Vierter Auftritt

Schwarz. Lulu.

Schwarz

(beugt sich nach links, spuckt aus)

Pack! — Wäre doch das Leben zu Ende! — Der Brotkorb! — Brotkorb und Maulkorb! — Jetzt bäumt sich mein Künstlerstolz. (Nach einem Blick auf Lulu) Diese Gesellschaft! — (Erhebt sich, geht nach rechts hinten, betrachtet Lulu von allen Seiten, setzt sich wieder an die Staffelei) Die Wahl würde einem schwer. — — Wenn ich Frau Obermedizinalrat ersuchen darf, die rechte Hand etwas höher.

Lulu

(nimmt den Schäferstab so hoch sie reichen kann, für sich)

Wer hätte das für möglich gehalten!

Schwarz

Ich bin wohl recht lächerlich?

Lulu

Er kommt gleich zurück.

Schwarz

Ich kann nicht mehr tun als malen.

Lulu

Da ist er.

Schwarz

(sich erhebend)

Nun?

Lulu

Hören Sie nicht?

Schwarz

Es kommt jemand ...

Lulu

Ich wußte es ja.

Schwarz

Es ist der Hausmeister. Er fegt die Treppe.

Lulu

Gott sei Dank.

Schwarz

Sie begleiten Herrn Obermedizinalrat wohl auf seine Praxis?

Lulu

Das fehlte mir noch!

Schwarz

Weil Sie es nicht gewohnt sind, allein zu sein.

Lulu

Wir haben zu Hause eine Haushälterin.

Schwarz

Die Ihnen Gesellschaft leistet?

Lulu

Sie hat viel Geschmack.

Schwarz

Wofür?

Lulu

Sie zieht mich an.

Schwarz

Sie gehen wohl viel auf Bälle?

Lulu

Nie.

Schwarz

Wozu brauchen Sie denn dann die Toiletten?

Lulu

Zum Tanzen.

Schwarz

Sie tanzen wirklich?

Lulu

Csardas — Samaqueca — Skirtdance ...

Schwarz

Widert Sie denn das nicht an?

Lulu

Sie finden mich häßlich?

Schwarz

Sie verstehen mich nicht. — Wer gibt Ihnen denn den Unterricht?

Lulu

Er.

Schwarz

Wer?

Lulu

Er.

Schwarz

Er?

Lulu

Er spielt Violine. — — —

Schwarz

Man lernt jeden Tag ein neues Stück Welt kennen.

Lulu

Ich habe in Paris gelernt. Ich nahm Stunden bei Eugenie Fougère. Sie hat mich auch ihre Kostüme kopieren lassen.

Schwarz

Wie sind denn die?

Lulu

Grünes Spitzenröckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletiert natürlich, sehr dekolletiert und fürchterlich geschnürt. Hellgrüner Unterrock, dann immer heller. Schneeweiße Dessous mit handbreiten Spitzen ...

Schwarz

Ich kann nicht mehr ...

Lulu

Malen Sie doch!

Schwarz

(mit dem Spachtel schabend)

Ist Ihnen denn nicht kalt?

Lulu

Gott bewahre! Nein. Wie kommen Sie auf die Frage? Ist Ihnen denn so kalt?

Schwarz

Heute nicht. Nein.

Lulu

Gottlob kann man atmen!

Schwarz

Wieso ...

Lulu

(atmet tief ein)

Schwarz

Lassen Sie das bitte! — (Springt auf, wirft Pinsel und Palette weg, geht auf und nieder) Der Stiefelputzer hat es wenigstens nur mit ihren Füßen zu tun. Seine Farbe frißt ihm auch nicht ins Geld. Wenn mir morgen das Abendbrot fehlt, fragt mich kein Weltdämchen danach, ob ich mich aufs Austernschlecken verstehe.

Lulu

Ist das ein Unhold!

Schwarz

(nimmt die Arbeit wieder auf)

Was jagt den Kerl auch in diese Probe!

Lulu

Mir wäre es auch lieber, er wäre dageblieben.

Schwarz

Wir sind wirklich die Märtyrer unseres Berufes!

Lulu

Ich wollte Ihnen nicht weh tun.

Schwarz

(zögernd, zu Lulu)

Wenn Sie links — das Beinkleid — ein wenig höher ..

Lulu

Hier?

Schwarz

(tritt zum Podium)

Erlauben Sie ...

Lulu

Was wollen Sie?

Schwarz

Ich zeige es Ihnen.

Lulu

Es geht nicht.

Schwarz

Sie sind nervös ... (Will ihre Hand fassen)

Lulu

(wirft ihm den Schäferstab ins Gesicht)

Lassen Sie mich in Ruhe! (Eilt zur Entreetür) Sie bekommen mich noch lange nicht.

Schwarz

Sie verstehen keinen Scherz.

Lulu

Doch, ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen Sie gar nichts bei mir. Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie haben kein Recht mich zu belästigen. (Flüchtet hinter die Ottomane) Setzen Sie sich hinter Ihre Staffelei.

