III.
Wenige Tage danach – es war schon dunkler Abend – kam Junker Fulko von einem Streifzug in der Umgegend – mainaufwärts – gegen die Landschädiger zurück. Er hatte sein Häuflein in dem Thore der Vorstadt auf dem Sand entlassen, Orco, seinen schönen Rapphengst, dem Roßwart übergeben und schritt nun in tiefe – ach! nicht mehr hoffnungsfreudige – Gedanken verloren durch die schmale Gasse, die innerhalb der Umwallung von Ost nach West an den Fluß führte; er wollte sich von da allmählich an das Religiosenhaus heranpirschen, zu versuchen, ob es nicht endlich gelinge, einen Blick auf oder von Minnegard zu erhaschen; bisher war die Hut der frommen Schwestern nicht zu durchbrechen gewesen! Er summte den Anfang eines werdenden Liedchens vor sich hin in der Dämmerung:
»Wes Auge je dein inne ward,
O zauberschöne Minnegard …«
Da drang aus der noch engeren Quergasse, welche die Straße von Nord nach Süd kreuzte, lautes Gekläff eines Hundes, dazwischen durch der Streit zweier menschlicher Stimmen, zuletzt etwas wie ein Hilfeschrei: und das war nicht eines Mannes Stimme.
Im Augenblick stand der Ritter in der ziemlich dunkeln Gasse: an deren Südende sah er gerade noch zwei blonde Zöpfe fliegen, während ein zottiges Grauhündlein, mit zornigem Gebell vorstoßend, den Rückzug seiner Herrin deckte.
»He, Junker Blandinus! Bei Euerem Sankt Markus! Schon wieder einmal beim Kinderquälen und im Köterkampf?« rief Fulko. »Könnt Ihr denn nicht warten bis diese Kirsche reif? Noch ist sie zu sauer – wenigstens für Euch. Ja so! Warten! – In vierzehn Tagen …! Gleichviel, laßt mir das dicke Kind zufrieden oder …« »Tod und Teufel! Ich liebe das holde Geschöpf und würde sie zur Dogaressa machen, ging nicht – leider! – vorher – zufällig die Welt unter!« rief der Venetianer, blitzschnell sich wendend und die schmale Stoßklinge herausreißend. »Was geht's Euch an, Provençale! Seid Ihr des Mädchens Muntwalt oder der meine? Zieht! Was habt Ihr mich zu stören? Zieht, sag ich.« Aber Herr Fulko hatte schon gezogen und wehrte ruhig, jedoch nachdrücklich die hitzigen Stöße ab, mit welchen der Erbitterte auf ihn eindrang. »Brav, brav,« lachte der Sänger. »Das war sogar recht hübsch, dieser Doppelstoß. Aber nun ist's doch genug.« Des Venetianers Klinge flog in die Luft, Fulko haschte sie behend vom Boden auf und reichte ihm mit anmutiger Verbeugung den reichvergoldeten Griff hin; beschämt steckte sie der Entwaffnete ein.
»Seht,« fuhr der Sieger gutmütig fort, »so gut wie jetzt habt Ihr mir in Eurem ganzen Leben noch nicht gefallen. Das war doch ein Anflug von Mannheit, wenigstens ein Flackerzorn, und ein ganz leidlich Fechten. Hätte Euch dabei das hübsche Kind gesehen, – ich glaube, Ihr hättet stark bei ihr gewonnen. Glaubt mir, ich mein' es gut mit Euch, junger Löwe von San Marko. Es steckt was in Euch, Ihr seid gar nicht so übel. Nur laßt – für die paar noch übrigen Tage – die verfluchte Geckerei und Ziererei! – Erst werdet ein Mann, eh' Ihr Weiber gewinnen wollt. Bei Sankt Amor, ich schelte Euch nicht drum, daß Ihr verliebt seid im Angesicht des jüngsten Tages. Es wäre recht sündhaft von mir! Aber alles hübsch nach der Reihe. Nur der Starke ist des Schönen wert! Glaubt mir, merken die Mädchen, an Eurem Auftreten gegen die Männer, Ihr seid ein Mann, dann werden sie Euch nicht mehr auslachen, tretet Ihr auch gegen sie auf mit dem Begehr, weil mit dem Recht des Mannes. Hätt' ich nur mehr Zeit, zu predigen, und Ihr, mir zu folgen. Folgt mir doch noch diese Spanne Zeit. Und nun gerade erst recht in diesen Tagen. Wenn Ihr nun in Bälde steht vor Sankt Georg, dem Erzengel, der uns Ritter unter sich hat, und er Euch fragt: ›Junker Blandinus aus Venetia, was habt Ihr beschafft auf Erden? Womit habt Ihr die zwanzig Jahre, seit Ihr Hosen tragt, ausgefüllt?‹ Ihr müßtet ja doch vor Scham in die Erde sinken (wenn sie noch da wäre!), könntet Ihr nur sagen: ›Den Mädchen bin ich nachgelaufen – und noch dazu oft sonder Erfolg!‹«
»Ihr … Ihr habt nicht Unrecht, glaub ich,« sprach zögernd Blandinus, mit niedergeschlagenen Augen, – »ich will's befolgen.« – »Wollt Ihr? Das ist recht! Morgen zieht einmal mit mir aus wider die tollen Bauern. Ich stehe Euch dafür: der Mann findet ganz gehörig zu reiten, zu fechten und zu trinken, der auf Kampf und Abenteuer zieht mit Fulko von Yvonne.«