Der Stein des Pietro.
In Quinto bei Genua, dort, wo sich der Weg nach Nervi zu gabelt, lag vor einigen Jahren noch ein mächtiger Quaderstein. Rauh war seine Oberfläche und ein wenig schartig, wie das pockennarbige, mitgenommene Gesicht eines älteren Mannes, der auch sonst vom Leben nicht allzusehr geschont worden war. Die Unbilden der Witterung, sowohl die sengende Glut italienischer Sommer wie die andauernden Regenperioden und die heftigen Stürme des Mittelmeeres, hatte er seit vielen, vielen Jahren über sich ergehen lassen müssen. Dennoch stand er so bieder, so fest und treuherzig da wie am ersten Tage, da ihn ein unbekannter Zufall auf diesen Platz gestellt haben mochte.
Zu welchem Zweck und aus welcher Ursache er hierhergekommen war, danach fragte niemand; genug, er stand nun einmal da, trotzig und unentwegt, und diente bereits seit grauen Zeiten den Wanderern als willkommener Ruheplatz, den Fremden als orientierendes Merkmal, den spielenden Kindern, die lachend auf ihm herumzuklettern pflegten, als freundlich stummer Gefährte.
Vor vier, fünf Jahren etwa kam ein sonnengebräunter, fremder Gesell des Wegs gezogen, einen Basthut im Nacken, einen derben Stock in der Hand, einen abgenutzten Ranzen auf dem Rücken. Er kam von Genua und mußte seiner Kleidung nach von weit her sein.
Düster schaute er aus brennend schwarzen Augen geradeaus. Das magere, braune, fest umrissene Gesicht war von wenigen, aber tiefen Falten durchfurcht, die Zeit und einförmiger Kummer hineingegraben haben mochten. Von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei gruben sich wie vielbenutzte, einsame Fahrstraßen harte Linien und verliefen erst unter dem festen Kinn. Auch die schön gewölbte Stirn zeigte Furchen und Rinnsale, die sich über den beweglichen Augenbrauen in scharfen, bogenförmigen Strichen zeichneten.
Als habe das Leid sich nicht genuggetan in der Ausmeißelung dieser schmerzlichen Züge, hatte es auch noch zwei finstere, tiefe Rinnen von den Augenwinkeln quer über die Wangen gezogen. Ein dunkler Schnurrbart verschleierte einen feinen, träumerischen Mund, über den sich eine starke, hagere Nase buckelte, als erhebe sie energischen Protest gegen alle weicheren Regungen. Es war ein einsames, schwermütiges Gesicht.
Rüstig wanderte der Mann vorwärts und begleitete seinen Schritt mit dem taktmäßigen Aufschlagen seines Stockes.
Seine Gangart war noch jugendlich. Er mochte in der Mitte der vierziger Jahre stehen. Als er den großen Quaderstein von weitem erblickte, leuchtete es hell auf in seinen durchfurchten Zügen.
Rasch ging er auf ihn zu und blieb gedankenvoll vor ihm stehen.
»Hier war es,« murmelte er, »grad vor dreiundzwanzig Jahren … an einem heißen, blauen Tage wie heute.«
Und fast zärtlich strich er mit der gebräunten, feingliederigen Hand über die rauhe Steinfläche.
Dann setzte er sich darauf, warf seinen Ranzen ab und stützte die Ellbogen auf die Knie.
Trübe starrte er die Straße entlang.
»Alles verändert – neue Häuser, neue Menschen, neue Zeiten. Annunziata verheiratet, Emilio und Giovanni hinaus in die Welt … von dem Hause des Vaters auch nicht ein Stein! Ah, sakramento!«
Seine Züge zogen sich in bitterem Gram zusammen.
Alle Furchen wurden tiefer.
Er nickte düster mehrmals vor sich hin.
»Nur dieser Alte hat noch das gleiche Gesicht.«
Regungslos blieb er eine Weile sitzen. Seine hagere Gestalt war in sich zusammengesunken.
Die Kindheitserinnerungen gaukelten ihm lichte, freundliche Bilder vor die Seele.
Drüben an Stelle des fünfstöckigen, kasernenartigen Gebäudes hatte die kleine Osteria seines Vaters gestanden mit weinumranktem Laubengang. Sein freundliches Erbe.
