Im Schuhwarenladen
„Sind die Sohlen auch dauerhaft?“
„Es sind die besten amerikanischen Sohlen — wir garantieren ein volles Jahr.“
„Aber das Oberleder taugt nichts.“
„Erlauben Sie? Die paar Wochen, was unsre Sohlen halten, hält das Oberleder auch noch aus.“
Die Haferlieferung. Von Roda Roda.
Eines Tages kam eine Kommission, bestehend aus drei Offizieren, einem Wachtmeister und einer Stehleiter, zu Joschkele Seidenfutter nach Mikulintze bei Tarnopol und begehrte das Fouragemagazin zu sehen. — Joschkele öffnete jammernd, der Wachtmeister stieg auf die Leiter und besichtigte eingehend den Plafond des Magazins an zwanzig Stellen und in allen Fugen und Ecken. —
Als er fertig war, salutierte er und sagte: „Herr Oberst, ich meld ghorsamst, es is nix.“
„Hm,“ sagte der Oberst und weidete sich an dem Anblick des geängstigten Joschkele, „möchten vielleicht Herr Leutnant die Güte haben —?“
Also stieg der Herr Leutnant auf die Leiter — mit einigen Segenswünschen für die Andersgläubigen — pochte den Plafond von links nach rechts ab, dann von rechts nach links — hinten und vorn — — — nichts.
Der Herr Rittmeister deutete den flehenden Blick des Obersten ganz richtig, indem er ebenfalls auf die Leiter stieg. Er holte mit seiner besten Ulanka die Spinnweben von der Magazinsdecke, aber auch er fand nichts.
Endlich der Herr Oberst selbst. Er drohte zuerst dem Joschkele mit der Faust und kletterte dann. Er bohrte mit dem Finger in alle Ritzen. Er fand einen verstaubten Riß im Plafond, den die anderen alle nicht gefunden hatten, war sehr stolz auf ihn, putzte ihn sauber aus, besah ihn so lange, bis ihm der Schmutz in beide Augen fiel — nichts.
Die Kommission ging, und Joschkele versperrte die Tür. Draußen zog er sehr tief den Zylinder und sagte: „Se entschuldigen schon, Euer Gnaden, Herr vün Oberst, bis hundertzwanzig Jahre sollen Se leben ünd gesünd sein und lauter Frad erleben. Aber wos kloppen Se mr auf mei Boden erüm?“
„Das will ich Ihnen sagen, Herr Seidenfutter,“ der Herr Oberst zog ein Schriftstück aus der Brusttasche — „Sie haben vor einigen Wochen im Offertwege die Fouragelieferung für das Ulanenregiment Nr. 9 erstanden?“
„Ja, Herr vün Oberst, bis hün — —“
„Mit zwanzig Hellern per Zentner unter dem Marktpreis?“
„Was tut e Mensch nit for dem Militär, Herr vün Oberst.“
„Sehr schön, daß Sie Patriot sind, Herr Seidenfutter — aber die Leute glauben was andres. Da — lesen S' den anonymen Brief, was ich gestern kriegt hab. Wenn der Proviantoffizier und Tierarzt den Hafer übernommen haben und das Magazin versiegelt is, sollen Sie durch ein Loch im Plafond schlechten Hafer herunterschütten.“
„E Konkorrenz-Manöver, Herr vün Oberstleben, bis hün —“
„Schon gut — ich weiß — wir haben uns überzeugt. Aber wir wollen ein wachsames Auge auf Sie haben — richten Sie sich darnach.“
„Ich soll nix essen können, Euer Gnaden, wenn bei mir so eppes vorkümmt, Herr vün Oberstleben.“
Zwei Tage später kam eine neue Kommission: drei Herren, ein Wachtmeister und eine Leiter. Sie suchten wieder das Loch im Plafond und fanden es wieder nicht.
Es kam noch eine dritte Kommission am Montag früh, eine Donnerstags nachts, eine am Sonntag nachmittag.
In der folgenden Woche gab's täglich Untersuchungen: vom Regiment, von der nächstbeteiligten Eskadron, vom Verpflegsmagazin, vom Militär-Stationskommando, noch einmal vom Regiment und noch einmal von der Eskadron. Immer ohne Erfolg.
Dann setzte sich Joschkele Seidenfutter hin und schrieb einen Brief:
„Lieber Schwager Ignaz Germteig, Branntweinbrennerei und Schlempenerzeugung in Tarnopol!
Ich dank dir, lieber Schwager, daß du bist gewesen eso freindlich, aber vün jetz an schreib ka anenime Briefe mehr. Warüm? Weil auf den letzten is schon gar keine Kommission mehr gekümmen. Jetzt kann die Konkorrenz schreiben, wenn se will. Daweil hob' ich mr schon geloßt machen das Loch in Plafon. Mit tausend Griße
Joschkele.“