte eines Engländers von 1828[13] war der Kaffeestrauch vierzig Jahre vorher unbekannt, nur durch wenige Exemplare in den Gärten Manila’s vertreten. Von dort nach Laguna verpflanzt, vermehrte er sich schnell durch Vermittelung eines kleinen Raubthiers (Paradoxurus Musanga), das nur die reifsten Früchte nascht und die harten Kerne (die Kaffeebohnen) unverdaut auswirft.[14] Die Sociedad economica bemühte sich ihrerseits durch Ertheilung von Preisen zur Anlage grösserer Kaffeepflanzungen zu ermuntern. 1837 gewährte sie P. de la Gironnière eine Prämie von 1000 Doll., weil er über 60,000 Kaffeepflanzen im Zustande der zweiten Ernte aufweisen konnte, und in den folgenden Jahren noch vier Prämien an Andre für dieselbe Leistung. Aber sobald die Prämien gewonnen waren, liess man die Pflanzungen wieder verwildern. Daraus scheint hervorzugehn, dass die Unternehmungen bei den damaligen Marktpreisen und künstlich gesteigerten Frachten keinen hinreichenden Nutzen gewährten.
Was patriotische Bestrebungen vergeblich versucht, scheint jetzt die bedeutende Steigerung der Kaffeepreise bei gleichzeitiger Erleichterung des Verkehrs allmälig zu bewirken: 1856 betrug die Kaffeeausfuhr nicht über 7000 Picos, 1865: 37,588 P., 1871: 53,370 Picos. Diese Steigerung giebt aber noch nicht das Maass für die Zunahme der Pflanzungen, da diese in den ersten Jahren nach der Anlage keinen Ertrag liefern. In Kurzem darf wohl mit Zuversicht eine höhere Ausfuhr erwartet werden. Aber selbst diese dürfte nicht als Maassstab für die Leistungsfähigkeit der Kolonie gelten. Erst wenn europäisches Kapital grössere Pflanzungen an geeigneten Oertlichkeiten hervorruft, werden die Philippinen den gebührenden Rang unter den Kaffee erzeugenden Ländern einnehmen.
Den besten Kaffee liefern die Provinzen Lagúna, Batángas und Cavíte, den schlechtesten Mindanao; letzterer ist in Folge nachlässiger Behandlung sehr unrein, enthält viele schwarze Bohnen beigemischt. Die Mindanaobohnen sind gelblichweiss (pale), während die von Lagúna grünlich und fast um die Hälfte kleiner sind als jene.
Von Kennern wird der Manila-Kaffee sehr hoch geschätzt und stets entsprechend bezahlt, obgleich er nicht so sauber aussieht als Ceylon und manche andre sorgfältiger behandelte Sorten. Jedenfalls ist es bemerkenswerth, dass Frankreich 1865, ausser 105,000 Frcs. Manila-Hanf, fast nichts als Kaffee aus den Philippinen einführte, davon aber für 1,042,000 Frcs., d. h. mehr als ein Drittel der Gesammternte.[15] In London wird Manila-Kaffee nicht besonders gewürdigt und nicht besser als guter Native Ceylon (60 Schillinge pr. Cwt.) bezahlt,[16] weil er dem englischen Geschmack nicht entspricht; dies ist aber kein Vorwurf für den Kaffee, wie Jeder, der den englischen Kaffeegeschmack kennt, einräumen wird.
Einer der Hauptabnehmer wird mit der Zeit wohl Californien werden, ein vortrefflicher Kunde der für gute Waare gern ermunternde Preise zahlt.[17] 1868 galt der Kaffee in Manila selbst, mit sehr geringen Schwankungen 16 Doll. per Pikul[18] (1871: 13 Doll. 50 C.) d. h. nicht viel unter dem Londoner Marktpreise. In Java zahlt die Regierung den zum Kaffeebau gezwungenen Eingeborenen 9 fl. 20 c. (etwa 3½ Doll. für den Pikul).