Als kleiner Junge war er dem dicken Vincenzo, der hier täglich seine zwei Liter Chianti einzunehmen pflegte, auf den Schoß geklettert und hatte aus seinem Glase genippt, und der feiste Alte hatte lachend gesagt: »Jetzt bist du bei mir zu Gast, Pietro; aber wenn du groß bist, komm' ich zu dir und trink' meinen Chianti umsonst. Für die alte Kundschaft hätt' ich's verdient, mein' ich.«
Und der kleine Pietro hatte ernsthaft genickt und gesagt: »Aber die Annunziata bringst du dann immer mit, Vincenzo?«
Die kleine Annunziata war des alten Vincenzo Enkelin und sein Augapfel, ein zierliches, elfenhaftes Ding mit großen, frommen grauen Augen.
Um Annunziatas Gunst hatte es mit den Nachbarskindern Emilio und Giovanni in späteren Jahren blutige Schlägereien gegeben. Wenn Pietro mit zerschundener Nase und trotziger Schweigsamkeit von der Straße ins Haus kam, lachte seine Mutter und sprach: »Die Hexe mit den Madonnenaugen hat euch wohl wieder aneinandergehetzt? 's geschieht euch recht, warum seid ihr solche Narren!«
Später, als Pietro beim Marmorarbeiter Lukkoli in die Lehre trat und täglich nach Nervi hineinwanderte, geschah es, daß Annunziata mit ihrem Blumenkorbe dieselbe Straße zog. Aber sie ging stets auf der anderen Straßenseite und sprach kein Wort. Nur unter den langen, seidenen Wimpern warf sie ihm einen Blick von der Seite zu – einen Blick, der sich wie glühendes Eisen in seine Seele brannte. An der Ecke, wo ihre Wege sich trennten, griff sie mitunter in ihren Blumenkorb und warf dem hübschen Gesellen mit koboldartigem Lachen einen Veilchenstrauß zu. Dann war der Tag voll Sonne für Pietro, auch wenn die grauen Wolken trübe niederhingen. Hoffnungen und Wünsche wurden in ihm groß, vor deren Seligkeit er selber erschrak, ja einmal fand er den Mut, Annunziata um eine rote Nelke zu bitten. Sie aber schüttelte lachend ihr schwarzlockiges Haupt, und nun blieben auch die Veilchenspenden aus.
Er hatte gesehen, mit leibhaftigen Augen gesehen, wie sie dem langen Giovanni, der einst dicht hinter ihr herschritt, ein Veilchensträußchen wie unversehens vor die platten Füße fallen ließ. Von nun an haßte er den langen Giovanni wie seinen Todfeind und suchte Händel mit ihm, wo er konnte. Barkenführer war der, und sein Geschäft war, die Fremden ins blaue, schillernde Meer hinauszurudern. Sonst aber lag er stundenlang faul auf dem Rücken und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
Zwei Jahre waren hingegangen und ein Gerücht verbreitete sich, Annunziata wolle den dicken Bäcker Philippo Grimaldi in Genua heiraten. Pietro verlor den Schlaf und ward rauflustiger denn je. Beim Bocciaspiel hörte man sein zorniges, rauhes Lachen, und bei seinem Meister arbeitete er mit einer Vehemenz, die ihm den Spott der übrigen Gesellen und die Achtung des Meisters eintrug. Wenn die anderen laute sozialistische Reden führten, nickte er nur grimmig und ward schweigsamer und trotziger denn je.
Da geschah es an einem strahlenden Morgen, daß Annunziata auf ihrem gewohnten Wege nach Nervi eine rote, glühende Nelke aus ihrem Körbchen zog, quer über die Straße ging und die Blume mit einem leisen Nicken ihres Madonnengesichtchens dem Pietro vor die Füße fallen ließ.
»Komm um die Mittagszeit an den großen Stein,« lispelte sie.
Pietro glaubte seinen Sinnen nicht zu trauen. Versteinert stand er da. Leicht war sie an ihm vorübergeschritten – aber da lag ja die Nelke – er hob sie hastig auf und preßte sie an die Lippen. Er hatte also nicht geträumt, und die Worte vom Stein hatte sie wahrhaftig gesprochen. – Lange vor Mittagszeit fand er sich auf dem Platz ein.
