ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
LEBENSWEISE UND SITTEN DER BISAYA-INDIER.
Die Bisayer, wenigstens die Bewohner der Inseln Samar und Leyte (andre habe ich nicht näher kennen gelernt) gehören Einem Stamme an.[1] Sie sind körperlich und geistig, in Charakter, Tracht, Sitten und Gebräuchen so ähnlich, dass meine ursprünglich an verschiedenen Punkten der beiden Inseln gemachten Aufzeichnungen durch Ausscheidung der zahlreichen Wiederholungen zu Einer verschmolzen, die ein vollständigeres Bild und zugleich Gelegenheit giebt, kleine Verschiedenheiten, wo sie stattfinden, deutlicher hervortreten zu lassen.
Bisaya-Indierin
Camisa von Guinara, Saya von europäischem Kattun, Regenhut von Nito (Lygodium).
Negritos sind weder in Samar noch in Leyte vorhanden, aber viele Cimarronen, die keinen Tribut zahlen und nicht in Dörfern, sondern unabhängig in den Wäldern leben. Ich habe leider keinen persönlichen Umgang mit ihnen gehabt, und was ich von den christlichen Bewohnern Samar’s über sie erfahren, ist zu unzuverlässig, um wiederholt zu werden. Sicher scheint es aber, dass alle diese Cimarronen oder ihre Vorfahren schon mit den Spaniern verkehrt haben, und dass ihre Religion manche katholische Formeln aufgenommen hat. So pflegen sie bei dem Reispflanzen, wo sie nach alter Sitte etwas von der Saatfrucht absondern, um es an den vier Ecken des Feldes als Opfer darzubringen, gern einige verstümmelte katholische Gebete herzusagen, die sie für wirksamer zu halten scheinen, als ihre alten heidnischen. Einige lassen sogar ihre Kinder taufen, da es nichts kostet, erfüllen aber sonst keine christlichen oder bürgerlichen Pflichten. Sie sind sehr friedlich, bekriegen einander nicht, haben auch keine vergifteten Pfeile. Beispiele von Cimarronen, die zum Christenthum und Dorfleben sammt Tribut und Frohnden übertreten, sind äusserst selten. Umgekehrt ist auch die Zahl der Indier, welche sich in die Wälder zurückziehn, um Cimarronen zu werden, sehr unbedeutend, wohl noch geringer als in Luzon, da die Eingeborenen bei dem leidenschaftlosen, fast pflanzlichen Leben, das sie führen, nicht leicht in den Fall kommen, ihr Dorf verlassen zu müssen, das mehr noch als in Luzon für sie die Welt bedeutet.
Der Reisbau richtet sich nach den Jahreszeiten. An einigen Orten, wo grössere Felder vorhanden sind, ist der Pflug (arado) und der Sodsod (hier surod genannt) in Gebrauch; fast allgemein aber lässt man das Reisfeld in der Regenzeit nur von Büffeln durchtreten. Man säet an der Westküste im Mai und Juni, pflanzt im Juli und August und erntet von November bis Januar. Eine Ganta Aussaat giebt zwei, zuweilen drei bis vier Cabanes (d. h. 50, 75 bis 100 fach). Bei der Hauptstadt Catbalógan sind nur sehr wenige bewässerte Reisfelder (Tubigan, von Tubig, Wasser) vorhanden, deren Ertrag für das Bedürfniss nicht ausreicht, das Fehlende wird aus andern Küstenplätzen der Insel ergänzt; Catbalógan führt dagegen Abaca, Kokosöl, Wachs, Balate (essbare Holothurien), getrocknete Fische und Gewebe aus. An der Nord- und Ostküste säet man von November bis Januar und erntet sechs Monate später. Während der übrigen sechs Monate dient das Feld als Weide für das Vieh; an manchen Orten findet auch während dieser Monate, also von Juli bis Dezember Reisbau, aber auf andern Feldern statt. Von diesem Reis geht häufig wegen des schlechten Wetters ein grosser Theil verloren.
Käufe von Land kommen nur ausnahmsweise vor; gewöhnlich wird es durch Urbarmachen, Erbschaft oder als verfallenes Pfand erworben. Bei Catbalógan war bestes Reisland mit 1 Dollar für eine Ganta Aussaat, und an der Nordküste bei Láuang ein Feld, das jährlich 100 Cabanes trägt, mit 30 Dollar bezahlt worden. Rechnet man wie bei Naga, 1 Ganta Aussaat auf 4 Loanes, und 75 Cabanes Ertrag auf 1 Quiñon, so kostet der Morgen Reisland im ersten Falle 3⅓ Thaler, im zweiten 3 Thaler. Bei Verpachtungen leiht der Besitzer den nackten Grund und Boden und empfängt als Zins die Hälfte der Ernte.[2] Der Reisbau in Leyte ist von dem in Samar nicht verschieden, hat aber abgenommen, durch die Abacákultur verdrängt, da die Guvernöre als sie noch Handel treiben durften, die Eingebornen zwangen, einen Theil ihrer Felder und ihrer Arbeit auf diese zu verwenden. Der Reis zur Ausfuhr wird gewöhnlich auf dem Halm zu einem vor der Ernte verabredeten Preise per Caban verkauft. Dergleichen Verträge pflegen selbst im Falle der Vorausbezahlung pünktlich erfüllt zu werden. Bleibt ein Bauer im Rückstand, so ist es im Lande allgemein geltender Brauch, dass er dem Händler bei der nächsten Ernte das Schuldiggebliebene doppelt liefere.
Bergreis (bei Catbalógan wird fast nur solcher gewonnen) erfordert kein andres Ackergeräth als das Waldmesser, um den Boden etwas aufzulockern, und einen spitzen Stock, um Löcher in Entfernungen von 6 Zoll zur Aufnahme von je 5 bis 6 Reiskörnern zu machen. Man säet von Mai bis Juni, jätet zweimal und schneidet nach 5 Monaten Halm für Halm. Der Schnitter empfängt ½ Real Tagelohn und Kost. Der Ertrag ist 2 bis 3 Cabanes auf eine Ganta oder 50 bis 75 fach. Das Land kostet nichts, der Arbeitslohn beträgt gegen 5 Realen per Ganta Aussaat. Nach einer guten Ernte gilt der Caban 4 Realen. Kurz vor der Ernte steigt der Preis bis auf 1 Dollar, oft viel höher. Der Boden wird nur ein einziges Mal für trocknen Reis benutzt; nach der Ernte pflanzt man Camote (Bataten), Abaca und Caladium darauf. Der Bergreis wird besser bezahlt als Wasserreis, etwa im Verhältniss von 9 zu 8.
Nächst Reis sind die Hauptnahrungsmittel Camote (Convolvulus Batatas), Ubi (Dioscorea), Gabi (Caladium) Paláuán (ein grosses Arum mit gefingerten Blättern und geflecktem Stiel). Camote kann das ganze Jahr gepflanzt werden und reift in 4 Monaten; aber es geschieht gewöhnlich, wenn der Reisbau vorüber ist, da während desselben wenig Arbeitskräfte verfügbar sind. Wird der Camotebau beibehalten, so lässt man in der Regel die alten Pflanzen sich selbst durch ihre Ausläufer vermehren und nimmt nur die Knollen aus dem Boden. Mehr Ertrag erhält man aber, wenn man den Boden reinigt und neu pflanzt. Für ½ Real erhält man 8 bis 15 Gantas Camote, einen Scheffel etwa für 3 bis 6 Sgr.[3]
Abacá, obgleich davon grosse Pflanzungen vorhanden sind, wurde zur Zeit meiner Anwesenheit, da der Preis nicht lohnend genug war, fast gar nicht ausgebeutet.
Tabak wird auch gebaut; er durfte früher im Lande verkauft, muss jetzt aber an die Hacienda abgeliefert werden.
In Samar und Albay, wahrscheinlich auch in andern Provinzen, wird ein harziges Oel, Baláo oder Malapájo gewonnen; man erhält es von einem Dipterocarpus (Apíton), einem der höchsten Bäume des Waldes, indem man ein breites Loch einen halben Fuss tief in den Stamm schlägt, es beckenartig aushöhlt und von Zeit zu Zeit, um die verstopften Zuflusskanäle wieder zu öffnen, Feuer darin anmacht. Das angesammelte Oel wird täglich ausgeschöpft und ohne weitere Vorbereitung in den Handel gebracht. Seine interessanteste Verwendung ist zur Konservirung des Eisens bei dem Schiffbau. Vor dem Einschlagen in Balaoöl getauchte Nägel sollen, wie glaubwürdige Leute versicherten, noch nach zehn Jahren völlig rostfrei sein. Hauptsächlich wird Balao als Firniss für Schiffe benutzt, die sowohl innen als aussen damit angestrichen werden; es schützt auch die Hölzer gegen Termiten und andre Insekten. Das Balao wird in Albay, die Tinaja von 10 Gantas zu 4 Realen, (das Liter zu 8 Pfennig) verkauft; nach Europa scheint es bis jetzt nur in Proben gekommen zu sein. Zum Schutz der Schiffsböden verwendet man auch ein Zement aus gebranntem Kalk, Elemiharz und Kokosöl in solchem Verhältniss gemischt, dass es vor dem Auftragen einen dicken Schleim bildet. Der Anstrich hält sich ein Jahr.[4] Wachs wird von den Cimarronen eingetauscht. Ganz Samar liefert jährlich 200 bis 300 Picos, deren Werth 25 bis 50 Dollar per Pico beträgt; in Manila ist der Preis gewöhnlich 5 bis 10 Dollar höher; doch schwankt er sehr, da dasselbe Erzeugniss von mehreren andern Lokalitäten und in sehr unregelmässigen Zwischenräumen einkommt.
