V.
»Wie soll ich dir danken, Rado, treuer Rado? Du erfüllst den letzten heißen Wunsch meines Lebens, der mir noch übriggeblieben!«
»Danken? Ihr? Gar nicht! Euer Vater hat mir vorausgedankt für alle Zeiten. Die vielen Jahre, die ich, von den Rothenburger Herren ihm als Waffenträger zugeteilt, ihm dienen durfte in Jagdfahrt und Heerfahrt, – das waren die besten, die ich gesehen.
Seit er gestorben, Herr Heinrich Pfaff und ich Hirt der Burgensen geworden, – wenig Freude habe ich mehr am Leben. Nur daß ich im Wildwald hausen darf als Jäger und Köhler – neben der Herden-Hut – das thut mir wohl in der Seele. – Und wißt Ihr, was mir das Liebste war an Euerm Vater? Nicht, daß er mir Lohn und Beuteanteil gab mit vollen Händen, – nein, daß er sich so gern von mir erzählen ließ von – von den Alten – Ihr wisset schon! … Und daß er davon vieles glaubte, was ich von meiner Mutter überkommen. Mein Bruder Wartold, Großmutter Ute bekreuzen sich dabei, Fullrun ist zu kindjung und mutwillig. Aber Wartold wird's schon erleben, – gar bald! – daß ich recht habe. Und daß auch Ihr, obwohl des Bischofs Lieblingsritter, mir glaubt … –« – »Manches, Rado! Beileibe nicht alles! Ich bin ein guter Christ und will es bleiben. Ich glaube dir von deinen Sachen nur …« »Was Euch anzieht, was Euch gefällt,« schmunzelte der Alte. »Ihr werdet nicht bereuen, daß Ihr glaubt: ›reich lohnt Woden treue Freundschaft,‹« brummte er leis in den grauen Bart. »Und seht:« fuhr er laut fort, »Eins hat mir – all diese Monate her! – so gut gefallen von Euch.« – »Nun?« – »Daß Ihr etwas nicht gethan, nicht von mir verlangt habt!« – »Bin gespannt!« – »Keinen Minnezauber!« »Rado!« rief der Jüngling und errötete über und über. – »Nun, ich sage nichts weiter. Aber wer Euch und – Eine im Winter selbander zur Jagd reiten sah, – Aug' in Auge! – und Euch jetzt beisammen sieht, der merkt was. Und doch verlangtet Ihr nicht – wie so viele – von mir einen Liebeszauber.« »Niemals!« rief Hellmuth. »Lieber dreimal drüber sterben als ihren keuschen Willen brechen – durch Zauber!« – »Ja, das eben ist mein Hellmuth, den ich vom Kind an kenne und seine lichte Seele: sie ist durchsichtig wie ein klarer Waldquell und kein trüber Fleck darin. Ihr leidet so schwer.« – »Bald ist nun ja auch diese Qual zu Ende. – Aber sage, wie kommt es, daß du, der sonst allzuwenig den Worten der Priester glaubt, gerade diese Verkündung gleich von Anfang – lange bevor der Papst durch den Mönch es gebot! – so gläubig, ja so eifrig, so gierig aufgenommen hast? Was nur die Allergelehrtesten und Allerfrömmsten der Kirche ergrübelt hatten … – …« »Hm,« lachte der Alte. »Und wie lang ist's her, daß die das lehren?« – »Noch nicht Jahr und Tag.« – »So? – Nun da weiß ich's etwas länger – so seit vierzig Wintern etwa! Mich hat's die Mutter gelehrt, als ich meinen ersten Fuchs geschossen. ›Ei,‹ sagte sie, ›ein wacker Werk. Du hast Herrn Loges Heer gemindert.‹ ›Herrn Loges Heer?‹ forschte ich. Und nun hob sie an zu erzählen, was sie von ihrer Mutter gehört und die wieder von ihrem Ahn. Ich glaube,« grübelte er vor sich hin, »unsere Sippe wußte es von je.« »Aber was, was wißt Ihr?« unterbrach Hellmuth ungeduldig. »Das andre ist mir all gleichgültig: nur das will ich nun endlich genau wissen, von den letzten Geheimnissen, was Ihr immer so dunkel angedeutet, wo und wie …?«
»Hei, ist so kurz nicht zu sagen. Setzt Euch. Hier! Ins trockene Eschenlaub. Nehmt die Lederflasche. Der Wein, den in der Bergleiste Frau Sunna kocht, die heiße Herrin, ist feurig. Und da – in meinem Netzranzen, das ist Wildeberfleisch. Und nun gebt acht!« Er trank einen langen Zug und hob an: »›Heilige und Teufel ringen dann‹, sagt der Bischof? Mag ja wohl sein! Riesen und hohe Helfer sagen wir. Die ringen und kämpfen unablässig miteinander um die Herrschaft der Welt und um die Seelen der Menschen: so sagt der Bischof, so sage auch ich. Einst endet die Welt, so sagen wir beide. Aber wie endet sie? Das weiß der Bischof nicht –: auch der Papst nicht und der irrsinnig gewordene Arn – schad' um ihn! den hätten wir als dritten mitgenommen, hätte ihm nicht die welsche Sonne das Gehirn verbrannt, der Tod sieht ihm aus den hohlen Augen: ich glaub's nicht, daß er die Sunnwend noch erlebt! Also Arn, der wußt es auch nicht: sonst hätte er's doch neulich gesagt. Wir aber wissen's seit grauer Vorzeit der Ahnen: die Welt geht unter – freue dich, mein tapfrer Hellmuth! – in einem ungeheueren herrlichen Heldenkampf, wie er noch nie gestritten ward auf Erden.«
Der Ritter sprang auf: »Den kämpf ich mit!«
Wohlgefällig ruhten die Augen des Alten auf dem edeln, leuchtenden Antlitz des schönen Jünglings, im Glanze des von der raschen Bewegung aufflackernden Feuers. »Das sollst du, mein Liebling, an meiner Seite. Das eben gönn' ich dir – dir allein – seit Herr Hezilo sich hat scheren lassen. Den letzten Sieg, den auf dieser alten Männererde lichte Helden gewinnen gegen dumpfe Unholde, – du sollst ihn mit ersiegen helfen.« – »Aber wann? Wo? Wie?« – »Gemach! Heute will ich das selbst erst erkunden. Deshalb hab' ich dich heute nacht hierher beschieden. Aber noch ist's nicht an der Stunde. Schau hinauf – Hollespang steht noch zu weit rechts.« »Ich erinnere mich,« sprach der Junker nachdenkend. »Ja, ja! Von einem Kampfe, der dem Gericht vorangehen wird, sprach auch einmal einer der Dompriester. Aber da müsse – als Führer der Frommen – zuvor Elias wiederkommen.«
»Wer ist der Held? Hab' nie von ihm gehört!«
»Ein Prophet der Juden. Und werde der gewaltig streiten.«
Ziemlich ungläubig zuckte der Alte die breiten Schultern unter dem Wolfsfell. »Würde mir andern Herzog küren. Vernimm nun die alte Sage von diesem Kampfe, wie sie mich die liebe Mutter gelehrt.«