Fiebernd vor Erwartung stand er da. Wenn sie ihn angeführt hätte …! Aber da kam sie mit sittig gesenkten Augenlidern um die Ecke geschritten, leicht wie eine Elfe, schön wie eine Madonna.
Sie warf einen scheuen Blick auf die Nelke in seinem Knopfloch. »Pietro,« sprach sie leise, »der dicke Grimaldi ist mir zuwider. Dir bin ich gut. Sprich du mit dem Großvater …«
Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Träumte er denn nicht?
»Annunziata …« stammelte er, »o Annunziata!«
Er griff nach ihrer Hand, sie drückte seine zitternden Finger leise – dann war sie davongehuscht.
Pietro fühlte den Mut eines Löwen in sich. Und mit dem Ungestüm eines hitzigen Knaben verdarb er sich seine Sache.
Der feiste Vincenzo hörte ihn ruhig lächelnd an und sprach: »So! Ihr junges Volk seid also einig, und nach uns Alten fragt ihr nicht. Nun, wollen sehen, wollen sehen, mein Sohn. Ich gebe keine Versprechungen. Die Zukunft wird's ja zeigen.«
Und was die Zukunft zeigte, das war so entsetzlich gewesen, daß Pietro beschloß, nach Amerika auszuwandern, um nicht vor Wut und Gram zu ersticken und zum Mörder zu werden.
Annunziata wurde zwar nicht mit dem dicken Bäcker Grimaldi versprochen, aber mit dem reichen, hübschen Kaufmann Torresino, und das Schlimmste – sie war ganz glücklich.
»Ich hab' mein Herz nicht gekannt, Pietro – jetzt erst weiß ich, was Liebe ist. Verzeih mir.«
Er verzieh nicht. Mit dem ersten besten Schiff zog er aus nach Amerika, ein ruheloser Mann.
Viele Jahre trieb er die verschiedensten Hantierungen; Straßenarbeiter war er und Steinklopfer, Hausierer, Handlungsreisender und Diener.
Nach zwölf Jahren erfuhr er vom Tode seiner Eltern. Die Osteria war verkauft. Er erbte einige tausend Lire. Nun eröffnete er ein eigenes Kolonialwarengeschäft. Es glückte ihm nicht. Sein Geld sickerte ihm durch die Finger. Wieder stand er mittellos wie einst auf der Straße.
Da nahm sich seiner ein deutscher Maler an. Es war ein echter Künstler mit einem weiten, warmen Herzen. Pietro blieb bei ihm als Diener und sah ihm so viel von seiner Kunst ab, daß er sich selbst darin zu versuchen begann. Der Maler hatte seine Freude daran, und für Pietro erschloß sich ein neues Leben.
Er blieb bei seinem gütigen Herrn, der ihm mehr ein Freund war. Sie durchstreiften auf langen Reisen Amerika, hielten sich in den verschiedensten Städten auf, und der Künstler sprach davon, den treuen Pietro zu seinem Erben zu machen. Ehe er an die Ausführung seines Testaments ging, ereilte ihn der Tod.
Nun war Pietro ganz und gar vereinsamt. Nur das Malgerät seines Freundes und Herrn durfte er sich aneignen. Wieder stand das Leben leer und öde vor ihm wie ein dunkles, fragendes Rätsel.
Da packte ihn die Sehnsucht wieder, in seine Heimat zu ziehen – nach dreiundzwanzig Jahren.
So saß er nun auf seinem Stein, dem einzigen Gegenstande, der im Wechsel der Zeiten der gleiche geblieben war – heimatlos, vereinsamt wie zuvor.
Mit einem schweren Seufzer stand er auf, faßte den Ranzen gleichgültig am Riemen und warf ihn über den Rücken. Suchend schritt er die hohe Häuserreihe entlang. Wäschestücke flatterten melancholisch an Seilen über seinem Haupte. Aus den Fenstern eines weitläufigen Gebäudes schallte wüster Streit.