Wie unbedeutend die oben angeführte Kaffeeproduktion im Verhältniss zur Produktionskraft der Kolonie ist, ergiebt sich am besten aus dem Vergleich mit der Ausfuhr anderer Länder. Nach Scherzer, Fachmännische Berichte, 71, betrug 1868 die Kaffeeausfuhr von Brasilien 4,262,000 Zoll-Ctr., Java und Sumatra 1,400,058, Ceylon 1,023,455 Zoll-Ctr.
In meinen Reiseskizzen (S. 158) wurde die Abnahme der Kaffeeproduktion in Java unter dem »Kultursystem,« die Zunahme derselben in Ceylon bei freier Arbeit hervorgehoben und als Ertrag des Jahres 1858/59 67,500 Tonnen für Java, 35,000 T. für Ceylon angegeben. Beide Ursachen haben seitdem fortgewirkt und Niederländisch-Indien erzeugte 1866 nur 56,000 T. (in 7 Jahren 11,000 T. weniger), Ceylon 36,000 T. (1000 T. mehr).[19]
Während meines gezwungenen Aufenthalts in Darága brachten mir die Eingeborenen Muscheln und Käfer zum Kauf und eine Anzahl meldeten sich um in meinen Dienst zu treten, da sie »Beruf zum Naturforscher in sich fühlten«. Ich hatte ihrer endlich eine ganze Küche voll. Täglich gingen sie aus, um Insekten zu sammeln; freilich waren sie gewöhnlich nicht glücklich, desto munterer ging es aber bei den Mahlzeiten zu. Fast täglich erhielt ich freundliche Besuche von benachbarten Spaniern. Auch mehrere eingeborene Würdenträger und Mestizen besuchten mich, selbst aus grösserer Ferne, nicht sowohl um mich, als um meinen Hut zu sehn, dessen Ruf sich über die Grenzen der Provinz verbreitet hatte. Er bestand aus Nito[20], hatte die landesübliche zweckmässige Pilzform, war aber mit einer Spitze zum Aufstecken einer kleinen stark leuchtenden Laterne versehn, auf deren Oellampe, wenn unbenutzt ein dicht schliessender Deckel, wie bei einer Löthrohrlampe geschraubt wurde, so dass man die Laterne in der Tasche tragen konnte. Die Einrichtung erwies sich namentlich beim Reiten im Dunkeln als höchst zweckmässig.
Im benachbarten Puéblo, Tabaco, wurden aus demselben Stoff Zigarrentaschen geflochten. Sie kommen wohl kaum in den Handel, und werden nur auf vorherige Bestellung angefertigt. Um ein Dutzend zu erhalten, muss man sich an ebensoviele Individuen wenden, und es dauert günstigen Falles mehrere Monate, bis eine Tasche vollendet wird. Der Stiel des Farn hat die Dicke eines Schwefelholzes, man sucht möglichst lange Stücke zwischen zwei Blattansätzen aus, spaltet sie in 4 Theile und jedes Viertel durch Aufschlitzen und Zwischenklemmen des Fingers noch einmal; dann nimmt der Arbeiter ein Messer in die fest aufliegende linke Hand, den Daumen auf den Rücken, die Schärfe gegen den Zeigefinger gerichtet, und zieht die Streifen so oft unter der Klinge durch, bis sie von den innern, weniger zähen Theilen befreit und hinreichend fein sind, eine viel Geduld und Geschick erfordernde Arbeit. Geflochten wird über eine zwei Fuss lange zylindrische, nach unten spitz zulaufende Holzform. In der Mitte der geraden Endfläche steckt ein Stift um welchen das Geflecht beginnt; ist der dem Durchmesser der Walze entsprechende Boden der Tasche vollendet, so wird mittelst eines Stiftes eine kleine Holzscheibe auf den Boden der Tasche gepresst, die ihn während des Flechtens der Seitenwand festhält.