Viehzucht ist trotz des üppigen Graswuchses und der Abwesenheit reissender Thiere fast gar nicht vorhanden. Pferde und Büffel sind sehr selten und sollen spät, angeblich erst in diesem Jahrhundert, eingeführt sein. Da es in Samar kaum andre Landstrassen giebt als den Seestrand und seichte Flussbetten (im Norden von Leyte ist es besser), so wird der Büffel nur gebraucht, um alljährlich einmal den Boden des Reisfeldes durchzutreten. Den Rest des Jahres bringt er frei auf der Weide zu, im Walde oder auf einer kleinen Insel, wenn eine solche in der Nähe. Nur gelegentlich werden mehrere Büffel vor einen grossen Baumstamm gespannt, um ihn nach dem Dorfe zu schleifen; ihre Zahl ist daher äusserst gering. Büffel, welche Reisland gut durchtreten, werden bis zu 10 Dollar bezahlt. Der Mittelpreis ist 3 Dollar für einen Büffelstier, 5 bis 6 Dollar für eine Büffelkuh. Rindvieh wird nur zuweilen bei Festen als Schlachtvieh benutzt, ist in sehr geringer Menge vorhanden, unter viele Besitzern vertheilt, lebt halb verwildert in den Bergen. Handel findet darin kaum statt, aber drei Dollar für Jungvieh, fünf bis sechs Dollar für eine Kuh mag etwa der Mittelpreis sein. Fast jede Familie besitzt ein Schwein, einige deren drei bis vier. Ein fettes Schwein kostet sechs bis sieben Dollar, also mehr als eine Kuh. Rindfleisch wird von vielen Indiern gar nicht gegessen; bei ihren Schmausereien darf aber Schweinefleisch nicht fehlen. Auch wird das Schmalz so theuer bezahlt, dass daraus unter günstigen Verhältnissen von einem fetten Thiere für drei bis vier Dollar erlöst werden. Schafe und Ziegen gedeihen vorzüglich, vermehren sich leicht, sind aber auch nur in geringer Zahl vorhanden und werden fast gar nicht, weder der Wolle noch des Fleisches wegen, benutzt. Kreolen und Mestizen sind meist zu träge, um selbst Schafe zu halten, und essen lieber das ganze Jahr täglich Hühnerfleisch. Auch Shanghai-Schafe, die der Guvernör in Taclóban eingeführt hatte, gediehen und vermehrten sich sehr gut. Eine Eier legende Henne kostet ½ r., ein Hahn dasselbe; ein Kampfhahn bis drei Dollar, oft viel mehr. Man kauft sechs bis acht Hühner oder 30 Eier für einen Real.
Eine Familie von Vater, Mutter und fünf Kindern braucht täglich nicht ganz 24 Chupas Palay (Reis mit der Hülse), welcher enthülst ungefähr 12 Chupas giebt und zum Mittelpreise von 4 r. per Caban, etwa ½ r. kostet (nach der Ernte zuweilen 3 r. per Caban, vor derselben 10 r., in Albay 20 bis 30 r.); ausserdem 2 bis 3 cu. für Zuspeise (Fische, Krabben, Kräuter, etc.), die aber gewöhnlich von den Kindern gesammelt werden, endlich für Oel 2 cu., Buyo 1 cu., Tabak 3 cu. (3 Blatt für 1 cu.); letzterer wird geraucht, nicht gekaut. An Buyo und Tabak verbraucht eine Frau halb so viel als ein Mann. Buyo und Tabak wird in Leyte weniger genossen als in Samar.
An Kleidungsstücken verwendet ein Mann jährlich: 4 grobe Hemden von Guinara zu 1 bis 2 r., 3 bis 4 Hosen zu 1 bis 2½ r., 2 Kopftücher zu 1½ r. (Hüte werden an der Süd- und Westküste nicht getragen) und für die Kirchweih gewöhnlich: 1 Paar Schuhe 7 r., 1 feines Hemd 1 Dollar oder mehr, 1 feine Hose 4 r. — Eine Frau hat 4 bis 6 Camisas von Guinara zu 1 r., 2 bis 3 Sayas von Guinara zu 3 bis 4 r. und 1 oder 2 gedruckte Kattunsayas aus Europa zu 5 r., 2 Tücher zu 1½ bis 2 r., 1 oder 2 Paar Pantoffeln (Chinelas), um in die Messe zu gehen, zu 2 r. und mehr nöthig.