Behäbig stand der Schenkwirt in Weste und Hemdsärmeln an der Tür einer Osteria und horchte lachend zu den Schimpfreden empor, die wie abgeschossene giftige Pfeile aus zwei getrennten Fenstern desselben Hauses auf die Straße flogen.
Zwei wirre, ungekämmte, von Wut entstellte alte Weiberköpfe bogen sich heraus, jeder an seinem Fenster, und schimpften mit auserlesener Übung und Liebe zur Sache.
Zwischen ihnen lag ein geschlossenes Fenster. Die Sicherheit, daß die Streitenden nicht zueinander gelangen konnten, gab ihren Mienen und ihren Worten eine außerordentlich gesteigerte Ausdrucksfähigkeit.
Pietro schob sich an dem Schenkwirt vorüber in die dunkle Osteria und setzte sich an einen Tisch.
»Einen Salami und ein Viertel Chianti!« befahl er kurz.
Der Schenkwirt brachte das Geforderte und stellte sich neugierig vor ihm auf.
»Ihr seid wohl fremd hier?« begann er.
»So ziemlich.«
»So dacht' ich, denn sonst müßtet Ihr Eure Freude an dem Konzert da oben haben. Das geht nun schon seit fünf Jahren alle Tage so her. Ohne diese lebhafte Begrüßung hätten die alten Hexen keinen Appetit.«
»Worum handelt sich's denn?« fragte Pietro gleichgültig.
»Jeden Tag um etwas anderes. Heute hat die alte Carmela es gewagt, ihr Kamisol auf die Wäscheleine der Barbara zu hängen, und morgen behauptet Barbara, die Carmela hätt' ihren Liebsten, den Michele Punta, der vor dreißig Jahren nach Amerika ausgewandert ist, zu kapern versucht. Die Wahrheit ist, er war ein kluger Mann und ist seiner sanftmütigen Witwe beizeiten ausgerückt. Hätt' ich auch getan, an seiner Stelle. Ah, per bacco!«
Pietro verzog keine Miene. »Ist das Zimmer zwischen den beiden bösen Nachbarinnen zu vermieten?« fragte er.
»Jawohl. Da wird sich so bald keiner finden, der in die Höhle zieht. Zu beiden Seiten die täglichen Explosionen – tausend Dank! Von unten hört sich das ganz erfreulich an, aber so mitten drin – das ist kein Vergnügen!«
»Mir kommt's auf die Billigkeit an – ich bin taub und stumm, wenn ich will.«
So ward die Sache beschlossen und eingerichtet. Noch an demselben Tage bezog Pietro die einfenstrige Kammer zwischen den beiden feindlichen Gewalten.
Es war, wie er gesagt hatte. Er war taub und stumm. Die wütenden Reden der geifernden Weiber prallten ohne jegliche Wirkung an ihm ab und gingen über ihn hinweg wie Wellenschaum über Felsenklippen, selbst wenn er sein Fenster öffnete und gelassen hinausschaute. Seine Gegenwart schien im Gegenteil die Hexen zu ausgesucht tückischen und wortreichen Schmähungen zu entflammen.
Eine Woche hatte der Trödel nun schon gedauert – endlich riß auch Pietro die Geduld. In demselben Moment, da die Alten wieder einmal ihren üblichen Morgengruß austauschten, die zusammengekrallten Finger erhoben und mit fletschenden Zähnen aufeinander losgeiferten – erhob Pietro, der sie bisher niemals beachtet hatte, gebieterisch seinen Zeigefinger, faßte sie nacheinander fest ins Auge und sprach: »Basta! Nun ist's aber genug. Wenn ihr nicht aufhört, werde ich euch das Schweigen schon beibringen.«
Starr vor Staunen fuhren sie einen Augenblick zurück, stürzten aber sofort gleichzeitig wieder hervor, beugten die Oberkörper weit zum Fenster hinaus, und schmetternder und wütender als zuvor erhob sich das ohrenzerreißende Gekeife – nun gegen ihn.
Ruhig blinzelte Pietro sie an, eine nach der anderen, dann stülpte er seinen Hut auf und wanderte an seinen Lieblingsplatz, den großen Stein.
Er zog ein Stück Kohle aus der Tasche und begann mit sicheren, festen Strichen auf der Steinfläche zu zeichnen.
