25.
Ich habe heute einen schweren Gang hinter mir. War bei Geses Vater, dem Schmied. Der Mann ist wie von Sinnen. Nicht zornig oder wüst, nicht schimpfend oder aufbegehrend. Er stiert nur vor sich hin und arbeitet nicht. – All seinen Jähzorn hat er wohl bereits an seiner Tochter ausgelassen, wie die furchtbaren Male an ihrem Körper ausweisen. Nun ist er wie versteint. Die Mutter aber scheint Schande und Leid der Tochter ganz vergessen zu haben und sieht nur ihren Mann. Und die Angst um ihn, um seine Starrheit schaut herzzerreißend aus ihren bangen Augen. Sie fragt ihn um hundert Dinge und bekommt nie eine Antwort. Ist dann schon wieder erfinderisch bemüht, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Während ich dort war, kam Baron Ellers mit seinem prachtvollen Gespann, von dem ihm wahrscheinlich kein Hufeisen mehr gehört. Und Schmied Tönnings, der es sich sonst nicht nehmen läßt, die Guts- und Hofbesitzer der Umgegend allein zu bedienen, rührte sich nicht von seinem Stuhl und überließ es ganz seiner Frau, ob sie den vornehmen Kunden vom Gesellen bedienen lassen wolle. Als der Feierabend eingetreten war und ich keine Störung mehr befürchtete, setzte ich mich ganz nahe zum Vater Schmied hin und sprach eindringlich, aber ganz ruhig über Geses Unglück.
Und da brach ein Zorn los, so allgewaltig, daß das Haus schier erzitterte, und der Schmerz, das fressende Leid eines in seiner Ehre verletzten Mannes, des angesehensten im ganzen Dorfe, bebte durch diesen furchtbaren Zorn. –
Ich habe nichts ausgerichtet.
Sein Haus soll die Tochter nicht wieder betreten, und er hat mich nicht gefragt, wo sie dann bleibt. Und die Mutter sah an mir vorbei, sah nur ihren Mann.
Sind das noch Eltern? Haben sie wirklich einst das Kindlein in Liebe empfangen, geboren und gehegt? Und sind jetzt nur grausame Härte und Mißachtung? Was geht in ihren Seelen vor? In welchem Versteck kauert die Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet? Die langmütig ist und nicht das Ihre sucht? Lange saß ich und grübelte über das Wesen der »Größten« nach. Wie hat sie die Herzen der Menschenkinder in dem kleinen Dörflein Lage zusammengerüttelt! Wie mag Frau Rika gelitten haben! Und in welcher Form lebt die Liebe in des jungen Försters Brust? Kann sie auch feige machen? Daß er der wilden, schönen, üppigen Gese treulos wurde und sich die sanfte, feingebildete Rika in sein Haus nahm? Und doch nicht leben konnte ohne die begehrende Art der Schmiedstochter?
Die alte Eva läuft in Ängsten umher. Wir finden Gese Tönnings nicht, – sie ist nach dem Bescheid, daß sie nicht ins Elternhaus zurückkehren dürfe, nicht aufzufinden. Ich selbst bin ruhig. Gese ist zu lebensbejahend, um einen jähen Abschluß zu machen. Aber sie hat den lodernden Zorn von ihrem Vater geerbt und wird ihn wohl im Lager Busch herumtragen. Die Zuneigung zu Klein Erika war nur ein Flackerfeuer. Es ist das Kind der »anderen«, die sich zwischen sie und den Geliebten stellte; Gese Tönnings scheint in ihrer Not und Zerfahrenheit völlig vergessen zu haben, daß sie sich bei mir für das Kind verpflichtete. Es schlummert drüben in seinen Kissen und ahnt nichts von den Kämpfen und Irrungen um sich herum. Die es doch so nahe angehen. –
Ritter Lage schreibt: »Nun kann die kleine Gitti zeigen, ob sie Schneid hat. Feine, linde Frauenhände besitzt sie, das weiß ich. Aber jetzt gibt es weniger Wunden zu verbinden, als sturre Trotzköpfe zu zwingen und Feiglinge an ihre Pflicht zu mahnen.
Patronin von Lage, werde hart!
Im Laufe des Tages wird der Bursche Nordstamm bei Ihnen anklopfen, der Sünder, der sein häßliches Geheimnis so außerordentlich schlangenklug vor Deutschland und Holland zu wahren wußte, und den nur sein eigen Weib durchschaute. Arme kleine Rika! – Regenschirmbase, gehen Sie tapfer durch all den Schmutz und all das Leid hindurch, und lassen Sie sich Ihre leuchtenden Blauaugen nicht verdunkeln. Wir alle brauchen dies ›Licht im grauen Alltag‹.
