51. Die Piratenstämme von Mindanao und Sulu.
Unter obiger Bezeichnung fasse ich jene mohammedanischen Malaienstämme zusammen, welche an der Westküste von Mindanao, am Rio Grande de Mindanao, den beiden grossen Seen südlich von diesem Strome an der Laguna de Malanao, an der Küste des Panguil-Busens, in einigen Dörfern an der Nordwestküste Mindanao’s zwischen Zamboanga und Misamis und welche ferner die Küstenbevölkerung der grösseren und die Gesammtbevölkerung der kleineren Sulu-Inseln bilden. Sie werden von den Spaniern je nach ihrem Aufenthaltsorte als Joloanos, Camucones (Bewohner der Inseln südwestlich von Tawi tawi), Tirones (Bewohner der Inseln zwischen Tawi tawi und Borneo), Moros de Balabac, Samales (Bewohner der Inseln südlich von Basilan), Basilanes, Jacanes (auch auf Basilan), Illanos oder Ilanos (an der Baia Illana), Lutaos (bei Zamboanga), Malanaos (am See Malanao), Mindanaos (Mündungsgebiet des Rio Grande und die Küste Ost-Mindanao’s von Pollok bis zur Südspitze der Insel), Tegurayes oder Tinivayanes (Flussgebiet des Rio Grande de Mindanao) bezeichnet.
Sie sind Mischlinge von den in den diesbezüglichen Ländern erbgesessenen Visayer- oder (auf Mindanao zum Theile) Manobos-, Mandayas-, Subanos-Stämmen und von den von Borneo und den Molukken her einfallenden mohammedanischen Stämmen. Balabac ist von Borneo her mit dieser neuen Bevölkerung versehen worden. Gerade als die Spanier unter Legazpi, 1565–1572, sich des Archipels bemächtigten, machten sie einer grossartigen, continuirlichen, wenn auch geräuschlosen und friedlichen Invasion von Borneo-Malaien ein Ende, damals waren, wie Morga, Fr. Gaspar de S. Augustin, Fray Juan de la Concepcion uns melden, in allen Theilen der Philippinen, mit Ausnahme der nördlichen Landschaften Luzons, Borneaner nicht nur als Kauffahrer, sondern auch als mohammedanische Proselytenmacher und Stifter neuer Dynastien und Reiche thätig. Die Vasallenfürsten der Sultane von Manila und Tondo waren alle Borneaner, sowie vielleicht ihre Herren selbst. Noch 1585 (Brief des Bischofs Salazar in den Cartas de Indias, Fol. 651) zahlten die Bewohner der Calamianen den Spaniern und dem Sultan von Borneo zugleich Tribut. Nach Argensola, Combés, Fr. Juan &c. hat Mindanao seine mohammedanische Bevölkerung durch Einwanderung von Ternate erhalten, wie denn auch im XVI. und Anfang des XVII. Jahrhunderts die Sultane von Mindanao und Buhayen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu den Sultanen von Ternate standen, welches sich erst löste, als letztere sich den Holländern unterwarfen und in den Kämpfen zwischen letzteren und den Spaniern eine bedeutende Einbusse an Macht und Gebietsumfang erlitten. Am gemengtesten erscheint die Bevölkerung von Sulu. Die Nachrichten von Dalrymple[30], Crawfurd[30], Hunt[30] und Forrest widersprechen zum Theil sehr jenen Nachrichten, welche uns die spanischen Historiker des XVI. und XVII. Jahrhunderts bringen. Es ist zu bedauern, dass W. Koner in seiner Monographie des Sulu-Archipels (Erdk. 1867, II, 105 f.) nur englischen und holländischen Quellen gefolgt ist, denn jene spanischen mönchischen Geschichtsschreiber bringen sehr