V.

An demselben Morgen trabte, nachdem die Frühmesse in dem Dom zu Ende, ein bunter Reiterzug den freien Platz hinab auf die Mainbrücke zu.

Die Hengste der Männer und auch zwei zeltende Paßgänger für Frauen – mit zierlich gegitterten hohen Seitenwänden an den weichen Sätteln aus spanischem Leder – waren neben der Kirche von mehreren Knappen in Bereitschaft gehalten worden. Als das gemeine Volk aus den weitgeöffneten schön geschmiedeten Doppelthüren und über die vier roten Sandsteinstufen des Eingangs hinab sich verstreut hatte, wurden die Pferde dicht an die kniehohen »Roßsteine« geführt, die, an dem Dom, wie an gar manchem Eckgebäude angebracht, das Aufsteigen und Absteigen reitender Damen erleichterten.

Ein schlanker Jüngling von nicht allzuhohem, aber zierlichem Wuchs und von auffallend anmutvoller Haltung geleitete gar höfisch, nur an den Fingerspitzen ihren hellgelben Reithandschuh berührend, ein schönes junges Mädchen die Stufen des Domes hinab. Das veilchenfarbene Barett, geschmückt mit dem weißen Gefieder der Silbermöwe, stand gut zu dem dunkelbraunen dichten Gelock des jungen Ritters mit dem etwas helleren Bart, der überall das feine Gesicht umrahmte. Das enganliegende Wams, von gleicher Farbe wie das Barett, zeigte vorteilhaft die geschmeidigen, wohlgestalteten Glieder: die zarten Gelenke der Hände und der Knöchel schienen nicht deutsche oder doch nicht ungemischt deutsche Abkunft zu bekunden.

Lebhaft sprach er zu der jungen Dame, feurig blickte er ihr – und recht nah! – in die großen Augen von hellstem sonnig goldenem Braun, welche unter blonden, nicht allzustarken Brauen hervor freundlich und freudig in die schöne Welt hineinleuchteten. Ihre Wangen waren hold wie vom Flaum des Pfirsichs überzogen: die frischen, ein wenig aufgeworfenen Lippen lächelten gar gern und zeigten dann zierlich gereiht die weißesten Zähnlein. Ein Reiterhut von weißem weichstem Filz mit sehr breitem Rand und schwarzer Feder wiegte sich keck auf dem ganz hellbraunen, aber leicht von einem roten Schimmer durchleuchteten Haar. Gar anmutvoll war die Bewegung ihrer schmalen langen Hand, mit der sie das weitflutende weiße Wollkleid aufhob, wie die feinknöcheligen Füßlein über die Steinstufen vorsichtig hinabglitten. Herzhaft lehnte sie dabei den vollen warmen Arm auf den des Ritters; der führte sie an den weißen iberischen Zelter mit hellrotem Sattel- und Zaumzeug, der, ungeduldig harrend, mit dem rechten Vorderhuf gescharrt hatte und nun, die schöne Herrin erkennend, sie freudig begrüßend laut wieherte.

Der Junker hielt ihr beim Aufsteigen die Hand unter den Schuh und umspannte dabei den feinen Knöchel erheblich fester, als die Sicherheit der Reiterin gerade würde erheischt haben. Diese zürnte aber nicht, sondern sowie sie sich sicher im Sattelsitz fühlte, neigte sie ihm das wunderschöne Antlitz zu in gar holdseligem Lächeln: er erglühte vor Glück über soviel Huld, seine dunkelgrauen Augen blitzten und freudig schwang er sich auf seinen feurigen friesischen Rapphengst.

Hinter diesem Paar schritt langsam ein zweites die Domstufen hinab: gleich jung, gleich schön, aber in ganz anderer Haltung und Stimmung, so schien es. –

Zwar der Ritter, dessen blondes Haar dicht aus der ehernen Sturmhaube quoll, ließ die blauen Augen gar sehnend ruhen auf dem schmalen, blassen, nur ganz zart rosig überhauchten Antlitz der Dame; aber diese preßte den kleinen, stolzen Mund fest zusammen, schlug die Augen unerbittlich nieder und furchte streng die Brauen, deren tief dunkelbraune Farbe scharf abstach von dem fast weißgelben Geriesel ihres gewellten Haares, das unter der himmelblauen runden Seidenkappe hervor auf den gleichfarbigen langen Mantel frei, gelöst, flutete; dieser Gegensatz der fast schwarzen Brauen zu dem weißblonden Haar verlieh dem höchst vornehmen, edeln, aber marmorkalten Antlitz eigenartig fesselnden Reiz: wer diese stolzen, feinen Züge einmal geschaut, – er mußte ihrer gedenken für und für. Die ganze schlanke hohe Schilfgestalt schien ein schönes, aber herbes Rätsel; man mußte nachgrübelnd fragen, welch Geheimnis das junge Herz so streng verschlossen hüte? Denn die hellgrauen Augen, die sie selten aufschlug, schienen auch dann nicht in die Welt, schienen nach innen zu schauen, fest entschlossen, um keinen Preis zu verraten, was sie in diesen Tiefen erblickten.

Schweigend, sinnend, zögernd, wie widerstrebend, schritt sie nun die Stufen hinab: sie waren noch feucht vom Morgentau: – sie glitt ein wenig aus: – der Jüngling hielt ihr rasch den rechten Arm hin: aber sie achtete dessen nicht: noch schärfer die langgestreckten Brauen furchend richtete sie sich – allein – rasch auf zu ihrer vollen Höhe, schritt sicheren Fußes fürbaß und winkte, auf der letzten Stufe angelangt, einen grauhaarigen Knappen herbei: der mußte ihr auf den Rücken ihres Falben helfen. Dem Jüngling klirrte laut Schuppenbrünne, Wehrgut und Schwertknauf aneinander, wie er sich nun hastig auf das starke Streitroß schwang, einen braunen Flanderer schwersten Schlages.

Die beiden Junker ritten jetzt an die Seite der beiden Edelfräulein und nun ging's in raschem Trab hinab an die Brücke: – deren Thor ward von den Wächtern ehrerbietig aufgethan: – nun über die dröhnenden Balken und drüben aufwärts auf dem linken Ufer, wo sich der Leinpfad zum Schleppen für die Mainschelche hinzog.

Ein Holzverhack sperrte den schmalen Weg zwischen dem Fluß zur Linken und dem steil abfallenden Felsen des Marienbergs zur Rechten: jenseit eines engen Durchlasses in dem Verhack wartete der beiden Paare ein Häuflein von Jägern mit Pferden, Hunden und Falken: denn der Falkenjagd, der Reiherbeize galt dieser Morgenritt.