Erster Auftritt.

Lulu. Alwa, gleich darauf Schön.

Alwa

(links vorn, füllt zwei Gläser mit Champagner und Rotwein)

Seit ich für die Bühne arbeite, habe ich kein Publikum so außer Rand und Band gesehen.

Lulu

(unsichtbar, hinter der spanischen Wand)

Geben Sie mir nicht zuviel Rotwein. — Sieht er mich heute?

Alwa

Mein Vater?

Lulu

Ja.

Alwa

Ich weiß nicht, ob er im Theater ist.

Lulu

Er will mich wohl gar nicht sehen?

Alwa

Er hat so wenig Zeit.

Lulu

Seine Braut nimmt ihn in Anspruch.

Alwa

Spekulationen. Er gönnt sich keine Ruhe. — (Da Schön eintritt) Du? Eben sprechen wir von dir.

Lulu

Ist er da?

Schön

Du ziehst dich um?

Lulu

(über die spanische Wand wegsehend, zu Schön)

Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tänzerin, die je die Bühne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was weiß ich, und Sie finden mich nicht einmal geistvoll genug, um sich davon zu überzeugen!

Schön

Ich habe soviel zu schreiben. Du siehst, daß ich recht hatte. Es waren kaum mehr Plätze zu haben. — Du mußt dich etwas mehr im Proszenium halten!

Lulu

Ich muß mich erst an das Licht gewöhnen.

Alwa

Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten.

Schön

(zu Alwa)

Du mußt deine Darsteller besser ausnützen! Du verstehst dich noch nicht genug auf die Technik. (Zu Lulu) Als was kommst du jetzt?

Lulu

Als Blumenmädchen ...

Schön

(zu Alwa)

In Trikots?

Alwa

Nein. In fußfreiem Kleid.

Schön

Du hättest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen!

Alwa

Ich sehe der Tänzerin auf die Füße.

Schön

Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht! Eine Erscheinung wie sie hat deine symbolistischen Hanswurstiaden gottlob nicht nötig.

Alwa

Das Publikum sieht nicht danach aus, als ob es sich langweilte!

Schön

Natürlich! Weil ich in der Presse seit sechs Monaten auf ihren Erfolg hingearbeitet habe. — War der Prinz hier?

Alwa

Es war niemand hier.

Schön

Wer wird eine Tänzerin zwei Akte hindurch in Regenmänteln auftreten lassen!

Alwa

Wer ist denn der Prinz?

Schön

— Wir sehen uns noch?

Alwa

Bist du allein?

Schön

Mit Bekannten. — Bei Peters?

Alwa

Um Zwölf?

Schön

Um Zwölf. (Ab)

Lulu

Ich hatte schon daran verzweifelt, daß er je kommen werde!

Alwa

Lassen Sie sich durch seine griesgrämigen Nörgeleien nicht beirren. Wenn Sie nur ja darauf achten wollen, daß Sie Ihre Kräfte nicht vor Beginn der letzten Nummer vergeuden.

Lulu

(tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fußfreiem ärmellosem weißem Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im Haar, einen Korb voll Blumen in den Händen)

Lulu

Er scheint es gar nicht gemerkt zu haben, wie geschickt Sie ihre Darsteller ausnützen!

Alwa

Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen.

Lulu

(das Glas an den Lippen)

Sie enthüllen mich gradatim.

Alwa

Ich wußte doch, daß Sie sich darauf verstehen, Kostüme zu wechseln.

Lulu

Hätte ich meine Blumen so vor dem Alhambracafé verkaufen wollen, man hätte mich schon gleich in der ersten Nacht hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Alwa

Warum denn! Sie waren ein Kind!

Lulu

Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat?

Alwa (nickt)

Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet.

Lulu

Man mußte mich verstecken und wußte nicht wo.

Alwa

Meine Mutter lag damals schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett ...

Lulu

Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle.

Alwa

Gewiß! Wir spielten Theater!

Lulu

Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben.

Alwa

Es war mir noch lange die entsetzlichste Erinnerung, wie ich mit einem mal klar in die Verhältnisse sah.

Lulu

Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich.