zuverlässige Nachrichten, die meist von Missionären ihrer Orden stammten, welche lange Jahre in jenen Ländern zugebracht hatten, ja Combés war selbst geraume Zeit in Mindanao thätig. Auch die französischen, englischen und holländischen Quellen weichen sehr voneinander ab. Das eine aber scheint sicherzustellen, dass die heutigen Dattos oder Feudalfürsten Sulu’s von Mindanao, indirect also von Ternate herstammen, einige Dattos stammen auch von Butuan ab, letzteres aber war auch von Ternate her colonisirt und dann die maurische oder Moslimbevölkerung von den Spaniern verjagt worden[31]. Doch schon vor dieser Invasion hatten auf jener Hauptinsel Sulu sich auch Javanen (Bastian V, 275; man vgl. auch Koner 123) gezeigt, auch kamen einmal Einwanderer aus Johore (Bastian, l. c.). Vermischungen mit Dayaks sollen auch Statt gefunden haben (Novara-Reise, Ethnogr. Theil 32), was vielleicht auf eine Vermengung mit Dayaksclavinnen zu deuten ist. Eine Zeit hindurch (vor Magallanes) gehörte die Insel auch zum Reiche Bandjermassing von Borneo und erhielt von dort auch Zuzug (Koner 122). Übrigens dürften die heutigen Sulus und Mindanaos physisch sich gar nicht von den Visayern unterscheiden, denn seit Jahrhunderten haben sie Tausende von Visayern von ihren Raubzügen aus den Philippinen heimgebracht, welche bei ihnen, man kann es ruhig sagen, zu 95% blieben und mit ihnen zu einem Volke verschmolzen. In Sulu selbst dürfte auch eine verhältnissmässig nicht unbeträchtliche und historisch nachweisbare Vermischung mit Chinesen Statt gefunden haben, indem diese seit dem XVII. Jahrhundert sich in der Hauptstadt zu einer fluctuirenden, nur aus Männern bestehenden Handelscolonie niederliessen, deren Mitglieder gewiss ebensogut mit eingeborenen Weibern Kinder zeugten, wie in den spanischen Philippinen. Die anderen fremdartigen Beimengungen sind gar nicht der Rede werth, die Zahl der arabischen Prediger und der spanischen, mejicanischen und peruanischen Renegaten des XVI., XVII. und XVIII. Jahrhunderts war eine zu geringe, als dass sie einen Einfluss auf die Rassenbildung hätte äussern können.
Was ihr Äusseres anbelangt, so sind sie von mittlerer Körpergrösse mit normalem Brustkorbe und schlanker Taille; der Kopf ist rund und klein, die Augen sind von dunkler Farbe und horizontal und weit gespalten, die Lippen sind schmal, die Nase ist stumpf geformt, die Hautfarbe ist gelblichfahl; die Kopfhaare—welche von den Männern meist rasirt werden—weisen eine tiefschwarze Farbe auf und sind rauh anzufühlen, die Augenbrauen sind spärlich, dasselbe gilt vom Barte, der oft gänzlich fehlt; bemerkenswerth ist noch die Sitte, die Zähne schwarz zu färben, auch fällt auf, dass die Beine meist säbelförmig auswärts gebogen sind (Garín 126).
Alle diese mohammedanischen Piratenstämme, diese „Moros” der Spanier, haben ausser der Religion ein gemeinsames charakteristisches Merkmal, das sie scharf von den übrigen Malaienstämmen der Philippinen scheidet, und das ist die Feudalverfassung. Nur an der Bai von Manila fanden die Spanier Legazpi’s ähnliche Verhältnisse, doch hier war eben bereits fremder, speciell borneanischer Einfluss im Spiele.
