Merkwürdige Kalkulation
Chef: „Die Firma Schulze & Co. hat Konkurs angesagt. Das Conto derselben ist bei mir mit tausend Mark belastet.“ — Reisender: „Da bin ich aber in der Tat sehr froh, daß ich den letzten Posten zu Schundpreisen verkauft habe.“ — Chef: „Wieso?“ — Reisender: „Sonst wäre ja Ihr Verlust viel größer.“
Mahnung und Antwort
Siegfried Jacob & Co.
Breslau.
Breslau, d. 5. 12. 09.
Herrn Aaron Ponimsohn
in Krotoschin.
Bei Durchsicht unserer Bücher finden wir Ihr Konto noch immer mit M. 300.— belastet.
Wenn Sie nicht innerhalb 5 Tagen bezahlen, verklagen wir Sie.
Ergebenst
Siegfried Jacob & Co.
Antwort.
Krotoschin, d. 8. 12. 09.
Herrn
Siegfried Jacob & Co.
Breslau.
Anbei übersende ich Ihnen die 300 M.
Wie können Se mer solch grobben Brief schreiben! Wo ich kaufe schon seit 30 Jahren von Ihnen de mieseste Schundware, asser kaufe ich nich for einen Pfennig mehr von Ihnen; ich verbitte mir soiche Briefliches.
Ergebenst
Aaron Ponimsohn.
Bitte wenden!
Rückseite der Antwort.
Eso hätt ich geschrieben, hätt ich gehabt Geld zu Bezahlen.
Aperçü: Schicken Se mir noch von de leinenen Ticher 3 Dtzd.
Energisch
Ein Schneider schickt seinen Reisenden zum Studenten Borgerl, um demselben mal energisch auf die Hinterbeine zu treten. Nach 'ner halben Stunde kommt der Reisende zurück.
„Nun, Herr Meyer,“ fragt der Schneider, „haben Sie es dem Manne gesagt!?“
„Ob ich es ihm gesagt hab' und wie hab' ich es ihm gesagt, und wenn er dagewesen wär', hätt' ich es ihm noch viel mehr gesagt!“
Im Sargmagazin[4]
„Was für einen Sarg wünschen gnädige Frau? Einen metallenen oder einen eisernen?“
„Welche sind besser?“
„Beide Sorten sind gut. Die metallenen Särge sind dauerhafter, aber die eisernen gesünder!“
„Gut, also einen eisernen! Was kostet dieser?“
„Sechzig Mark.“
„Was so teuer, können Sie ihn mir nicht billiger abgeben?“
„Nein, billiger kann ich ihn nicht lassen, aber ich will Ihnen noch einen kleinen zugeben!“
Industrie
Wie anders war es doch in alter Zeit!
Mit tiefer Wehmut gedenke ich noch heute eines traulichen Familienbildes. Es war am Vorabend der Hinrichtung unsres seligen Urgroßvaters. Großpapachen, damals noch ein rüstiger Herr, saß, ein gesticktes Hauskäpplein auf dem Haupte, über der „Morgenpost“, Großmamachen las einen Roman von der Luise Mühlbach, Onkel Kaspar rauchte seine schwarz-rot-goldne Pfeife und Mutterchen — sie hatte sich kurz vorher verlobt — häkelte eine Weste für ihren Bräutigam. — In der friedlichen Runde aber kreiste die Lichtputzschere, und alle wetteiferten im Schneuzen der anheimelnd flackernden Kerze.
Seitdem sind viele Jahre vergangen.
Die technischen Fortschritte auf allen Gebieten sind bis in die innerste Häuslichkeit gedrungen, man brennt heute nur mehr Gas oder Elektrizität.
Wir hatten in unsre alte Wohnung Gas einziehen lassen, aber Großmama wurde nie den Gedanken los, daß es nach Ziegenbock stinke. Dann ist es auch im Schlafzimmer sehr unangenehm. Elektrizität wieder, das kostet eine Menge Geld, wenn man noch nicht darauf eingerichtet ist, und man hört auch so viel von Kurzschlüssen.