Zwei geöffnete Fenster mit halb aufgeklappten Jalousien – aus jedem beugte sich ein alter Weiberkopf von grotesker Häßlichkeit. Die krummen Hände hielten beide wie Krallen gegeneinandergerichtet. Das dazwischenliegende Fenster war geschlossen.
Neugierig trat ein Vorüberwandernder nach dem anderen an den Stein und blieb stehen. Bald war eine ganze Gruppe versammelt. Ein Lachen ging durch den Kreis.
»Benissimo! Bravo! Die alten Hexen, wie aus der Kanone geschossen! Das leibhaftige Leben!«
Pietro sah sich nicht um. Schweigsam zeichnete er weiter und fügte neue Einzelheiten zu dem Gesamtbilde.
»I say!« klang eine näselnde Stimme. »That's well done!«
Ein Lirestück flog auf den Stein.
Bewundernd stand ein Engländer in kariertem grauen Anzug daneben.
Pietro schaute ihn düster an, dann schob er die Lire gleichmütig in die Tasche.
»Non capisco!« log er, rückte den Hut in den Nacken und trollte sich davon.
»A strange fellow!« murmelte der Brite.
Vergnügt und gestikulierend blieben die Italiener stehen und suchten ihm begreiflich zu machen, um was es sich handle.
»Aoh, I see! A funny chap!«
Damit ging er weiter. Der Stein aber blieb bis zum späten Abend der Sammelpunkt regen Interesses und heiterer Unterhaltung.
Als es zu dämmern begann – sah man die alte Carmela, ein schwarzes Schleiertuch über dem Haupt, sachte zu dem Stein hinschleichen und fünf Minuten später die Barbara.
Für sie war er ein Stein des Anstoßes geworden.
Stumm, gelb und bleich vor Entsetzen und Wut standen sie da, dann ergriff jede einen Rockzipfel und scheuerte keuchend über ihr eigenes Bildnis. Ein lautes Bravorufen schallte ihnen von der anderen Straßenseite entgegen, und flüchtig wie graue Gespenster huschten sie davon, jede in einer anderen Richtung.
Von nun an hatte Pietro seine Ruhe.
Aber zum monatlichen Zahlungstermin des Mietzinses stand ein großer Karren vor der Haustür, drei langgespannte, hochbeinige Maultiere davor, und kunterbunt und einträchtig war das Hausgerät der beiden Feindinnen übereinandergeschichtet. Sie zogen beide friedlich aus, um ihre grausam gestörten Feindseligkeiten in einem anderen Hause einer anderen Straße wieder aufzunehmen. An einem lang andauernden erzwungenen Frieden wären beide erstickt.
Die längste Zeit seines Tages begann Pietro an seinem Stein zuzubringen. Die Erfahrung mit dem Engländer hatte ihm einen praktischen Gedanken eingegeben. Passierte irgend etwas Bemerkenswertes auf der Straße, gab's irgendwo Händel oder eine Schlägerei, oder zogen die Burschen mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen – Pietros Kohlenstift wußte die Gestalten festzuhalten, und mancher Soldo flog als klingender Lohn auf seinen Stein.
Endlich begnügte er sich nicht mehr mit den schwarzen Kohlenzeichnungen. Er brachte bunte Pastellstifte mit hinunter und begann die Osteria seines Vaters hinzuwerfen, wie sie in der Erinnerung an seine Jugendjahre vor ihm stand. Es wurde eine schmerzlich süße Beschäftigung.
Die Unebenheiten der Steinfläche wußte er geschickt auszunutzen, hier nur mit ein paar Lichtern nachzuhelfen, dort den graubräunlichen Grundton stehen zu lassen. Lebendig wuchs das alte, zusammengesunkene Häuschen vor ihm auf, mit den grünen Jalousien, dem lichtdurchstrahlten Weinlaubengang und dem blauen Himmel darüber. Vorn auf der Bank die breite Gestalt des festen Trinkers Vincenzo und vor der Haustür – ein schlankes Weib im roten Rock, seine Mutter. Das Bildchen rief lebhafte Anerkennung hervor.
»Der versteht's« riefen bewundernde Stimmen, und mehrere Soldi rollten klappernd auf den Stein.
