MAUERBACH

Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen wollten.

Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest, und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus. Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer historischen Echtheit gelten darf.

An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach. Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses friedliche Seitental kommen nur wenige.

Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.

Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur. Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt!

Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.

Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet. Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.

Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung. Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt. Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen, und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.

Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher. Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal – Krankensaal – liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen. Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.

Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter, können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören, und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.

Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen, dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein zu warten!

Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.

Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert, daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt, kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch nicht anders.

Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man da alles hört …« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat …« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach …