VIII.

Wie nun die Besucher dem Hüttlein unter dem Moosdach sich näherten, öffnete sich die niedere Thür und heraus trat eine sehr alte Frau, gestützt auf ihren auch schon betagten, aber noch vollrüstigen Enkel. Die Züge der Greisin waren immer noch schön – so friedlich waren sie! – und das silberweiße Haar stand ihr gut zu den rosigen Wangen. Diese zarte Gesichtsfarbe und das Milde in den Mienen und im ganzen Wesen hatte der Enkel von ihr geerbt.

»Dort steht der hochehrwürdige Herr Bischof, dort, zur Rechten, Großmütterlein!« mahnte der Führer, indem er den aus Mainschilf geflochtenen Flachhut, wie ihn in der heißen Zeit während der Arbeit in den Weinbergen die Winzer trugen, demütig abnahm. »Dank Euch, Herr Bischof, daß Ihr auch die Hütten der Geringen aufsucht. Ihr seid wie des lieben Herrgotts Sonne! Die grüßt und erfreut auch nicht bloß, was ihr stolz das hohe Haupt entgegenrecken mag, – auch das geringe Blümlein sucht sie segnend auf, das sich bescheiden duckt am Raine.« Der Bischof nickte ihm freundlich zu: »Ich fand schon oft, wer viel mit Blumen und Pflanzen zu thun hat, dessen Seele wird sanft und sinnig.« Er faßte jetzt die Hand der Alten: »Nun, Mutter Ute, wie steht's? Ihr tragt Euer schweres Los so lang – so lange schon! – mit echt christlicher Geduld.« – »Ach, gütiger Herr Bischof, es ist nicht schwer, wenn man nur einen recht festen Glauben hat. Und den, seht, – den hab' ich! – Und daß ich ihn habe, – das dank' ich auch – Ihm!« – »Gott dem Herrn!« »Mag wohl sein,« erwiderte die Greisin zögernd. »Will gewiß nicht nein sagen. Der Herr mag es wohl meinem armen Konrad auf die Lippen gelegt haben, bevor er starb.« – »Euer Mann! Was hat er Euch gesagt damals? Er starb', mein' ich, in derselben Nacht, da Ihr, da die Ungarn –« – »Ganz recht, Herr Bischof! Hunnen nannte man sie. Bald sind's nun siebzig Jahre.« »Siebzig Jahre blind!« seufzte der Kellerer mitleidig. »Ja, das war noch unter Bischof Dietho,« fuhr die Alte fort, immer lebhafter redend in dem Eifer der Erinnerung und wiederholt mit der Hand über ihr dichtes weißes Haar streichend. »Damals war noch Sankt Burchhards heiliger Leib nicht erhoben. Da war der Graben um die Stadt noch nicht gezogen, noch nicht einmal der Pfahlhag war ganz fertig geworden. Wir wohnten in einem Hüttlein dicht hinter dem Pfahl im Osten der Stadt am dürren Bach. Mein Mann, ein Freigelassener des Bistums, war gar geschickt, mit Axt und Stemmeisen zu bauen und zu zimmern; er war vom Knaben auf im Bischofshaus als Zimmerer verwendet worden, hatte daselbst gar frommen, frommen Sinn gewonnen und nun hatte ihm vor Jahr und Tag der Herr Bischof Dietho das Hüttlein am dürren Bache zur Leihe gegeben, damit er mich heiraten konnte: ich war Magd von Sankt Andreas, wie man damals statt Sankt Burchhard noch sagte. Ich hatte meinem Konrad gerade ein paar Nächte vorher Zwillinge gebracht: – einen Knaben und ein Mägdlein. Wir waren so glücklich! Auf einmal – in der Nacht – ein Gejohle, wie wenn der Höllenwirt tausend böse Geister losgelassen hätte! Konrad springt ans Fenster – das war offen: denn warmer Sommer war's, wie jetzt – ›Helft‹ rief er, ›Sankt Kilian, Sankt Koloman und Sankt Tetnan!‹ – Rings Feuer! Rings Flammenschein! Des Nachbars Hütte zur Rechten brennt lichterloh! Und in dem Flammenschein Hunderte von Teufeln und Unholden, zu Roß, zu Fuß, schreiend, jauchzend, mit Äxten an die Nachbarhöfe zur Linken, auch schon an unsere Hausthüre schlagend. ›Das sind die Hunnen!‹ rief mein Konrad, schloß rasch den Laden und griff nach einem Beil. Wie aus dem Abgrund aufgestiegen, so plötzlich waren sie da. Schon brannte auch unser Heim, das Strohdach und die rechte Holzwand! Aber hinaus? Wehe, wir sahen durch die Ritzen des Ladens, wie die Unholde da draußen die Weiber, die Kinder, die aus den brennenden Hütten flüchteten, griffen und in ihre Lanzen oder zurück in die Flammen warfen.