Der Enterbte.«
O ich glaube wohl, daß ich Schneid genug in mir habe. Der half mir über das widerliche Gefühl der tiefen Abneigung hinweg, das in mir aufstand, als Förster Nordstamm mir gemeldet wurde. Dann schlug es jäh in Mitleid um. Denn ich bin ja eine Frau, die Menschen und Tiere nicht leiden sehen kann. Und wie ein erbarmungslos durch Busch und Dorn gehetztes Wild sah der Jägersmann aus. Stoßweise, gequält gab er mir seinen Bericht. Der Schmied hatte ihm aufgelauert. Mit einer Peitsche war er über ihn hergefallen. Eine breite, rote Spur zog sich quer über sein blasses Gesicht.
»Ich bin geschändet,« stöhnte er, »ich kann mich nie wieder vor jemand blicken lassen.«
»Nicht mehr geschändet, als Gese Tönnings und ihre Eltern«, sagte ich laut.
Da schlug er beide Hände vor sein Gesicht. »Warum hat man sie mir nicht vor vier Jahren gegeben?« klang es verbissen. »Da sollte die Gese zu gering für die Erbförsterei sein. Meine Mutter hat’s nicht gelitten, die Rika mußte es werden. Da ist die Gese leichtsinnig geworden, hat’s trotzdem mit mir gehalten. Schlecht ist sie nicht, – schlecht nicht. Gnädiges Fräulein haben es selbst gesehen, daß sie das Kleine von meiner Frau gehegt hat. Und wenn ich mir nicht das Leben genommen hab’, als meine Frau starb, und ich mir sagen mußte, ich hab’ sie auf dem Gewissen, so ist mir die Gese in den Arm gefallen, als ich das Gewehr losdrücken wollte …«
»Toben Sie nicht so«, wies ich ihn zurecht, denn seine Stimme war immer lauter geworden. »Es ist viel Schuld und Wirrnis gekommen, – doch es kann wohl geschlichtet werden. Aber trauen Sie wirklich der Gese Tönnings zu, daß sie der Erbförsterei wohl ansteht?«
»Der Erbförsterei!« sagte er verbittert. »Dem Begriff ist schon mancher von meiner Sippe geopfert worden. Viel Glück ist da nicht gesehen worden in dem Hause. Und als ich’s hineinbringen wollte, da schloß man die Tür vor ihm zu.«
»Wenn Sie meinen, daß Gese Tönnings dies Glück ist, so will ich Ihnen helfen«, sagte ich fest. »Ihr Kind soll im Vaterhause geboren werden.«
»Das leidet mein Vater nicht, und nicht der Schmied.«
»Das wollen wir sehen.« Ich stand auf, und Förster Nordstamm tat desgleichen. Er sah unschlüssig zu mir herüber, aber die Hand konnte ich ihm nicht reichen, ich legte sie fest in die Falten meines Kleides. Da wandte er sich und ging langsamen, schweren Schrittes durch den Park dem Walde zu. – Ich setzte mich wieder still in den großen Ohrenstuhl und faltete die Hände über meinen Knien. Es ward eine Stunde der tiefsten Einkehr in mich selbst. –
So stark wie nie zuvor mußte ich meiner Eltern gedenken, meiner Mutter Pauline, die so ganz Liebe war und doch gar keine Überschwenglichkeiten kannte. Und meines Vaters, der wiederum die ganze Welt mit einer großen, nachsichtigen, verstehenden Liebe umfaßte, »himmelhoch jauchzend« und »zum Tode betrübt« sein konnte und über allem nie die große Linie vergaß. An seiner starken Hand führte er mich allem Schönen entgegen, zeigte mir jede kunstvolle Pflanze, jede prächtige Rose, die im großen Gewächshause der Welt aufblühte, und ließ mich doch auch an keinem Wiesenkräutlein vorbeigehen, das meiner Entwicklung von Nutzen sein konnte. Und seine köstlichen Gedanken und Wahrsprüche, erlesen und erlebt, die er meinem Verständnis nahebrachte! Die mir alle nur den einen Weg zur inneren Ruhe wiesen, den Weg der Liebe. – Den Weg, den die Erde nicht kennt, nur die Liebe.
Auch das rechtfühlende Herz suchte er in mir schlagen zu lassen. Er pries es als den Mittelpunkt der ganzen Welt und meinte, daß vor der Echtheit eines solchen rechten Fühlens sich das Weltgeschehen ordne. –
In all dieses Versenken meiner eigenen Seele in tiefe, besinnliche Stille schrillte das Glöcklein von Haus Lage und brachte mir einen Besuch.
Madame Oswald war es, die so gut in den Urväterhausrat von Lage paßt. Wenn sie mit ihrem weißen, stillen Gesicht und den mütterlichen Augen im alten Ohrenstuhl sitzt, wirkt sie recht wie ein Bild des Friedens.
