VI.

Aber schon erhob Monitor wieder das Haupt und fuhr fort: »Da ersah ich zur Linken des Heiligen einen andern knieen! Wohl kannt' ich auch den – und doch! – ich erkannte ihn kaum wieder. Eine herrliche blühende Jünglingsgestalt – von goldenem Gelock das Haupt umwallt – schön wie die marmornen nackten Götter, die man zu Rom aus dem Schutte der Heidentempel gräbt. Nackt war auch der Jüngling, bis auf einen Lendenschurz von schwarzer Schafwolle: – und in Bächen, in Strömen rieselte ihm das rote Blut von Rücken, Brust, Seiten und Beinen. Denn unablässig, grimmig, mit aller Kraft seines Armes geißelte sich vor allem Volk der Jüngling mit einer siebensträngigen Geißel, ein Eisenstachel am Ende jedes Stranges, und unablässig schrie und keuchte er mit schon versagender Stimme: ›Ich büße, ich bereue. Ich bereue jeden Gedanken, den ich jemals der Welt und ihrer nichtigen Herrlichkeit zugewendet und dem Reiche des Herrn entzogen habe. Denn – schon seh' ich es vor Augen! – es nahet das Gericht des Herrn!‹ Und nun – denn ich meinte, die Stimme zu erkennen – nun schärfte ich meine Augen, auch das Antlitz des schönen Jünglings in der Weihrauchwolke genau zu sehen …

– O Heiland der Welt! – – –

Ja, er war es! Aber wie furchtbar verwandelt, wie entstellt, wie abgethan all' der freudigen stolzen Herrlichkeit, die einst ihn geschmückt, unsere Freude, unseren Stolz. Denn – hört es, höret es alle! – er, der uns allen das leuchtende Beispiel des Glaubens und der blutigsten Büßung gab – er, der zum Entsetzen herabgemagert, nackt, wie ein Verbrecher bei dem Staupenschlag, vor allem Volk sich selbst zergeißelte – Er war es – mein Herr, euer, unser aller Herr: es war des großen Otto herrlicher Enkel, der Deutschen und der Lombarden König, des römischen Kaisers Majestät, der Herr der Welt – Herr Otto war's der Dritte!«

Da ging ein Stöhnen, ein dumpfer Schrei des tiefsten Wehs über den Jammer aller irdischen Größe und doch auch einer gewissen grausigen Wonne durch die vielen Hunderte hin.

»Und nun,« fuhr der Mönch, sich hoch aufrichtend, fort: »Nun geschah mir das Ärgste. Ich wankte, meiner Sinne nicht mehr mächtig, dem blutüberströmten nackten Jüngling entgegen, ich streckte meine beiden Hände gegen ihn aus: – da – da traf sein Auge auf das meine, er erkannte mich und in wildem Schrecken schrie er: ›Wehe, weh! Ich kenne dich! Du bist Arn, der wilde, arge Arn, der Genosse so vieler meiner Sünden in Krieg und Jagd und Gelag. Ach, du heiliger Mann Gottes! Das ist derselbe – man hat ihn erkannt, wie er davonjagte aus dem Thore von Florenz und hat es mir gemeldet – der auf dem Marktplatz dort, auf Antrieb und in der Larve des Teufels, unter die Büßenden sprengte. Er trägt einen Dämon im Leib. Er ist besessen. Heiliger Mann Gottes, treibe den Teufel aus seiner Seele.‹

Und ohnmächtig sank der junge Kaiser zusammen.

Nun aber – wehe! wie geschah mir! Alle, alle um mich her schrieen: ›Er hat einen Dämon! Er hat einen Dämon!‹ Und der fürchterliche, der hagere Heilige schritt gerade gegen mich heran und streckte die beiden knöchernen Arme gegen mich aus und bohrte mir die brennenden Augen in meine glanzgeblendeten, schmerzenden Augen und sprach in schauerlichem Grabeston: ›Ja, ich sehe es, mein Sohn: aber nicht Einen Dämon, vier Dämonen trägst du in dir von Jugend auf: den Saufdämon, den Wollustdämon, den Kampfdämon, den Spottdämon. Ich aber – ich bin vom Herrn berufen sie von dir auszutreiben und deshalb hat dich der Herr hierher gesandt zu dieser Stunde. Auf, ihr Gerechten und Geheiligten, greift ihn, bindet ihn und geißelt ihn bis aufs Blut.‹

Ich schrie auf!

Aber nicht aus Furcht vor den Schlägen, die nun von zwanzig Geißeln auf mich niederhagelten: nein, wahrlich nein! Sondern ich schrie auf vor Entsetzen über mich selbst, vor Grauen über mein vergangenes Leben, aus Furcht vor den Teufeln in mir. Ich schrie, weil ich's fühlte, weil ich's denken mußte in meinem brennenden Hirn: ›Er hat Recht! Weissagend hat der Heilige, der mich nie gesehen, mein Inneres, und den Inhalt meines Lebens aus meinen Augen gelesen.‹ Und ich spürte, wie die Dämonen in mir sich bäumten und wanden, wie aufsteigende Schlangen. Und ich schrie mit letzter Kraft: ›Ja, ja, ihr Frommen! Der Heilige sprach wahr. Ein Wunder! Ein Wunder! Er hat sie erkannt, – die Dämonen, von denen ich besessen bin dreißig Jahre. O treibt sie aus! O rettet meine Seele.‹

Das war das letzte, was ich hörte und wußte auf lange, lange Zeit.