Schwarz

(will um die Ottomane)

Sobald ich Sie für Ihre Launenhaftigkeit bestraft habe.

Lulu (ausweichend)

Dazu müssen Sie mich aber erst haben. Gehen Sie. Sie erwischen mich doch nicht. — In langen Kleidern wäre ich Ihnen längst in die Hände gefallen. — Aber in dem Pierrot!

Schwarz

(sich der Länge nach über die Ottomane werfend)

Habe ich dich!

Lulu

(schlägt ihm das Tigerfell über den Kopf)

Gute Nacht! (Springt über das Podium, klettert auf die Trittleiter) Ich sehe über alle Städte der Erde weg ...

Schwarz

(sich aus der Decke wickelnd)

Dieser Balg!

Lulu

Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar.

Schwarz

(ihr nachkletternd)

Ich schüttle, bis Sie herunterfallen.

Lulu

(höher steigend)

Wenn Sie nicht aufhören, werfe ich die Leiter um. Werden Sie meine Beine loslassen. — Gott schütze Polen! (Bringt die Leiter zu Fall, springt auf das Podium und wirft Schwarz, wie er sich vom Boden aufrafft, die spanische Wand an den Kopf. Nach vorn eilend, an den Staffeleien) Ich habe Ihnen ja gesagt, daß Sie mich nicht bekommen.

Schwarz

(nach vorn kommend)

Lassen Sie uns Frieden schließen. (Will sie umfassen)

Lulu

Bleiben Sie mir vom Leib, oder ... (Sie wirft ihm die Staffelei mit dem Brustbild entgegen, daß beides krachend zu Boden stürzt)

Schwarz

(schreit auf)

Barmherziger Gott!

Lulu

(links hinten)

Das Loch haben Sie selber hineingeschlagen.

Schwarz

Ich bin ruiniert! Zehn Wochen Arbeit, meine Reise, meine Ausstellung. — Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. (Stürzt ihr nach)

Lulu

(springt über die Ottomane, über die umgestürzte Trittleiter, kommt über das Podium nach vorn)

Ein Graben! — Fallen Sie nicht hinein! (Stapft durch das Brustbild) Sie hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht! (Fällt vornüber)

Schwarz

(über die spanische Wand stolpernd)

Ich kenne kein Erbarmen mehr.

Lulu

(im Hintergrund)

Lassen Sie mich jetzt in Ruhe. — Mir wird schwindlich. — — O Gott, o Gott ... (Kommt nach vorn und sinkt auf die Ottomane)

Schwarz

(verriegelt die Tür. Darauf setzt er sich neben sie, ergreift ihre Hand und bedeckt sie mit Küssen, hält inne; man sieht ihm an, daß er einen inneren Kampf kämpft)

Lulu

(schlägt die Augen auf)

Er kann zurückkommen.

Schwarz

Wie ist dir?

Lulu

Als wäre ich ins Wasser gefallen ...

Schwarz

Ich liebe dich.

Lulu

Ich liebte einmal einen Studenten.

Schwarz

Nellie ...

Lulu

Mit vierundzwanzig Schmissen ...

Schwarz

Ich liebe dich, Nellie.

Lulu

Ich heiße nicht Nellie.

Schwarz (küßt sie)

Lulu

Ich heiße Lulu.

Schwarz

Ich würde dich Eva nennen.

Lulu

Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?

Schwarz

(nach der Uhr sehend)

Halb elf.

Lulu

(nimmt die Uhr und öffnet das Gehäuse)

Schwarz

Du liebst mich nicht.

Lulu

Doch ... Es ist fünf Minuten nach halb elf.

Schwarz

Gib mir einen Kuß, Eva!

Lulu

(nimmt ihn am Kinn und küßt ihn, wirft die Uhr in die Luft und fängt sie auf)

Sie riechen nach Tabak.

Schwarz

Warum sagst du nicht Du?

Lulu

Es würde unbehaglich.

Schwarz

Du verstellst dich!

Lulu

Sie verstellen sich selber, wie mir scheint. — Ich mich verstellen? Wie kommen Sie nur darauf? — Das hatte ich niemals nötig.

Schwarz

(erhebt sich, fassungslos, sich mit der Hand über die Stirn fahrend)

Allmächtiger! Ich kenne die Welt nicht ...

Lulu (schreit)

Bringen Sie mich nur nicht um!

Schwarz

(sich rasch umwendend)

Du hast noch nie geliebt ...!

Lulu

(sich halb aufrichtend)

Sie haben noch nie geliebt ...!

Goll

(von außen)

Machen Sie auf!

Lulu

(ist aufgesprungen)

Verstecken Sie mich! O Gott, verstecken Sie mich!

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Schwarz

(will zur Tür).

Lulu

(hält ihn zurück)

Er schlägt mich tot.

Goll

(gegen die Tür polternd)

Machen Sie auf!

Lulu

(vor Schwarz niedergesunken, umfaßt seine Knie)

Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot.

Schwarz

Stehen Sie auf ... (Die Tür fällt krachend ins Atelier.)