III.
Die Wirkung des Liedes, des ganzen Aufzuges auf die wirre Menge war eine furchtbare.
Nur wenige zwar verstanden genau die Worte des Gesanges: aber von den dem Wagen nächsten aus verbreitete sich mit Windeseile bis in die hintersten Reihen der Herandrängenden das kurze, vernichtende Wort: »Es ist so. Die Welt geht unter. Der Papst hat's selbst gesagt. Er hat befohlen, es zu glauben.« Was monatelang nur wie ein fernher drohendes Gewölk über den Gedanken der Menschen geschwebt hatte – die allermeisten der leichtlebigen Franken hatten gehofft, es werde sich zerstreuen – das hatte sich nun plötzlich zu einer furchtbaren schwarzen Wetterwolke über ihren Häuptern geballt und donnernd zu entladen begonnen. Keiner von den Tausenden zweifelte mehr. Heulend und schreiend liefen sie durcheinander, Männer wie Weiber, zerrissen die Kleider, rauften sich das Haar; einzelne rannten in wahnsinniger Angst gegen den Fluß zu, sich zu ertränken. Die meisten strömten in wilder Flucht nach der Stadt zurück – manch' alt' Weiblein ward dabei umgeworfen und überrannt – die zurückgelassenen Ihrigen zu benachrichtigen, zu warnen oder in den Kirchen an den Altären, bei den Überbleibseln der Heiligen zu beten. Die paar Hunderte aber, die wahrgenommen hatten, daß der lang erwartete Bischof bereits vor dem schrecklichen Aufzug eingetroffen war auf der Wiese, drängten alle, wie eine Herde Schafe, die der Wolf bedroht, auf ihren Hirten, so auf ihren Bischof zu um Hilfe, Rat, Trost, Auskunft, Rettung. »Helft, helft, helft, Herr Bischof! Herr Heinrich, was sollen wir thun?« riefen Hunderte von Stimmen. Und der Herr Heinrich that seine Hirtenpflicht.
Seine Ritter hatten ihm alsbald Bahn gebrochen durch die wogende Menge, so daß er ziemlich in die Nähe des schauerlichen Wagens gelangte und den Sinn des Liedes genau verstehen konnte. Seine Junker und er selbst, mächtig den Fliehenden sich entgegenstemmend, die beiden Mädchen hinter sich deckend, hielten auch nun, nachdem der Gesang zu Ende, in dem Gedränge stand. Endlich legte sich der Lärm, es entstand um den Wagen her eine todesbange Stille: Herr Heinrich drang durch die letzten Reihen des Volkes, die ihn noch von dem schwarzen Gespann trennten: scharf spähten seine Augen auf die Gesichter und Gestalten der fünf Mönche: er kannte keinen. »Wer ist es,« rief er mit starker Stimme, weithin vernehmbar allem Volk, »der solche Schrecken zu erregen wagt? Wer will hier das Wort führen im Namen Sylvesters, des heiligen Vaters?«
Da schlug der riesenhafte Mönch in der Mitte des Wagens die Kapuze zurück und sprach: »Ich!«
»Arn!« rief der Bischof mit Entsetzen. »Du! Arn!«
»Nein! Nicht mehr Arn, Bruder Monitor ist mein Name. Abgelegt für immer, abgeschworen habe ich, was an mein sündhaftes Leben in der Welt erinnert.« Der Bischof entgegnete: »Wohl! – Aber das ist unweise gehandelt und nicht im Sinne der Kirche, diese gewaltige Wirrnis, plötzlich, ohne Vorbereitung, unter den großen Haufen zu werfen. Schau' hin, welch' Unheil du angerichtet hast. Da tragen sie blutende Kinder, ohnmächtige Weiber vorüber!« – »Heil ihnen, nehmen sie Schaden an ihren Leibern und retten ihre Seelen.« – »Warum hast du nicht – in alter Treue – mir, deinem Dienstherrn, deinem Lehnsherrn, zuvor vertraute Kunde geschickt, wie es gutem Boten ziemte?« – »Ich weiß nichts mehr von Treue, Dienst und Lehen! Ich bin Mönch, habe weder Allod noch Lehen und diene nur den Heiligen.