Von dem Unterricht der Jugend.
In der ersten Zeit unsres Lebens, wo wir anfangen unsre Existenz zu fühlen; wo uns die Natur ganz empfänglich für Freude und Vergnügen macht, wo unser größtes Unglück durch eine Thräne weggewischt wird; da müssen wir auf das Verzicht leisten, was eigentlich die Natur so tief in alle junge Thiere legt, nämlich — Munterkeit und Fröhlichkeit.
Unsre Jugend ist wirklich sehr hart. Da sitzt denn der arme kleine Knabe den lieben langen Tag hingeschmiedet, wie an einer Galeere, beinahe ununterbrochen in einer vorwärts gebeugten Stellung, und jeden Augenblick abhängig von der despotischen Laune seines mürrischen Ludimagisters; da sitzt er, und lernt Zeug, — was er durchaus wieder vergessen muß, wenn er gescheid werden will. —
Wie flach und unangemessen den Verhältnissen der Einzelnen ist der religiöse Unterricht, den wir in der Jugend bekommen! Wie so ganz schränkt sich die Bildung, die wir von dieser Seite in unsern frühern Jahren erhalten, auf das Verständniß und die Annahme einiger dürftigen Demonstrazionen und Erklärungen ein! Man fordert nicht, wie es geschehen sollte, unserm Herzen die Religion ab; nein, man übergibt sie unserm Gedächtnisse, welches sie gewöhnlich mit einer nicht viel andern Stimmung aufnimmt, als die Namen der Könige längst verloschener Reiche, und die Jahrzahlen ihrer Regierung.
Aber mit vieler Feierlichkeit bläut man es ihm ein, daß die Römer eine Thüre Janua, und ein Haus Domus nannten —, und das sind denn auch die magischen Künste alle, in die er mit so vieler Aufopferung und so vieler Feierlichkeit eingeweiht wird. Behauptet zuweilen die Natur in dem muntren Jungen ihre Rechte, neckt er einmal seinen Nachbarn, oder lacht er, weil er etwas lächerlich findet; so fühlt er bald Centner schwer den Scepter seines finstern Schulmonarchen. — Schon früh schärft man es den Kindern ein, daß laut aus vollem Halse lachen — das Kennzeichen eines rohen, ungeschliffenen Menschen sey. Der Weise (sagt man) lächelt nur; aber wehe den Gelehrten, wie unendlich theuer erkaufen sie ihr bischen Weisheit, wenn ihnen der Becher der Freude, der doch ohnedies für uns sehr sparsam gefüllt ist, so gemischt wird, daß ihr Herz auch die wenigen zu fühlen, nicht mehr empfänglich genug ist. Dann hat wirklich Rousseau nicht ganz Unrecht, daß er den Menschenfreund am Oronokostrom lobt, der zuerst die Bretter erfunden hat, zwischen denen man den Kindern den Kopf lang, und flach klemmt, und sie dadurch vor dem gefährlichen Wachsthum des Geistes verwahrt. Gerade dann, wenn die Natur will, daß das Kind nichts als scherzen und springen soll, zwingt man es zum peinlichsten Ernste, und verhindert so seine physische Ausbildung, und daher auch seine moralische für die ganze Zukunft.
Ohne es zu übertreiben, was hat das Kind denn wohl gelernt, wenn es 11, 12 Jahre alt ist? Außer Lesen und Schreiben (und das zwar meistens noch elend genug) hat es ein Stück Katechismus — im Kopfe, und nicht im Herzen. Sachen, die man ihm später ganz bequem in einem viertel Jahre beibringen kann, darüber sitzt es vielleicht sechs, acht Jahre in der schrecklichsten Sklaverei zum offenbaren Nachtheil seiner Laune und Gesundheit. Bei den Thieren weiß es der Mensch, daß er sie nicht zu frühe anspannen darf. Er läßt das Pferd nicht eher reiten, den Esel nicht eher tragen, bis sein Körper die gehörige Stärke hat; aber sein Sohn, der soll schon mit 4–5 Jahren ein Gelehrter seyn.
Wahre Papageienarbeit! So werden sie auch gerade abgerichtet. Wie kann der denken, dessen Denkmaschine noch nicht in Ordnung ist? Das Denken, wenn das Kind dazu gezwungen wird, thut seinem Gehirne den Dienst, den der Sack dem jungen Esel thut. Wie kann der Knabe (vorzüglich nach der gewöhnlichen Art zu unterrichten) Mathematik fassen, was faßt er von der Seelenlehre? Ich kenne Schulen, wo man die Kinder von 6 Jahren das lehrt, und ihnen Geographie, Heraldik und Numismatik etc. etc. in den Kauf gibt. — Wohl dem Jünglinge, der keine sogenannte gelehrte Erziehung genoß; der nicht schon in der Jugend, wie ein Mann behandelt, und — denn ein Kind in seinen männlichen Jahren wird; dessen Geist, nicht zu frühe angestrengt, alle die Energie behält, durch die er als Mann wirken kann!
Außer der unmittelbaren schädlichen Wirkung, die das zu frühe Anspannen auf das Gehirn hat, schadet schon dem Kinde das bloße Sitzen sehr am Wachsthum. Seine Brust wird durch das Ueberliegen verengt, und gibt dadurch zu Lungenkrankheiten Anlaß. Der Rückgrad wird verdreht, der Bauch zusammen gezogen, und wirkt daher sehr nachtheilig auf den Magen, und die übrigen Verdauungswerkzeuge. Erwachsene, die bei dem gänzlichen Mangel der Leibesübung immer lesen und schreiben, verlieren die Eßlust, haben Blähungen, bald Verstopfung, bald Bauchflüsse und mannichfaltige sogenannte Nervenzufälle; sie verlieren den Schlaf, und die Empfänglichkeit für das Vergnügen, sinken in tausend nagende Leidenschaften, und endlich überfällt sie die gefährlichste Feindinn des Lebens — die Schwermuth. Wie vielmehr muß das der Fall bei Kindern seyn, deren thierische Oekonomie schlechterdings stete Bewegung erfordert! Dazu kömmt noch, daß Arbeiten des Geistes vollends denn ermattend werden, wenn man sich ihnen (wie es der Fall in diesem Alter ist) mit Mißvergnügen unterzieht; Kinder, die natürlicher erzogen werden — sind daher im Gegentheil so gesund, so schön, und so glücklich[108]. —
Aber was soll man mit den Kindern in dem Alter machen, wo man sie gewöhnlich in die Schule schickt? Man soll sie unter Aufsicht herumspringen lassen, ihre Munterkeit und ihren fröhlichen Sinn nicht unterdrücken, und so ihrem Körper und ihrer Seele Zeit lassen, sich zu bilden[109]. Die Eltern schicken oft ihre Kinder frühe in die Schule, um sie aus dem Hause in Sicherheit zu wissen, bloß der Gemächlichkeit wegen; aber um den Eltern die Aufsicht über ihre Kinder zu erleichtern, sollen sie nicht eingesperrt werden; das kann und darf der Staat nicht erlauben.
Vor dem siebenten Jahre soll kein Kind in die Schule gehen[110]. Es soll bis dahin der Bewegung in freier Luft, dieser wesentlichen Bedingung zu seinem Wachsthum und seiner Gesundheit nicht beraubt seyn. Es soll dadurch stärker und gesünder, und daher auch empfänglicher für jeden wissenschaftlichen Eindruck werden. — Wenn es sieben Jahre alt ist; denn kann es anfangen auf eine spielende Art, die seinem Ideengange und seinen Geisteskräften angemessen ist, sich zu bilden. — Nie soll es über zwei Stunden des Tags in der Schule seyn. Sehr zweckmäßig würde es seyn, wenn man immer nur zur selbigen Stunde Kinder von den nämlichen Fähigkeiten und Kenntnissen vornähme. Man kann sie denn alle zu gleicher Zeit beschäftigen. Die Kinder haben denn nicht lange Weile, und ihre Aufmerksamkeit ist immer rege; bei der gewöhnlichen Art des Unterrichts wird ein Kind nach dem andern vorgenommen, und also doch bei dem langen Aufenthalt in der Schule nur eine viertel Stunde unterrichtet.