Da las Großpapachen in der „Morgenpost“ von der Spektral-Multiplex-Biform-Lampe, und auch im Krakauer Kalender war sie rühmend erwähnt — als etwas wirklich Gediegenes.
Zufällig sah ich bei Beer & Cie. im Schaufenster eine Multiplex-Biform brennen und fand das Licht ruhig und sehr hell.
Am nächsten Abend nahm ich meine Käte mit. Wir sahen uns beide das Ding an. Sie konnte auch nicht viel dagegen sagen und war nur mißtrauisch, weil die Lampe patentiert war. Aber es ist doch einfach töricht, eine Lampe, nur weil sie patentiert ist, für schlecht zu halten.
Wir besprachen die Sache zu Hause. Großpapachen, der sehr modern denkt, war dafür, daß ich zu Beer & Cie. fragen gehen sollte: erstens, wieviel Petroleum die Lampe brauche, zweitens, wieviel sie koste und drittens wegen einer schriftlichen Garantie auf ein Jahr.
Bei Beer & Cie. traf ich einen Kommis, einen sehr geläufigen jungen Mann. Er fragte mich, ob ich einen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher haben wolle — oder eine Spektral-Multiplex-Biform-Lampe.
Ich sagte: eine Lampe.
Da begann der junge Mann:
„In höflicher Beantwortung Ihrer sehr geschätzten Anfrage gestatten wir uns, Ihnen unsere hochprima Spektral-Multiplex-Biform-Lampen in zwei Größen zu offerieren: die eine für Wohnzimmer, die andere für Lokalitäten.“
Ich verlangte natürlich eine Lampe von der ersten Art. Er brachte sie und zündete sie an.
„Unsre von allen Höfen und den höchsten Fürstlichkeiten durch lobende Anerkennungen ausgezeichnete Spektral-Multiplex-Biform-Lampe hat ihren Namen daher, daß die Flamme, wie Sie sehen, in Form eines griechischen Bi brennt. Man kann sie auf acht Kerzenstärken einstellen — wie jetzt — für Gesellschaften bis zu fünf Personen; oder — so — auf neun Kerzen — für elf Personen, darunter auch Kinder oder — durch diesen Hebeldruck — auf dreizehneinhalb Kerzen — für Hochzeiten und andere größere Räumlichkeiten. Die Tabelle dazu geben wir kostenlos bei. — Die Lampe wird mit Spektralöl gefüllt, und führen wir selbes gleichfalls. Das Spektralöl ist von uns erfunden und wird eigens für unsere werten Kunden erzeugt. Es kostet um fünf Kronen per Tonne mehr, als das beste im Handel befindliche Petroleum, hat aber auch einen um 21,5 Proz. höhern Feingehalt an ölig-chemischen Bestandteilen. Die Multiplex-Biform verbraucht davon in einer englischen Stunde je nach der Kerzenstärke für dreizehn bis neunzehn Hundertel Heller, wodurch sich zwar der Liter Spektralöl in der Anschaffung ein für allemal etwas höher stellt, jedoch im Gebrauche wesentliche Ersparnisse im Gefolge hat. Hierfür garantieren wir, und legen wir die Tabelle hiezu gleichfalls kostenlos bei. — Die Lampe selbst berechnen wir Ihnen äußerst mit 23 K 70 h netto ab hier, und haften wir schriftlich bis zur Ueberstellung ins Haus. — Ein Reserve-Spektral kostet eine Krone, ein Reserve-Multiplex sieben Kronen und ein Dutzend Reserve-Biformen nur sechzig Heller.“
Also kaufte ich eine Lampe samt allen notwendigen Nebenbestandteilen.
„Wünschen auch einen Spektral-Multiplex-Biform-Ohrenschützer? — Nein? — Aber einen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher empfehle ich Ihnen unbedingt.“
„Nein, nein — ich danke,“ sprach ich und ging.