Ausserdem besitzen die Frauen fast immer einige feine Camisas zu wenigstens 6 r., eine Mantilla zum Kirchgang 6 r.; (sie dauert 4 Jahre), einen Kamm, 2 cu. Manche haben auch Unterröcke (nabuas), 2 Stück zu 4 r., Messing-Ohrringe und einen Rosenkranz, Sachen die nur einmal angeschafft werden. In den ärmeren Ortschaften, in Láuang z. B., werden nur im Hause gewebte Guinaras getragen. Dort bedarf ein Mann: 3 Hemden und 3 Hosen, die aus 3 Stück Guinara zu 2 r. geschnitten werden; einen Salacot (Hut) gewöhnlich eigener Anfertigung, Werth ½ r. Eine Frau braucht jährlich: 4 Sayas, Werth 6 r., Camisas, mit Einschluss einer feineren für das Fest, 8 r. Unterröcke werden nicht getragen. Die Kleidung der Kinder kann etwa auf die Hälfte der obigen Preise veranschlagt werden.
Hausrath: Ein Kochtopf — die Kochtöpfe, aus unglasirtem gebrannten Thon, werden von den Schiffen aus Manila mitgebracht; ihr Inhalt an Reiskörnern ist ihr Preis;[5] — mehrere Bambusrohre; Teller, 7 Stück à 2 bis 5 cu.; ein Carahai (eiserne Pfanne) 3 bis 4 r.; Kokosschalen statt der Gläser; einige kleine Töpfe, zusammen ½ r.; 1 Sundang, 4 bis 6 r., oder Bolo (grösseres Waldmesser) 1 Dollar; 1 Scheere (für die Frauen) 2 r. Der Webestuhl, den jede Haushaltung selbst aus Bambus zusammenfügt, veranlasst keine baare Auslagen.
Der Tagelohn unter den Eingeborenen beträgt ½ r., keine Beköstigung. Europäer müssen aber immer 1 r. und Kost geben, wenn sie nicht durch Begünstigung des Gobernadorcillo Polistas zu dem obigen niedrigen Tagelohn erhalten können, der dann ordnungsmässig in die Gemeindekasse fliessen soll. Ein Zimmermann verdient 1 bis 2 r., die besten 3 r. täglich. Der Arbeitstag ist von 6 bis 12 Mittags und von 2 bis 6 Uhr Abends.
Fast jedes Dorf hat einen rohen Schmied, der Sundangs und Bolos zu machen versteht; es müssen aber bei jeder Bestellung das Eisen und die Kohlen dazu geliefert werden. Andre Metallarbeiten werden nicht angefertigt. Ausser etwas Schiffbau wird kaum ein andres Gewerbe betrieben als Weberei; der Webestuhl fehlt fast in keinem Hause. Es werden Guinara fabrizirt, d. h. Abacázeuge, auch etwas Piña und gemusterte Seidenstoffe; die Seide dazu wird aus Manila bezogen und ist chinesischen Ursprungs. Alle diese Gewebe werden in den einzelnen Häusern gefertigt, eine Fabrik ist nicht vorhanden.
An Orten, wo es an Reis mangelt, fischen die geringeren Leute, salzen und trocknen die Fische und tauschen dafür Reis ein. In den Hauptstädten wird gewöhnlich für baares Geld gekauft; im Innern sind Gewebe und getrocknete Fische sehr gebräuchliche Tauschmittel. Geld ist dort fast nicht vorhanden. Salz wird durch Abdampfen des Meerwassers in kleinen eisernen Handpfannen (Carahais) ohne vorherige Verdampfung an der Sonne gewonnen. Die Schifffahrt zwischen Catbalógan und Manila dauert von Dezember bis Juli; von Juli bis Dezember liegen die Schiffe abgetakelt unter Schuppen. Ausserdem findet Küstenschifffahrt östlich bis Guíuan, nördlich bis Catarman, selten bis Láuang statt. Die Mannschaft besteht zum Theil aus Einheimischen, zum Theil aus Fremden, da die Bewohner der Inseln sehr ungern zur See gehen, fast nur gezwungen ihr Dorf verlassen. Ausser der Küsten- und Flussschifffahrt besitzt Samar beinahe keine Verkehrsmittel; das Innere ist unwegsam, Lasten können nur auf der Schulter getragen werden. Ein starker Träger, der 1½ r. ohne Kost erhält, schleppt 3 Arrobas (75 Pfund span.) 6 Leguas weit in einem Tage, kann aber am folgenden Tage nicht dieselbe Arbeit verrichten und braucht wenigstens einen Tag Ruhe. 1½ Arrobas trägt ein kräftiger Mann täglich 6 Leguas weit eine ganze Woche lang.