Was zunächst die Feudalverfassung anbelangt, so zerfallen alle die ehemaligen und zum Theile noch existirenden Sultanate von Sulu, Mindanao, Buhayen, Butig, Sibugney &c. in eine grosse Anzahl von kleinen Lehensfürstenthümern, deren Chefs den uns schon bekannten Namen Datto führen. Selten herrscht ein Datto über mehr als ein Dorf, und beständig fanden neue Gründungen von solchen Datto-Herrschaften Statt und zwar in der Weise, dass ein Datto- oder Sultans-Sohn mit einigen Sclaven auf einen Piratenzug auslief und mit den geraubten Sclaven eine neue Niederlassung in einer noch unbewohnten Gegend oder Insel gründete, welche durch neue Sclavenjagden immer neuen Zuwachs erhielt. Die Dattos sind die eigentlichen Herren gewesen, neben denen der Sultan nur die Rolle des primus inter pares spielte, ohne deren Einwilligung er auch nicht den geringsten politischen Act vornehmen durfte. Combés, Dampier, Forrest, Sprengel, Deguignes, Renouard de St.-Croix, Koner, Barrantes und Pazos haben darüber manches interessante Detail veröffentlicht, von welchem ich hier das Interessanteste und Wichtigste hervorheben will, wobei ich mich nur auf die Verhältnisse im Sultanate Sulu und dem von Mindanao (jetzt der spanische District Cotta-bató) beschränke.
In beiden Ländern war das Sultanat erblich, doch gab es keine geregelte Thronfolge, sondern der Sultan besass das Recht, sich seinen Nachfolger aus seinen nächsten Nachkommen und Verwandten zu erwählen, doch übten die Dattos dabei ein Anerkennungsrecht aus. In Mindanao giebt es folgende Adelsstufen: Tuam, so viel wie Herr, Junker; Orancaya so viel wie Magnat und Cachil gleich Prinz von königlichem Geblüte. Auf Sulu ist diese Hierarchie eine viel verwickeltere, der Sultan geniesst mehrere Titulaturen und zwar immer Maulana, so viel als Majestät; ist er der Enkel eines Sultans, so führt er noch den Titel Paduca, ist er der Sohn eines solchen, so fügt er noch den Titel Majarasin, d. h. der Reine und Erhabene, hinzu. Der Thronfolger in Sulu heisst Rajá-Muda. Einzelne Dattos bilden eine Art Ministercollegium: der Grossvezier (Datto Interino der Spanier), der Generalissimus der Landtruppen und Kriegsminister (Datto Realao), der Oberstlandrichter (Datto Mitsainguir). Wird ein grosser Kriegszug unternommen, so tritt an die Spitze der Streitkräfte der Pauliman, Orancaya oder Salicaya, je nachdem zu Lande oder zu Wasser, oder zu Wasser und zu Lande der Krieg geführt werden soll. Jeder Datto hat einen Grossvezier, der Monabe genannt wird.
Der Sultan versammelt in allen wichtigen Angelegenheiten die Dattos um sich, um ihre Einwilligung einzuholen. Auf allen Vertragsurkunden müssen die Unterschriften der Dattos neben die des Sultans gesetzt werden, sonst wäre der Vertrag ungültig.
Da die Macht und das Ansehen der Dattos vornämlich nur auf der Zahl der Sclaven beruhte, so suchten sich die Mindanaos und Sulus durch grossartige Piratenzüge, welche mitunter sich bis nach Banka und Billiton erstreckten, vorzugsweise aber gegen Celebes und die Philippinen gerichtet waren, solche zu verschaffen. Schon vor Ankunft der Spanier stand die Piraterie in schönster Blüthe (Mas I, 28). Geführt von Renegaten überfielen sie mit ihren leichten und seichtgehenden Schiffen die Küstenniederlassungen, verbrannten die Dörfer, vernichteten das auf den Feldern stehende Getreide, hieben die Fruchtbäume um und schleppten die Dorfbewohner in die Sclaverei, lange bevor die tiefgehenden spanischen Kriegsschiffe zur Rettung anlangen konnten. Von je drei Gefangenen erhielt der Datto, der die Expedition ausrüstete, zwei, einer gebührte der Mannschaft. Man kann sich einen Begriff von