Als ich meiner Sinne wieder mächtig war, lag ich in dem Krankensaal des Klosters des heiligen Michael und stak in der Kutte der schwarzen Brüder von Garganus.

Und an meinem Pfühle saßen der Herr Kaiser zur Linken und der Herr Papst zur Rechten, zu meinen Häupten aber stand der Heilige, und sprach: ›Sehet, es ist geschehen, wie ich gebetet, wie ich geweissagt. Er sollte ja sterben müssen, sprach euer griechischer Arzt, Herr Kaiser, an »sideratio« wie er's nannte: – Sonnenstich, das sollte das ganze Wunder sein! Ich aber fragte den gelehrten Spötter: Ei, hat die Sonne auch seine Seele gestochen? Warum ist er geworden aus einem Saulus ein Paulus? Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ich kleide diesen geretteten Sünder in das Gewand meiner schwarzen Brüder und er wird nicht sterben. Oder, wenn er stirbt, wird er nach dreien Tagen wieder auferstehen von den Toten. So sprach ich. Wohlan: es ist der dritte Tag – er schlägt die Augen auf – er ist genesen. Ausgefahren aber von ihm auf immerdar sind seine vier Dämonen.‹ –

Und er beugte sich über mich und sah mir in den Grund der Seele mit diesen überirdischen Augen und forschte feierlich: ›Ich frage dich im Namen des Herrn, mein Sohn: nicht wahr, du bereuest, du büßest und du glaubst an das Nahen des Gerichts?‹ Und bei dem Klange dieser Stimme kam mir zurück die Erinnerung an alles, was ich in der Höhle gehört, gesehen und erlebt, und erschauernd sprach ich: ›Ja, du Heiliger des Herrn, ich bereue, ich büße und ich glaube an das Nahen des Gerichts.‹ Da warfen sich der Herr Papst und der Herr Kaiser zu des Heiligen Füßen und umfingen seine Kniee und küßten sie und der Herr Papst rief: ›Heil mir, nun hab ich, was ich immer gewünscht zur Verscheuchung meiner Zweifel: nun hab ich eines deiner Wunder mit Augen gesehen!‹

Der junge Kaiser aber schluchzte unter Thränen: ›Wohl mir, daß ich nie an dir gezweifelt, du Heiliger des Herrn.‹ Und ich beichtete dem Propheten. Und als Buße – ach wie geringe Buße! – legte er mir auf, von Stund an nie mehr im Leben Fleisch zu essen und überhaupt nur jeden dritten Tags Speise zu nehmen und nie mehr Wein. Und sprach zuletzt: ›Du ziehest aus als des heiligen Vaters Sendbote und als der meine. Weil du verspottet hast das Nahen des Gerichts, sollst du das Nahen des Gerichts verkünden unter den Menschen deiner Heimat, in dem Land Italien aber nur auf dem Marktplatz zu Florenz: wo der Dämon des Hohnes aus dir sprach, soll der heilige Geist der Wahrheit aus dir sprechen. Und wenn dir in deiner Heimat die Weltlinge nicht glauben und dich verhöhnen, so wird das die gerechte Strafe sein deines Hohnes. Wenn sie dir aber glauben, wirst du noch vor dem Nahen des Gerichts erretten die Seelen Vieler und dadurch auch die eigene: denn jener Errettung wird dir der ewige Richter anrechnen als ein gutes Werk.‹

Und bald darauf erhielt ich des Herrn Papstes Brief und Siegel und diese schwarze Fahne und vom Herrn Kaiser diesen stattlichen Wagen und die vier Rappen und zog aus auf meine heilige Sendung. Und der Herr hat sie gesegnet von Florentia an, – wo sie mein Carroccio ausspannten und den bekehrten Sünder im Triumph auf ihren Schultern über den Marktplatz in die Kirche trugen, – bis hierher: ihr sehet diese Hunderte von Geretteten.

Ihr aber, o Bischof und ihr Priester von Würzburg und ihr Bischofsmannen und Bürger und Bauern – o thuet desgleichen wie diese. Verstocket nicht eure Herzen! Ihr seht das Wunder vor Augen: das große, das der Heilige gethan hat an Arn, dem argen Sünder. So befolgt denn des Herrn Papstes, des Herrn Kaisers, des heiligen Nilus Gebot. Büßet, büßet und glaubet, das Gericht ist nah: um Mitternacht dieser Sommersonnwend – noch wenige Wochen sind's – geht die Welt in Flammen auf und der jüngste Tag bricht an.«

Da stürzte der Mönch bewußtlos zusammen: Schaum trat ihm vor die Lippen: seine Kraft war erschöpft: er sank mitsamt seiner riesigen schwarzen Fahne in die Arme eines seiner Genossen: die drei andern aber setzten wieder die Posaunen an den Mund und bliesen und schmetterten, als erschallten schon jetzt die Posaunen des Gerichts: sie hieben auf die schwarzen Rosse ein: diese zogen an – vorwärts rollte langsam der schwere hohe Wagen und ihm folgte singend und schreiend und heulend alles Volk, die Hunderte von Ankömmlingen, und die Tausende von Bürgern und Bauern – alles wälzte sich unaufhaltsam gegen die Stadt zu: der Bischof und sein Gefolge vermochten weder seitwärts auszuweichen noch den gewaltigen Strom der wild Erregten, der Verzweifelnden aufzuhalten: willenlos wurden sie mit fortgetragen von dem wogenden Gewühl.