Sechster Auftritt

Lulu. Die Vorigen. Später Ferdinand.

Lulu

(von links, in eleganter Pariser Balltoilette, weit dekolletiert, mit Blumen vor der Brust und im Haar)

Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch!

Schigolch

Aber das kann ich euch sagen, die müssen es sich da drüben was kosten lassen!

Hugenberg

(hat sich erhoben)

Lulu

(sich auf die Armlehne seines Sessels setzend)

Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder.

Schigolch

Da muß ich mir wohl auch was vorstecken. (Sucht in dem Bouquet, das auf dem Tisch steht)

Lulu

Sehe ich gut aus?

Schigolch

Was sind das, was du da vorhast?

Lulu

Orchideen. (Sich mit der Brust über Hugenberg neigend) Riechen Sie.

Rodrigo

Sie erwarten wohl den Prinzen Escerny?

Lulu

(schüttelt den Kopf)

Gott bewahre!

Rodrigo

Also wieder jemand anders!

Lulu

Der Prinz ist verreist.

Rodrigo

Sein Königreich auf Auktion bringen?

Lulu

Er kundschaftet eine frische Völkerschaft in der Gegend von Afrika aus. (Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein)

Rodrigo (zu Schigolch)

— Er habe sie nämlich ursprünglich heiraten wollen.

Schigolch

(sich eine Lilie vorsteckend)

Ich habe sie ursprünglich auch heiraten wollen.

Rodrigo

Du hast sie ursprünglich heiraten wollen?

Schigolch

Hast du sie nicht auch ursprünglich heiraten wollen?

Rodrigo

Jawohl habe ich sie ursprünglich heiraten wollen!

Schigolch

Wer hat sie nicht ursprünglich heiraten wollen!!

Rodrigo

— So gut hätte ich’s nie gekriegt!

Schigolch

Sie hat es keinen bereuen lassen, daß er sie nicht geheiratet hat.

Rodrigo

— Sie ist also nicht dein Kind?

Schigolch

Fällt ihr nicht ein.

Hugenberg

Wie heißt denn ihr Vater?

Schigolch

Sie hat mit mir renommiert!

Hugenberg

Wie heißt denn ihr Vater?

Schigolch

Was meint er?

Rodrigo

Wie ihr Vater heißt.

Schigolch

Sie hat nie einen gehabt.

Lulu

(kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu Hugenberg auf die Armlehne)

Was habe ich nie gehabt?

Alle drei

Einen Vater.

Lulu

Ja gewiß, ich bin ein Wunderkind. (Zu Hugenberg) Wie sind Sie denn mit Ihrem Vater zufrieden?

Rodrigo

Er raucht wenigstens eine anständige Zigarre, der Herr Polizeidirektor.

Schigolch

Hast oben zugeschlossen?

Lulu

Da ist der Schlüssel.

Schigolch

Hättest ihn lieber stecken lassen.

Lulu

Warum denn?

Schigolch

Damit man von außen nicht aufschließen kann.

Rodrigo

Ist er denn nicht auf der Börse?

Lulu

O doch, aber er leidet an Verfolgungswahn.

Rodrigo

Ich nehme ihn auf die Füße und jupp — daß er oben an der Decke kleben bleibt.

Lulu

Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch.

Rodrigo

Was jagt er? Wen jagt er? (Seinen Arm entblößend) Sehen Sie sich bitte den Biceps an.

Lulu

Zeigen Sie. (Geht nach rechts)

Rodrigo

(sich auf den Arm schlagend)

Granit. — Schmiedeeisen.

Lulu

(befühlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen)

Wenn Sie nur nicht so lange Ohren hätten ...

Ferdinand

(durch die Mitte eintretend)

Herr Doktor Schön.

Rodrigo (aufspringend)

Der Lumpenkerl. (Will hinter den Kaminschirm, fährt zurück) Gott behüte einen! (Versteckt sich rechts vorn hinter den Gardinen.)

Schigolch

Gib mir den Schlüssel her! (Nimmt Lulu den Schlüssel ab und schleppt sich die Treppe zur Galerie hinauf.)

Hugenberg

(ist vom Sessel unter den Tisch geglitten).

Lulu

Ich lasse bitten.

Ferdinand (ab)

Hugenberg

(lauscht vorn unter dem Saum der Tischdecke vor, für sich)

Er bleibt hoffentlich nicht — dann sind wir allein ...

Lulu

(berührt ihn mit der Fußspitze)

St!

Hugenberg (verschwindet)

Siebenter Auftritt

Alwa Schön. Die Vorigen.

Ferdinand

(läßt Alwa eintreten. Ab)

Alwa

(in Soireetoilette)

Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden. Ich habe ... (Schigolch bemerkend, der sich mühsam die Treppe hinaufschleppt) Was ist denn das?

Lulu

Ein alter Freund deines Vaters.

Alwa

Mir völlig unbekannt.

Lulu

Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm entsetzlich ...

Alwa

Ist denn mein Vater hier?

Lulu

Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mußte auf die Börse. — Wir dejeunieren aber doch vorher?

Alwa

Wann geht es denn an?

Lulu

Nach zwei. (Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt) Wie findest du mich ...?

Schigolch

(über die Galerie ab)

Alwa

Sollte ich dir das nicht lieber verschweigen?

Lulu

Ich meine ja nur die Toilette.

Alwa

Deine Schneiderin kennt dich offenbar besser als ich — mir erlauben darf, dich zu kennen.

Lulu

Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen ... (Sich unterbrechend) mein Mann! —

Alwa

Du scheinst deinen Mann um das Glück zu beneiden, das du ihm bietest. (Lulu links, Alwa rechts vom Mitteltisch. Er betrachtet sie mit scheuem Wohlgefallen.)

Ferdinand

(durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei Kuverts auf; Flasche Pommery, Hors d’Oeuvres).

Alwa

Haben Sie Zahnschmerzen?

Lulu

(zu Alwa hinüber)

Nicht.

Ferdinand

Herr Doktor ...?

Alwa

Er scheint mir heute so weinerlich.

Ferdinand

(durch die Zähne)

Man ist auch nur ein Mensch. — — (Ab)

(Beide setzen sich zu Tisch)

Lulu

— Was ich immer am höchsten an dir schätzte, ist deine Charakterfestigkeit. Du bist deiner so vollkommen sicher! Wenn du auch fürchten mußtest, dich deshalb mit deinem Vater zu überwerfen, du bist trotzdem immer wie ein Bruder für mich eingetreten.

Alwa

Lassen wir das. Es ist nun einmal mein Los ... (Er will vorne die Tischdecke heben.)

Lulu (rasch)

Das war ich.

Alwa

Nicht möglich! — Es ist nun einmal mein Los, bei den leichtsinnigsten Gedanken immer das allerbeste zu erzielen.

Lulu

Du redest dir etwas ein, wenn du dich vor dir selber schlecht machst.

Alwa

Warum schmeichelst du mir so? — Es ist wahr, es lebt vielleicht kein so schlechter Mensch wie ich — der so viel Gutes zuwege gebracht hätte.

Lulu

Auf jedenfall bist du der einzige Mann auf dieser Welt, der mich beschützt hat, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen!

Alwa

Hältst du das für so leicht ...?