Am dritten Abend, als wir wieder daheimsaßen, Großpapa mit seiner „Morgenpost“ und Onkel Kaspar mit seiner Pfeife, da sprach meine Käte:
„Sieh nur, die Lampe geht aus.“
Ich rüttelte sie ein wenig — sie war gefüllt. Ich holte die Tabelle, stellte die Lampe auf sechs Personen und ein Kind ein — sie flackerte. Ich schraubte ein neues Spektral ein — sie zuckte meterhoch und summte.
„Vielleicht ist das Multiplex zu stark erhitzt,“ sagte Onkel Kaspar — und ich tat ein andres Multiplex an die Biform. — Als alles nichts nützte, zog ich auch die Biform heraus und ersetzte sie. Aus der Lampe hörte man es zornig brausen, und die Flamme züngelte wie eine Schlange aus dem Zylinder.
„Am besten wäre, die Lampe auszulöschen.“
„Ja — ja, löschen wir sie aus,“ riefen nun alle.
Ich wollte die Schraube anziehen — sie war unberührbar heiß. Da blies ich in den Zylinder. Die Flamme fuhr heraus und fauchte mich an. Onkel Kaspar begann mitzupusten, dann Käte und alle Kinder, die Gouvernante und endlich sogar Großväterchen. Wir bliesen zuerst ungeregelt und dann auf Kommando. Der Gouvernante flog der Puder vom Gesicht und ein Zopf aus der Frisur — die Lampe brannte.
Da sah man, wie der Multiplex anfing, von oben her langsam in Rotglut überzugehen. Immer tiefer und tiefer, jetzt mußte die Röte den Lampenkörper erreichen.
Und da — erfolgte ein unbeschreiblicher Krach.
Ich habe jene berühmte Kesselexplosion des Donaudampfers „Radetzky“ im Hafen von Preßburg mitgemacht, wo der zweite Maschinist hoch in die Luft flog und die Kunde von dem erschütternden Ereignis als erster nach Bruck an der Leitha brachte. Aber ich muß sagen, ich habe zwischen den beiden Explosionen keinen Unterschied bemerkt. Onkel Kaspar wieder, der damals in Preßburg sein Gehör verloren, fand den Knall der Multiplex-Biform um ein Nuance lauter.
Unsere Fenster waren auf die Gasse geflogen und die der gegenüberliegenden Häuserreihe eingedrückt worden. Eine bedeutende Rauchwolke — in der „Morgenpost“ stand später fünfzehn Stockwerke hoch — wallte himmelan. Es brannte der Schreibtisch, das linke Ende von Großpapachens Bett und die marmorne Säule unter einer Gips-Bronzebüste von Dante.
Wir alle saßen noch betäubt — unfähig, uns zu rühren.
Da hörte ichs unten rasseln und blasen: die Feuerwehr.
Und eine Baßstimme vor der Tür: „Ists ein Spektral-Multiplex-Biform-Brand — oder ein andrer?“
„Na, dann heißts nicht viel.“
Herein trat ein Feuerwehrmann mit einem niedlichen polierten Apparat und richtete einen dünnen Strahl auf die Brandstellen. — Im Nu war alles gelöscht.
Dem Feuerwehrmann auf dem Fuße aber folgte der Kommis von Beer & Cie. und sprach:
„Sie haben hier soeben den ausgezeichneten amerikanischen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher in Tätigkeit gesehen, und dürfte derselbe Ihr geschätztes Wohlgefallen gefunden haben. Wir erzeugen solchen in zwei Größen: Nr. 1 für eine bis drei Spektral-Multiplex-Biform-Lampen — Nr. 2 in größerer Ausführung für vier und mehr Lampen.“
„Um Himmelswillen,“ rief ich, „sind denn euere Lampen geradezu aufs Explodieren eingerichtet?“
Der junge Mann lächelte. „Der Hauptartikel unsres mit dreiundsiebzig Filialen in sämtlichen Ländern vertretenen Welthauses sind unsere großartigen Spektral-Multiplex-Biform-Löscher. — Nur um unseren ausgezeichneten Löschern eine weitere Verbreitung zu sichern, erzeugen wir unsere Spektral-Multiplex-Biform-Lampen, und geben wir selbe an Interessenten zum halben Selbstkostenpreise ab.“
Roda Roda.