Meine erste Ausfahrt war zur Kirchweih nach Legáspi, wo die Indier Abends Theater spielten. Ein aus politischen Gründen verbannter Spanier hatte die Anordnung übernommen. Zu beiden Seiten der mit Palmenblättern überdachten Bühne befanden sich erhöhte bedeckte Gallerien für die Honoratioren; der dem grossen Publikum bestimmte mittlere Raum war oben offen. Es wurde ein grosses Schauspiel aus der Persergeschichte gegeben, in spanischer Sprache, mit Fantasiekostümen. Da das Theater an einer lebhaften Strasse lag, die selbst einen Theil des Zuschauerraumes bildete, so war der Lärm so gross, dass man nur hin und wieder ein Wort vernehmen konnte. Die Schauspieler marschirten bei dem Hersagen ihrer Rollen, deren Sinn sie nicht einmal sprachlich verstanden, von einer Seite zur andern, indem sie die Arme auf und abbewegten; am Rande der Bühne angekommen machten sie Kehrt und setzten ihren Marsch in entgegengesetzter Richtung fort, wie Schiffe, die gegen den Wind kreuzen; sie verzogen dabei keine Miene, und sprachen, wie Automaten. Hätte man wenigstens den Text verstehn können, so wäre der Kontrast desselben mit den maschinenartigen Bewegungen gewiss drollig gewesen; Lärm, Hitze und Qualm waren aber so gross, dass wir nur kurze Zeit blieben.
Das Schauspiel sowohl als das ganze Fest trug das Gepräge der Schlaffheit und Gleichgültigkeit, des unverstanden Nachgeahmten. Vergleicht man die ausgelassene Fröhlichkeit bei den Kirchweihen in Europa mit den ausdruckslosen starren Gesichtern der Indier, so begreift man kaum warum dergleichen Feste mit so grossem Aufwande von Zeit und Geld gefeiert werden.
Derselbe Mangel an Fröhlichkeit wird von vielen Reisenden in noch höherem Grade bei den Indianern Amerika’s bemerkt und von einigen aus einer geringeren Entwicklung des Nervensystems erklärt, daher auch der wunderbare Gleichmuth jener beim Ertragen von Schmerz. Das Gesicht des Indianers ist nach Tylor[21] so verschieden von dem unsrigen, dass der Europäer erst nach Jahre langer Uebung seinen Ausdruck deuten lernt. Beide Ursachen mögen zusammenwirken. Wenn aber auch lebhafte Aeusserungen der Freude nicht wahrzunehmen waren, so findet doch der Indier grosses Vergnügen schon an den wochenlang dauernden Vorbereitungen zur Ausschmückung des Dorfes, noch grösseres bei dem Feste selbst an den Prozessionen, bei denen jeder in seinem besten Putz oder den Abzeichen seiner Würde erscheint. Der Kampf um den Vortritt, um die Ehre eine Fahne zu tragen, erfüllt den also Begünstigten mit dem höchsten Stolz und erregt den Neid der Uebrigen. Aus allen nahegelegenen Ortschaften kommt Besuch, ganze Triumphbogen von Bambus und Laubwerk werden von benachbarten Gemeinden, mit der Inschrift Obsequio del puéblo de ... mitgebracht und aufgerichtet. Zuweilen wird auch stark gezecht. Die Filipinos haben Vorliebe für geistige Getränke; selbst junge Mädchen berauschen sich gelegentlich gern. Für die Nacht finden die fremden Gäste die entgegenkommendste Aufnahme in den Häusern des Pueblo. Ueberhaupt strahlt die Gastfreundschaft bei solchen Gelegenheiten in hellem Licht. Jedes Haus steht Jedem offen. In den grösseren Ortschaften fehlt es auch nicht an Bällen, es tanzen aber gewöhnlich nur Spanier und Mestizen mit Mestizinnen; blos ausnahmsweise wird eine begünstigte Indierin aufgefordert. Unter sich pflegen die Eingeborenen selten zu tanzen; in Samar sah ich aber einmal einen nicht ungraziösen, angeblich einheimischen Tanz aufführen, zu dem »improvisirte« Strophen gesungen wurden: der Tänzer verglich seine Dame mit einer Rose, und sie erwiderte, er möge sich hüten sie zu berühren, da sie auch Dornen habe; was im Munde einer Andalusierin reizend geklungen hätte, bei der Indierin aber nur den Ursprung der Improvisation verrieth.
