X.
Die Sonne dieses Tages neigte sich zur Rüste, die Wipfel der Buchen des Königswaldes wunderschön vergoldend.
In tiefster Erregung durchschritt der Bischof nach Erledigung aller geistlichen und weltlichen Geschäfte – auch in den Nächten hatte er zuletzt nicht mehr geschlafen – lange den geräumigen Büchersaal.
Ein blaues Wölklein von gar süßem Geruch schwebte kreiselnd durch den Saal und verzog sich langsam durch das offene Fenster: neben dem mit Urkunden hoch bedeckten Schreibtisch ruhte auf hohem Erzgestell ein zierlich gearbeitetes Kohlenbecken, in welchem auf rotglühenden Kohlen Weihrauch glimmte: der Bischof hatte befohlen, denselben für den Abendgottesdienst bereit zu stellen.
Oft und oft ließ er im Wandeln den Blick durch das Fenster auf den freien Platz, auf den Strom, die Brücke, die ragende Feste und die Hügelkette im Westen schweifen.
»Wie schön war sie doch, diese Welt, welche morgen in Flammen aufgeht!« Er seufzte tief: dann schloß er fromm: »aber nicht mein Wille, – dein Wille, o Herr, geschehe!« –
Supfo trat ein, offenbar, jemand zu melden.
Rasch schritt Herr Heinrich auf ihn zu: »Berengar, – nicht wahr?« Der Alte schüttelte schweigend den Kopf. »Oder doch Nachricht von ihm? Auch nicht! Einer meiner Boten – es ist der vierte, den ich nach ihm ausgesandt …?« – »Ritt eben ein; aber er hat Berengar sowenig gefunden, wie seine drei Vorgänger. Kein Mensch weiß, wohin die Söldner, in deren Lager er gesucht werden sollte, sich gewandt haben.« »Es ist auch gleichgültig,« sprach der Bischof vor sich hin. »Ich wollte nur, er sollte wissen, daß mich der ganze Plan … Was willst du aber, Supfo? Du blickst so ernst – wie ich es kaum je an dir gesehen. Fängst du doch endlich auch an, des Gerichtes zu gedenken? Es ist wahrlich an der Zeit.« Aber Supfo schüttelte noch stärker als zuvor das Haupt und sprach: »Ich melde Besuch, Herr Hezilo.«
»Habe jetzt nicht Zeit für Besuch und Unterhaltung.« – »Wird nicht sehr unterhaltend werden, rat' ich.« – »Wer ist's?« – »Eine Frau. Bittet um eine Unterredung.« – »Nein doch. Soll anderwärts Unterredung suchen. Oder vielmehr, sie soll gar nicht Unterredung suchen, sondern nachdenken über das nahende Ende.« – »Gerade darüber will sie mit Euch reden.« – »Ah, sich trösten lassen? Soll nachher in die Abendpredigt kommen. Oder in die Mitternachtsmesse, wie die andern auch. Soll sich geistlich vorbereiten.«
»Das eben will sie. Ihr müßt sie hören, diese Frau: sie will Euch beichten.« – »Beichten! Dann freilich! Führe sie herein! – Kennst du sie?« Der Alte hatte die Frage wohl nicht verstanden; gar eilig war er hinausgehumpelt. Noch einen friedlosen Gang durch das Gemach: »Beichte hören! Andrer Sünden würdigen … im Namen des Heilands den Reuigen, den Büßenden vergeben! Und ich? Ich selbst! Wer verzeiht mir im Namen des Heilands meine Erinnerungen, – die ich nie gebeichtet, weil ich sie nicht für Sünde hielt, und die mich auch jetzt noch nicht loslassen? Wer verzeiht mir die unbereute …?«
Er brach ab, – mitten im Schritt – mitten im Wort.
Er erschrak: er schlug hastig ein Kreuz: denn er glaubte, sie zu erkennen, die Frauengestalt, die ganz geräuschlos über die Schwelle geglitten war, hart an der Thüre stehen blieb und nun den langfaltigen dunklen Schleier zurückschlug. »Hilf, Sankt Kilian!« flüsterte er, während ihm das Blut heiß vom Herzen in die Wangen schoß. »Es ist ein Blendwerk des Versuchers. Ach, gut kennt er die Schwäche meines …« – Lauter sprach er nun: »Es ist ja nicht möglich!« – »Doch. Es ist. Ich bin Heilfriede.« Unsagbarer Wohllaut klang aus dieser sanften, lieblichen Stimme, die wie aus dem Mund einer Verklärten zu tönen schien. Etwas Verschleiertes, Verhülltes, wie ein stets im Verborgenen gehütetes Heiligtum lag in der Stimme. Und verschleiert auch war der Blick dieser sanften, lieblichen Augen von mattem Blau unter langen, langen blonden Wimpern: nicht traurig war der Blick, aber so friedlich, so wehmutvoll befriedet, so weltentrückt!
In das lichtblonde, leicht gewellte Haar hatte das häufige Silberweiß nicht das Alter gestreut: die zarte Frau hatte offenbar das vierzigste Jahr noch nicht erreicht: diese blassen, weich gerundeten Wangen waren so jugendlich: nur gar so bleich, so farblos, so nonnenhaft! Der Zug der Augenbrauen war kaum sichtbar angedeutet durch einen Halbkreis von Blond: aber die sanfte Weichheit dieses Antlitzes ward auch von dem bloßen Anschein der Schwäche weit ferngehalten durch den Ausdruck des kleinen, fein geschnittenen, aber festgeschlossenen Mundes, der Willenskraft und lang geübte Willensmeisterung bekundete. Wie sie so dastand, die schmächtige, nur mittelgroße, zarte Gestalt in dem grauschwarzen Schleier, im dunkelveilchenfarbenen Mantel, der das Untergewand völlig verhüllte, glich sie einem stummen, wunderschönen, seelenbeschwichtenden Heiligenbilde. – – –
Herr Heinrich war regungslos stehen geblieben, weit von ihr: er lag völlig unter dem Banne des von ihr ausstrahlenden Zaubers, dieser rührenden Sanftmut, dieser stillen Ergebung, dieser heilig verklärten Anmut. Lange, lange schauten sich die beiden sprachlos an: sie fanden keine Worte: vor tiefem stillem Weh oder war's vor geheimer Wonne?