Hebbels letzte Stunde
In dem hohen, altertümlichen Büchersaale stand der Examinator vor seinem Schüler, der, in mittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser Zögling trug ein Gewand von schwarzem Sammet. Nach Schillers Werken mochte sich der Examinator heute nicht erkundigen. Mürrisch zog er ein paar Bände aus der Bibliothek hervor: sie war wenig geordnet. Neben Maria Stuart preßte sich Casanova. Nein! Doch da schimmerten schilfig Hebbels Tagebücher, und der Examinator fragte: „Wo stehen die Sätze reiner, lichter Prosa über Hebbels letzte Stunde?“ Der Examinand hatte die Antwort parat; behaglich-amtlich nannte er Band und pagina. Und um nähere Auskunft ersucht, gab er Einzelheiten:
„An einem Sommernachmittag hatte das alternde junge Mädchen heimreisen müssen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das Haus lag noch in seinem Garten da, in Liebe und Ruhe. Vormittags war die Luft heiß gewesen, und der Garten hatte viel Sonne getrunken. Es wuchs darin eine einzige Art von Pflanzen: Sträucher mit flachen Riesenblättern, die waren wie die Blätter der Wasserrosen. Jetzt war es grau und schwül geworden, nur linder in den steinernen Gängen des Hauses. Nun trat auch Christian Friedrich H. Hebbel in den Steingang (vielleicht war die Türglocke erklungen) und legte seinen Reisesack an der Haustür nieder. Er warf einen Blick in die grüne Wirrnis draußen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Blätter leuchteten noch von dem Licht das sie eingefangen hatten, einige matt, andere hielten dicke Glühballen Leuchtens umwachsen. Da ließ sich Hebbel nieder zum Gebet: „Ich danke dir für diese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken!“ Aus dem grauen Garten kam Kühle. Wollte ein gelber Blitz es tun? Hebbel empfand keine
Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war (und der von allem viel später erfuhr) dachte leise an ein bißchen Angst. Drei Tage lang ging Friedrich Hebbel in den grünen Gängen umher. Er erlebte seine letzte Stunde — Stunden gläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel und Esther in diesem Haus, ohne um einander zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges lag ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letzten Stunde. Obgleich es offen stand, hat Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie betreten. Esther dagegen scheint in diesem Zimmer gewesen zu sein: von einer Frau verspürte es weniger Dérangement. Die Früchte die im Zimmer waren hat auch Esther nicht berührt.
Dann verließen beide das Haus, in dem sie neben einander gebetet hatten. Die Umstände wie sie später zusammentrafen sind fraglich geblieben. Sicher ist nur das eine: daß die fremde Dame, die in rotgeblümtem Kleide erschien, mit Frau Christine Hebbel auf eine passende Art bekannt gemacht wurde. Die Fremde sah sich mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage erforderte . . . Hebbel, sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte die Sätze über seine letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich schließlich auf seiner Netzhaut. Dort glaubte er sie sicher —: allzu sicher. Denn als man sie nach seinem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt und wiesen die Unklarheiten auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebücher wiedergegeben sind. Übrigens stand Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner linken Netzhaut und das Esthers auf der rechten. Er selbst soll noch geäußert haben, dies sei ein Beweis für die unbeteiligte Seherkraft des Dichters. Das ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration des: „media vita in morte sumus“. Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach seiner
letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen — einem Fluche gegen jene die in der Gartenhausaffäre irgendwie Leid, Pathetik oder aufdringliche Stilistik finden würden.“
Der Examinator mußte diese Antwort in vollem Umfange gelten lassen. Und längst sitzt der Zögling auf einem Lehrstuhl für visionäre Literaturgeschichte.