Anmerkungen:

[1] Deut. XXXII, 47. „Es ist kein leeres Wort für Euch, sondern es ist Euer Leben ...” und Deut. XXX., 19: „Siehe ich nehme heute den Himmel und Erde zu Zeugen, daß ich vor dich gestellt Leben und Tod, Segen und Fluch. So wähle denn das Leben, auf daß du lebst, du und deine Nachkommenschaft!”

[2] Eine übersichtliche, kurze und systematische Zusammenstellung der praktischen Gebote des Talmud wurde unter diesem Namen von Joseph Karo im 16. Jahrhundert zusammengefaßt. „An diesen Codex hat sich die orthodoxe Judenschaft in den letzten Jahrhunderten gehalten.” (Nossig a. O.).

[3] Trotzdem oder vielleicht eben deshalb, war es mir nicht möglich, die Segallschen Einzelheiten, soweit sie statistisch irreführend waren, in der Zeitschrift für Statistik einer Entgegnung zu unterziehen. Der Vorsitzende des Verbandes, Geheimrat Dr. Maretzki, hatte mir zwar die Aufnahme des Artikels zugesichert, die Redaktion verweigerte aber seine Aufnahme.

[4] Vor allem erwiesen sich hier durchaus entgegenkommend: Das Hamburger Israel. Fam.-Blatt, die Frankfurter Jüd. Presse und die Jüd. Rundschau, sowie das Schweizer Israel. Wochenblatt.

[5] Levit. XXVI: „Und wo Ihr mir entgegenwandelt — sollt Ihr untergehen unter der Umwelt und deren Geist wird Euch aufsaugen. Und der Rest wird verdorren, infolge seiner Sünden und infolge der Sünden ihrer Väter ...”

[6] Azulai, der große italienische Talmudgelehrte hat in seinem Schem ha Ketolim vor 100 Jahren die These aufgestellt, daß es das Los der Juden sei, in der Diaspora in einem Lande zu blühen und in einem anderen zu sterben, nur im Wechsel ruhe sozusagen das Gleichmaß.

[7] Für Hessen findet sich die Zahl im Staatsarchiv zu Marburg. Im Jahre 1689 wurden 2566 Juden gezählt. Eine Feststellung für Deutschland ist m. E. noch nicht getroffen.

[8] Die gesetzestreuen Kreise zählen nach Schätzungen, die (u. a. geben die Anmeldungen zum Bezug von rituellen Lebensmitteln einen Anhaltspunkt) etwa 1/5 der deutschen Juden, wobei man als gesetzestreu alle die bezeichnen kann, die den Sabbath heiligen und die Speisegesetze beobachten. Wer die als gesetzestreu anerkennen wollte, die die Sexualvorschriften befolgen, würde in Deutschland wenige finden, die sich an das Gesetz halten. Denn so peinlich stellenweise die Sabbathheiligung durchgeführt wird, so lax stehen dieselben Kreise den sexuellen Forderungen gegenüber. Die Zahl der orthodoxen Juden nimmt übrigens beständig trotz des östlichen Zuzuges ab. Ein Blick in die Verschiebung des Wohnaufenthaltes bezeugt diese Tatsache insofern, als die dörfischen und kleinstädtischen Juden zum kleinsten Teil neolog, die Großstädte in der Hauptsache freisinnig sind. Darüber kann uns nicht hinwegtäuschen, daß die Orthodoxie der Städte neuerdings besser organisiert ist und das sie infolge des starken Zuzuges an Zahl gewonnen hat. Wir können annehmen, daß 1870 noch die Hälfte der deutschen Juden als gesetzestreu anzusprechen war, während die im letzten Krieg ermittelten Zahlen von 25% rituell lebenden Juden noch Teile bergen, die nur zu Hause die jüdische Küche beachten, im übrigen aber nicht mehr als Anhänger der Orthodoxie anzusprechen sind.

[9] Noch im Jahre 1462 erließ Markgraf Albrecht von Brandenburg die Erklärung: „... denn so ein yeder Romische Konig oder Kayser gekrönet wird, mag er den Juden allenthalben im Rich alle jr güt nemen, dazu jr leben und sie töten bis auf ein anzal, der lutzel (klein) sein soll, zu einer Gedechtnis zu enthalten ...” zitiert nach der Schrift von Dr. Ludwig Davidsohn „Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Berliner Juden vor der Emanzipation” (Verlag L. Lamm Berlin 1920).

[10] 1832: 874, 1849: 1022, 1867: 2103.

[11] Wenn Segall trotz allem die Einwanderung als eine vorübergehende Erscheinung abtut, die das Bild der Entwicklung der deutschen Juden nicht aufs wesentlichste mitbestimmt, dann gehört diese Annahme zu den willkürlich getroffenen Konstruktionen, die zur Verdunkelung des Tatbestandes dienen sollen.

Segall schrieb diese Behauptung im Jahre 1911 in seiner Abfertigung meiner Arbeit, als ihn jede großstädtische Synagogengemeinde an der Hand der Steuern, der Eheschließungen, der Todesfälle belehren hätte können, (was er übrigens von jedem Kinde in der Grenadierstraße auch so erfahren haben würde). Wissenschaftlich hätte er sich an Hand der Zählkarten der Stadt Berlin der Tatsachen überführen können. Leichtfertig, wie Segall mit seinen wissenschaftlichen Behauptungen auftritt, fiel es ihm garnicht ein, irgendwelche Unterlagen für seine Thesen zu suchen.

[12] 1840: sogar 70%.

[13] 1840: sogar 58%.

[14] Nach Heinrich Löwe waren 1817 2/3 der preußischen Juden polnischer Abkunft, woraus die Bedeutung der Ostmark für die preußischen Juden klar hervorgeht.

[15] In der Februarnummer 1920 der Neuen jüdischen Monatshefte habe ich in einem Aufsatz „Die Nemesis des deutschen Antisemitismus” weiteres Material zur Ostmarkenpolitik niedergelegt.

[16] Rückgang erst seit 1905.

[17]

1885:65611 = 4,45%
1895:94391=4,48%
1900:130487=4,3%
1910: 142289=4,05%

[18]

Die Zunahme von Groß Berlin war 1880/90 = 19000
Die Zunahme von Groß Berlin war 1891/00 = 26000
Die Zunahme von Groß Berlin war 1901/10 = 35000

[19] Eine ähnliche Umschichtung nimmt in jeder gemischten Bevölkerung der geistig regsamere Teil vor. In Amerika und im Orient werden die schwerfälligeren und stumpferen Nationalitäten länger in den schlechter entlohnten Arbeitsformen festgehalten, während die agileren und sensibleren das großstädtische, kommerzielle und akademische Element stellen, (z. B. im Orient: Griechen, Juden, Armenier, Türken, in Amerika: Juden, Deutsche, Engländer, Iren, Italiener, Polen, Neger). Selbst in Deutschland zeigen sich ähnliche Differenzierungen zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung, diese dringt in katholische Gegenden ein und besetzt die lohnenderen Berufsarten. Der ewige Jammer darüber, daß die Katholiken in Deutschland so wenig an der Spitze der Nation stehen, hatte neben der sicher unberechtigten Zurücksetzung auch seine Ursache in der tatsächlich geringeren Zahl von Akademikern, Großindustriellen und Großkaufleuten, wobei den Katholiken, die in den alten Kulturgebieten Deutschlands am Rhein und in Süddeutschland wohnen, alle Wirtschaftsvorteile und alle geistigen Vorbedingungen gegeben waren.

[20] Von mir ergänzt.

[21] Ueber die Zahl der Austritte siehe in dem betr. Kapitel.

[22] Die schönfärbenden Statistiker belieben diese Ziffer zu unterschätzen.

[23] Ohne die Kriegsverluste bei gedachter günstiger Friedenssterblichkeit.

