Der Oberlehrer

Ein Oberlehrer wird in der Eisenbahn mit den Worten „Sie, geben Sie mal Streichhölzer“ um Feuer gebeten. Er erwidert: „Erstens habe ich keine Streichhölzer, zweitens würde ich Ihnen, selbst wenn ich solche hätte, keine geben, a) weil Sie mich in unhöflicher Weise darum angegangen haben, b) weil wir im Nichtrauchercoupé fahren.“

Der Gentleman mit dem Zylinderhut[2]

Hanns Heinz Ewers erzählt:

„Auf einer Fahrt durch Estremadura (Spanien) befand sich in meinem Coupé eine englische Dame, welche sich genierte, die primitiven aus zwei durchlöcherten Brettern bestehenden W. C. der spanischen Bahnstationen zu benutzen und deshalb seelische wie körperliche Qualen litt.

Da war es, daß ich ein seltenes, ein aufopferndes Bild von Edelmut und Herzensgüte erlebte.

Ein im Coupé sitzender Handlungsreisender erhob sich und nahm aus der Schachtel seinen neuen, wundervollen Zylinderhut. Er reichte ihn der Dame hin und sagte würdevoll:

„Madam! Dies ist ein Zylinderhut. Man kann ihn auch zu anderen Zwecken benutzen. — Ich und die beiden Herren möchten jetzt schrecklich gern hier aus dem Fenster hinaus die Gegend betrachten. — Wenn in der Zwischenzeit der Zylinderhut aus dem anderen Fenster hinausgeworfen würde, würde ich mir das zur hohen Ehre anrechnen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte er den Zylinderhut neben die Dame, faßte uns am Arm und drängte uns zum Fenster hin. Wir unterhielten uns laut über die schöne Gegend, die aus Sand, verbranntem Gras und Telegraphenstangen bestand. Als wir sie genug bewundert zu haben glaubten, drehten wir uns wieder um. Der Zylinderhut war verschwunden, die Engländerin saß ruhig mit glücklichem Gesicht in ihrer Ecke. Sie warf dem Handlungsreisenden einen dankbaren Blick zu.

„Sie sind ein Gentleman!“ sagte sie einfach.

„Ja!“ sagte ich ergriffen und drückte ihm die Hand, „man sollte Ihnen ein Denkmal setzen!“

„O bitte!“ sagte der Herr vornehm. Und rasch brachte er ein anderes Gesprächsthema auf, erzählte höchst ergötzliche Geschichten von Leutnants und Schwiegermüttern.

„Welch ein Mensch!“ dachte ich.

Alles nimmt ein Ende. Und so gelang es schließlich auch unserer braven sechzigjährigen Lokomotive „Esmeralda“ uns nach Sevilla hineinzuschleppen. Sie schnarchte fürchterlich und war schrecklich müde — das arme Tierchen!

Wir stiegen aus, der Handlungsreisende reichte liebenswürdig der englischen Dame ihre Gepäckstücke und ich sah, wie er die Adresse auf ihrem Koffer las.

„Miß Maud Clifton, Park Road, Sheffield!“ murmelte er. — „Sheffield? — Das ist gut, da ist ja die Firma Winter Brothers!“

Er half der Dame beim Aussteigen. Dann kritzelte er ein paar Worte auf eine Karte und wandte sich an mich:

„Lieber Landsmann,“ sagte er, „ich muß unserer Reisegefährtin mit dem Gepäck behilflich sein. Wollen Sie mir wohl dies Telegramm hier aufgeben?“

Ich war froh, dem hochherzigen Mann einen kleinen Dienst erweisen zu können und sprang schnell zum Telegraphenbureau. Die Depesche lautete:

Winter Brothers, Sheffield!

„Hat Miß Maud Clifton, Sheffield, Park Road, eigenes Vermögen? Und wieviel? Drahtantwort. Lehmann in Firma Obermeier, Berlin, zur Zeit Sevilla, Hotel Cadiz.“

Nachdem ich das Telegramm aufgegeben hatte, suchte ich mein Handgepäck zusammen und lief zum Hotelwagen, der bis zum letzten Platz besetzt war.

„Sie müssen in ein anderes Hotel!“ rief mir Herr Lehmann aus dem Fenster zu, „in diesem ist alles besetzt.“ —

„Die Depesche ist besorgt, sie hat acht Pesetas vierzig gekostet!“ sagte ich.

„Schon gut,“ meinte Herr Lehmann. „Wenn nur die Antwort befriedigend ist!“ Er beugte sich hinaus und sagte vertraulich: — „Hübsch ist sie ja, die Miß, wenn sie nun auch noch Geld hat, können wir bald Verlobung feiern!“

„O!“ beteuerte ich. „Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Glück! — Sie edler Mensch, Sie! Sie Gentleman! — Ihr neuer Zylinderhut!“

„Reden Sie doch nicht!“ sagte Herr Lehmann, „meinen Sie denn ich würde auf ein so schwaches Risiko hin meinen eigenen Zylinderhut hergeben?! — Nicht mal die Telegrammkosten!“

Der Kutscher knallte. Der Hotelwagen knatterte über das Pflaster hin.

Eine schreckliche Ahnung stieg in mir auf. — Ich öffnete meine schöne lederne Hutschachtel — — sie war leer!

O dieser Gentleman — — dieser scheußliche Gentleman!

Wenn er aber Hochzeit macht — — ich werde ihm telegraphisch meine Rechnung schicken! —“