15.
Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Klein Erika war krank, mein süßes Kind. Wie schneidet es ins Herz, ein Hilfloses leiden zu sehen. Der Arzt war gar nicht recht bei der Sache, wie mir schien. Und schier spöttisch lehnte er meine eigenen Ratschläge ab, welche die Angst geboren hatte. Mir war, als denke er, daß Klein Erika wohl am besten bei seiner toten Mutter aufgehoben und hier auf der Welt doch nur unwillkommen und schließlich eine Last sei. Männerweisheit. –
Ich habe dann seiner Gleichgültigkeit gegenüber nach meinem Ermessen gehandelt, habe vorsichtig mit Umschlägen operiert, um das Fieber nicht hochkommen zu lassen und die Schmerzen zu lindern. Warum muß eine Mutter in das Reich der Schatten gehen und etwas so Zartes zurücklassen? Ich glaube, wenn ein krankes Kindlein aus der Mutterbrust trinkt, muß es gleich gesunden. Und ich habe nur Liebe …
Fünf bange Tage konnte ich das Zimmer nicht verlassen. Das Lichtlein drohte immer auszulöschen. Ich bat Eva, die Lampe in der Kapelle zu betreuen, wurde aber mit einem barschen »Tut nicht nötig« abgewiesen. Nun mußt’ ich des öftern an das Dunkel denken, das den Clemens umgibt …
Heute trieb es mich auf den Friedhof. So lange hatte mich dies stille Fleckchen nicht gesehen, und ich wollte doch Tante Jesuliebe-Brigittes Grab so herrichten lassen, wie die Seltsame, die Eigenbrötlerin, die unendlich Gütige, es verdiente.
»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, sagte einst der fromme Simeon. »Denn meine Augen …«
Ich rieb die meinen heute in unfaßbarem Staunen, – meinte, die Vision müsse verschwinden. Aber sie blieb leuchtend weiß vor meinen Blicken bestehen und hob sich von tiefdunklen Tannen ab. Die »Pietà« aus dem geheimnisvollen Tempel stand auf dem Grabe von Jesuliebe Lage. – Ich frage nicht, wie man sie hinzaubern konnte, ohne daß ich nur das Geringste davon gewahr wurde. Denn in der tiefen Stille meines Hauses und meiner weiteren Umgebung müßte man wohl das Rollen und Ächzen eines schweren Wagens vernehmen, dem solch ein Marmor anvertraut ist …
Ich frage nicht. In mir ist plötzlich der Wille geboren, alles, was Lage mir gibt, als ein liebes Wunder anzunehmen. Fragen sind laut, sind unharmonisch. Dies Marmorbildnis tönt wie eine große Symphonie. Die Liebe spannte alle Saiten, und ein gewaltiger Geist vermochte darauf zu spielen.
Ich wandle durch das Königreich der Freude. –
Mein Kindlein ist wieder gesund. Es schläft und trinkt und tut sonst allerhand, was ich wie die gewiegteste Familienmutter beurteilen lerne. Über natürliche Dinge wird hier im Dorfe mit größter Offenheit gegen jedermann gesprochen. Zweideutigen Witz aber kennt man nicht. Ich könnte meine ganze Umgebung mit dem altmodischen Worte »keusch« bezeichnen. So war meine Mutter Pauline, und ich finde sie nun in fast allen Dorffrauen wieder. Von meinen Leuten scheint noch niemand die Pietà gesehen zu haben. Ohm Matthias meidet jeden Gedanken an Tod und Vergänglichkeit, Tante Fernande lebte mit Jesuliebe Lage auf gespanntem Fuße. Eva schweigt sich aus, und ich würde es auch nicht ertragen können, von irgend jemand Kritik zu hören. Von dem Heiland in den Armen der Gottesmutter geht eine unsägliche Liebe aus, und von der Maria, in deren Herzen man die sieben Schwerter ahnt, leuchtet eine Tapferkeit, daß ich jede bange Mitschwester zu diesem herrlichen Bilde schicken möchte, auf daß sie den Kampf mit dem Leben wieder aufnähme.