So blieben wir an dem Herd zusammengedrängt, mein Kurt das Mägdlein, ich den Knaben im Arm und beide schreiend zu Gott und den Heiligen. Da plötzlich – von oben her – ein Krach und eine Lohe über uns hin! Der Firstbalken war gerade auf uns herabgestürzt, über meine Augen ein brennender Span. Das that weh, Herr Bischof! Noch spür' ich's, denk' ich daran. ›Kurt,‹ gellte ich in grellem Schmerz, ›wo bist du, ich sehe dich nicht.‹ ›Hier,‹ stöhnte er, ›ich sterbe, arme Ute.‹ ›Wo? Wo denn?‹ schrie ich und tastete nach ihm. Ach – ich sah ihn nicht mehr – ihn nicht und nichts mehr auf Erden. Er merkte es bald: ›Utelein,‹ sprach er, ›liebes Weib, schönes Weib‹ – so sagte er, Herr Bischof: O ich hab' mir's seither vorgesagt tausend, tausendmal! – ›das Mägdlein an meiner Brust ist tot, zerschmettert. Und ich – ich muß sterben. Aber der Knabe in deinem Arm ist ganz unversehrt. Du – glaub' ich – siehst nicht mehr ganz gut. Das ist hart! Aber sei getrost: der Himmelsherr hat's so gewollt. Und horch – es wird schon stiller draußen – die Hunnen haben sich verzogen‹. ›Blind!‹ schrie ich. ›Blind fürs Leben? So soll ich niemals dein helles Antlitz, wiedersehen?‹ ›Du vergissest, liebes Weib,‹ sprach er sanft, ›ich muß jetzt sterben. Aber dereinst, wann auch du stirbst, dann wirst du wieder sehen. Im Himmelreich da oben, bei dem milden Gott, giebt es keine Lahmen, Krüppel und Blinde: dort ist lauter Vollkommenheit: erst gestern hat's der Herr Bischof gepredigt im Dom. Also sei ganz getrost! Kommst du zu sterben, wirst du sehen, wirst du mich wiedersehen. Mit dem Mägdlein auf dem Arme schweb' ich dir aus den Wolken entgegen und hole dich ab aus der Not und der Nacht der Erde in das ewige Licht. Leb' wohl! Gewiß ist's wahr – glaub' mir – du wirst mich wiedersehen, wann du stirbst.‹ Das war sein letztes Wort.

Bald darauf gruben mich die Reisigen des Herrn Grafen und die Dienstmannen des Herrn Bischofs – die Hunnen waren hinweggestoben, nachdem sie die Häuser vor der Mauer verbrannt – aus dem noch qualmenden Schutt, mich und den unverletzten Knaben und ach! die beiden Toten. – Und nun leb' ich und zehr' ich bald siebzig Jahre von dem letzten Wort meines Konrad. Ich glaube an sein Wort wie an Gottes Wort so fest.«

Gerührt sprach der Bischof: »Gott der Herr hat dich gesegnet, arme Frau, in deinem Elend durch deinen Glauben.« »Ja, Herr, da sprecht Ihr wahr,« bestätigte ihr Enkel, sich aufrichtend: er hatte sich gebückt, die Schnecken von seinen Blumen abzulesen und auf dem Sandwege zu zertreten. »In aller Not hat sie dies Wort aufrecht erhalten. Und es ging ihr früher doch oft recht übel.« »Nicht Schuld meines braven Sohnes Konrad,« fiel die Alte eifrig ein – »und seines lieben Weibes: Gott lohnt ihnen längst schon beiden in der lichten Himmelsaue! Und auch wahrlich nicht, sobald die irgend eine Arbeit leisten konnten – meine beiden Enkel. Denn darin muß ich den Schwarzen loben wie den Blonden – so ungleich sonst sie geartet sind, die seltsamen Brüder. Auch mein Rado – … wo ist er? ich höre ihn nicht –?« – »Zu Walde gegangen, Großmutter.« »Schon wieder!« seufzte die Greisin. »Das ist sein Unsegen! Weiß Sankt Kilian, immer in den finstern, verrufenen Grafenwald! Böse Geister sollen dort hausen« – sie bekreuzte sich Stirn und Brust – »der wilde Jäger hetzt ob seinen Wipfeln und jagt die Holzweiblein darin mit lautem Huhu, Huhu. Bald als Hirt, bald als Jäger, bald als Köhler, aber immer in jenem Wald macht er sich zu schaffen. Schon vom Knaben auf! Seine Mutter – will sie sonst gewiß nicht schelten! – ist schuld daran: sie erzählte ihm viel, viel mehr vom wilden Jäger und vom bergentrückten Kaiser und von Waldschrat und Rauchries' und Drachenries' als von den lieben Heiligen. Aber was er früher im Waffendienst der Rothenburger verdiente und was er später hier im Hirtendienst der Bürger erarbeitete, – alles brachte er mir, der Schwarze wie mein Blonder – wie ihr Vater sie nannte. Aber der Blonde ist immer gern bei mir geblieben.«