Märkte finden in Samar und Leyte nicht statt; wer etwas kaufen will, sucht es in den einzelnen Häusern; auf dieselbe Weise bietet der Verkäufer seine Waaren an.
Ein Indier, der Geld borgen will, muss reichliches Pfand geben und den Dollar monatlich mit 1 r. (12½ % pro Monat) verzinsen. Mehr als 5 Dollar findet er nicht leicht zu borgen, da er gesetzlich nur bis zu dieser Summe haftbar ist. Im östlichen und nördlichen Samar sind Handel und Kreditwesen noch weniger entwickelt als im westlichen Theile der Insel, der in regerem Verkehr mit den übrigen Bewohnern des Archipels steht. Baares Geld wird dort fast gar nicht geliehen, sondern nur Waaren zu einem Real per Monat für jeden Dollar des Werthes. Kann der Schuldner zur festgesetzten Frist nicht zahlen, so wird ihm häufig eines seiner Kinder genommen, das bis zur Tilgung der Schuld bei dem Darleiher ohne Lohn für die blosse Beköstigung dienen muss. Ich habe einen jungen Mann gesehn, der wegen 5 Dollar, die sein Vater, ein ehemaliger Gobernadorcillo von Paranas, einem Mestizen in Catbalógan schuldete, 5 Jahre lang umsonst gedient hatte, um die Schuld zu tilgen, und an der Ostküste ein hübsches junges Mädchen, das wegen einer väterlichen Schuld von 3 Dollar schon seit 2 Jahren bei einem Eingeborenen diente, der im Ruf eines Wüstlings stand. Man zeigte mir in Borongan eine Kokospflanzung von 300 Bäumen; die vor etwa 20 Jahren wegen einer Schuld von 10 Dollar verpfändet, seitdem vom Gläubiger wie sein Eigenthum genutzt worden war. Vor einigen Jahren starb der Schuldner, und es gelang den Kindern desselben nur mit vieler Mühe, gegen Zahlung der ursprünglichen Schuld das Eigenthum zurückzuerhalten. Es kommt vor, dass ein Eingeborener von einem andren 2½ Dollar borgt, um sich von den 40 Tagen jährlicher Frohnden loszukaufen, und dann seinem Gläubiger ein ganzes Jahr lang dient, weil er nicht im Stande ist, das Geld pünktlich zurückzuzahlen.[6]
Die Bewohner von Samar und Leyte sind träger, nicht so reinlich als die von Luzon, und scheinen hinter den Bicol eben so sehr zurückzustehn, als diese hinter den Tagalen. Bei Taclóban, wo lebhafter Verkehr mit Manila stattfindet, sind diese Eigenschaften weniger ausgesprochen; die Frauen dort sind angenehm und baden viel. Uebrigens sind die Bewohner beider Inseln freundlich, gutmüthig, folgsam und friedfertig. Schimpfreden oder Thätlichkeiten kommen fast nie vor; wird Einer beleidigt, so verklagt er seinen Gegner im Tribunal. An der Nord- und Westküste scheint grosse Sittenreinheit zu herrschen, aber nicht an der Ostküste und in Leyte. Die äusserliche Frömmigkeit ist überall sehr gross; das haben sie von den Priestern gelernt. Die Familien sind sehr einig, die Frauen haben grossen Einfluss, verrichten vorzüglich die häuslichen Geschäfte und sind zum Theil sehr geschickt im Weben, auf dem Felde fallen ihnen nur die leichteren Arbeiten zu. Das Ansehen der Eltern und des ältesten Bruders ist sehr gross; die jüngeren Geschwister wagen nie, diesem zu widersprechen. Frauen und Kinder werden sehr gut behandelt.
Die Eingeborenen von Leyte haften eben so sehr an dem heimathlichen Boden wie die von Samar, haben auch keine Lust zur Schifffahrt, wenn schon die Abneigung dagegen nicht ganz so ausgesprochen ist, wie bei den Bewohnern von Samar.[7]
Anstalten der Wohlthätigkeit sind auf keiner der beiden Inseln vorhanden. Jede Familie erhält ihre Armen und Krüppel und behandelt sie gut. In Catbalógan, der Hauptstadt der Insel, mit 5 bis 6000 Einwohnern, gab es nur 8 Almosenempfänger (in Albay fehlte es nicht an Bettlern). In Láuang hatte bei einer feierlichen Gelegenheit ein Spanier ausrufen lassen, dass er Reis unter die Armen vertheilen wolle; es meldete sich Niemand. Die Ehrlichkeit der Bewohner von Samar wird sehr gepriesen. Schulden sollen fast immer ohne schriftliche Dokumente kontrahirt und nie abgeleugnet, wenn auch nicht immer pünktlich bezahlt werden. Räubereien kommen auf Samar fast nie vor, Diebstahl höchst selten. Schulen giebt es auch hier in den Pueblos, sie leisten nicht viel weniger als in Camarínes.
Unter den öffentlichen Vergnügungen stehn die Hahnenkämpfe obenan, werden aber nicht so leidenschaftlich betrieben wie auf Luzon. An den Kirchweihfesten wird ein aus dem Spanischen übersetztes Schauspiel, gewöhnlich religiösen Inhalts aufgeführt, die Kosten werden durch freiwillige Beiträge der Principalia gedeckt. Die Hauptlaster der Bevölkerung sind Spiel und Trunksucht; auch Weiber, selbst junge Mädchen betrinken sich gelegentlich. Bei den Heirathen dauern die Festlichkeiten, Gesang und Tanz oft mehrere Tage und Nächte hintereinander, so lange Speisen und Getränke ausreichen. Der Freier muss im Hause der Brauteltern 2, 3, selbst 5 Jahre dienen, bevor er die Braut heimführen kann. Durch Geld ist diese Last nicht abzukaufen. Er speist im Hause der Brauteltern, die den Reis liefern, hat aber die Zuspeise selbst zu beschaffen.[8] Zu Ende der Dienstzeit baut er mit Hülfe seiner Verwandten und Freunde das Haus für die neu zu gründende Familie.
Ehebruch ist häufig, Eifersucht selten und führt nie zu Gewaltthätigkeiten; der Beleidigte geht mit dem Schuldigen gewöhnlich zum Pfarrer, der mit einer Strafpredigt für den Einen und Trostworten für den Anderen Alles wieder in’s Geleise bringt. Ehefrauen sind leichter zugänglich als Mädchen, aber auch diesen wird die Aussicht auf Verheirathung durch Fehltritte im ledigen Stande kaum geschmälert. Mädchen unter väterlicher Gewalt werden in der Regel streng gehalten, schon um die Dienstzeit des Freiers zu verlängern. Der äussere Schein wird bei den Bisayern noch mehr gewahrt als bei den Bicols und Tagalen. Auch hier herrscht die irrthümliche Ansicht, dass die Zahl der Frauen die der Männer übersteige (vergl. S. 45). Mütter von 12 Jahren kommen vor, aber selten. Frauen gebären 12 bis 13 Kinder; es sterben indessen viele derselben, und Familien mit mehr als 6 oder 8 Kindern sind äusserst selten.
Es herrscht viel Aberglauben. Ausser dem katholischen Marienbildchen, das jede Indierin an einer Schnur um den Hals trägt, haben Viele auch heidnische Amulete. Ich hatte Gelegenheit, ein solches zu untersuchen, das einem sehr kühnen Verbrecher abgenommen worden war. Es bestand aus einem Unzenfläschchen, vollgestopft mit feinen, anscheinend in Oel gebratenen Wurzelfasern, war von den heidnischen Stämmen bereitet und hatte die Eigenschaft, den Besitzer stark und muthig zu machen. Die Gefangennehmung des Letztern war sehr schwierig; sobald ihm aber das Fläschchen entrissen war, gab er allen Widerstand auf und liess sich binden. Fast in jedem grössern Dorf giebt es eine oder mehrere Asuán-Familien, die allgemein gefürchtet und gemieden, wie Ausgestossene behandelt werden und sich nur untereinander verheirathen können. Sie stehen im Rufe, Menschenfresser zu sein. Vielleicht stammen sie von solchen ab? — Der Glaube ist sehr allgemein und festgewurzelt. Darüber zur Rede gestellt antworteten alte einsichtsvolle Indier, sie glaubten allerdings nicht, dass die Asuánen jetzt noch Menschen frässen, aber ohne Zweifel hätten ihre Vorfahren es gethan.[9]