Der größte oder vielmehr der wahre Theil des Unterrichts soll ihnen eigentlich auf Spaziergängen und im gesellschaftlichen Umgange ertheilt werden. Der Lehrer soll ihnen da von allen Zweigen der Naturkunde historische Kenntnisse beibringen: sie werden denn eben so aufmerksam wie bei den Mährchen seyn, die sie so hungrig verschlingen; weil man ihre Neugierde mit nichts vernünftigem zu stillen sucht. — Man mache sie aufmerksam auf den gestirnten Himmel, auf die Meteore, auf die organische, und sogenannte unorganische Schöpfung, und man hat denn wahrlich mehr gethan, als wenn man die ganze Schule hätte Fracturschreiben und den ganzen Katechismus memoriren gelehrt. — Kopf und Herz ist denn in gleichem Grade bereichert worden. —
Alles Studium der Natur, wenn es der Würde unsres Geistes gemäß, und nicht zur Prahlerey (um allenfalls in einer Gesellschaft den Namen von bunten Thieren und Steinen hersagen zu können) getrieben wird, führt ja unvermerkt zum großen moralischen Zweck. Der Geist wird dabei unwillkührlich zu Vergleichungen hingerissen, und wer weiß nicht, wie sehr wichtig bei reiferm Alter diese Vergleichungen unsres Selbst und unsres Wirkungskreises mit den Begebenheiten in der Natur, die sich ohne unser Zuthun ereignen, für unsre Ruhe sind? Daraus wird für das Kind in der Folge einst ein eigener, nie versiegender Quell von Muth im Leiden, und von Trost im Tode, den ihm kein Glaubensstifter gegeben hat, und also auch kein Stifter von Unglauben nehmen kann.
Das Studium der Natur gewährt uns auch das reinste und edelste Vergnügen, ist die Mutter aller wahren Aufklärung, und der objektive Zweck, für den uns der Schöpfer mit Sinnen und Vernunft begabt hat. — O daß man es doch allgemein beherzigte, und dem öffentlichen Volks- und Kinderunterricht diese edle Richtung gäbe. Wie viel Unnützes, Unverständliches lernen unsre Kinder! Wie viel Zeit verschwendet man mit fremden Sprachen, die für Kinder nichts als Flitterstaat sind. — Natur und Muttersprache sey fast das einzige, was Kinder studieren sollen. Aber leider will mans noch nicht wissen, daß mit der Kultur der Sprache, und der Bekanntschaft mit der Sinnenwelt — die Vernunft selbst kultivirt wird, und der Geist des Menschen seine Bildung erhält.
Denn aber, um dies zu bewerkstelligen, müssen freilich die Schulmeister andere Leute seyn, als sie noch in manchen Gegenden jetzt sind. Unter ihnen muß es keine mehr geben, die wie jetzt die Namen: Campe, Salzmann, Villaume, Vogel, Basedow, Gutsmuths u.a. nicht einmal kennen, vielweniger ihre Verdienste.
Das Schulgebäude für die Kinder soll hoch, luftig und gesund seyn. Sie müssen nicht gegen das Licht sitzen, um nicht schielend zu werden; sie sollen auch keine Mäntel tragen, die in den meisten katholischen Provinzen Teutschlands noch immer Mode sind, die sie in der brennendsten Hitze (man sollte kaum glauben, daß man den Unsinn so weit treiben könnte) während der Schule den ganzen Tag umhangen müssen: der Mantel hat noch dabei den Nachtheil, daß man (was bei Kindern wichtig ist) nicht sehen kann, was darunter vorgeht.
Das große Versehen, das so oft, um den Geist des Fleißes bei Kindern zu wecken, begangen wird, besteht in der zu häufigen Anwendung gewaltsamer Maßregeln, wodurch man ihnen gleich zu Anfange Widerwillen beibringt. Mit Gewalt richtet man nichts aus. Geschickliches Benehmen, nicht Gewalt muß bei solchen Gelegenheiten angewandt werden.
