Morgen-Arbeit
„Es ist die ewig selbe Qual!“ —
Und wär sie das noch tausendmal!
„Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet!“ . . .
Ich wacht’ in pudrigem Artistenzimmer auf — —
Und nahm, der Geistestötung neuster Technik schon verpflichtet,
den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf.
. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen,
ein mattgetönter Zug freundlicher Erscheinungen.
Niederländische Kinder auf der Landstraße, in Holzschuhen,
Windmühlen ferne,
diskret angeboten,
alles in zwei Dimensionen.
(Nur flächig sei hinfort geträumt,
die Leinwand mildem Spuk gesäumt,
des Raumes Alp hinweggeräumt!)
Dann kam der kinematographische Traum in einen Park. Auf zarten Wegen lustwandelten manche Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: die schlankeren Frauen seien am höchsten notiert; er selbst habe es nie begriffen; und er sage es nur für den Fall eintretender Rechtsstreitigkeiten. Ich dankte höflich, bereits unterrichtet. Mittels einer Geste fügte jener Herr bei: „Übrigens bin ich ohne Frauen ausgekommen.“ Ich lächelte beipflichtend. Gleich darauf wischte ich eine Dame weg, die etwas zu bläulich ausgehöhlt war, und die ich aus früheren, noch stereometrischen Träumen wiedererkannte.
— — — Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee, halb-hübsches Getrief.
Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches.
Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit.
Man ist leicht geätzt, eindrucksbereit.
Junge Mädchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen.
Ein einzig Wort pack’ eines Fräuleins Sein!
Ich schon’ mich nicht, ich setze Scharfsinn ein;
erschlürfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode.
Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode.
Wichtig ist der Augenblick, während dessen, von der Eisenstufe empor, das Mädchen, neunzehn — viel ernsthaftes Gesicht —, sich zur Plattform aufhebt.
Der Ritus der zurückgekämmten Haare erhellt den Kurfürstendamm mit den überreinen Stirnen perfekt losgesprochener Sünderinnen, mit luxuriösen Triumphen über weggebeizte Heimlichkeiten, und einer Duft-Cascade sensationell wiederhergestellter Unschuld.
Der Nord-Geist schlich in einen Süden:
„Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!“
Er ward nicht müd, sie zu entmüden,
von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen.
Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt vor der Unternehmung; die Kurve dieses verderblichen Wechselfiebers von Geist und von Sinnen. Man wird diese tragische Maskerade bannen, auf daß sie vorbildlich werde und erhaben-programmatisch.
Rebellion stürzt in „Ungesetzliches“. Aber der Ausschweifung entsteigt, höhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa der Morgendämmerung, pedantisch und unanfechtbar, ein Rückruf in die Pflicht . . . zur Formung eben dieses Fluchtversuchs.
Man hat gebummelt. Man wird darüber schreiben. In Kaethes, der Artistin, pudriger Räuberhöhle lauerte eine Sentenz über den Fleiß. —