THRONREDE
Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche. Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck, ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält, während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt, und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen, beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz, so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher Lebensfülle zu verkennen.
Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er – ein Jüngling von achtzehn Jahren – zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.
Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall. Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt: »Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward …« Das Wort Jugend schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit, mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt, ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher.
In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe. Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen. Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder, während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller Mannesblüte. Schmerling … wie aus verschollenen Fernen klingt dieser Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart, Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen Männern der alte Kaiser.
Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen, die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen. Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.
Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet. Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas. Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart, wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend …« Mit fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.
Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde, abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.