Alte Legenden, Traditionen, Lieder sollen nicht vorhanden sein. Bei ihren Tänzen singen sie zwar; es sind aber Improvisationen ohne Geist, meist obszön. Denkmäler früherer Zivilisation haben sich nicht erhalten. »Tempel besassen die alten Pintados nicht, jeder machte sich seine Anitos im Hause selbst, ohne besondere Feierlichkeit.« (Morga f. 145 v.). Pigafetta (S. 92) erwähnt zwar, dass der König von Cebu, als er Christ geworden, viele am Seestrande erbaute Tempel zerstören liess, es mögen indessen wohl nur Bauten sehr vergänglicher Art gewesen sein. Bei gewissen Gelegenheiten feierten die Bisayer ein grosses Fest Pandot, bei welchem sie ihre Götter in eigens erbauten mit Blumen und Lampen geschmückten Laubhütten verehrten. Sie nannten diese Hütten Simba oder Simbahan (so heissen jetzt die Kirchen) »und dies ist das einzige, was sie haben, das einer Kirche oder einem Tempel ähnlich sieht«. (Informe I. 1. 17). Nach Gemelli Careri, (S. 449) beteten sie auch einige besondere, ihnen von ihren Vorfahren hinterlassene, von den Bisayern Davata (Divata), von den Tagalen Anito genannte Götter an[10]; es gab auch einen See-Anito und einen für das Haus, um die Kinder zu behüten. Unter diese Anitos wurden ihre Grossväter und Urgrossväter versetzt, die sie in allen Nöthen anriefen (s. S. 210), zu ihrem Gedächtniss bewahrten sie kleine hässliche Bildsäulen von Stein, Holz, Gold und Elfenbein, welche sie Liche oder Laravan nannten. Auch zählten sie zu ihren Göttern Alle, die durch das Schwert umkamen, vom Blitz getödtet, oder von Krokodilen gefressen wurden und glaubten, dass ihre Seelen gen Himmel stiegen auf einem Bogen, den sie Balangas nannten. Pigafetta (S. 92) beschreibt die von ihm gesehenen Idole folgendermaassen: »Sie sind von Holz, konkav oder hohl ohne Hintertheile, ihre Arme sind geöffnet, auch die Beine, die Füsse nach oben gekehrt. Sie haben sehr grosse Gesichter mit vier gewaltigen Zähnen, Eberstosszähnen ähnlich, und sind ganz bemalt.[11]
Zum Schluss eine kurze Nachricht über die Religion der alten Bisayer nach Fr. Gaspar (Conq. 169): Den Teufel oder Genius, dem sie opferten, nannten sie Divata was einen Gegensatz der Gottheit, einen gegen dieselbe Empörten zu bezeichnen scheint ... die Hölle nannten sie Solad, den Himmel (in ihrer gebildetsten Sprache) Ologan ... die Seelen der Verstorbenen gehn auf einen Berg in der Provinz Oton, welcher Medias heisst, wo sie sehr gut bewirthet und bedient werden. Erschaffung der Welt: Ein Geier schwebt zwischen Wasser und Himmel, findet keine Stätte, um sich zu setzen, das Wasser steigt gen Himmel. Der Himmel wird zornig, erschafft Inseln. Der Geier spaltet einen Bambus, daraus entstehn Mann und Frau, sie zeugen viele Kinder und treiben sie als ihre Zahl zu gross geworden, mit Schlägen aus. Einige verbergen sich in der Kammer, dies werden die Datos, einige in der Küche, das werden die Sklaven, die übrigen gehn die Treppe hinab und werden das Volk.
[1] Pintados oder Bisayos, nach einem einheimischen Worte, welches dasselbe bedeutet, sollen die Bewohner der Inseln zwischen Luzon und Mindanao von den Spaniern genannt worden sein, weil sie die Gewohnheit hatten sich zu tatuiren. Crawfurd (Dict. 339) meint, diese Thatsache stehe nicht fest, sicherlich werde sie von Pigafetta nicht erwähnt. Pigafetta sagt aber S. 80: Egli (il re di Zubu) era ... dipinto in differente guisi col fuoco. — Purchas (Pilgrimage fol. I. 603): the king of Zubut had his skinne painted with a hot iron pensill, und Morga f. 4: traen todo el cuerpo labrado con fuego. Danach scheinen sie sich nach Art der Papuas, durch Einbrennen von Flecken und Streifen in die Haut, tatuirt zu haben. Aber an einer andern Stelle (f. 138) berichtet Morga: Sie unterscheiden sich (von den Bewohnern Luzons) durch ihr Haar, das die Männer zu einem Zopf schneiden nach der alten spanischen Art und bemalen ihre Körper mit vielen Mustern ohne das Gesicht zu berühren. Der Gebrauch des Tatuirens, der mit Einführung des Christenthums aufgehört zu haben scheint, denn schon der oft zitirte Geistliche (Thévenot S. 4) erwähnt ihn als verschollen, kann aber nicht für ein Kennzeichen der Bisayer gelten; Stämme des nördlichen Luzons tatuiren sich noch heut. [↑]