Das müssige Leben in Darága gefiel meinen Dienern und ihren zahlreichen Freunden so gut, dass sie es gern so lange als möglich geniessen wollten. Sie wählten dazu oft sinnreiche Mittel. Zweimal, als alles zum Aufbruch für den nächsten Morgen gerüstet war, wurden Nachts meine Schuhe gestohlen. Ein andermal stahl man mir mein Pferd. Hat ein Indier eine schwere Last zu befördern, oder einen anstrengenden Ritt zu machen, so benutzt er dazu gern den wohlgenährten Gaul eines Castila, und lässt ihn dann ungefüttert laufen, bis ihn jemand auffängt und in das nächste Tribunal liefert. Dort wird er angebunden und muss so lange hungern bis ihn sein Herr reklamirt und den angerichteten Schaden ersetzt. Ich hatte einen Dollar zu zahlen, da mein Pferd, obgleich es sehr verhungert that, in der Zwischenzeit für einen Dollar Reis genascht haben sollte.
Kleine Diebstähle kamen sehr häufig vor, werden aber, wie mich ein freundlicher Gönner eines Abends belehrte, als ich ihm mein Elend klagte, nur gegen neue Ankömmlinge verübt; lange dort angesessene Leute, die sich der allgemeinen Achtung erfreun, sind solchen Ungelegenheiten nicht ausgesetzt. Ich weiss nicht, ob ein schalkhafter Eingeborener unsere Unterhaltung belauscht hatte, aber am nächsten Morgen sandte der freundliche Herr, der mir oft aus der Noth geholfen hatte, zu mir, und liess sich Chocolade, Zwieback und Eier holen, da man ihm in der Nacht Speisekammer und Hühnerstall ausgeräumt hatte.
Montag und Freitag Abend war Markt in Darága, — bei gutem Wetter immer ein hübscher Anblick. Man sah dann die Frauen, die fast ausschliesslich den Verkauf besorgen, nett und sehr sauber gekleidet, in langen von Fackeln glitzernden Reihen sitzen, und auf den Abhängen der Berge bei Fackelschein nach allen Richtungen in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie tragen ihre Waaren, darunter viele selbst gewebte Stoffe von Seide, Ananas- und Bananen-Fasern, auf dem Kopf; den jüngern fehlt es aber selten an Liebhabern, die ihnen die Mühe abnehmen.
Bicol Naturforscher bei Regenwetter.
Hut von Cacaoblättern und Nito-Stengeln,
Puschel von Pferdshaar.
Bastmantel.
[2] [Der Cacaoverbrauch in Europa beträgt jährlich 36 bis 40 Millionen Pfd. (Humboldt schätzte ihn 1818 auf 23 Millionen Pfund—H. und Bonpl Reise III., 206), wovon ⅓ für Frankreich, dessen Bedarf sich von 1853 (6,215,000 Pfd.) bis 1866 (12,973,534 Pfd., Werth 2,681,000 Thaler) mehr als verdoppelt hat. Venezuela liefert den feinsten Cacao für den europäischen Markt: Porto Cabello und Carácas; am besten und theuersten ist der Carácas in 4 Sorten: 1° Chuao, 2° Ghoroni, 3° O’Cumar, 4° Rio chico; sie werden auf vorzüglich gepflegten Pflanzungen von lange dort angesiedelten Basken gewonnen.
England verbraucht den in seinen eigenen Kolonien erzeugten Cacao, obgleich der Zoll (1 d. per Pfund) für alle gleich ist; Spanien, das bedeutend konsumirt, bezieht seinen Bedarf besonders aus Cuba, Portorico, auch Ecuadór, Mexico, Trinidad. Sehr beträchtliche neue Pflanzungen sind neuerdings in Nicaragua von Franzosen angelegt worden: 250,000 Bäume von denen 60,000 1867 schon trugen. (Rapp. du Jury XI, 268.)
