Zehnter Auftritt

Schön. Lulu.

Lulu

Sie haben recht, daß Sie mir zeigen, wo ich hingehöre. Das konnten Sie nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen lassen ... Sie tun mir den größten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist.

Schön (höhnisch)

Bei deiner Herkunft ist es ein Glück sondergleichen für dich, daß du noch Gelegenheit hast, vor anständigen Leuten aufzutreten!

Lulu

Auch wenn Sie über meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen.

Schön

Albernes Geschwätz! — Schamlosigkeit? — Mach’ aus der Tugend keine Not! — Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir für jeden Schritt mit Gold aufwiegt. Der eine schreit Bravo, der andere schreit Pfui — das heißt für dich das Gleiche! — Kannst du dir einen glänzenderen Triumph wünschen, als wenn sich ein anständiges Mädchen kaum in der Loge zurückhalten läßt?!! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! — So lang du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte Tänzerin! Je fürchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so größer stehst du in deinem Beruf da!!

Lulu

Es ist mir ja auch vollkommen gleichgültig, was man von mir denkt. Ich möchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wohl dabei.

Schön

(in moralischer Empörung)

Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. — Eine Korruption!!

Lulu

Ich wüßte nicht, daß ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt hätte.

Schön

(wird plötzlich mißtrauisch)

Keine Harlequinaden ...

Lulu

O Gott — ich weiß sehr wohl, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt hätten.

Schön

Bist du denn heute vielleicht etwas anderes??

Lulu

Gott sei dank, nein!

Schön

Das ist echt!

Lulu (lacht)

Und wie überglücklich ich dabei bin!

Schön (spuckt aus)

Wirst du jetzt tanzen?

Lulu

Wie und vor wem es ist!

Schön

Also dann auf die Bühne!!

Lulu

(kindlich bittend)

Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht halten. — Man wird klingeln.

Schön

Du bist dazu geworden, trotz allem, was ich für deine Erziehung und dein Wohl geopfert habe!

Lulu (ironisch)

Sie hatten Ihren veredelnden Einfluß überschätzt?

Schön

Verschone mich mit deinen Witzen.

Lulu

— Der Prinz war hier.

Schön

So?

Lulu

Er nimmt mich mit nach Afrika.

Schön

Nach Afrika?

Lulu

Warum denn nicht? Sie haben mich ja zur Tänzerin gemacht, damit Einer kommt und mich mitnimmt.

Schön

Aber doch nicht nach Afrika!

Lulu

Warum haben Sie mich denn nicht ruhig in Ohnmacht fallen lassen, und im stillen dem Himmel dafür gedankt?

Schön

Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben!

Lulu (spöttisch)

Sie hielten es unten nicht aus ...?

Schön

Weil ich dir zum Bewußtsein bringen muß, was du bist und zu wem du nicht aufzublicken hast!

Lulu

Sie fürchteten, meine Glieder könnten doch vielleicht ernstlich Schaden genommen haben?

Schön

Ich weiß zu gut, daß du unverwüstlich bist.

Lulu

Das wissen Sie also doch?

Schön (aufbrausend)

Sieh mich nicht so unverschämt an!!

Lulu

Es hält Sie niemand hier.

Schön

Ich gehe, sobald es klingelt.

Lulu

Sobald Sie die Energie dazu haben! — Wo ist Ihre Energie? — Sie sind seit drei Jahren verlobt. Warum heiraten Sie nicht? — Sie kennen keine Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? — Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bösen Spiel gemacht. — Sie kreieren Künstler, Sie protegieren Prinzen. Warum heiraten Sie nicht?

Schön (wütend)

Glaubst du denn vielleicht, daß du mir im Weg stehst?!

Lulu

(von jetzt an bis zum Schluß triumphierend)

Wüßten Sie, wie Ihre Wut mich glücklich macht! Wie stolz ich darauf bin, daß Sie mich mit allen Mitteln demütigen! Sie erniedrigen mich so tief — so tief, wie man ein Weib erniedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie könnten sich dann eher über mich hinwegsetzen. Aber Sie haben sich selber unsäglich weh getan durch alles, was Sie mir eben sagten. Ich sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen Sie! Um Ihrer schuldlosen Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine Minute noch, dann schlägt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine andere Szene, die Sie jetzt nicht verantworten können!

Schön

Ich fürchte dich nicht mehr.

Lulu

Mich? — Fürchten Sie sich selber! — Ich bedarf Ihrer nicht. — Ich bitte Sie, gehen Sie! Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, daß ich nicht ohnmächtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstören. Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie glauben nicht nur, daß ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Unglück für Sie ist nur, daß Sie mich dafür halten.

Schön (verzweifelt)

Laß meine Gedanken gehen! Du hast zwei Männer unter der Erde. Nimm den Prinzen, tanz’ ihn in Grund und Boden! Ich bin fertig mit dir. Ich weiß, wo der Engel bei dir zu Ende ist und der Teufel beginnt. Wenn ich die Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trägt der Schöpfer die Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung.

Lulu

Dafür stellen Sie auch Ansprüche an das Leben, wie sie höher niemand stellen kann ... Sagen Sie mir, wer von uns beiden ist wohl anspruchsvoller, Sie oder ich?!

Schön

Schweig! Ich weiß nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich höre, denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwöre dich — bei dem Engel, der in dir ist, komm mir derweil nicht mehr zu Gesicht!