Nach dieser Morgenfreude konnte ich hochgemut durch das Dorf gehen und jeglichen Kleinmut, Bitterkeit, Neid, Scheelsucht und sonstige Lieblichkeiten siegreich überwinden. Bis in das letzte Häuslein drang ich heute. Da wohnt die Korb-Sina. Eine alte, wunderliche Frau hoch in den Sechzigen, mit Adlernase und funkelnden, schwarzen Äuglein. Sie wird gefemt im Dorfe ob ihres Lebenswandels, den sie in der Jugend führte. Da soll kein Bauer in Lage gewesen sein, dem sie nicht das Herz rascher klopfen machte; man sieht es den Ehrbaren und Finsteren heute nicht mehr an, daß sie um der schönen Sina willen vom Pfade der Tugend gewichen. Heute flicht die alte Sina die Körbe, die sie leider vergaß, in ihrer Jugend auszuteilen, und ihr zahnloser Mund erzählt unermüdlich alle Schlechtigkeiten, welche die Lager Männer nach ihrer Meinung einst an ihr begangen, in die Ohren ihrer Enkelin hinein. Es ist das uneheliche Kind ihrer eigenen unehelichen Tochter, die aber längst gestorben. Um dieser Enkelin willen besuche ich die Korb-Sina und höre ihre endlosen, wilden Geschichten gelegentlich mit an. Maria Dörping ist ein schönes, herbes Mädchen, das ungeheuer einsam seinen Weg bisher gegangen ist. Sie hält das Haus der Großmutter in tadelloser Ordnung, zieht in dem kleinen Gärtchen die schönsten Rosen, Reseden und Heliotrope, von denen sie mir jedesmal mit ernstem Gesicht einen Strauß bringt, den ich daheim zwischen die Bilder meiner Eltern stelle. Haus Lage selbst beut mir noch keine Blumen dar. Da wuchert nur Ilex ringsumher mit unwahrscheinlich großen, roten Beeren. Doch nein, ich vergesse den Busch Jelängerjelieber, der sich baumartig hoch an Haus Lage anschmiegt. Er duftet stark und süß in mein Arbeitszimmer hinein. Maria Dörping hat sich das kleine Haus am Dorfende überaus schmuck hergerichtet. Von der Genialität der Großmutter ist nichts auf sie übergegangen. Wie Kraut und Rüben wuchern alle Gegenstände um die alte Frau herum, aber Maria schafft immer wieder Ordnung. Auch einen Hausaltar hat sie aufgebaut, trotzdem sie lutherisch ist. Aber die Dörfler sind so unduldsam, daß sie selbst in der Kirche die Nachbarschaft der Korb-Sina meiden, und so betet auch die Enkelin lieber daheim in ihren vier Wänden. Sie hat ein altes, zerbrochenes Altarbild gefunden und dies vor eine große Kiste gestellt, hat alles mit einer sauberen weißen Decke mit breiter, gehäkelter Spitze überdeckt, große Ilexsträuße, die in der Gegend des Försterhauses am dichtesten wachsen, darauf gestellt und läßt von ihnen ein hohes Kreuz umrahmen, das sie sich von Münster mitbrachte, wo Maria für ein Geschäft feine Nähereien arbeitet. Auf dem Altarbild steht mit mächtigen geschnörkelten Buchstaben geschrieben:
HErr CHRIST iss aufferstanden
Van all den Dodesbanden,
Darob verjubelliert met schall
Undt jubels laut o Christen all.
Verswunden iss all Sorge itzt,
Erstanden iss Herr JESU Christ
Diweyl ER überwunden:
Das Heyl for uns gefunden.
Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art. Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen, und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt, mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe ich immer wieder in das seltsame Haus. –
Ritter Lage schreibt:
»Es lohnt sich wohl, eine Pietà zu meißeln, wenn man solch einen Dank dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …
Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und sah es Bäume umarmen. Das nenne ich Dank. Keine Jury der Welt könnte einem Künstler so lohnen. – –
Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich), als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –
Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt, es steht zu Ihrer Verfügung. –
Der Enterbte.«