DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ

Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen, Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht verhehlten Augen sein stilles Lächeln.

Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule, und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an. Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken. Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz, sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander trennen werden. Was immer auch geschehen mag.

Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben. Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen, dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren, und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.

Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen so vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers. Freilich: weil es der Kaiser war. Das ist natürlich, braucht nicht erst entdeckt, noch bewundert zu werden. Auch eine schwache Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn sie auf so hohem, so weithin sichtbarem Gipfel steht, wenn sie auf so vielen tausend Wegen, durch so viele tausend Türen und Türchen immerfort auf die Menge eindringen kann. Hier aber ist es nicht nur der Kaiser gewesen, nicht dieser allein; und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl sie viel mitgeholfen haben. Hier war es der Österreicher. Dieser zumeist. Das echt österreichische Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches Wesen. Seine … Bodenständigkeit, würde ich sagen, wenn ich von dieser Eigenschaft so viel halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst zur Größe oder zur Komplexheit notwendig, ja selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei einem Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.

Man braucht ja nur bedenken, daß in England hannoveranische Prinzen die Krone tragen, daß im russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen, daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte Könige sind, in Griechenland ein Dänensproß regiert, in Rumänien ein Hohenzoller und in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag auch der landfremde Monarch durch sein Wesen Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, auch der wird kopiert. Aber doch nur von liebedienernder Absicht, doch nur von Höflingen, die mühselig in der Maske und in den Gebärden ihres Herrn posieren. Diese Wirkung streift nur die Oberfläche. Unser Kaiser spiegelt sich in den Österreichern, wie österreichische Art in seinem Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, sondern ein Typus in Österreich ist. Eine Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt.

Wir können die Probe drauf machen. Wenn einer das Bildnis Eduards anschaut und es zufällig nicht weiß, daß es der King von Großbritannien ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen Engländer zu halten. Niemand, der es nicht vorher weiß, würde von selbst sagen, Nikolaus sei ein Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz von Wales, ein Insularbrite; niemand würde von Karol behaupten, das sei ein echter Rumäne, und Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen, eher für einen Engländer ansprechen, genau so wie seinen ältesten Sohn, den Kronprinzen von Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. Man denke der Bilder, die den Kaiser in Zivil zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht heraus: das ist weder ein französischer Kavalier noch ein englischer, weder ein Sachse noch ein Preuße, das kann nur ein Österreicher sein. Nicht wahr?

Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht gewesen. Man betrachte die Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er, ein achtzehnjähriger Jüngling, den Thron gewann. Und man nehme, zum Vergleich, ein Bildnis des ersten Kaiser Wilhelm, das ihn als Jüngling zeigt. Auch der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz gewesen, wie der Sohn der Erzherzogin Sophie. Vielleicht war er sogar schöner noch als dieser. Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den heiter schwellenden Lippen, mit den weichen, zärtlichen Linien, mit dieser sanften, gleichsam musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm mit dem schmalen, fest zusammengepreßten Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist das Gesicht eines Norddeutschen. Man könnte sagen: jenes ist ein katholisches und dieses ein protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch waren beide, indessen jetzt keine Monarchen mehr da sind, weder Eduard noch Georg, noch Ferdinand oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., die ihrer Volksart typische Gestalten wären.

Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger und ersten achtziger Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch leicht erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, blondbraunen, dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel Offiziere, wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den lang wehenden Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen Exerzierplätzen, auf allen Promenaden hat man diese Gesichter und diese Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit täuschend genug.

Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt es schon, daß die Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die das Vorbild immer mit Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht nur die Beamten und alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach Formen, nach repräsentierender Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr menschlich zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses Einflusses an sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie gefärbt.

Wenn man die leicht geneigte Haltung des Kopfes, diesen unauffällig federnden, sorglosen und anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen für österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, aus dem Ellbogen vollführte, runde Agieren, diesen um und um mit Freundlichkeit gepolsterten Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren, wenn man dies alles für österreichisch hält und dann erst den Kaiser beobachtet, merkt man erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber auch wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden sind. Man merkt, daß es eigentlich sein persönliches Wesen ausmacht, davon man die Spuren und Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt und wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich Angewohntes. Sein Wesen ist dieser anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden Schultern, mit der leicht geneigten Haltung des Kopfes, das Agieren in runden, aus dem Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, diskrete, sorglose und ihrer selbst unendlich sichere Eleganz.

Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung allein nicht so weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe, sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen der Stände. Wenn sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles gezwungener und leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner eigenen und der angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen, den die vorgebundene Maske in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren Wesen trennt. Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf hält und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, an den niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen.

Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die jene Gemeinsamkeit erleichtern, nicht die äußeren Manieren, die es ermöglicht haben, daß des Kaisers Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, was erörtert werden kann, und wie vieles ist es, wovon wir heute nicht erst zu sprechen brauchen. Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen, sein kultivierter Geschmack, der allem Gellenden, allem Schmetternden, allem Unterstrichenen und überlaut Betonten abhold ist. Österreichisch, wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, nicht »stramm« mit aufgeworfenem Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist seine Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor allem Exaltierten als vor etwas Unmöglichem scheu zurückweicht. Österreichisch ist dieses subtile Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es repräsentierend obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, das eher schüchtern wird, als daß es vermöchte, aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses treue Hängen an ein paar Gewohnheiten, an ein paar liebgewordenen Erdenplätzen. (Wien–Ischl–Ischl–Wien.) Und dieses zuverlässige Zufindensein in den alten Gewohnheiten und in den alten Wohnungen ist österreichisch. Österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender Lorbeern, dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist österreichisch.

Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir uns wenden; wohin wir uns wenden, sehen wir jetzt die Initialen dieses Namens, das F. J. I., sehen die Jahreszahlen 1848–1908. Wie ein großer, von einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff ist die Stadt Wien jetzt durchwirkt von diesem Antlitz, von diesen Initialen und von diesen Doppelziffern. Und durchwirkt ist dieses ganze engere Österreich, die Stadt und das Land von dem Antlitz des Kaisers, von seiner Art, von seinem Wesen, von den Initialen seines Charakters. Daß er hier wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug und reifte, daß er die Frucht dieses Bodens wurde, den feinsten und geschlossensten Auszug aller Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus seines Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen ihm und seinem Volk sechzig Jahre währen lassen. Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach Wien und in die Erblande gekommen, hat die italienische Art, die ihm in den Adern lag, erst vergessen, hat sich hier erst akklimatisieren und assimilieren müssen, ehe ihn die Wiener – nach vielen Jahren – ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in Schönbrunn geboren. Sohn einer bayrischen Prinzessin und eines österreichischen Erzherzogs, der als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine Kriehuber-Figur gelten darf. Die Wiener, die vornehmen wenigstens, diejenigen, die das Wienertum Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer repräsentieren, die waren wie er. Deshalb wurden sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit die Jünglinge ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen ihm jetzt die Greise ähnlich, die mit ihm und seiner Epoche gealtert sind. Diese Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist.

Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es heute schon einen anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir kennen ihn noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, noch darüber nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage noch das Lächeln Franz Josefs nennen wird.

Ende


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 172: allzuviele → allzuvielen
ohne [allzuvielen] Menschen zu begegnen