Aber es war niemand von den Alten da, die das Haus wiedererkannt hätten, und Pietro empfand seine Einsamkeit mit einem Gemisch von drückender Schwüle und wehmütiger Befreiung.
Sein Stein und er waren die einzigen Wissenden; sein Stein und er hatten sich allein etwas zu sagen.
Und aus der Tiefe seiner Seele quoll der Wunsch in ihm hervor, seinem Stein ein anderes geliebtes Bild aufzuprägen.
In feierlicher Stimmung begann er an einem stillen, heißen Sommertage die Züge Annunziatas in Pastellfarben auf den Stein zu zeichnen.
So wie sie damals vor dreiundzwanzig Jahren vor ihm gestanden, lieblich, berückend, mit grauen Madonnenaugen in dem schelmischen Elfengesicht.
Er gönnte seiner Seele diesen Feiertag. Wer wußte hier noch von ihr und ihm?
Es wurde kein Meisterwerk, aber sein Meisterwerk war's immerhin. Nie hatte er Besseres geschaffen. Sein Herz, sein Blut und seine Trauer hatten mitgemalt, und lebendig leuchtete ihm die Annunziata seiner Liebe aus der graubraunen Fläche des Steins entgegen.
Wie immer sammelten sich die Müßigen um den wunderlichen Gesellen.
Die freudige Neugierde, der zufriedene Stolz auf den Künstler und Landsmann machten sich in lauten Beifallsworten Luft.
Der einsame Pietro, er, in dessen verschlossene Seele kein anderer hineingeschaut hatte, er gehörte zu ihnen. Ihnen gehörte dieser Sonderling, den sie nicht begriffen, dieser weltfremde Schweiger, so wie ihnen das stumme Vorgebirge Portofino gehörte, das blaue Meer und die stachligen Agaven. Ein Gewächs ihres schönen Landes war er wie sie. Wer fragte danach, warum das Meer so blau, warum Portofino so schön, warum die Agavenblätter so spitz und drohend aussahen wie Schwerter? Es war so, und daher nahm man die Dinge so, wie sie waren, die Dinge und die Menschen. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und einer Note von überlegenem, gutmütigem Spott.
Pietro Ferrari war der Ihre. Er war viele Jahre außer Landes gewesen. Er war in der Fremde geworden – was kümmerte das sie? Ob seine engere Heimat Genua gewesen oder Florenz – danach fragten sie nicht. Genug, er war Italiener.
Nun aber trat ein Genuese an den Stein heran und betrachtete das Bildnis lange.
»Per bacco!« sagte er, »das ist ja die schöne Signorina Maria Torresino, wie sie leibt und lebt! Die soll ja nächstens Hochzeit machen mit dem reichen Seidenfabrikanten Andrea Parrini aus Bergamo.«
Er warf ein blankes Zwanzigcentesimistück auf den Stein.
Pietro zuckte zusammen, aber er würdigte ihn keiner Antwort.
»Der, der den Pietro zum Reden bringt, wenn er nicht will, der muß noch erst geboren werden!« höhnte ein brauner, schmucker Bursche in Hemdsärmeln. »Das ist ein Schweiger aus eigenen Gnaden und ein Künstler dazu! Jeder Mann hat eben sein Vergnügen!«
Zu aller Erstaunen wendete Pietro sich um.
»Wo soll die Hochzeit sein und wann?« fragte er kurz.
Die Frage kam so unerwartet, daß alle ihn verblüfft anstarrten.
»Nun, übermorgen, im Lorenzodome. Halb Genua spricht ja davon. Hoch soll's hergehen dabei. Wie schön die Braut ist, davon redet ja sogar Euer Stein! Das brauche ich Euch nicht erst zu sagen.«
Schweigsam packte Pietro seine Pastellstifte zusammen. Dann fuhr er mit dem Ärmel gleichmütig über das blühende Antlitz, und in eine unkenntliche, farbenreiche Masse aufgelöst, starrte ihm sein zerstörtes Werk entgegen. Er wandte sich zum Gehen.
Ein einziger Laut des Bedauerns ging durch die Reihen.
Pfiffig zwinkerte der Genuese mit den Augen.