Mehr noch als die feinsten Venezuéla-Sorten sind die Bohnen von Soconusco (Zentr.-Amer.) und Esmeraldas (Ecuadór) geschätzt; sie werden aber im Lande selbst verbraucht, kommen kaum in den Handel. Deutschland begnügt sich mit geringeren Sorten; Guayaquíl, der im Mittel etwa halb soviel als Carácas kostet, wird bei uns am meisten, mehr als von allen übrigen Sorten zusammen, eingeführt. (Vergl. A. Mitscherlich S. 39–46, wo reiches Material über den Cacaohandel in übersichtlicher Kürze zusammengestellt ist.) [↑]
[3] [Nach C. Scherzer, Central-Amerika p. 554 giebt der Baum 20 Jahre lang je 30 bis 40 Loth Ertrag; 1000 Pflanzen 1250 Pfund Cacao = 250 Doll. (zu 20 Doll. der Zentner) also 1 Baum ¼ Doll. — Mitscherlich nimmt 4 bis 6 Pfd. frische Bohnen als den mittleren Ertrag an. Ein Liter Cacaobohnen wiegt lufttrocken 630 Gr., geröstet und geschält 610 Gr. (Jordan und Timäus). [↑]
[4] 1727 zerstörte ein Orkan die durch langjährige Bemühungen geschaffenen bedeutenden Cacaopflanzungen von Martinique mit einem Schlage; dasselbe geschah auf Trinidad. Mitscherlich S. 14. [↑]
[5] F. Engel (Unsere Zeit 1. Dez. 67) nennt auch eine Krankheit (Mancha), welche in Amerika an der Wurzelbasis mit Zerstörung der Cambiumschicht beginnend, den Baum schnell tödtet und sich so rasch verbreitet, dass ganze Cacaowälder niedergehauen und in Weideplätze für das Vieh verwandelt wurden, um ihr Einhalt zu thun. Selbst in den begünstigsten Gebieten wurden nach langem ruhigen Besitz in einer einzigen Nacht kurz vor der Ernte, tausende von Bäumen durch diese Krankheit getödtet. Ein fast ebenso gefährlicher, den Anbau einschränkender Feind ist eine Motte, deren Larve die fertigen Cacaobohnen gänzlich zerstört; man kennt nur ein Mittel sie zu tödten, Kälte und Luftzug. Schon Humboldt führt an, dass Cacaobohnen, die über den kalten Kamm der Cordilleren geführt wurden, auf immer von dieser Plage frei blieben. [↑]
[6] G. Bernoulli (Uebersicht der bis jetzt bekannten Arten von Theobroma. Zürich 1869) führt im Ganzen 18 Arten an; für die Philippinen nur eine: Theobroma Cacao, Lin., nach Blüthen und Früchten aus meinem Garten in Darága bestimmt. [↑]
[7] Pili, ein Canarium, dessen Species wohl noch nicht genügend feststeht, ist in Süd-Luzon, Samar und Leyte sehr verbreitet, es fehlt dort wohl in keinem Dorfe. (Die vom Verfasser eingesandten Blüthen sind im Berliner Herbar bei dessen vielen Wanderungen von einem Ort zum andern aus massig geräumigen in immer engere Lokalitäten verlegt worden.)
