DIE KLEINE NEGERIN

Manchmal haftet mein Gedanke an dem Vergilben der alten Seekarten und ich höre das Brausen der Monsune im Fieber meines Hirns. Aber wie? Muß ich denn, um für dieses Leben etwas übrig zu haben, auch jenes heraufholen, das ich vielleicht vor meiner Geburt zwischen zweien schwarzen Sonnen geführt habe? Die ungewisse Landschaft rollte Sterne dahin in das zerrissene Stöhnen eines Ozeans ...

Jemand kratzte an meiner Tür. Ich rief: „Herein!“ Es war eine junge Negerin in einem blauen Überwurfe, der bis zur Hälfte der Schenkel reichte. Sie setzte sich auf den Boden und streckte ihre gefalteten Hände gegen mich; und ich sah, daß auf ihren nackten Armen Peitschenstriemen waren. „Wer hat dir das getan?“ fragte ich sie. Sie antwortete nicht und zitterte an allen Gliedern. Sie verstand mich nicht und fragte sich vielleicht, ob auch ich sie mißhandeln wolle.

Ganz sachte schob ich ihr Kleid zur Seite und sah, daß auch ihr Rücken wund war. Ich wusch sie. Aber sie flüchtete, entsetzt von dieser Güte, unter den Tisch meiner Hütte. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich versuchte, sie zu rufen. Aber ihre Blicke, wie die einer geschlagenen Hündin, flohen mich. Ich hatte da ein paar Kartoffeln und ein wenig Butter. Ich zerdrückte sie mit einem Holzlöffel in einem Napfe, machte eine Brühe davon und stellte sie in einiger Entfernung von der Hingekauerten auf den Boden hin. Dann zündete ich meine Pfeife an. Aber wie groß war mein Erstaunen, als sie plötzlich auf allen Vieren zu einer Ecke der Stube kroch, wo ich ein paar Blumen liegen gelassen hatte. Sie richtete sich jäh auf und griff mit einer lebhaften Bewegung danach.

Seit jenem Abenteuer mochten etwa hundertfünfzig Jahre vergangen sein, als ich ihr von neuem begegnete. Ich wenigstens war davon überzeugt, daß sie es war. Es war im peruanischen Speisehause in Bordeaux. Sie wischte hier an dem Glase eines mürrischen Studenten, der gefunden hatte, es sei nicht sauber genug.

RONSARD

Meine Mutter hat ein altes Glas bekommen, ein Glas, wie das gewesen sein muß, aus dem Ronsard dem Jean Brinon einen Trunk geboten hat. Wie mag Ronsard gewesen sein? Sicherlich hat er ein Gewand aus Hermelin getragen. Und während die großen Regen der alten Zeiten die Haselnußsträucher am Loir peitschten, saß er mit einem dicken alten Folianten in der Kaminecke seines Schlosses. Es muß ein Sonntagnachmittag um drei Uhr gewesen sein. Ein Frosch quakte in seiner Lache, in die die Lanzen des Regens splitterndes Licht spritzten. Marie oder Genoveva oder eine andere betrat das Gemach und setzte sich zu ihm. Und er legte, ohne das Buch zu schließen, sanft seine freie Hand auf das Knie der Geliebten. Und er lächelte. Er dachte an Odysseus, der über die grauen Meere irrt, an Helena, an das Urteil des Paris, an Troja und an die Bogenschützen, die nackt und helmtragend an der Mauerbrüstung knien und den Bogen auf antikische Art spannen.

Wenn die Wasser der Pyrenäenbäche meinen Namen in die Nachwelt tragen wie die Wasser der Vendôme den des Ronsard, wenn je ein Jüngling, dem das Herz schwer und beklommen ist vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädel an der Brust trägt, sich fragen sollte, wie ich gewesen sein mag, möge er sich antworten: „An diesem regengrauen Allerheiligentage hatte Francis Jammes sein Herz gar nicht schwer und beklommen vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädchen an der Brust trägt. (Übrigens gibt es ja im Herbste keine Nelken!) Er rauchte vielmehr seine Pfeife und pflanzte Sauerklee in einen Blumentopf, um den Schlaf der Pflanzen zu studieren.“ An der einen Wand seines Zimmers hing ein Epinaler Bilderbogen, der das „einzige wahrhaftige Bild des ewigen Juden“ darstellte. Er zeigte den ewigen Juden mit einem wunderlichen Hute, einem Mantel, in blauen Pantoffeln, und einem roten Gewande, wie ihm gerade Brabanter Bürger einen Krug schäumenden Bieres reichen. Das Wirtshaus darauf ist wirklich poetisch; Reben ranken daran empor und große Rosen beugen sich zum Erdboden nieder — — wie die Armen, die Bettellieder singen und sich zur Erde beugen. Und das alles ist im Lichte des Abendrotes gegen Ende des friedlichen Sommers dargestellt.