der Ausdehnung dieser Piratenzüge machen, wenn man erfährt, dass diese Piraten in 30 Jahren 20 000 Gefangene in den Philippinen allein gemacht hatten (Jagor, Reisen 180). Selbst die Einführung von seichtgehenden Dampfkanonenbooten befreite die Philippinen nicht von dieser Plage. „Die leichten, flachen, sehr stark mit Ruderern bemannten Boote (der Piraten) sind so geschwind, dass nur die schnellsten Dampfer ihnen folgen können, diese verrathen sich aber schon aus grosser Ferne an ihrer Rauchsäule, so dass die nur wenige Fuss über das Wasser ragenden und folglich in sehr geringer Ferne unsichtbaren Pancos gewöhnlich vollauf Zeit haben, zu entwischen” (Jagor, Reiseskizzen 86). Auch die wiederholten Expeditionen, mit welchen früher die Spanier diese Piratennester durch Niederbrennen zu vernichten suchten, halfen Nichts, es bemerkte hierüber schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein spanischer Stabsofficier im Kriegsrathe zu Manila: „Sie (die Piraten) verändern die Lage einer Stadt mit derselbigen Leichtigkeit, wie wir den Ankerplatz eines Schiffes, und es liegt ihnen wenig daran, sie zehn Leguas weiter oben oder weiter unten neu zu begründen, denn überall finden sie Berglehnen zum Feldbau, gutes Schiffsbauholz, Nipa-Palmen zum Dachdecken und Mangel-Sümpfe, um sich bei drohender Gefahr zu verbergen” (Fr. Juan XIII, 378). Man vergleiche übrigens über die Schwierigkeit, sie in ihrem eigenen Lande zu bekämpfen, die gute Bemerkung in Pazos, Joló, p. 378. Erst durch die Eroberung Sulu’s und die kostspielige Occupation des Mündungsgebietes des Rio Grande de Mindanao ist die Piraterie einigermaassen, aber nicht gänzlich unterdrückt worden.
Der Islam ist zwar die herrschende Religion, an der seine Bekenner mit fanatischem Eifer hängen, aber die Vorschriften des Korans werden nur oberflächlich erfüllt, der Genuss des Schweinefleisches und spirituöser Getränke ist allgemein. Auf Sulu heisst die höchste geistliche Autorität Sarif (Scherif), dann folgt der Jabdi und endlich die Panditás. Die Polygamie gestattet natürlich der Islam, gewöhnlich aber begnügt sich auch der Vornehme mit einem Weibe, Koner will hierin den Einfluss der gefangenen Christinnen bemerken. Bei diesen Piratenstämmen ist der Knechtsdienst, den der Bräutigam seinem Schwiegervater in spe bei den Tagalen und Visayern zu leisten hat, nicht gebräuchlich. Der Bräutigam kauft die Frau von ihrem Vater für Schiffe, Kanonen, Feuerwaffen, Munition &c.; ist der Schwiegervater ein nobler Mann, so giebt er seiner Tochter eine aus ähnlichen Dingen bestehende Mitgift. Am Vorabende der Hochzeit führt der Pandit die Brautleute jedes in ein besonderes Häuschen, wo sie sich beide festlich schmücken. Am anderen Tage geleitet der Pandit unter Trommelwirbel den Bräutigam in das Häuschen seiner Braut, welche unter Zeugen, besonders Flaggen, verborgen liegt. Der Pandit wiederholt drei Mal die Frage, ob der Bräutigam jenes Weib zu ehelichen wünsche, welches unter dieser Hülle sich befände. Kaum hat der Bräutigam diess bejaht, so springt die Braut aus ihrem Verstecke hervor und läuft davon, verfolgt von dem Bräutigam und den Gästen. Hat der Bräutigam oder vielmehr Gatte sein Weibchen eingeholt, so zieht er sich auf ein einsames Plätzchen zurück, um sofort das matrimonium zu einem consumatum zu machen. Diese Ceremonie ist nur beim Einholen der legitimen Frau—„Dayana” genannt—üblich. Die Sittenlosigkeit ist bei der affenartigen Geilheit dieser Piraten zügellos, und die Zustände, wie sie Dampier in Mindanao fand, sind auch bis heute sich gleichgeblieben. Das Abtreiben der Leibesfrucht findet sehr häufig Statt (Garín 176).