Alwa

Ach Gott — ich sah etwas so unendlich hoch über mir stehendes in Ihnen. Ich hegte vielleicht eine höhere Verehrung für Sie, als für meine Mutter. Denken Sie, als meine Mutter starb, — ich war siebzehn Jahre alt — da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, daß er Sie augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst müßten wir uns duellieren.

Lulu

Das hat er mir damals erzählt.

Alwa

Seit ich älter bin, kann ich ihn nur noch bemitleiden. Er wird mich nie begreifen. Da phantasiert er sich eine kleine Diplomatie zusammen, die mich dazu bestimmen soll, seiner Verheiratung mit der Komtesse entgegenzuarbeiten.

Lulu

Blickt sie denn immer noch so unschuldig in die Welt hinaus?

Alwa

Sie liebt ihn; das ist meine Überzeugung. Ihre Familie hat alles in Bewegung gesetzt, um sie zum Rücktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht, daß ihr ein Opfer auf dieser Welt zu groß wäre um seinetwillen.

Lulu

(hält ihm ihr Glas hin)

Noch etwas, bitte.

Alwa

(ihr einschenkend)

Sie trinken zu viel.

Lulu

Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen.

Alwa

Er glaubt an nichts.

Lulu

Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet, der reich genug ist, um mich zu heiraten.

Alwa

Nun ja! Was braucht uns das zu kümmern!

Lulu

Mich soll es freuen, wenn ich mich in das Herz eines Millionärs hineintanzen kann.

Alwa

Gott verhüte, daß man Sie uns entführt!

Lulu

Sie haben doch die Musik dazu komponiert.

Alwa

Sie wissen, daß es immer mein Wunsch war, ein Stück für Sie zu schreiben.

Lulu

Ich bin aber gar nicht für die Bühne geschaffen.

Alwa

Sie sind als Tänzerin auf die Welt gekommen.

Lulu

Warum schreiben Sie Ihre Stücke denn nicht wenigstens so interessant, wie das Leben ist?

Alwa

Weil uns das kein Mensch glauben würde.

Lulu

Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstände, als man auf der Bühne spielt, was hätte aus mir werden wollen!

Alwa

Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmöglichkeiten ausgestattet.

Lulu

Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirklichkeit noch keinen Hund vom Ofen.

Alwa

Mir ist es genug, daß sich das Publikum in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sieht.

Lulu

Ich möchte mich aber gern selbst in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sehen! (Trinkt)

Alwa

Dazu scheint Ihnen auch nicht viel mehr zu fehlen.

Lulu

Wie können Sie sich darüber wundern, da mein Auftreten doch einen höheren Zweck hat! Es gehen schon Einige da unten ganz ernstlich mit sich zu Rate. — Ich fühle das, ohne daß ich hinsehe.

Alwa

Wie fühlen Sie denn das?

Lulu

Keiner ahnt was vom Andern. Jeder meint, er sei allein das unglückliche Opfer.

Alwa

Wie können Sie denn das fühlen?

Lulu

Es läuft einem so ein eisiger Schauer am Körper herauf.

Alwa

Sie sind unglaublich ... (Eine elektrische Klingel tönt über der Tür)

Lulu

Mein Tuch ... Ich werde mich im Proscenium halten!

Alwa

(ihr einen breiten Shawl über die Schultern legend)

Hier ist Ihr Tuch.

Lulu

Er soll nichts mehr für seine schamlose Reklame zu fürchten haben.

Alwa

Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung!

Lulu

Gebe Gott, daß ich einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus tanze. (Ab)

Zweiter Auftritt

Alwa (allein)

Über die ließe sich freilich ein interessanteres Stück schreiben. (Setzt sich links, nimmt sein Notizbuch vor und notiert. Aufblickend) Erster Akt: Dr. Goll. Schon faul! Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer zitieren, oder wo er seine Orgien büßt, man wird mich für seine Sünden verantwortlich machen. — (Langanhaltendes, stark gedämpftes Klatschen und Bravorufen wird von außen hörbar) — Das tobt, wie in der Menagerie, wenn das Futter vor dem Käfig erscheint. — Zweiter Akt: Walter Schwarz. Noch unmöglicher! Wie die Seelen die letzte Hülle abstreifen im Licht solcher Blitzschläge! — Dritter Akt? — Sollte es wirklich so fort gehen?! — (Die Garderobiere öffnet von außen und läßt Escerny eintreten)