»Solche Künstlergrillen haben ihre Geschichte,« flüsterte er. »Ich wette, euer seltsamer Maler hat sein Herz an die schöne Maria Torresino verloren!«
»Dann muß er ein Genuese sein!«
»Nein, er stammt hier aus Quinto. Das weiß ich von dem alten Eisenwarenhändler Philippo – der will ihn sogar erkannt haben.«
»Wie, der alte Maulwurf mit seinen triefenden, halb blinden Augen?«
»Vor dreiundzwanzig Jahren soll der Pietro ein schöner Bursch gewesen sein!«
»Dreiundzwanzig Jahre! Das ist eine lange Zeit!«
»Nun freilich. Aber einen Maler Pietro Ferrari hat's damals hier nicht gegeben.«
»Wenn Euch die Sache keine Ruhe läßt, so geht doch selber zu ihm hin und fragt ihn.«
So schwirrten die Reden und Gegenreden durcheinander. Pietro war schon längst in seiner Stube und starrte trübsinnig vor sich hin. Was gingen ihn all die schwatzenden Leute an? Er sehnte sich nach seinem Stein und dem verlorenen Bildnis seiner Annunziata.
Maria Torresino – das also war ihre Tochter.
Er mußte sie sehen. Er mußte.
In aller Frühe, noch ehe der glühende Sonnenball über das Vorgebirge Portofino hervorschaute, wanderte er am nächsten Morgen nach Genua.
Zwecklos trieb er sich in den lärmenden Straßen umher. Aber am folgenden Tage fand er sich im Lorenzodome ein.
Er sah sie wieder. Seine Annunziata, verjüngt, verklärt in dem Bilde der wunderschönen, lieblichen Braut Maria Torresino.
Seine Annunziata aber erkannte er nicht wieder. Eine dicke, gemächliche Frau, laut und aufdringlich in Stimme, Kleidung und Bewegungen. Und er sah Maria Torresino als Maria Parrini über die breiten marmornen Kirchenfliesen zurückgehen – nein, Annunziata, noch immer seine Annunziata …
Und alles, was vom Künstler und vom einsamen, um sein Glück betrogenen Menschen in ihm war, schrie auf und heftete sich in einem langen, verzehrenden, glühenden Blick an ihre Züge.
Sie hatte er gemalt. So ähnlich war sie ihrer Mutter. Sie war die Sehnsucht seines Lebens gewesen! Zurück – zurück zu seinem Stein!
Dort mußte sie wieder auferstehen …
Ärmer denn je, verlassener denn zuvor – nur sein Stein, sein Stein, der stumme Gefährte all seiner verschwiegenen Bitternisse, der Wissende, der einzige Freund – zu ihm zurück!
Er lief mehr als er ging, die Landstraße entlang. Brütende Mittagglut über dem blauen, schillernden Meer. Rasselnde Fuhrwerke hüllten ihn in Wolken von Staub. Der Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Er achtete es nicht. Zurück zu seinem Stein!
Er allein war Heimat ihm und Freund, er allein gab Nahrung ihm und Arbeit, gab ihm die wehmütig-trübe Freude der Erinnerung.
Sein Stein!
Vor Pietro tauchten die ersten Häuser Quintos auf. Erschöpft verlangsamte er seine Schritte.
Wie nach langer, mühseliger Lebenswanderung fühlte er sich von den wenigen Meilen entkräftet und zerschlagen.
Schon sah er die beiden gegabelten Straßen, die nach dem nahen Nervi führen. Dort, wo die Wege zusammentrafen, stand eine lärmende Menschengruppe.
Er hatte doch nichts Neues auf seinen Stein zeichnen können, weshalb wären denn die vielen Menschen da? War ihm jemand im Zeichnen zuvorgekommen?
Mit erzwungener Gemessenheit schob er sich heran.
Da blieb er stehen, als hätte ihn ein Schlag vor den Kopf getroffen. Bleich wie Kreide stand er da und blinzelte hastig und unsicher mit den geröteten Lidern.
Um der Barmherzigkeit willen – was war geschehen? Wo war denn sein Stein?
Ein tief eingedrücktes Viereck im harten, trockenen Erdboden war die einzige Spur seines letzten Freundes.
