MARIAZELL
Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein, bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet. Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm hernach vieles klar. Mariazell … es ist der Schlüssel zu einer der innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können, wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes.
Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert, so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab, für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k. Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert, daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen.
Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel: »Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause: »Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders aber diese zu ihnen.
Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor, gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit. Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe, Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend. Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen. Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst. Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst, wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das sind die Floridsdorfer …« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes, das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß; ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es nachher immer die Floridsdorfer sein.
Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied, das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren, Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier. Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen, blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg, an sechzigtausend nach Luzern, – um die gesuchtesten Städte zu nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.
Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd, flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche, empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen, die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den Segen. Dominus vobiscum!
Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen. Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren, Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch, mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer, wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien, unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum.
Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll, Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können, was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei Mariazell wohl haben mag.
Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie. Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche. Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet, wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen. Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe. Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen, Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.
Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen. Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren.
Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene, goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt.
Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man von dem anmutigen Lächeln der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller … richtig, den hat ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell. Aber andere: Pasteur … Nietzsche … Oder: Ojama … Togo … oder Stendhal … Maupassant … Zola … Sie haben hier einen fremden Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen, rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben, lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt, und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit hineinfahren können.