[24] Darunter 129 Militärpersonen.

[25] Nur die über 14jährigen. Die Taufe der Kinder ist damit nicht erfaßt.

[26] Die Bevölkerungsabnahme der Juden Wiens war somit vor dem Weltkrieg jährlich über 500, da die Austrittsziffer nur die amtlich registrierten ausscheidenden über 14 Jahre alten Personen erfaßt.

[27] Es handelt sich um Berlin allein, Groß Berlin würde noch beweiskräftigere Zahlen liefern. Für den Westen liegt kein Material vor.

[28] Der eine Sohn war der Bassist Lindeck, der andere, allerdings nicht getauft aber wohl Dissident, der bekannte Münchener Hofkapellmeister und Wagnerdirigent.

[29] Emin Pascha, der als Jude geboren, später getauft wurde, trat zum Mohammedanismus über und wurde schließlich wieder Christ. Familien in denen die Kinder z. T. katholisch z. T. evangelisch getauft waren, sind keine Seltenheit.

[30] Von den in Preußen ermittelten Mischehen befindlichen 3643 Kinder waren 792 im jüd. Glauben erzogen. Also 22%, eine Ziffer, die fast in allen Auszählungen wiederkehrt, wonach jedes 4.-5. Kind aus Mischehen in der mosaischen Religion erzogen wird.

[31] Das XIX. Jahrhundert erfüllte der Kampf um die politischen Rechte des Individuums und die nationale Selbstständigkeit der Völker. Dem neuen Zeitabschnitt scheinen grosse soziale Auseinandersetzungen vorbehalten zu sein. Ob es gelingt, das einzelne Individuum vom Druck der Wirtschaftsverhältnisse frei zu machen, kann nur die Zukunft lehren. Vorerst hängen die Juden wie keine zweite Klasse von allen Vibrationen des Wirtschaftsmarktes ab und reagieren wie ein feines Metall auf alle Stösse des ökonomischen Lebens.

Im Mittelalter waren die Juden die Träger des Geldhandels, in der neuen Zeit sind sie die Träger des Kapitalismus, Begriffe, die man nicht ohne weiteres gleichsetzen darf. Es wäre lohnend auf alle diese Probleme einzugehen.

[32] Hierher gehören auch die sich mehrenden Fälle anormalen Sexualempfindens oder minderer Potenz.

[33] Denn es bleibt eine Tatsache, daß die Ostjuden sehr rasch die Sitten und Gewohnheiten der Westjuden annehmen, weil sie in denselben Kulturkreis unter denselben Voraussetzungen und Bedingungen eintreten.

[34] Jenseits der deutschen Grenze vollzieht sich in umgekehrtem Maßstab der Neuaufbau eines jüdischen Palästina und löst so das Wort des Profeten Jesaias ein: „Und wenn auch nur ein zehntel bliebe: — wie eine Eiche oder eine Terebinthe, wenn sie das Laub abgeworfen doch den Schein behält: so wird auch der heilige Stamm Bestand haben, und Amos beschließt diese Profetie in dem letzten seiner Bücher:

Alle Sünder in meinem Volk sollen durchs Schwert sterben, die da sagen: Es wird das Unglück nicht so nahe sein, noch uns begegnen. Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Lücken verzäunen, und was abgebrochen ist wieder aufrichten und will sie bauen wie sie vorzeiten gewesen ist.

Denn ich will das Verhängnis meines Volkes Israel wenden, daß sie sollen die wüsten Städte bauen und bewohnen, Wein, zu pflanzen und Wein davon trinken, Gärten machen und Früchte daraus essen.

Denn ich will sie in ihr Land pflanzen, daß sie nicht mehr aus ihrem Lande ausgerottet werden, das ich ihnen gegeben habe, spricht der Herr, dein Gott.”

Und in dem Sinne kann das Wort des Propheten Jeremias gelten:

Es bleibt Hoffnung für Deine Zukunft!”