Der Widerwille gegen Einschränkung, und die hartnäckige Beharrlichkeit, die Rechte einer gewissen persönlichen Unabhängigkeit zu behaupten, die den menschlichen Character in allen Verhältnissen des Lebens so stark bezeichnen, müssen mit großer Vorsicht und Geschicklichkeit von denen behandelt werden, die sich dem erhabnen Geschäfte der Erziehung widmen. — Bei der Anstellung von Schullehrer soll man sogar auf die Gesichtszüge und das äußere Wesen derselben Rücksicht nehmen. Beides ist von größerer Erheblichkeit, als sich diejenigen wohl vorstellen mögen, welche die Sache nicht aufmerksam betrachten. Das äußere Ansehen derer, welche bestimmt sind, Andern zu gebieten, ist eine Sache von Wichtigkeit; aber vorzüglich bei Kindern, bei denen man Liebe und Vertrauen erhalten will und soll.
Der Lehrer soll die Kinder unter keiner Bedingung schlagen dürfen; auch in dem Alter, wo man die Nahrung so nöthig hat, keine Fasten auflegen. Ich kenne noch lebende Beispiele, die einen kindischen Scherz mit dem Verluste ihrer Gesundheit auf immer bezahlen mußten. Das Schlagen an die Ohren, als der gelindeste Exekutionsgrad thut oft schon großen Schaden. Mehrere Aerzte haben Beispiele aufgezeichnet, daß Kinder durch die Brutalität ihrer Vorgesetzten die fallende Sucht u. s. w. bekamen. Wohlgerichtetes Ehrgefühl, das die Basis der ganzen Erziehung für den gesellschaftlichen Menschen ohne dies seyn muß, wird, wenn man es zu benutzen weiß, fast hinlänglich zur Belohnung und Strafe Stoff geben.
Die Kinder sollen in der Nachbarschaft der Schule Abtritte finden, und einzeln hingehen können, wenn sie es verlangen. Gesetzt denn auch; ein muthwilliger Knabe läuft einmal unnöthig hinaus: so ist das doch nichts gegen die Möglichkeit, daß man es einem Kinde, welches eines solchen Ortes wirklich bedarf, abschlagen könnte. Man soll die Kinder zur Sauberkeit anhalten, unreinliche Kinder aus der Schule verweisen, und dadurch die Eltern zwingen, auf ihre Reinlichkeit zu wachen. Auch sollen aussätzige, kranke Kinder nicht eher in die Schule gehen dürfen, bis sie geheilt sind. Außer denen, welche bestimmt sind, Gelehrte zu werden, brauchen die Kinder bei einem solchen Unterrichte meistens nicht länger, als höchstens drei Jahre lang die Schule zu besuchen.
Bei oder vielmehr vor einer solchen Bestimmung wäre es durchaus zweckmäßig des vortreflichen Gall’s encephalognomische Untersuchungen practisch anzuwenden, um nicht ferner zum Nachtheile des Staats und der Individuen Kinder zu einem Stande zu führen, zu dem ihnen die Natur die nöthigen Fähigkeiten und Neigungen ganz versagt hat.
Nachtheilige Handwerke, die dem Körper schaden, sollen die Kinder nie eher erlernen, bis sie ausgewachsen sind. Die Polizei sollte darauf sehen, daß kein Vater seinen Sohn Schmied, Schlosser u. s. w. werden lasse, bis er wenigstens sechzehn, oder siebenzehn Jahr alt ist. Die Kinder werden sonst Krüppel, erreichen nie ihr völliges Wachsthum, und werden selten ganz gesund. Aber vor diesem Alter soll man nicht bloß die Beschäftigungen den Kindern untersagen, welche große Anstrengungen erfodern, sondern auch solche, wie Schneider und ähnliche Gewerbe, wobei die Körper unnatürliche Stellungen annehmen müssen, und die Menschen ununterbrochen mit hinüberhangender Brust und zusammengezogenem Unterleibe angeschmiedet sitzen. Der Schade ist sonst zu groß, den dadurch die Gesundheit leidet. Wir sehen es daher dem Handwerker auf der Straße an, was er für ein Geschäft treibt.