Bei schweren Erkrankungen[32] suchen die Panditen durch Recitiren von Koransuren und Gebeten den Patienten zu heilen. Stirbt ein Vornehmer, so werden Kanonenschüsse abgefeuert und vor dem Hause desselben Trommeln geschlagen und mit verschiedenen Musikinstrumenten ein höllisches Concert angestimmt. Der Todte wird, nachdem der Priester ihn gewaschen, in ein weisses Kleid gehüllt und angethan mit seinem Kris in einer Kiste unter grossem Spectakel begraben. Die Hinterbliebenen tragen zum Zeichen der Trauer einen weissen Turban und verbringen acht Tage mit Wehklagen auf dem Grabe des Dahingeschiedenen. Die Panditen beten noch länger, bis zu 40 Tagen, und werden dann von den Hinterbliebenen reichlich beschenkt.
Der Ackerbau obliegt den Sclaven (Sácopes) und umfasst Reis, Mais, Camote und verschiedene Gemüse, auch Cacao wird gepflanzt, Cocoswälder bilden aber den Hauptreichthum. Der Viehstand weist Pferde, Rinder, Büffel, Ziegen, Hühner und Tauben auf.
Die Bauart der Hütten unterscheidet sich nicht von der der Tagalen und Visayer, nur werden dieselben mit Vorliebe direct über dem Wasser erbaut. Bambusstege führen von einem Hause zum andern, so dass durch Wegziehen derselben jedes Haus isolirt im Wasser dasteht. Am Lande pflegen sie feste Forts aus Palissadenzäunen, welche durch Korallenblöcke vor Kanonenkugeln gesichert sind, zu errichten.
Die Tracht besteht aus Jacke, weiten Hosen, einem Turban oder einer fezähnlichen, aber aus leichterem Stoffe verfertigten Mütze. Auch die Weiber tragen, wenigstens auf Sulu, Hosen (Garín 124), auf Mindanao aber auch Röcke. Die Dattos führen schön bemalte Schilde mit sich, als Waffen dienen Feuergewehr, Bogen und Pfeil, Lanze, Kris und ein gegen das Ende zu breiter werdendes krummes Schwert. Seltener sind Panzer aus eisernen Maschenhemden, oder aus zusammengefügten Muschelschalen oder Büffelhaut verfertigt, manche schützen den Körper durch den Cambut, einen dicken Gürtel aus grober Baumwolle, der mehrmals um den Leib herumgeschlungen wird. Die meisten begnügen sich mit dem Schutze, den ihnen ihre Schilde gewähren, welche aus hartem Holz, das mitunter noch mit Büffelleder überzogen ist, in zweierlei Grössen verfertigt werden; die runden Schilde decken nur den halben, die eckigen den ganzen Körper, letztere werden auch an den Bordwänden der Schiffe aufgerichtet, um als Brustwehr zu dienen. Die Landbefestigungen und Schiffe sind mit zahlreichem (meist geraubtem) Geschütz des verschiedenartigsten Calibers versehen, doch wissen die Piraten sie nicht gut zu bedienen.
Ohne Compass schwärmen sie mit ihren leichten Schiffen bis nach Singapore hin. Ihre Fahrzeuge zeichnen sich alle durch besondere Schnelligkeit und geringen Tiefgang aus, einen Kiel besitzen nur die Panco, Guban und Garay genannten Schiffsgattungen. Der Panco hat die Form und den Tonnengehalt einer flachen Küstenbrigantine und hat, wie alle Schiffe dieser Piratenstämme, keinen einzigen Nagel oder Eisenbestandtheil aufzuweisen. Die übrigen Boote, Salisipans, Barotos, Lancans, Vintas, Dalamas, sind nur aus einem ausgehöhlten Baumstamm verfertigt und mit Ausliegern—„Batangas”—versehen. Alle Schiffe sind auf Fortbewegung durch Ruder eingerichtet, letztere—Gayong genannt—haben die Form der Ruder europäischer Galeeren. Das Steuerruder ist bei den grösseren Schiffen mitunter in derselben Weise und Form angebracht, als diess bei europäischen Schiffen der Fall ist, meistentheils sind es aber blos zwei oder ein Schaufelruder am Buge. Die Mastbäume sind dreigetheilt in eine Spitze zusammenlaufend, ähnlich den drei Stützen der Malerstaffelei. Die Segel sind stets viereckig und das Segelzeug bunt gefärbt.