Lulu

Ich will meine Türe verschließen.

Schön

Prahl’ noch mit dir! — Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit der Welt und dem Leben ringe, noch niemandem so geflucht!

Lulu

Das kommt von meiner niederen Herkunft.

Schön

Von deiner Verworfenheit!!

Lulu

Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich! Sie müssen sich jetzt rein fühlen. Sie müssen sich jetzt für den sittenstrengen Mustermenschen, für den Tugendbold von unerschütterlichen Grundsätzen halten — sonst können Sie das Kind in seiner bodenlosen Unerfahrenheit gar nicht heiraten ...

Schön

Willst du, daß ich mich an dir vergreife!

Lulu (rasch)

Ja! Ja! Was muß ich sagen, damit Sie es tun? Um kein Königreich möchte ich jetzt mit dem unschuldigen Kinde tauschen! Dabei liebt das Mädchen Sie, wie noch kein Weib Sie je geliebt hat!!

Schön

Schweig, Bestie! Schweig!

Lulu

Heiraten Sie sie — dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vor meinen Augen statt ich vor ihr!

Schön

(hebt die Faust)

Verzeih’ mir Gott ...

Lulu

Schlagen Sie mich! Wo haben Sie Ihre Reitpeitsche! Schlagen Sie mich an die Beine ...

Schön

(greift sich an die Schläfen)

Fort, fort ...! (Stürzt zur Türe, besinnt sich, wendet sich um) Kann ich jetzt so vor das Kind hintreten? — Nach Hause! — Wenn ich zur Welt hinaus könnte!

Lulu

Sein Sie doch ein Mann. — Blicken Sie sich einmal ins Gesicht. — Sie haben keine Spur von Gewissen. — Sie schrecken vor keiner Schandtat zurück. — Sie wollen das Mädchen, das Sie liebt, mit der größten Kaltblütigkeit unglücklich machen. — Sie erobern die halbe Welt. — Sie tun, was Sie wollen — und Sie wissen so gut wie ich — daß ...

Schön

(ist völlig erschöpft auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch zusammengesunken)

Schweig!

Lulu

Daß Sie zu schwach sind — um sich von mir loszureißen ...

Schön (stöhnend)

Oh! Oh! du tust mir weh!

Lulu

Mir tut dieser Augenblick wohl — ich kann nicht sagen wie!

Schön

Mein Alter! Meine Welt!

Lulu

— Er weint wie ein Kind — der furchtbare Gewaltmensch! — Jetzt gehen Sie so zu Ihrer Braut und erzählen Sie ihr, was ich für eine Seele von einem Mädchen bin — keine Spur eifersüchtig!

Schön (schluchzend)

Das Kind! Das schuldlose Kind!

Lulu

Wie kann der eingefleischte Teufel plötzlich so weich werden. — — Jetzt gehen Sie aber bitte. Jetzt sind Sie nichts mehr für mich.

Schön

Ich kann nicht zu ihr.

Lulu

Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie zu mir zurück, wenn Sie wieder zu Kräften gelangt sind.

Schön

Sag’ mir um Gottes Willen, was ich tun soll.

Lulu

(erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem Mitteltisch die Kostüme beiseite schiebend)

Hier ist Briefpapier ...

Schön

Ich kann nicht schreiben ...

Lulu

(aufrecht hinter ihm stehend, auf die Lehne seines Sessels gestützt)

Schreiben Sie! — Sehr geehrtes Fräulein ..

Schön (zögernd)

Ich nenne sie Adelheid ...

Lulu

(mit Nachdruck)

Sehr geehrtes Fräulein ...

Schön (schreibend)

— Mein Todesurteil!

Lulu

Nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich kann es mit meinem Gewissen — (da Schön die Feder absetzt und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben Sie Gewissen! — nicht vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln ...

Schön (schreibend)

Du hast recht. — Du hast recht.

Lulu

Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrer Liebe — (da sich Schön wieder zurückwendet) Schreiben Sie Liebe! — unwürdig bin. Diese Zeilen sind Ihnen der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureißen; ich habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich beherrscht. — Vergessen Sie mich. — Doktor Ludwig Schön.

Schön (aufächzend)

O Gott!

Lulu

(halb erschrocken)

Ja kein O Gott! — (mit Nachdruck) Doktor Ludwig Schön. — Postskriptum: Versuchen Sie nicht mich zu retten.

Schön

(nachdem er zu Ende geschrieben, in sich zusammenbrechend)

Jetzt — kommt die — Hinrichtung ...

Vierter Aufzug

Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond in geschnitztem Eichenholz. Die Wände bis zur halben Höhe in dunklen Holzskulpturen. Darüber an beiden Seiten verblaßte Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhängte Galerie abgeschlossen, von der links eine monumentale Treppe bis zur halben Tiefe der Bühne herabführt. In der Mitte unter der Galerie die Eingangstür mit gewundenen Säulen und Frontespice. An der rechten Seitenwand ein geräumiger hoher Kamin. Weiter vorn ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der linken Seitenwand vor dem Treppenfuße eine geschlossene Portiere in genueser Sammet.

Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor dem Fußpfeiler des freien Treppengeländers auf einer dekorativen Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisiertem Goldrahmen. Links vorn eine breite Ottomane, rechts davor ein Fauteuil. In der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem Tisch steht ein weißes Bouquet.