An diesem Tage nun warf Francis Jammes einen kurzen Blick auf seinen Ruhm. Dieser ganze Ruhm lag auf seinem Tische und bestand in dem Umschlag eines Briefes, den ihm ein Mönch aus Deutschland geschrieben hatte, aus dem Briefe eines ihm unbekannten Holländers, der Walch hieß, und dem Briefe eines jungen Mädchens. Francis Jammes lächelte. Dann klopfte er an seinem Finger die Asche aus der Pfeife — — — und war entschlossen, den Toten Ehre zu erweisen.

ROBINSON CRUSOE

Ich setze diese Verse hierher; sie sind aus einem Gedichte, das ich in Holland geschrieben habe:

Robinson Crusoe hat (so glaub ich), da er heimfuhr

Von seinem grünen schattigen Eiland, das

Voll frischer Kokosnüsse war, auch Amsterdam berührt.

Wie hat es ihn gepackt, als er die ungeheuren

Tore mit ihren wuchtigen Klopfern schimmern sah!

Stand er voll Neugier hier vor den Gewölben,

In denen Schreiber über Rechnungsbüchern saßen?

Mußte er weinen, da sein lieber Papagei

Ihm einfiel und der plumpe Sonnenschirm,

Der Schutz war auf dem milden traurigen Eiland?

„Gepriesen seist du, ewiger Gott!“ so rief er,

Als er die tulpenübermalten Truhen sah.

Allein sein Herz, betrübt in Heimkehrfreude,

Sehnte sich nach dem Lama, das allein im Weinberg

Des Eilandes zurückgeblieben, das vielleicht gestorben war.

Was aus den Worten und Bildern dieses Buches seit der Kindheit am lebendigsten vor mir steht, das ist nicht die Schönheit der Weinreben, die so tiefen Schatten gaben, noch ist es der Fisch, den er mit einer Schnur und einem Haken daran gefangen hat, nicht die einsame Kokospalme in der blauen Glut des Morgens ist es, noch auch sind es die rosigen und purpurnen Flecken der Meeresküste bei Ebbe, voll des Seegetiers, nicht das gebratene Zicklein, das er mit Salz aus einer Felsmulde gesalzen hat, ist es, was mich so ganz ergriffen hat; auch die Eier der schläfrigen Schildkröten sind es nicht. Noch ist es die Fieberkrankheit, die der Trunk Wassers, darein er Rum getan hatte, allmählich gelindert hat, weder der Papagei ist es, noch die Freundschaft mit dem Hund und der Katze, nicht der verzweifelte Glanz der Sonne, die er auf den Kompaß gemalt hatte, und nicht die Quelle süßen Wassers ist es, es sind auch nicht die Speisen, die er sich so kunstlos bereitet hat (obwohl ich mich gerade ihrer vielleicht am häufigsten erinnert habe!), all das hat mich nicht so erschüttert wie Robinson Crusoes Alter.

Immer wieder muß ich an die Zeit seines Lebens denken, da er wieder in der Menge verschwunden war und dann, zweiundsiebzig Jahre alt geworden, einsamer ist, als er es je zuvor war. In einem Gewande aus blumendurchwirktem Sammet saß er in seinem düsteren kleinen Gemache in London, das eine unendliche Güte gleich dem matten Licht in Sturmwettern erfüllte, und wußte nichts mehr zu erwarten als den Frieden des Todes.

Ich grüße dich, mein Bruder Crusoe! Auch mich haben die Orkane des Lebens auf eine wüste Insel geworfen; und nun, wohin immer ich schaue, gewahre ich nichts mehr als das betäubende und eintönige Wasser. Zuweilen trägt es mir treibende Trümmer zu, die ich dann einen Augenblick lang schweigend betrachte. Bald aber ergreift mich mein Träumen wieder, das nun seinen Frieden gemacht hat mit dem großen Dröhnen des unendlichen Meeres, und manchmal schon findet sich ein Lächeln in mein Gesicht. Wie der Zyklon still wird!

O mögen in meinem Alter Gottes Palmen mein Herz wie die friedliche Weinlaube deines Eilandes überschatten!