Spezialität

„Warum behalten Sie diesen Schlingel von Kontoristen?“ — „Der Kerl mahnt großartig.“

Der Kaufmann

Eine Fabel von Karl Ettlinger.

Es war einmal ein Kaufmann, der war in jungen Jahren nach England ausgewandert und hatte dort lange Zeit gelebt und es zu großem Ansehen gebracht. Als er nun, von Heimweh ergriffen, wieder nach seinem Vaterland zurückkehrte, da wunderte er sich baß über vielerlei. War er in England in einer Gesellschaft von Aristokraten, hohen Militärs, Künstlern oder Politikern gewesen, so hatte man ihm stets die höchste Achtung gezollt, man hatte auf seinen erfahrenen Rat gehört, und seinen praktischen Sinn bewundert. Anders erging es ihm zu Hause. Redete er, so hörte man ihm wohl aus Höflichkeit zu, aber man ging über seinen Rat hinweg und lächelte arrogant: „Koofmich!“ Denn diesen geistvollen Namen hatten seine Landsleute für den Kaufmannsstand geprägt.

Unser Kaufmann war ein intelligenter Kopf, und so ging er den Ursachen dieser eigentümlichen Geringschätzung nach. Er konnte sie aber nicht entdecken, sondern vermochte nur festzustellen, daß diese Geringschätzung sich nahezu auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte. Im Parlament fand er zwar Landräte, Journalisten, Pfarrer, Handwerker, Agrarier, aber kein Dutzend Kaufleute. In der Diplomatie und den Staatsstellungen traf er fast ausschließlich Juristen an, Angehörige einer bestimmten Kaste, zumeist feudale Protektionskinder. Das war sonderbar. Doppelt sonderbar für einen Mann, der von England her das Gegenteil gewöhnt war. Also machte er sich auf den Weg zum Ministerium, denn er hoffte, dort des Rätsels Lösung zu erfahren. Nachdem er zehn Stunden gewartet hatte, ließ ihn der Finanzminister vor.

„Exzellenz,“ begann er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: wie kommt es, daß der Stand, der die meisten Steuern zahlt, der fast allein die Zölle aufbringt, vom Staate in jeder Beziehung so stiefmütterlich behandelt wird?“

Der Finanzminister sah den Klagesteller mißtrauisch an. Sowas war ihm noch nicht vorgekommen. Dann lehnte er sich zurück und sagte: „Warum man diesen Stand so schlecht behandelt? Sehr einfach: weil es der Kaufmannsstand ist!

Das Wort „Kaufmann“ sprach er mit einer Betonung aus, wie etwa ein Kind „Lebertran“ sagt.

„Uebrigens,“ fuhr der Finanzminister fort, „nebenan wohnt der Kultusminister, vielleicht weiß der näheres!“

Also ging unser Kaufmann zum Kultusminister.

„Exzellenz,“ sagte er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: wie kommt es, daß der Stand, der am meisten deutsche Kultur, deutsche Sprache und deutsche Sitten über den Erdball trägt, vom Staate in jeder Beziehung so stiefmütterlich behandelt wird?“

Der Kultusminister sah den Fragesteller mißtrauisch an. Dann sagte er: „Sehr einfach, Verehrtester! Weil es der Kaufmannsstand ist!

... Weil es der Kaufmannsstand ist! Dieselbe Antwort erhielt er, als er beim Handelsminister frug, warum der Staat Börsengesetze mache, ohne die Börse zu befragen; als er beim Justizminister frug, warum der jüngste Assessor mehr Macht und Ansehen genieße, als der kenntnisreichste Prokurist? Zuletzt ging er zu einem Hofmarschall.

„Exzellenz,“ sagte er, „gestatten Sie mir, Ihnen ein Rätsel aufzugeben: Wenn unser Vaterland heute so groß und geachtet dasteht, so verdankt es das mit in erster Linie seinem Handel und seiner Industrie. Wie kommt es nun, daß wir unter allen unseren Ministern und Diplomaten nur einen Kaufmann haben? Daß der Kaufmann als quantité négligeable behandelt wird? Daß das vielseitige Wissen, die praktische Erfahrung unserer Kaufmannschaft fast gar nicht dem Staate nutzbar gemacht wird?“

Der Hofmarschall runzelte die Stirne. So ein frecher Koofmich! Aber der Hofmarschall bezwang seinen Zorn und sagte: „Sehr interessant, was Sie da sagen! Ich werde Ihnen die Antwort schriftlich geben!“ und notierte sich die Adresse.

Seit dieser Unterredung sind viele Jahre verflossen. Unser Kaufmann ist alt und grau geworden, aber eine Antwort auf seine Frage hat er noch nicht erhalten. Und das ist begreiflich. Denn warum der deutsche Kaufmann in seinem Vaterlande so wenig gilt, das weiß kein Mensch!