Das alles muß nun natürlich um so ärger seyn; je früher das Kind angespornt wird, je schwächer noch seine Glieder, je zarter der Rückgrad und die Brust ist. Und das sollte dem Staate gleichgültig seyn, ob so viele seiner Bürger kränklich, elend werden? — Aus denselben Gründen sollen auch Mädchen nicht vor gänzlicher Ausbildung ihres Körpers zu solchen weiblichen Arbeiten angehalten werden, wobei sie immer sitzen, und in widernatürlichen Richtungen ihres Körpers bleiben müssen.
Gaukelspieler, Seiltänzer und alle diese gefährlichen Künstler, wobei die Kinder selbst noch, als Erwachsene Gefahr laufen, für ein paar Groschen, wo nicht den Hals, doch ihre Glieder zu zerbrechen, sollte man gar nicht dulden. Jeder, der mit so vieler Mühe eine Kunst erlernen will, wie es eine solche erfodert, dem wird es in keiner an seinem Unterhalt fehlen können. — Auch sollen die Knaben in früheren Jahren keine blasende Instrumente lernen. — Ueberhaupt treibt man mit dem Lernen der Musik oft Mißbrauch. Ich bin selbst sehr von ihrer Zauberkraft überzeugt; aber es ist doch ganz ungereimt, Kindern, die man in der Zukunft zu etwas ganz andrem bestimmt, ihre wenige freien Stunden zu nehmen, in denen sie sich für den Zwang, den man ihnen in der Schule anthut, schadlos halten könnten, und sie zu zwingen, nicht selten ein Drittel ihres Lebens mit unsäglicher Anstrengung auf etwas zu verwenden, was ihnen höchstens dazu dienen kann, sich in ihrem künftigen Berufe zuweilen eine müßige Viertelstunde zu vertreiben. Aber bei blasenden Instrumenten ist die Sache noch weit bedeutender. Die meisten erkaufen diese Kunst mit dem Verluste ihrer Gesundheit. Viele werden in früher Jugend schon asthmatisch, schwindsüchtig u. s. w. — Man werfe nur ja nicht ein, daß sie denn in dieser Kunst nicht so stark werden würden; denn was für ein Unglück wäre denn das in einem Lande, wenn die Leute allenfalls ein bischen weniger gut das Horn bliesen, als in dem benachbarten?
Daß die Popanzen und Schreckbilder, die von den Ammen bei den Kindern schon lange eingeführt sind, verbannt werden müssen; das habe ich wohl nicht nöthig zu erinnern. Der Wauwau der alten Griechen, der Knabenfresser der Römer und endlich der Pelznickel unsrer Zeiten sind unter aller Kritik, und da, wo sie nicht Krämpfe und die fallende Sucht machen, wie das sehr oft geschehen ist, jagen sie doch den Kindern unnöthigen Schrecken ein, und thun oft sehr großen moralischen Schaden; denn die Art Schlüsse liegt wohl sehr tief in der Natur des Menschen, daß der Erwachsene, wenn er sich überzeugt, daß seine Lehrer ihm in dem oder jenem Puncte Unwahrheiten sagten, auch das Zutrauen in andren Sachen, die er nicht einsehen kann, verliert; und daraus fließt ja selbst ein großer Schade für Religion und jede Wahrheit. — Man führe sie auch nicht zu Todten. Man glaubt ihnen da Stoff zu gottseligen und erbaulichen Betrachtungen, wozu sie wahrlich gar nicht aufgelegt sind, einzuflößen, und das Resultat ist doch nur Schrecken, Abscheu und Eckel aus Instinct, den die Natur allen Menschen vor Leichen einlegte, weil sie schaden können; und dabei ist auch zuweilen für die Kinder Gefahr der Ansteckung damit verbunden. — Man führe sie vor sieben bis acht Jahren eben so wenig bei starkem Gedränge zu Exekutionen etc. Soll ihnen so etwas Abscheu vor dem Laster machen, in einem Alter, wo man Tugenden und Laster nur, wie Papageien kennt, und wo sie, durch das Gewühl der Menschen noch leicht schaden nehmen können?