Pazos (Joló 7) schliesst seine Beschreibung ihrer Schiffe mit folgenden Worten: „Der leichte Bau ihrer Fahrzeuge ermöglicht bei ihrem geringen Gewichte und seichtem Tiefgang eine schnelle Fahrt; wenn sich die Piraten verfolgt sehen, so segeln sie kaltblütig, weil für sie ohne Gefahr, durch die gefährlichsten Klippenreihen durch, wohin ihnen auch die kleinsten Kanonenboote nicht folgen können, und falls einmal (innerhalb der Klippen oder am Strande) die Seichtigkeit des Wassers die Weiterfahrt unmöglich macht, dann wirft sich die Mannschaft einfach in’s Wasser und schleift das Boot in’s tiefere Wasser oder trägt es selbst auf seinen Schultern dahin, worauf die Bemannung wieder an Bord steigt und ruhig seine Fahrt fortsetzt, auf diese Weise nur zu oft die Verfolgung, welche unsere Kreuzer anstellen, illusorisch machend”.
Sie sind leidenschaftliche Tabakraucher und Betelkäuer, aber diese Reizmittel genügen ihnen nicht, sie rauchen auch Opium aus langen Rohrpfeifen (Garín 127; Pazos 205). Unter den Betel wird gewöhnlich Opium, ja auch Theriak gemengt (Garín I, 27). Musik und Tanz wird gepflegt, letzterer wird gewöhnlich nur von Mädchen[33], Sclavinnen, zumeist zur Ergötzung der Dattos aufgeführt. Ihnen eigenthümliche Instrumente sind der Agun oder Agon und Culintangang (Ilustr. del Oriente 1877, n. 10, p. 4), der Agun ist nichts Anderes als eine metallene, auf einer Seite offene Kugel, während der Culintangang aus mehreren geschlossenen Metalldecken besteht, welche mit zwei Holzklöppeln geschlagen werden.
Die Industrie reducirt sich auf Schiffsbau, Waffenschmiedekunst und grobe Hauswebewaaren, dagegen ist der Handel blühend. Besonders Sulu ist der Hauptsitz der Trepang- und Perlfischerei, sowie des Handels mit Salangan-Schwalbennestern, Ambra und Schildkrotschalen. Die Chinesen concentriren den Handel ganz in ihre Hände. Der schwungvolle Handel, welchen die Sulus und Mindanaos durch Verkauf der gefangenen Christen in Batavia betrieben, hat bereits im vorigen Jahrhundert aufgehört.
Sie lassen nicht nur Hähne, sondern auch Büffel gegeneinander kämpfen.
[1] Pili, eine Art Canarium.
[2] Scheidnagel (S. 58) sagt treffend: Obwohl man sich sehr viel Mühe gemacht, sie zu dem Lichte des Christenthums heranzuziehen, so hat man doch nach meinem schlichten Verstande sehr wenig für die Pflege der wahren Moral gethan.
[3] Der Patianac scheint überhaupt vor allem Nackten seine Macht zu verlieren. Er ist jener Spukgeist, der den Reisenden vom rechten Wege abbringt und ihn sich verirren lässt. Geschieht diess den Tagalen, so ziehen sie sich nackt aus und strecken die entblössten Genitalien gegen den Wind, worauf der Patianac seine Kraft einbüsst (Mas, l. c.).
[4] Barangay ist der Name einer in der Zeit der Conquista gebräuchlichen Schiffsgattung.