Die Frucht von der Grösse einer Pflaume, aber spitzer, enthält eine harte Mandel, deren Kern roh, in Syrup eingemacht, oder kandirt genossen wird, wie Pinienkerne, denen sie im Geschmack sehr ähnlich ist. Die von Pigafetta (S. 55) auf Jomonjol angetroffenen grossen Bäume mit Früchten »etwas kleiner als Mandeln, Pinienkernen ähnlich«, sind wohl Pili gewesen. Aus den Kernen wird ein Oel gepresst, dem aus süssen Mandeln vergleichbar. Aus Einschnitten des Stammes erhält man reichlich ein weiches, angenehm riechendes, weisses Harz, das unter dem Namen Piliharz, oder Brea blanca, im Lande zum Kalfatern der Schiffe, mit Reishülsen durchknetet zu Fackeln verwendet wird. Auch als Pflaster steht es bei Rheumatischen in gutem Ruf. Seit etwa zwanzig Jahren kommt es nach Europa. Die ersten Sendungen brachten grossen Gewinn, da das in seiner Heimath sehr billige Produkt bei uns als ein neues beliebtes Elemiharz Stellung nahm. [↑]
[8] Der allgemeine Name war aber Cacahoa-atl (Cacao-Wasser), Chocolatl bezeichnete eine besondere Sorte. F. Hernandez (opera omnia II, 155, vergl. auch E. Nierembergius Cap. XV.) kannte bei den Azteken vier Cacaoarten, (eine fünfte Pflanze, die er nennt, lieferte wohl nur ein Surrogat) und beschreibt vier Sorten daraus bereiteter Tränke, deren dritte Chocolatl hies, und angeblich auf folgende Weise bereitet wurde: Gleiche Maasstheile von Fruchtkernen des Baumes Pochotl (Bombax ceiba) und cacahoatl (Cacao) wurden fein gerieben, in einem irdenen Gefäss erhitzt, das oben sich ansammelnde Fett abgesondert. Zum Rückstand setzte man gequollenen zermalmten Mais, und bereitete daraus einen Trank, der warm genossen wurde, nachdem das vorher abgesonderte Fett wieder beigemischt worden. [↑]
[9] M. Wagner, Centr. Amer. 146. [↑]
[11] Näheres bei Mitscherlich und F. Engel. [↑]
[12] Berthold Seemann (Nicaragua pg. Ausland 16.7.67) berichtet von einem Baum mit fingerförmigen Blättern und kleinen runden Kernen, die zuweilen von Indianern zum Verkauf angeboten werden. Man macht Chocolade daraus, die an Wohlgeschmack die gewöhnliche aus Cacao bereitete übertrifft. Der Baum wird gewiss mit der Zeit von Europäern in grosser Menge angepflanzt werden. [↑]
[13] Remarks on the Philippine Islands, Calcutta 1828. [↑]
[15] Bericht des franz. Konsuls v. 1866. [↑]
[16] Mysore und Mokka erzielen die höchsten Preise: ersterer 80 bis 90 Sch., Mocca, wenn 5 bis 6 Jahr alt, bis 120 Schilling. [↑]
[17] Kaffeeeinfuhr in S. Francisco 1865, 66, 67 = 3½, 8, 10 Million Pfd., davon 2, 4, 5 Million Pfd. Manila-Kaffee. 1868 soll England die grösste Menge Kaffee eingeführt haben. [↑]
[19] Kaffee ist ein so vorzüglichstes Getränk und wird so selten gut bereitet, dass folgende von Sachverständigen gegebene Winke [Rappt. du Jury] gewiss nicht unwillkommen sein werden: 1) Wahl guter Sorten, 2) Mischung derselben im besten, durch Erfahrung festgestellten Verhältniss, 3) Vollständiges Austrocknen der Bohnen, da sonst der während des Brennens aus ihnen entwickelte Wasserdampf einen Theil des Aromas mit fortreisst, 4) Brennen in heisser Luft, wobei der Hitzegrad genau bemessen werden kann. Jede Sorte muss für sich gebrannt werden, 5) schnelles Abkühlen der Bohnen. Wer seinen Kaffee aus einer allen diesen Bedingungen entsprechenden Quelle beziehn kann, thut wohl am besten, die gebrannten Bohnen in Tagesrationen zu kaufen. Mit Ausnahme der 4ten sind aber die obigen Vorschriften in jeder Haushaltung zu erfüllen, und die kleinen in Berlin käuflichen Brennapparate, die ohne Unbequemlichkeit, sehr geringe Mengen über der Spiritusflamme zu rösten und dabei zu überwachen gestatten, bieten einigen Ersatz. Der Vorschrift 3. genügt man am besten, wenn man den Kaffee vor dem Gebrauch mehrere Jahre lang an einem trocknen Orte aufbewahrt. [↑]
[20] Lygodium circinatum (?) Swartz, nicht ein kletternder, sondern ein wirklich rankender Farn, wohl die einzige Gattung in der Familie. [↑]