Man übe frühe die Sinne der Kinder, diese wachsamen, wohlthätigen Wächter, die uns die Natur zu unsrer Selbsterhaltung gab, die der mehr natürliche Mensch in so hoher Vollkommenheit besitzt. — Wir sind nicht Herr zu jeder Zeit über alle unsre Sinne. Bald kann uns der Geruch, ein andermal der Geschmack, zuweilen das Gesicht, und zuweilen das Gehör nicht helfen. Geschmack und Geruch gelangen durch natürlichere Diät zu ihrer größten Vollkommenheit. Gehör und Gesicht verbessern sich durch zweckmäßige Uebung; letzteres ist vorzüglich unsrer Aufmerksamkeit werth; da die Menschheit offenbar von dieser Seite eine merkliche Abnahme spürt. Die überhandnehmende Kurzsichtigkeit und Augenschwäche in den Städten ist leider! nicht mehr eine läppische Affectation fader Kleinmeister und eitler Mädchen; sie ist nur zu wahr, und hat vorzüglich darin ihren Grund, daß man die Kinder in den ersten Jahren fast immer in den Stuben eingeschlossen hält, wodurch das Auge, das nichts, als nahe Gegenstände sieht, sich auch bloß für die Nähe organisirt, und am Ende ganz das Vermögen verliert, den Focus entfernter Gegenstände gehörig zu formiren. Das beste Mittel, diesem so sichtbar zunehmenden Uebel zu steuren, ist gleich von Anfang frühzeitiger und täglicher Aufenthalt im Freien; dadurch verschafft man den Kindern einen weiten Gesichtskreis, schärft ihre Sehkraft, und legt einen dauerhaften Grund zu guten, weit sehenden Augen; daher haben die Landleute, und vorzüglich Jäger und Schiffer so vorzüglich gute Augen. —
Besonders aber sollten Erzieher darauf sehen, das Gefühl ihrer Zöglinge zu verfeinern; denn das Gefühl ist unsre beständige Wache, die über unsre ganze Oberfläche ausgebreitet ist, die bei der geringsten Gefahr durch Schmerz uns warnet, daß etwas da ist, was unsrem Ich nachtheilig seyn kann. Dies sehen wir vorzüglich an den Menschen, welche ihre Lage, ihr Unglück zwang diesen Sinn zu verfeinern. Die Blinden z. B. können oft Farben unterscheiden bloß durchs Gefühl. Warum denken wir also nicht mit Ernst darauf, diesen Sinn in hohem Grade bei unsren Zöglingen zu üben, da wir alle fast die Hälfte des Lebens blind sind? Wir sind, sagt Rousseau, beim Tage die Führer der Blinden, und bei der Nacht sind sie die unsrigen. Wir können des Nachts, wenn wir in einem dunklen Zimmer sind, durch den leisen Zug der Luft fühlen, ob und wo eine Thüre oder ein Fenster offen ist, wir fühlen auf einem Schiffe bei der Nacht durch den leisen Zug der Luft, welche Richtung es geht, ob es schnell oder langsam fortgetrieben wird. Wir fühlen, ob sich bei der Nacht ein Gegenstand unserm Körper nähert, oder sich von ihm entfernt. Wir können also ohne Hände, ohne Stock bloß durch Uebung viel fühlen, und haben manchen Vortheil durch diesen Sinn denn, wenn die übrigen uns nichts früchten; da wir aber das nicht bei Tage lernen können, weil uns denn unwillkürlich die andren Sinne zu Hilfe kommen, und uns wider unsren Willen zerstreuen; so ist das ein wichtiger Grund, der uns die Nachtspiele der Kinder empfehlen muß. Man gewöhne die Kinder oft unter vernünftiger Aufsicht des Nachts zu spielen; dies hat in vieler Rücksicht manches Gute. Die Ammen mögen freilich vielen Antheil an der Furcht haben, die viele Menschen Nachts so sehr ängstigt. Allein unsre Unbehaglichkeit bei der Nacht kömmt nicht von ihnen allein her. Es ist