I.
Gar wunderhold, wie sonst kaum irgendwo auf deutscher Erde, zieht der Frühling ein zu Würzburg an dem Main.
Frühzeitiger als anderwärts kehrt er zu: im Hornung schon flötet die Amsel ihr melodisch Lied hoch vom Ulmenwipfel, wann die Sonne zu Rüste geht über dem Guttenberger Wald, Thal und Rebgelände tauchend in eitel Gold und Segen. Frühe sprießen an sonniger Halde die Veilchen hervor und wie leuchten, wie duften sie in den Weingärten der sanften Hügel, die wilden, gelben Tulpen! Dankbar gedenkt, wer je sein genoß, des Würzburger Lenzes. –
Und ganz besonders schön, herrlicher denn je zuvor, meinten die frohen Menschen, war der liebe Lenz in das Mainthal eingefahren im Jahre des Herrn Eintausend.
Das Land weithin stand in eitel Maienblust.
Das Wildgedörn, das die Rebgärten rings an den sanft aufsteigenden Hängen umhegte – Weißdorn und Rotdorn und zahllose Hagerosen – blühte so reich, daß der süße Duft, vom Südwind getragen, berauschend flußabwärts zog. In den dichten Hecken vor der Stadtmauer, aber auch in den häufigen Gärten innerhalb der Umwallung sang die Mönchsgrasmücke, sang die Nachtigall ihr feurig Lied. –
Am Abend eines wunderschönen Maientages leuchteten vom linken Flußufer her über den Wall am rechten Ufer, zumal über die Mainbrücke hin, die Strahlen der versinkenden Sonne: sie trafen voll auf den ragenden Dom und das unmittelbar im Süden daranstoßende »Bischofshaus«: das heißt das gemeinsame Wohnhaus der Kanoniker. Brücke und Dom standen damals bereits genau an derselben Stelle wie heute: aber beide waren von Holz gebaut und erheblich schmäler als dermalen.
In dem Hauptsaale – der Bücherei – des Bischofshauses, in dem einzigen Stockwerk oberhalb des Erdgeschosses, stand an dem hochgewölbten romanischen Rundbogenfenster ein ernster Mann in mittleren Jahren. Er hatte soeben den von zierlichen Querlatten gebildeten Fensterladen, der den heißen Tag über verschlossen gehalten worden, nach außen aufgestoßen und blickte nun hinaus. –
Wo sich heute bergab, gegen den Fluß zu, die »Domstraße« senkt, lag damals ein offener Platz, nur in weitem Abstand vom Dom und dessen Anbauten durch ein paar unverbundene »Höfe« begrenzt.
Der einsame Mann neigte das braunhaarige, aber stark ergrauende Haupt leicht hinaus; er strich langsam mit der Linken über den breiten, fast völlig weißen Bart; er schloß die grauen, schwermütigen Augen; seltsame Augen waren es: nicht schön von Form oder Farbe: müde von vielem Lesen: – vielleicht auch von anderem: – aber doch war ihr Blick scharf, – wie der des Falken – und unvergeßbar für jeden, der ihn aus der verhaltenen, ja trüben Ruhe hatte plötzlich aufleuchten sehen in flammendem Blitz. –
Aber jetzt, als er sie wieder aufschlug, war der Ausdruck dieser sinnigen Augen tief verträumt. Lange blickte er schweigend hinaus. »Wie schön,« sprach er endlich leise vor sich hin, »wie friedevoll! Des Herrgotts reichster Segen ruht auf Gau und Stadt. Soll ich – darf ich – diesen Frieden stören? – Aber muß ich nicht? – Und wird nicht – wie sie sagen – vielleicht der Herrgott diesen Frieden in wenigen Wochen wandeln in flammende Zerstörung, in Verderben? – Er nach einem unerforschlichen Ratschluß im großen – ich im kleinen, nach Pflicht meines von ihm mir verliehenen Amtes, also doch auch nach seinem Ratschluß.«
Er richtete sich hoch auf, trat von dem Fenster zurück und machte einen Gang durch den geräumigen, durch zwei Reihen von Holzpfeilern mit Rundbogen gegliederten Saal.
Die Einrichtung war einfach, ohne Prunk, aber würdevoll; das ansehnlichste Gerät bildete eine Art Baldachin, der an der Ostwand gegenüber den nach Westen blickenden Fenstern, von zierlich geschnitzten Rundpfeilern getragen, eine lange Truhe überhöhte, deren Deckel, mit weichen Decken belegt, als Rücksitz diente; in der Mitte der Bücherei stand ein mächtiger runder Tisch, dessen weiße Ahornplatte mit Schreibgerät und mit vielen Pergamenten bedeckt war, an welchen an Lederriemen und bunten Schnüren große Siegel in hölzernen, bleiernen und silbernen Kapseln herabhingen.
»Mein Amt?« raunte er nun leise. »Ist es nur des Amtes Pflicht, was dich treibt, Heinrich von Rothenburg! Oder ist es die alte Lust am Kampf?« – Er ballte die Rechte wie um Schwertesknauf und spannte die Muskeln des eingebogenen Armes. – »Am Kampfe, – zumal gegen diesen Feind? – – Also Sünde? – Sünde also plante ich, während der Rächer aller Sünde vielleicht schon die Wolken zusammenballt, auf denen er niederfahren wird, zu richten die Lebendigen und die Toten!« –
Er hielt erschauernd inne in seinem hastigen Gang und schlug andächtig ein Kreuz über Stirn und Brust. –
»Sünde?« – begann er aufs neue, wieder ausschreitend. »Jawohl! – Hätte ich nicht dringendere Pflichten, – vielleicht! – aber die meinen immer noch weltlichen Sinn weniger befriedigen, meine Kampfesfreude schwächer – locken? Denn diese Pflicht des Amtes lockt dich, Heinrich! Ist das nicht ein Zeichen, daß sie weniger Pflicht als – – Leidenschaft?«
Er stieß bei einer raschen Wendung an den Rundtisch: eine der Urkunden glitt herab und rollte vor seine Füße. Er hob sie auf und warf einen Blick auf das daranhängende Siegel. »Kaiser Karls Verleihung! Sie selbst! – War das ein Wink, eine Mahnung des Herrn? Wüßt' ich es nur, – zweifelfrei: – ich nähme sie ja so gern auf mich, die Pflicht und den Kampf.« – Er drückte das Pergament heftig an die Brustfalten seines langwallenden dunkel-porphyrfarbigen geistlichen Gewandes.