»Nun, Großmütterlein, jetzt sind wir schon lange beide grau. Und es ist doch nicht mein Verdienst, daß es mich von Kind auf mehr freute, hier im Gehöft zu bleiben, das die Bürger dem Vater als Gemeindehirten zur Erbleihe gegeben und dies Gärtlein anzulegen und meiner lieben, lieben Blumen zu pflegen und an den Zäunen des Edelobstes und der Reben.« – »Er hat eine so glückliche Hand, mein Wartold. Alles gedeiht unter seinen geschickten, geschmeidigen Fingern …« »Der Herr hat sie ihm gesegnet, diese Hand,« sprach der Bischof, »die so getreulich die blinde Ahnin geführt hat.« »Aber auch Rados Hand!« fiel der Gärtner eifrig ein. »Wohl ist sie härter als die meine hier, aber stärker und sicherer. Er trifft den fließenden Fisch im Main! Und Bär, Luchs und Wolf, sie kennen seinen Speerwurf gut.« »Wie weiland Saracenen, Wenden und Welsche,« nickte Herr Heinrich. »Aber die Heiligen schlecht sein Beten!« »Zürnt ihm nicht, Herr,« bat Wartold. »Lieber Gott,« raunte Supfo ungeduldig, »ich kenne einen, – einen Seelenhüter, nicht bloß Gemeindehüter – der hat die längste Zeit seines Lebens auch viel lieber den Auerhahn im Buchenwald balzen als den Pfaffen im Dom Messe singen hören.« »Und nun geht ja doch bald alles zu Ende, Gott sei Dank,« erinnerte Frau Ute. »Da gönnt ihm doch noch sein bischen Jagen.« – »Meint Ihr, gute Frau? Noch hat sich die heilige Kirche nicht ausgesprochen über jenen Glauben.« »Herr Bischof,« fragte Wartold, sehr ernsthaft, »was meint Ihr? Giebt's im Himmelreich auch Blumen?« Herr Heinrich schwieg verdutzt einen Augenblick. »Das … das hat mich noch kein Mensch gefragt! Und ich mich selber auch nicht! – Blumen? – Weiß nicht! – Aber ja! Doch wohl! Palmen, Palmen für die Märtyrer.« »Ach, die wachsen nicht bei uns,« klagte Wartold ganz betrübt. »Hab' sie immer nur gemalt gesehen in den Kapellen. Von denen hab' ich kein Verständnis; werde sie am Ende zu trocken halten,« schloß er nachdenksam. »Die Wipfel in Glut, die Wurzeln in Wasser taucht die Palme, so lehrte mich der Araber, den Ihr eine Weile hier als Geisel gehalten.« »Nun, Gärtner, verzagt mir nur nicht,« lachte Herr Heinrich. »Eben fällt mir bei: auch Lilien brauchen sie da oben für die Jungfrau Maria. Und um die Stirnen der Seligen zu kränzen. Und auch Engelein sah ich zu Rom im Sankt Peter auf Goldgrund fliegen, – die trugen weiße Lilien in den Händen.« »Eia, Eia!« rief der Alte vergnügt und rieb sich die Hände in heller Freude. »Gott lohn' Euch dieses Wort, Herr Bischof! Lilien! Lilien, sagt Ihr? Nun seht: das sind ja gerade meine Lieblinge. Und ein klein wenig,« nickte er lächelnd, »ein klein wenig verstehe ich mich auf deren Pflege! Habe dafür am meisten Geschicklichkeit. – Oder Gnade von Sankt Gertraud, will ich sagen. Seht nur, frommer Herr Bischof, dort das runde Beet. Zwei neue Arten! Haben hier zu Lande noch nie geblüht. Die eine – die weiße – gefüllt! Und die andre – die feuerrote – noch viel süßer duftend als die weißen! Ein Freund von mir, der Klostergärtner von Herrieden, der seinen Abt auf einer Pilgerfahrt nach Rom begleiten durfte, brachte mir die Zwiebeln mit aus einer welschen Stadt: – die soll nach den Blumen benannt sein: ach diese Stadt möcht' ich wohl gesehen haben! Aber nun ist's zu spät. Seht nur, wie sie gedeihen! Und noch schönere hab' ich in dem Neubruch, den ich angelegt – weiter gegen die Stadt und den Main hin, die solltet Ihr mal sehen!« »Der Alte hat eine Liebe zu den unnützen Stingel-Stengeln,« brummte Supfo, »als wären's wirklich Reben vom Stein!«