« »Nun,« erwiderte Herr Heinrich heftig, »so bin ich doch Euer Bischof geblieben und als Euer Bischof verbiete ich Euch, den Schrecken in solcher Weise weiter unter meine Gemeinde zu werfen und Verzweiflung zu verbreiten. Ich verbiete Euch, weiter in diesem Aufzug durch meinen Sprengel zu fahren. Als mein Bote seid Ihr ausgesendet worden und mir allein habt Ihr genauen Bericht zu erstatten. Ich werde ihn prüfen und werde, was davon für die Gläubigen zu erfahren ersprießlich ist, unter gehöriger bischöflicher Vermahnung und Anleitung mitteilen. Herunter mit Euch von dem Gerüst! Spannt die Pferde von dem Wagen ab!« Und drohend trat Herr Heinrich dicht an das Gespann. Aber der Mönch riß aus seinem Gürtelstrick eine Pergamentrolle, hielt sie ihm entgegen und schrie mit gellender Stimme: »Nichts hast du mir zu befehlen, du allzuweltlicher Bischof von Würzburg! Als dein Bote ritt ich aus, als Bote des Herrn Papstes kehre ich wieder. Schau' her! Kennst du das Siegel? Lies! Mein Orden, der Orden des schwarzen Bundes von Garganus, neu gestiftet unter den furchtbaren Offenbarungen dieser Wochen von Sankt Nil, dem größten Heiligen und Wunderthäter der Christenheit, steht unmittelbar unter dem Papst: nur der Bischof von Rom ist mein Bischof, er hat mir mit eigner Hand diese schwarze Fahne gereichet und mich zu seinem Bandalarius, zum Bannerträger und Herold des drohenden Gerichts bestellt. Und der heilige Vater selbst – lest doch, leset auch ihr, Ritter und edle Fräulein! – hat mir Auftrag und Befehl gegeben, mit vier andern Brüdern aus Deutschland in die Heimat zurückzueilen und hier vom Brennerberg an von Gau zu Gau zu ziehen, rastlos und unhemmbar, bis zur Dänenmark und überall in jedem Dorf, in jeder Stadt zu verkünden: ›das Ende bricht herein. Thuet Buße! Bereitet euch, den fürchterlichen Richter zu empfangen‹. Und Ihr seht, mit welchem Erfolg ich das Wort vom Gericht verkündet habe. All' diese vielen Hunderte hinter mir, zu Roß, zu Fuß, zu Wagen, von meiner Verkündung hingerissen, haben vom Inn bis zum Main Haus und Hof und Habe verlassen und folgen mir nach freiwillig: Männer und Frauen, Jünglinge und Greise, um die schreckende Kunde weiterzutragen und die eignen Seelen zu retten, indem sie andre warnen, aufrütteln und erretten vor dem ewigen Verderben. Und überall will ich laut verkünden vor allem Volk – nicht vor Bischof oder Priester im geheimen! – das große Wunder, das der Herr in Welschland an mir gethan.«
Inzwischen hatte der Bischof das Pergament durchflogen, das ihm der Mönch von dem Wagen herunter gereicht: – er prüfte nun und erkannte als echt das große daran hangende päpstliche Siegel: seufzend gab er das Schreiben dem Mönche zurück und mahnte seine Junker, welche bereits sich anschickten, die schwarz behangenen Pferde auszuspannen, davon abzulassen.
»Kein Zweifel,« sprach er. »Es ist alles, wie er sagt. Ich habe kein Recht, dem Boten des heiligen Vaters das Wort zu verbieten. So redet denn in Gottes und der Heiligen Namen! – Seid Ihr zu Ende, wird der Bischof anordnen, welche geistlichen Vorbereitungen geschehen sollen.«
Er trat nun mit seinem Gefolg ein paar Schritte von dem Wagen zurück: auf einen Wink Monitors stießen die andern Mönche wieder dreimal in die ehernen Posaunen: – weit dröhnten sie über das Blachfeld hin: eine bange, eine ungeheure Stille entstand.