[5] Bei dem Missbrauch der auf den Philippinen mit dem Namen der Igorroten getrieben wird, ist es kein Wunder, wenn man hie und da von „igorrotes de Zambáles” liest, es sind diess eben unsere wilden Zambalen.
[6] Auf den Philippinen ist das Tabaksmonopol eingeführt.
[7] Diess scheint ihr ursprünglicher Name zu sein, denn P. Mozo sagt (Misiones, p. 62): „La primera nacion se llama Igolot, y corrompiendo letras, suelen llamarla Igorrota”. Auch Morga nennt sie „Ygolotes” (Morga-Stanley 284).
[8] Nicht Hirsche wie Bastian (Reisen V, 272) erzählt.
[9] Festlichkeiten rein privater Natur, welche mit ihren religiösen Anschauungen gar Nichts zu thun haben, werden Regnas genannt, wenn sie vom ganzen Dorfe gefeiert werden, sind sie aber nur von einer Familie veranstaltet, so heissen sie Bumaguil. Hier werden keine Asiteras beigezogen (Lillo 30).
[10] Die Pungianen bei Pungian, die Quianganen bei Quiangan und die Silipanen bei Silipan.
[11] Nach Mas, pobl. 27, Rohrstückchen.
[12] Mas, pobl. 5 und 12. Buzeta I, 54. Ilustracion 1860, 152.
[13] Dass sie nicht feige sind, geht daraus hervor, dass Hügel 1834 unter der Garnison Manila’s auch einige Tinguianen bemerkte, wobei er die Notiz macht: „Für die Regimenter werden diese Männer vor allen anderen gesucht”. Heute ist diess nicht der Fall, da die Conscription eingeführt ist.
[14] Diess und das Folgende nach Nr. 22 der Ilustracion 1860.
[15] Aus dessen Namen „Adam” gemacht wurde (von den Mönchen).
[16] Hauptwaffe der Apayaos.
[17] Die Apayaos tragen denselben Lendenschurz wie die Igorroten.
[18] Ausnahmsweise ist der Name dieses Gottes in deutscher Orthographie nach Semper’s Schreibweise wiedergegeben.
[19] Deutsche Orthographie.
[20] In Semper, Erdk. X, 265, wird nur von geraden Linien gesprochen, in den Skizzen, 55, auch von krummen.
[21] Falsche Orthographie: Bicol.
[22] Nach Buzeta I, 205, besitzen die Vicols ein eigenes Feldmaass, den Pisoson, gleich einer viereckigen Fläche von 100 cast. Brazas Länge und 50 Brazas Breite.
[23] Es sind darunter die Piraten gemeint, welche von Sulu und Mindanao aus im XVI., XVII. und XVIII. Jahrhundert die Philippinen brandschatzten und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch mehrere Jahrzehnte sich auf verschiedenen Punkten Mindoro’s festgesetzt hatten.
[24] Man findet oft die falsche Schreibweise Bisayas oder Bisayer, mitunter auf älteren deutschen Karten auch Bissaier.
[25] Wohl zu unterscheiden von der gleichnamigen Insel, welche nördlich von Mindanao liegt und gleichfalls von Visayern bewohnt wird.
[26] Bellaco spanisch: Spitzbube.
[27] Spanisch: Kälberbesitzer.
[28] Spanisch: Etwas, was in einer Sache zwei Mal vorkommt oder enthalten ist.
[29] Dasselbe gilt von dem Namen Mananapes.
[30] Nur indirect benutzt.
[31] Gerade kurz vor der Ankunft der Spanier hatten von Moslims bedrängte Bohol-Visayer ihre Insel verlassen und sich in Dapitan auf Nord-Mindanao festgesetzt.
[32] Die häufigsten Krankheiten sind Syphilis, Elephantiasis, Dysenterie und Fieberkrankheiten. Masern-Epidemien sind nicht sehr häufig, sind aber, sobald sie auftreten, sehr verheerend.
[33] Tänze, welche nur von einem Mädchen getanzt werden, heissen Panjalays; der Kriegstanz führt den Namen: Sayan oder Moro-Moro.