Schlimme Aussicht

Reisender: „Die Ware ist von bester Qualität, darauf können Sie sich verlassen; überhaupt würde es mir nicht einfallen, Ihnen gleich beim ersten Geschäft schlechte Ware zu liefern!“

Der Generalinspektor. Von Roda Roda.

Eines Tages, als ich auf einem Kanonenrohr der Belgrader Festung saß und über Save und Donau hinweg in die Ferne blickte, kam mein Freund Milan auf mich zu und rief:

„Na, wie gehts, wie stehts, Mütterchens Goldsohn? Was machst du?“

„Ich denke über meine Zukunft nach und schwanke noch, ob ich Löwenbändiger oder Tanzlehrer werden soll.“

„Wähle den Mittelweg, Bruder, und werde Generalinspektor! — Na, sieh mich nicht so groß an, ich meine es ernst. Du mußt wissen, ich bin seit acht Tagen eine Art Assekuranzkönig von Serbien — im Dienste der La Terre, Zemlja, die Erde — Erste internationale Hagel-, Feuer- und Lebensversicherungsgesellschaft. Da brauche ich einige Dutzend Generalinspektoren.“

„Wie ... und du ... du willst mich ernennen?“ Vor Freude stand mir das Herz im Leibe still.

„Was gibts da zu verwundern? Natürlich. Ich drücke mein Sultanssiegel darunter, und du bist Generalinspektor.“

Das sagte er so einfach. Nein, wer hätte das in dem kleinen Milan gesucht?

„Bist du einverstanden?“

„Aber natürlich. Mit tausend Freuden. Ich bitte dich: schon ein General schlechthin ist ein hoher Herr. Inspektor ... auch nicht zu verachten. Und ich soll nun mit einem Schlag Generalinspektor werden?“

„Na, laß dirs nur nicht in die Krone fahren. Ohne weitres gehts ja auch nicht. Du wirst dich zu einer Probeleistung verstehen müssen.“

„Auch das tue ich; überhaupt alles, was du willst.“

„So komm nur erst mit mir, da sollst du alles hören.“

Wir gingen im Kalimegdankkpark auf und ab. Dort erklärte mir Milan meine Pflichten und wie ich es anstellen müsse, die Leute zu bewegen, daß sie sich versichern ließen.

„Denn gern tun sies nicht,“ erzählte mir Milan. „Manchem muß man Zureden wie einem kranken Pferd. Zuerst fragt man ihn nach der Schwägerin in Nisch und ob der Onkel noch in Poscharewatz im Kerker sitze ... unschuldig natürlich. Dann kommt man langsam, ganz langsam auf die Politik zu reden. Ist der Kerl radikal, so schimpft man über die Schwaben, und sonst über die Russen, aber immer nur mäßig und ohne Hitze. Kommt die Sprache auf die Regierung, so wiegst du bedächtig den Kopf und sagst: „Sie werden sehen, es kommt bei diesem System nichts gutes heraus“ — und bist gleich beim Wetter. Davon kann man viel erzählen. Nach und nach lenkst du das Gespräch entweder auf den Hagel, auf den Blitz oder die vielen Halsentzündungen — je nach dem, was versichert werden soll. Du spielst mit der Hand in der Tasche, und auf einmal hast du ein Prospektchen in den Fingern. Das wäre dir rein zufällig untergekommen, sagst du — und so gibt ein Wort das andre ... Wenn du aber Generalinspektor werden willst, mußt du mir heute noch den Joso Bojanitsch versichern. Er wohnt auf der Terasija, gleich beim alten Brunnen. Versuchs doch einmal, Alterchen. Viel Glück auf den Weg!“

Er klopft mir noch auf die Schulter — und weg ist er.


„Gesundheit! Guten Tag!“ sagte Joso Bojanitsch ungemein zärtlich.

Ich freue mich über die gute Vorbedeutung des ersten Empfanges.

„Nehmen Sie doch Platz bei mir. Anitze! Anitze! Bring Schnaps für den Herrn!“

„O, ich danke,“ entgegne ich geschmeichelt. „Zu viel Ehre!“

„Nehmen Sie mit wenigem vorlieb, Herr ...“

„Roda“, ergänze ich.

„Tja, ja, Herr Roda! Schade, daß Sie nicht gestern gekommen sind, wir haben so herrlichen Kuchen gehabt. Aber immerhin — Sie sind auch heute willkommen. Meine Schwägerin in Nisch ...“

„Wie, Sie haben auch eine Schwägerin in Nisch?“ frage ich — fast erschrocken vor Freude darüber, daß Milans Rezept so prächtig zutrifft.

„Ja. Haben Sie auch eine Schwägerin in Nisch? ... Gesundheit, Herr Roda! Stoßen Sie an! ... Brr! Großartige Ware, der Schnaps, was? 's ist aber auch Eigenbau. Das heißt nämlich eigentlich kein Eigenbau, denn er stammt von meinem Oheim, der ihn leider Gottes nicht trinken kann.“

„Oh! Ist er tot, Ihr Oheim?“

„Schlimmer als das. Denken Sie nur: er ist in Poscharewatz eingesperrt ... Was haben Sie? Was staunen Sie?“

„Hm ... nichts, wirklich nichts ... Sagen Sie doch, bitte, Herr Bojanitsch, hat jede Belgrader Familie einen Oheim in Poscharewatz sitzen?“

„Wie witzig Sie sind! Ja, die Herren Ausländer! Das bringt den Geist aus der Welt mit. Ein andres Leben da draußen als hier auf dem Balkan — wie? Na, es wird auch bei uns einmal anders werden. Denn, nehmen wir an, der Berliner Vertrag wird eines schönen Tages revidiert ...“

„Um Gottes willen, nur nicht zu viel von der Politik!“ rufe ich, eingedenk der Warnung Milans.

