VII.

Edel und Hellmuth sprengten an dem anderen Paare vorbei und hatten bald Mühe, zu Pferd den raschen Fliegern zu folgen.

Lange vermochte der Isländer nicht, dem Feinde nachzukommen: endlich, endlich aber hatte er ihn überstiegen – etwa um sechs Fuß – und sofort stürzte er sich nun aus dieser Höhe auf seine Beute. Allein blitzschnell hatte der Reiher den bisher abwärts auf dem Kropfe getragenen starken, spitzen und langen Schnabel – eine fürchterliche, oft den Augen des Jägers sogar, der den wunden Vogel greifen will, gefährliche Waffe – senkrecht nach oben gekehrt: der Falke, der mit voller Wucht herabstieß, spießte sich dabei die Brust auf wie auf einem Speer, so daß die Spitze des Reiherschnabels ihm im Rücken zwischen den Flügeln hervordrang. Der Sieger aber konnte sich nicht von dem verendenden Feinde losmachen, nicht unter dem Drucke dieser Last den Schnabel aus der Wunde reißen und so taumelte er denn, den Rücken nach unten, sausend zur Erde. Kaum war er aufgefallen, – zwischen der Straße und dem Fluß – war Hellmuth schon zur Stelle, Edel folgte. Der Junker sprang ab, riß den toten Falken von dem Reiher los, faßte diesen mit der Rechten im Genick an beiden Fittigen und warf ihn hoch in die Luft: »Geh!« rief er dem hastig Enteilenden nach. »Du hast dich ritterlich gewehrt – hast gesiegt: ich mag dich nicht unritterlich erwürgen. – Ich habe doch recht gethan?« fragte er zu Edel hinaufblickend, die nun dicht hinter ihm auf dem schnaubenden Falben hielt. »Gegen Reiher seid Ihr ritterlich,« erwiderte sie herb, ohne eine Miene zu verziehen, wandte das Roß und ritt langsam zu dem anderen Paare zurück.

Auch dessen Beize war ausgebeizt. Gar bald hatte der Wanderfalk den großen, glänzendweißen Vogel überhöht, und ihn von dem Flusse, den er nun überschreiten wollte, ab- und auf das linke Ufer zurückgedrängt: auf den ersten Stoß gelang ihm das Schlagen: Reiher und Falk taumelten, aber der Falke rittlings auf seiner Beute sitzend, auf die blumige Wiese zur Rechten der Heerstraße. »Ruft ihn, ruft ihn rasch,« drängte Fulko die Jägerin, während beide heransprengten. »Er verliert sonst die Zucht und den Heimstrich.« »Hilô! Hilô!« rief Minnegardis freudig und setzte in vollem Jagen über den breiten Graben auf die Wiese: ihre schwarze Feder flog, ihre Locken flatterten. Entzückt folgte Fulko der zierlichen Gestalt der mutigen Reiterin.

Gehorsam kam der kluge Vogel zurückgestrichen und ließ sich auf dem Handgelenk der Herrin nieder: vergnügt die beiden Schwingen leicht schlagend rief er ganz leise, – nicht den gellenden Kampfschrei – und sah mit seinen nußbraunen Augen in Minnegardens Antlitz: ein Falkenier brachte ihr eilig auf goldenem Stäblein ein Stück Rinderherz und hielt ihr den Zügel, während der Vogel aus ihrer Linken behaglich und mit leisem Dankrufe gierig kröpfte: dann ward er wieder gehaubt und auf die Trage zurückgebracht.

Nicht eher doch hatte der Falke seinen Gefangenen freigegeben, bis Fulko, vom Rosse gesprungen, denselben an beiden Schwingenknochen gefaßt hatte; er hielt ihn nun der Jägerin hin, die sich anmutvoll aus dem Sattel herabbeugte. »Welch herrlich Tier!« rief sie erfreut. »Welch leuchtend Weiß! Nie sah ich seinesgleichen!« – »Es ist ein Silberreiher. Ich wollt' es nicht – vor der Zeit! – verkünden. Aber ich hatte ihn gestern abend angeschlichen.« – »Er ist – wie es scheint – ganz unverletzt?« – »Fast ganz. Nur wenig blutet hier der Hals. Das hab' ich ihn gelehrt, den klugen Greif, am Federspiel: – für den Silbervogel! – nur fangen, nicht morden!« – »Oh! dann wollen wir das edle Tier freilassen! Nicht?« – »Gewiß: Ihr seid ja seine Fängerin, nicht ich! Und ich: – im voraus erriet ich Euer gütig Herz.« Er griff in die kleine von Stricken geflochtene Jagdtasche, die er am Wehrgurt trug. »Das mögt Ihr jetzt leicht sagen,« lächelte sie. »Ich beweis es, Herrin!« gab er zur Antwort. – »Wie? Was wollt Ihr thun?« – »Wie immer: Euren Willen – Nur ein Andenken an diesen frohen Morgen soll Euch Euer schöner Gefangener lassen. Seht Ihr die beiden silberweißen Federn hier auf seinem Haupt?« – »Wie stolz sie wallen! Schaut, sie reichen noch weit über seinen Rücken.« – »Wie prächtig werden sie sich abheben von Eurem Jagdhut und von Eurem Haar.« Er zog nun mit sanfter Gewalt dem Vogel die beiden Kopffedern aus und überreichte sie der Jägerin, die sie freudig dankend nahm und sofort in dem Goldring ihres Hutes befestigte. Sie schmückte sich so gern! Für sich und für andere. Und jeder einfachste Schmuck ließ ihr so gut. Aber nun vollends diese stolze fürstliche Zier!

»Ihr seht aus wie die Königin von Avalon, dem Feenland!« – »Wenigstens trägt keine Königin schöneren Schmuck.« – »Und keine Kaiserin würdiger denn Ihr.« – »Dank! Recht von Herzen Dank!« – »Aber nun wollen wir ihm die Freiheit geben, dem Glücklichen, der Euch erfreuen und Euch zieren durfte. – Seht, lange hab' ich vorgedacht für diese Jagd.« Und er zeigte ihr, was er aus der Netztasche hervorgeholt: es war eine kleine, runde Goldplatte an einer länglichen, rohrartigen, innen hohlen Schließe aus Silber: »Was hab' ich darauf ritzen lassen von Meister Aaron, dem kundigen Goldschmied zu Frankfurt? Schon vor Wochen ritt ich deshalb hinüber.«

Und das Mädchen las mit holdem Erröten:

»Mich fing die wunderschöne Minnegard
Und gab mich wieder frei:
Der Freiheit wenig Dank ihr ward:
Denn wen sie fing, die holde Fei,
Will, daß er ewig ihr Gefangner sei.«

»Ihr seid ein Schalk,« lächelte sie, »wie alle Sänger, aber ein feiner.« – »Und was Ihr seid, – das singen und sagen alle Sänger der Erde nicht aus! – Nun fliege, Reiher, und verkünde in allen Landen vom Maine bis zum Jordan Minnegardens Schönheit!« Er hatte nun das Silberröhrlein um den linken Ständer des Gefangenen zusammengedrückt, die Schnalle geschlossen und gab ihn jetzt frei: der Reiher reckte sich in die Höhe, hob den langen Hals, breitete dann die mächtigen Schwingen aus, stieß vom Boden ab, hob sich und flog, mit lautem frohem Ruf der Erlösung, schwirrend in die Höhe: bald war er im fernen Blau wie ein schimmernd weiß Gewölk verschwunden.