Heute freilich nicht. Heute war sie voll Unrast, und diese teilte sich mir so stark mit, daß ich allen guten Gedanken Valet geben mußte und recht aufgeregt und zwiespältig wurde. Nicht so, nicht so. Ich kann da nicht folgen. Ich vermag es nicht, eine so schwerwiegende Frage wie meine Verheiratung in Hast zu erledigen. Ich kenne die Liebe nicht, und glaube es der alten Frau, daß so tiefe Achtung und ein so großes Vertrauen, wie ich es Pastor Oswald entgegenbringe, wohl Gründe sein können, auf denen man ein Haus ohne Reue aufbaut. Aber etwas erwartungsvoller müßte doch mein Herz schlagen, wenn wirklich das Glück geschritten käme. Ich freue mich gewiß, wenn ich Oswald begegne, habe eine schöne Sicherheit, wenn er neben mir schreitet, oder mir gegenüber sitzt, und auch ein bewunderndes Gefühl für seine überlegene Geistigkeit. –
Genügt dies schon? Wie werte ich jenes andere, das Himmelhochjauchzende, Zumtodebetrübte, das die Dichter Glück nennen? Oder sind wir überhaupt nicht zum Glück geboren, sondern nur zur Pflicht? Und ist stärkste Pflichterfüllung zugleich höchstes Glück?
Ich konnte Madame Oswald keine befriedigende, abschließende Antwort geben. Auch hielt mich ein leises Befremden davon zurück. Daß Pastor Konrad Oswald nicht selbst um mich warb, sondern die Mutter schickte. Ist das Hamburger Sitte? Aber wir beiden Hauptbeteiligten sind nicht mehr so jung, daß wir Vertreter brauchten. Gewiß ist alles gut gemeint, aber ich vermisse das Unmittelbare. Können sich zwei gereifte Menschen nicht auch ein ehrliches Nein sagen? Es hätte ja auch nicht unbedingt ein Nein sein müssen. Ich bin nur nicht für die Hast eines raschen Verlöbnisses. Nicht nur das Ziel ist schön, auch der Weg zum Ziele. – Er muß tausend Wunder bergen, und die Prinzessin Ohnearg aus dem Hause Weißnichts bedarf ihrer. Bedarf eines langen, langen Wanderweges bis zur leuchtenden Wunderlampe. Aber ich glaube nicht, daß Pastor Oswald mir diesen Weg zeigen kann. Vielleicht müßte ich ihn an irgendeiner Wegecke stehenlassen und einsam und befreit weiterwandern …
In seiner alten Mutter war ein Drängen, das seltsam von ihrer beherrschten Vornehmheit abstach und ihr das Ausgeglichene nahm, das mich sonst so entzückt hatte. So schieden wir beide unfroh voneinander, und hätten uns doch gern in Fried und Freude festgehalten. Ich sah der feinen Gestalt, die mit dem Schwebeschritt der Krinolinenzeit dahinwippte, lange nach. Eine sorgende, sorgliche Mutter ging von mir, – und ich bin elternlos. – –
Ritter Lage schreibt: »Man wird die kleine Gitti ihrem Schicksal überlassen müssen. Sie will, scheint es, ohne guten Rat verständiger Vettern gehen, trotzdem sie noch, sozusagen, im Steckkissen liegt. Nun dann Glück zu! Mir kommt das Liedchen in den Sinn:
»Wer winters an den Lenz schon denkt,
Der Hecken lauter Rosen schenkt,
Geht mutig-froh und schnelle.«
Die kleine Gitti mit ihrer Eulenspiegelnatur wird sich den braven Pastor schon zurechtdenken … Übrigens ist er weit mehr, als nur brav, – ist ein aufrechter Mann und guter Hirte. Aber aus all den Handlungen der selbständigen Regenschirmbase habe ich meine Folgerungen gezogen. Diese treffen hart, aber zum Glück nur mich selbst. –
Leb’ wohl, Gitti! Leb’ wohl!
Der Enterbte.«
Da war es mir, als bräche mein Herz mitten entzwei … Ich sollte wohl lachen und mich selbst ausschelten. Was ist denn in mein Leben gekommen, und was scheidet jetzt aus? Lächerliche gelbe Büttenpapiere, die mich Mores lehrten, und hinter denen sich ein völlig Fremder birgt. Und ich tausche dagegen eine wirkliche, warme Heimat ein …
Lieber Gott, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Oh, wie bin ich einsam! Aber ich würde noch einsamer im Pfarrhaus sein. Denn man will mir das gelbe Büttenpapier nehmen …
Abends.
Ganz rasch und doch wohldurchdacht habe ich an Pastor Oswalds Mutter geschrieben. Quält mich nicht, ich kann euren Willen nicht tun! Und nun ist sie krank, die liebe, gütige Frau, sie hat sich hingelegt und will niemand sehen. Vielleicht ist dies der erste Fehlschlag in ihrem wohlgefügten Leben, deshalb trifft er sie hart. – Wie quälend für mich, daß ich ihn tun mußte.
Aber nun ich den gordischen Knoten durchhieb, schlägt mir auch das Herz wieder stark in der Brust. Denn ich habe meine Freude wieder. Und ich kann nie wieder ganz einsam werden, denn nun bleiben mir ja die närrischen Briefe, die ganz lieben …
Wie licht ist plötzlich der Lager Wald! Wie duftet er! Dieser Geruch macht trunken. Ich will hineintauchen in seine Kraft und in seine herbe Schönheit. Lager Wald, ich liebe dich!