„Sie haben recht. Es ist ein undankbares Ding. Was dich nicht brennt, das blase nicht. Sie sind ein Oesterreicher, nicht wahr? Tja, ja — zunächst hängt unser Heil doch nur von Oesterreich ab ...“ Joso Bojanitsch beginnt den Kopf zu wiegen. „Anitze, sag ich immer zu meiner Frau, Anitze ...“

Ich wiege mit. — „Du wirst sehen, es kommt bei diesem System nichts gutes heraus.“

Joso blickt auf — erfreut darüber, daß ich seine Gedanken so gut errate.

„Freund,“ schreit er, „Sie gefallen mir, wie Sie doch die Dinge so richtig zu beurteilen wissen!“

„Mein Gott, wenn man schon so lange hier ist ...“

„Ah, schon lange hier? Aber dennoch: Grütze muß man im Kopf haben. Hat man die, findet man sich überall gleich zurecht. Und gefällts Ihnen bei uns?“

„Sehr gut. Das Klima ...“

„Herr,“ ruft er. „Sie sind ein Gedankenleser! Eben auf das Klima wollt ich zu reden kommen. In Silber sollte man Ihre Worte fassen. Tja, ja. Scheußlich, dieses Wetter. Sind Sie Landwirt?“

„Nein. Ich ...“

„Also Hausbesitzer, nicht wahr?“

„Nein. Ich ...“

„Tja, ja, ein mörderisches Wetter! Wenn man in Belgrad umhergeht und die schönen Menschen sieht, meint man, es müsse, weiß Gott, wie, gesund sein, hier zu leben. Alle sehen aus, als sollten sie dereinst ihr Brot mit einem Zahn kauen. Aber, aber: sie sind wie die Pappeln, diese Belgrader — der Stamm ist groß, das Holz ist morsch. Das lebt wie die Made im Speck und denkt nicht an die Zukunft ... Noch ein Gläschen, Herr Roda? ... Zur Gesundheit!“

Ich stoße fröhlich an. So leicht habe ich mir die Sache nicht gedacht. — Ich habe ein verbindliches Lächeln auf den Lippen, stelle das Gläschen hin und greife in die Tasche. Jetzt muß ja bald mein Prospekt heraus.

„So sind die Leute; Sie haben wahr gesprochen, Herr Bojanitsch,“ knüpfe ich an. „In den Tag hinein leben sie und denken nicht daran: Was wird aus meinen Lieben, wenn ich einmal nicht mehr bin?“

„Bravo, junger Mann! Ich wollt, ich hätte eine Tochter. Ihnen würde ich sie anvertrauen.“

„Ich erkenne den guten Willen an. — Wenn man sieht, wie so mancher in Saus und Braus lebt ...“

„Nicht wahr? Und alles verbraucht, so daß Weib und Kinder dereinst darben müssen, weil ihnen das Familienoberhaupt nichts zurückgelassen hat? ... Herr,“ ruft Bojanitsch, „wenn ich was zu befehlen hätte, müßte jedermann ...“

„Ein Viertel seines Einkommens in einer Lebensversicherungspolizze anlegen.“

„Was sagen Sie, ein Viertel? Ein Drittel wenigstens, ein volles Drittel.“

Jetzt heraus mit dem Prospekt! Aber wo hab ich ihn, zum Kuckuck?

Auf einmal fängt Bojanitsch herzlich an:

„Sehen Sie, da hab ich rein zufällig ein Prospektchen bei mir: von der Ozean, Internationale Versicherungsgesellschaft, einem Unternehmen ersten Ranges.“

„Aber ...“ Ich strecke ihm hilflos den Prospekt meiner La Terre entgegen.

„Nein Aber, junger Mann! Sie müssen unbedingt eine Polizze nehmen. Ich sage nur auf vierzigtausend Dinar.“

„Aber ...“

„Kein Aber! Sie sind nicht verheiratet, wollen Sie sagen? Denken Sie nicht an die armen Eltern, an die Geschwister? Sollen die verhungern, wenn Sie einst nicht mehr sind?“

„Aber ...“

„Lächerlich. Vierzigtausend Dinar, denken Sie nur! Sie gehn auf der Straße, ein Ziegel fällt Ihnen auf den Kopf, und schlägt Sie tot. Weinend umringt Sie Ihre Braut. Doch vierzigtausend Dinar sind da. Haha!“

„Aber ...“

„Unterschreiben Sie, junger Mann, rate ich Ihnen! So was von Gesellschaft, wie die Ozean, gibts doch nicht zum zweitenmal. Sie zucken noch mit Händen und Füßen, und die Gesellschaft zahlt schon aus. Dabei ist die Prämie lächerlich billig, vierteljährlich dreihundertundzwanzig Dinar und zwanzig Para. — Anitze, schnell noch einen Schnaps! — Schreiben Sie, junger Mann, morgen um neun Uhr ist der Arzt bei Ihnen ... So! Nun setzen Sie noch das Datum über Ihren Namen! So! ... Zur Gesundheit, Herr Roda! Mögen Sie sich, Gott behüte, recht bald von der Solidität der Ozean überzeugen!“

Vernichtet und geschlagen kehre ich zu den Kanonen in die Festung zurück.

's nützt nichts. Ich hab kein Talent fürs Versicherungsgeschäft.