»O, Herr Bischof,« fuhr Wartold fort und faltete die Hände, »komme ich – Unwürdiger! – doch etwa in den Himmel … –« »Er ist dir sicher, schon wegen des vierten Gebots,« sprach die Blinde. – »Dann legt ein gutes Wort für mich ein bei Eurem Amtsbruder, Sankt Petrus – der hat ja doch wohl das Ganze des himmlischen Hauswesens unter sich, nicht? Ich meine: die Vergebung der Ämter zu Lehen! – Bittet, daß ich sein Gärtner …, ach so, wegen der Palmen? Nun, die werd' ich mir wohl auch anlernen können! – o wenn ich nur sein Gärtnergehilfe werden darf. Ewiglich der Lilien pflegen, wie selig!« Und seine sanften blauen Augen leuchteten ganz verklärt. »Sancta simplicitas!« sprach Herr Heinrich gerührt zu sich selber. »Mir ist, diesem reinen Herzen ist der Himmel gewisser als mir.« »Soll ich einmal selig werden im Himmel – aber es eilt nicht, gar nicht!« – raunte Supfo – »reiß' ich ihm die Lilien aus und setze Leistenschößlinge!« – »Wenn nur dein wilder Bruder,« warnte Herr Heinrich, »nichts Ähnliches wünscht wie du: zwar nicht ewig gärtnern, aber ewig jagen!« »Sankt Kilian schütze ihn,« rief die Alte, »vor solch' frevelem Wort! Da müßte er ja dem wilden Jäger folgen immerdar.«

Der Bischof wandte sich zum Gehen; vorher aber zog er noch ein Geldstück aus seiner ledernen Gürteltasche, reichte es dem Alten und sprach: »Da! Nimm! Ich kaufe dir all' deine Lilien ab. Das heißt: – erschrick nur nicht! – alles soll dein eigen bleiben: Beet und Zwiebeln und Stengel und Blätter und Blüten –« – »Ja, aber was – was ist denn dann die Ware, die Ihr kauft?« – »Du sollst mir nur, soviel ich davon brauche, an Sonntagen zum Schmuck des Hauptaltars des Domes liefern. Bist du's zufrieden?« – »Gewiß, Herr! Welche Ehre für meine Blumen! Meine Fullrun soll sie Euch immer, frisch geschnitten, bringen. Aber – es ist des Geldes ja viel zu viel. Und für so kurze Zeit! Wie viele Wochen wird denn die Welt noch stehen?« »Es ist zum Lachen,« schalt Supfo in sich hinein. »Sie glauben fest an die Dummheit.« – »Nun, für so lange eben gilt der Handel, als die Welt, der Dom und die Lilien noch stehen.« – »Gut, gut. Aber …« – »Noch ein Bedenken, Alter?« – »Wenn der jüngste Tag an einem Sonntag gerade hereinbricht …?« – »Nun, was dann?« »Dann,« rief der Greis tief erregt, »dann geht der Himmel Euerem Altare vor! Die letzten, die ich hier gezogen, die nehm' ich mit hinauf, die Stirnen der Seligen dort oben damit zu schmücken. Zumal Eine Stirne …!« Die Stimme versagte ihm: – die blauen Augen wurden feucht. »Nun, Wartoldchen, mein Junge, nun!« tröstete die Blinde. »Mußt nicht weinen! Siehst sie ja nun bald wieder, Friedlindis, deine gute Frau! Hast sie nicht so lange entbehren müssen wie ich meinen Kurt. Sie starb, nachdem sie ihm das liebe, schlimme Kind geboren. Sind erst fünfzehn Jahre. Da thut so was noch heiß und bitter weh!« »Sind erst fünfzehn Jahre,« wiederholte Herr Heinrich tonlos, »da thut so was noch heiß und bitter weh. Ach, und er hat nur ihren Leib, nicht ihr Herz verloren!« brütete er still weiter. »Und kann der Mann ein Weibesherz verlieren, das er einmal besessen? Weh, ich bilde mir nur ein, ich hab's verloren. Sie hat kein Herz. Oder ich hab's nie besessen.«

»Was ist Euch, Herr Bischof?« fragte die Blinde. »Ihr leidet! Ich hör's! Ihr atmet so schwer.« Supfo zupfte sie am Rock, sie möge schweigen.

Aber Herr Heinrich hatte sich schon wieder emporgerafft: »Lebt wohl, ihr guten Leutchen. Bald komm' ich wieder zu euch. – Friedlich ist's bei deinen Blumen, Wartold. Ich will beten für euer Heil im Himmel. Betet ihr für meinen Frieden – auf Erden! Komm, Supfo! Nach Hause! In die Einsamkeit.« Und hastigen Schrittes eilte er aus dem Garten.