Wo war sein Stein hin …?
Ratlos, benommen stierte Pietro nach dem leeren Platz. War er verhext?
»Wo … wo ist …?«
Heiser und kraftlos gurgelte er die wenigen Worte hervor. Er wies auf die leere Stelle.
»Ah, der Alte da – das war harte Arbeit – einen Riß hat er beim Heben davongetragen. Angekauft ist der Platz zum Hausbau. Den Stein hat man soeben fortgeschafft – ins Meer soll er, ist ja zu nichts mehr gut.«
Pietro atmete kurz und schwer. Ein Schwindel wirbelte ihm alle Dinge wild im Kreise. Häuser, Menschen tanzten auf und nieder, hin und her.
»Mein Stein …« sagte er nur mechanisch vor sich hin, »mein Stein …«
Rasch eilte er die untere der Parallelstraßen entlang. Dort um die Ecke bog ein schwerer, zweiräderiger Karren, von fünf Maultieren langsam fortbewegt. Darauf sah er seinen Stein.
Atemlos rannte er ihm nach. Unbarmherzig hieben die Lastfuhrleute auf die müden Tiere ein. »J–uh! J–uh!« tönte es aufmunternd aus drei rauhen Kehlen.
Pietro hielt seinen Stein mit beiden Armen umklammert. »Nicht ins Meer,« bettelte er mit zerbrochenem Ton, »nicht ins Meer … den Stein!«
Die Treiber sahen den wunderlichen Gesellen an.
»Das ist so Befehl vom Syndako,« sagte einer gleichmütig. »Fortgeschafft soll er werden.«
Und weiter mit »J–uh! J–uh!« karrte der hochräderige Wagen.
Betäubt, zerbrochen folgte Pietro dem Fuhrwerk. So war es gewesen, als man seinen Herrn begrub.
Das Letzte hatte man ihm genommen. Das Allerletzte.
Am Klippenstrand von Nervi, dort, wo ein vormaliger Sarazenenturm trotzig aufragt, steht jetzt ein Frauenkloster, die letzte Zuflucht der aus Frankreich vertriebenen grauen Schwestern.
Still und lüstern funkelte tief unten das blaue Meer …
Auf den äußersten Vorsprung dieser mächtigen, graubraunen Klippen lenkte man das Fuhrwerk.
Still standen die geduldigen Maultiere – wie aus Stahl gegossen.
»Uno momento – – avanti!«
Wie zwei Säulen durchschnitten die Fehmerstangen des Karrens plötzlich die mittagsblaue Luft – der Karren kippte – mit dröhnendem Krachen sauste Pietros Stein hinein in die azurblaue Tiefe.
Weit beugte sich Pietro vor. In dem glasklaren Wasser von tiefsmaragdenem Grün sah er seinen einzigen Freund.
»Ecco! Basta!« rief einer der Maultiertreiber.
Und wieder über den knirschenden Kies knarrte das leere Fuhrwerk weiter – –
Pietros Leben hatte allen Inhalt verloren. Auf einem anderen Stein konnte er nicht zeichnen – es war ja nicht sein Stein.
Verstört und ruhelos schlich er in den Straßen umher. Die Leute beobachteten ihn scheu.
»Es ist nicht richtig mit ihm!« flüsterten sie.
»Wie er an dem alten Stein hing!«
»Nie war er ein Mensch unter Menschen!«
»Was redet ihr da? Ein Stein ist er unter Steinen, und zu den Steinen gehört er auch hin …«
Pietro hatte die letzten seltsamen Worte gesprochen, düster, mit bitterem Grimm.
Betreten wichen sie zurück.
Und eine Woche später war er verschwunden.
Man suchte ihn vergebens. War er verunglückt? Niemand wußte es zu sagen. Vielleicht war er von den schlüpfrigen Felsenklippen hinabgeglitten … denn immer wieder hatte es ihn zu seinem Stein getrieben.
In seiner Kammer fand sich kein Bissen Brot, kein einziger Soldo – nichts außer dem Malgerät und ein paar Kleidungsstücken.
Trübe schüttelte der Schenkwirt das Haupt.
»Mich dünkt, er war ein Mensch unter Steinen!« sprach er gedankenvoll.
Ende.