Zweiter Auftritt

Dr. Goll. Lulu. Die Vorigen.

Schwarz

Darf ich vorstellen ...

Goll (zu Schön)

Was treiben denn Sie hier?

Schön

(Lulu die Hand küssend)

Frau Medizinalrat.

Lulu

Sie wollen doch nicht schon gehen?

Goll

Welcher Wind führt denn Sie hierher?

Schön

Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen.

Lulu

(nach vorn kommend)

Ihre Braut ist hier?

Goll

Sie lassen hier also auch arbeiten?

Lulu

(vor dem Brustbild)

Sieh da! Bezaubernd! Entzückend!

Goll

(sich umsehend)

Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt?

Lulu

Das ist also das süße Wunderkind, das Sie zu einem neuen Menschen gemacht ...

Schön

Sie sitzt meistens am Nachmittag.

Goll

Und davon erzählen Sie einem nichts?

Lulu

(sich umwendend)

Ist sie denn wirklich so ernst?

Schön

Wohl noch die Nachwirkung der Pensionszeit, gnädige Frau.

Goll

(vor dem Brustbild)

Man sieht, daß Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben.

Lulu

Nun dürfen Sie sie aber auch nicht mehr länger warten lassen.

Schön

In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekannt zu machen.

Goll (zu Lulu)

Laß uns keine Zeit verlieren. Hopp!

Lulu (zu Schön)

Denken Sie, wir fuhren im Trab über die neue Quaibrücke. Ich habe selber kutschiert.

Schön

(will sich verabschieden)

Goll

Nein, nein. Wir Beide sprechen nachher weiter. Geh, Nellie. Hopp!

Lulu

Jetzt kommt’s an mich!

Goll

Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab.

Lulu

Ich hatte mir das viel amüsanter vorgestellt.

Schön

Sie haben dabei immerhin die Genugtuung, uns den seltensten Genuß zu bereiten.

Lulu

(nach rechts gehend)

Na, warten Sie nur.

Schwarz

(vor der Schlafzimmertür)

Wenn Frau Obermedizinalrat so freundlich sein wollen. (Schließt die Tür hinter ihr und bleibt davor stehen.)

Goll

Ich habe sie in unserm Ehekontrakt nämlich Nellie getauft.

Schön

So? — Ja.

Goll

Was halten Sie davon?

Schön

Warum nennen Sie sie nicht lieber Mignon?

Goll

Das wäre auch was. Daran habe ich nicht gedacht.

Schön

Glauben Sie, daß der Name soviel dabei ausmacht?

Goll

Hm — Sie wissen, ich habe keine Kinder.

Schön

(sein Zigarettenetui aus der Tasche nehmend)

Sie sind doch aber auch erst ein paar Monate verheiratet.

Goll

Danke. Ich wünsche mir keine.

Schön

Rauchen Sie eine Zigarette?

Goll

(sich bedienend)

Ich habe an dem einen vollkommen genug. (Zu Schwarz) Sagen Sie mal, was macht denn eigentlich Ihre kleine Tänzerin?

Schön

(sich nach Schwarz umwendend)

Sie und eine Tänzerin?

Schwarz

Die Dame saß mir damals nur aus Gefälligkeit. Ich kenne die Dame von einem Ausflug des Cäcilienvereins her.

Goll (zu Schön)

Hm — ich glaube, wir kriegen anderes Wetter.

Schön

Das geht wohl nicht so rasch mit der Toilette?

Goll

Das geht wie der Blitz! Die Frau muß Virtuosin in ihrem Fach sein. Das muß jeder von uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei werden soll. (Ruft) Hopp, Nellie!

Schwarz

(an der Tür)

Frau Obermedizinalrat!

Lulu

(von innen)

Gleich, gleich.

Goll (zu Schön)

Ich begreife solche Stockfische nicht.

Schön

Ich beneide sie. Diese Stockfische kennen nichts Heiligeres als ihr Hungertuch. Sie fühlen sich reicher als Unsereiner mit 30000 Mark Renten. Sie können übrigens nicht über einen Menschen urteilen, der von Kindesbeinen an von der Palette in den Mund gelebt hat. Nehmen Sie es auf sich, ihn zu finanzieren. Es ist ein Rechenexempel. Mir fehlt der moralische Mut. Man verbrennt sich auch leicht die Finger ...