Instinct; denn die Nacht erschreckt auch Thiere, wie wir vorzüglich bei großen Finsternissen sehr auffallend bemerken können. — Was den Pöbel abergläubisch, und den Tauben mißtrauisch macht, das macht uns bei der Nacht furchtsam, nämlich: das Nichtwissen, was um uns vorgeht. Die Natur gab uns beim Tage die Augen zur Wache; wir können denn in weiter Entfernung schon Körper sehen, die uns schaden können; das ist nicht der Fall im dunkeln; daher verdoppeln jetzt die andern Sinne ihre Aufmerksamkeit. Wir sind immer gespannt, ob etwas rauscht, weil wir gewohnt sind, daß die meisten Körper, ehe sie uns schaden können, mehr oder weniger Geräusch machen. — Aber wir fürchten, daß es Körper gibt, die uns Gefahr bringen können, ohne Lärmen zu machen: daher unsre Aengstlichkeit; daher unsre geschäftige Einbildungskraft. Gewohnheit ist auch hier das Universalmittel. Die Gewohnheit macht, daß es dem Dachdecker auf der Spitze des Thurms nicht mehr schwindelt, daß dem alten Soldaten das Blut kalt bleibet beim Krachen der Kanonen, wobei er als Rekrut zitterte: so ist auch, um uns vor Geistersehen und Gespenster zu schützen, die Gewohnheit in der Nacht zu gehen, das beste Mittel; denn nicht immer sind die abendtheuerlichen schreckbaren Figuren in der Nacht ein Werk der Phantasie[111]. Sie sind sehr oft wirklich in unsren Augen. Wir können im Dunkeln nicht anders von Gegenständen urtheilen, als durch die Größe des Sehewinkels, den der Gegenstand mit unserm Auge macht. Wir können daher nicht alle die Hilfsmittel zur Hand nehmen, die uns durch die Erfahrung am hellen Tage leiten. Wir schließen denn oft, wenn wir zu sehen glauben. Wir sehen daher einen nahen Strauch für einen entfernten Baum an, einen weit wegstehenden Ochsen für einen nahen Hund und umgekehrt. Nur erst denn, wenn uns hier wieder unsre Erfahrung zu Hilfe kommen kann, berichtigen wir unsern Irrthum. Wenn wir an irgend einer Bewegung sehen, daß der Ochs ein Ochs ist; so machen wir unsren Fehler wieder gut. Wir urtheilen denn nicht mehr durch die Größe des Sehewinkels, und wir sehen ihn denn in seiner völligen Größe und Dicke. Gesetzt aber nun, wir sehen einen entfernten Baum für eine menschenähnliche Gestalt an; so muß diese natürlich bei jedem Schritte, mit dem wir uns ihm nähern, wachsen; sie wird denn zur ungeheuren Figur, selbst noch ohne die Einwirkung der Phantasie. Sucht man sich nun nicht durch das Gefühl oder ein sonstiges Hilfsmittel den Irrthum zu benehmen; so hat man wirklich die kolossalische Figur im Auge. Man hat sie gesehen, und nur denn erst wird man seinen Fehler gut machen; wenn man seine gewöhnlichen Hilfsmittel zur Hand genommen hat, wodurch man sieht, daß der Baum ein Baum war. In demselben Augenblicke sind die riesenförmigen Arme, die uns so viel Furcht machten, Aeste geworden; die großen hellen Augen sind vielleicht der durchscheinende Mond u. s. w.
Man lasse also die Kinder oft des Nachts spielen, sie werden denn nicht bloß durch Gewohnheit die natürliche Furcht ablegen, sie werden sich auch andere Hilfsmittel abstrahiren, wodurch sie vor diesem optischen Betrug geschützt werden; die Ammengeschichten werden ihren Zweck ganz verfehlen, und die Kinder sind völlig sicher vor den Folgen, die diese nur zu oft haben, — und wovon selbst Philosophen bei der besten Ueberzeugung zuweilen noch leise Anregungen fühlen[112].