[2] Mezzeria, (Italien), Metayer, (Frankreich). [↑]
[3] Bei uns kostet der Scheffel Kartoffeln durchschnittlich auf dem Lande 10, in der Stadt 20 Sgr. [↑]
[4] In China wird aus den Samen von Vernicia montana ein Oel gewonnen, das durch Zusatz von Alaun, Bleiglätte und Steatit bei gelinder Wärme leicht in einen kostbaren Firniss übergeht, der, mit Harz vermischt, zum Wasserdichtmachen der Schiffsböden verwendet wird. (P. Champion Indust. anc. et mod. de l’Emp. Chinois 114.) [↑]
[5] Petzholdt (Kaukasus I, 203) erwähnt, dass in Bosslewi so viel Maiskörner als ein Thongefäss fassen kann, seinen Preis bestimmen. [↑]
[6] Wie allgemein derartige Missbräuche, geht aus einem auf dem Papier vorhandenen, aber nicht in die Praxis gedrungenen Gesetz von 1848 (Leg. ult. I. 144) hervor, welches wucherische Kontrakte mit Dienern oder Gehülfen verbietet, und diejenigen mit strengen Strafen bedroht, die unter dem Vorwande, Vorschüsse geleistet, oder Schulden oder die Kopfsteuer, oder Ablösung von Frohnden gezahlt zu haben, Eingeborene oder ganze Familien in immerwährender Abhängigkeit bei sich erhalten, und ihre Schuld fortwährend erhöhen, indem sie ihnen für ihre Leistungen keinen hinreichenden Lohn gewähren. [↑]
[7] Früher scheinen sie anders gewesen zu sein: »Diese Bisayer sind Leute, dem Ackerbau weniger zugethan, gewandt in der Schifffahrt, lüstern nach Krieg und Seezügen, wegen der Plünderungen und Prisen, welche sie Mangubas nennen, was dasselbe ist, wie Ausziehn um zu stehlen.« Morga f. 138. [↑]
[8] Der Missbrauch dauert fort, obwohl ein strenges Gesetz ihn verbietet und die Alkalden, welche unterlassen es anzuwenden mit 100 Dollar Geldbusse für jeden einzelnen Fall bedroht werden. In manchen Provinzen zahlt der Bräutigam, ausser der Aussteuer, eine Entschädigung an die Mutter der Braut für die von letzterer genossene Muttermilch (Bigay susu). Nach Colin (Labor evangelico S. 129) betrug der Penhimuyat, das Geschenk, welches die Mutter für die Nachtwachen und Sorgen bei Erziehung der Braut empfing, ein Fünftel der Aussteuer. [↑]
[9] Eigentliche Menschenfresser werden in den Philippinen von den alten Schriftstellern nicht erwähnt. Pigafetta (S. 127) hat gehört, dass an einem Fluss, am Cap Benuian (N.-Spitze von Mindanao), Leute wohnen, die von ihren gefangenen Feinden nur das Herz und zwar mit Zitronensaft essen. Dr. Semper (Philippinen 62) fand denselben Brauch mit Ausnahme des Zitronensaftes an der Ostküste von Mindanao. [↑]
[10] Der Anito kommt bei den Völkern des malayischen Archipels als Antu vor, der Anito der Philippinen ist aber wesentlich ein Schutzgeist, der malayische Antu mehr dämonischer Art. [↑]
[11] Mir sind dergleichen Götzenbilder nie vor Augen gekommen. Die in Bastian und Hartmann’s Zeitschrift für Ethnologie B. I. Tafel VIII. abgebildeten »Idole aus den Philippinen«, deren Originale sich im Berliner ethnographischen Museum befinden, sind zwar in den Philippinen erworben, gehören aber nach A. W. Franks unzweifelhaft den Salomons-Inseln an. Im Katalog des Prager Museums Abth. II-VIII S. 46 sind aufgeführt: vier hölzerne Götzenköpfe von den Philippinen, welche der böhmische Naturforscher Thaddäus Hänke, der im Auftrage des Königs von Spanien im Jahre 1817 die Südseeinseln bereiste, mitgebracht hat. Die auf meinen Wunsch von der Direktion des Museums gütigst hergestellten Photographien entsprechen aber durchaus nicht obiger Beschreibung, deuten vielmehr auf die Westküste von Amerika, das Hauptfeld der Thätigkeit Hänke’s. Auch die aus seinen nachgelassenen Papieren hervorgegangenen Reliquiae botanicae geben keinen Aufschluss über die Herkunft jener Idole. [↑]