Lulu

(als Pierrot aus dem Schlafzimmer tretend)

Da bin ich.

Schön

(wendet sich um, nach einer Pause)

Superb!

Lulu (tritt näher)

Nun?

Schön

Sie beschämen die kühnste Phantasie.

Lulu

Wie gefall’ ich Ihnen?

Schön

Ein Bild, vor dem die Kunst verzweifeln muß.

Goll

Finden Sie nicht auch?

Schön (zu Lulu)

Sie wissen doch wohl nicht recht, was Sie tun.

Lulu

Ich bin mir meiner vollkommen bewußt!

Schön

Dann dürften Sie etwas besonnener sein.

Lulu

Ich tue ja doch nur meine Schuldigkeit.

Schön

Sie sind gepudert?

Lulu

Was fällt Ihnen ein!

Goll

Sie hat eine weiße Haut, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ich habe unserem Raffael auch gesagt, er möge sich mit dem Fleisch nur ja so wenig wie möglich abgeben. Ich kann mich einmal für die moderne Klexerei nicht begeistern.

Schwarz

(an den Staffeleien, seine Farben präparierend)

Dem Impressionismus dankt es die heutige Kunst jedenfalls, daß sie sich alten Meistern ohne Erröten an die Seite stellen darf.

Goll

Für ein Stück Schlachtvieh mag sie ja ganz angebracht sein.

Schön

Nur um Gotteswillen keine Aufregung!

Lulu

(fällt Goll um den Hals und küßt ihn)

Goll

Man sieht dein Negligé. Du mußt es herunter ziehen.

Lulu

Ich hätte es am liebsten weggelassen. Es geniert nur.

Goll

Er wäre imstande und malte es hin.

Lulu

(nimmt den Schäferstab, der an der spanischen Wand lehnt, auf das Podium steigend, zu Schön)

Was würden Sie jetzt sagen, wenn Sie zwei Stunden Parade stehen müßten?

Schön

Meine Seele verschriebe ich dem Teufel, um mit Ihnen tauschen zu dürfen.

Goll

(sich rechts setzend)

Kommen Sie hierher. Hier ist nämlich mein Beobachtungsposten.

Lulu

(das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz)

So?

Schwarz

Ja ...

Lulu

(es um eine Idee höher raffend)

So?

Schwarz

Ja, ja ...

Goll

(zu Schön, der auf dem Sessel neben ihm Platz genommen hat, mit einer Handbewegung)

Ich finde sie nämlich von hier aus noch vorteilhafter.

Lulu

(ohne sich zu rühren)

Ich bitte sehr! Ich bin von allen Seiten gleich vorteilhaft.

Schwarz (zu Lulu)

Das rechte Knie weiter vor, bitte.

Schön

(mit einer Geste)

Der Körper zeigt vielleicht feinere Linien ...

Schwarz

Die Beleuchtung ist heute zum mindesten halbwegs erträglich.

Goll

Sie müssen sie flott hinwerfen! Fassen Sie Ihren Pinsel etwas länger!

Schwarz

Gewiß, Herr Medizinalrat.

Schön

Behandeln Sie sie als Stillleben!

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor. (Zu Lulu) Sie pflegten den Kopf um eine Idee höher zu halten, Frau Medizinalrat.

Lulu

(den Kopf hebend)

Malen Sie mir die Lippen etwas geöffnet.

Schön

Malen Sie Schnee auf Eis. Wenn Sie sich dabei erwärmen, dann wird Ihre Kunst sofort unkünstlerisch.

Schwarz

Gewiß, Herr Doktor!

Goll

Die Kunst, wissen Sie, muß die Natur so wiedergeben, daß man wenigstens geistig dabei genießen kann!

Lulu

(den Mund etwas öffnend, zu Schwarz)

So — sehen Sie. So halte ich sie halb geöffnet.

Schwarz

Sobald die Sonne kommt, wirft die Mauer von gegenüber warme Reflexe herein.

Goll (zu Lulu)

Du mußt dich in deiner Stellung überhaupt so verhalten, als ob unser Velasquez hier gar nicht vorhanden wäre.

Lulu

Ein Maler ist doch auch eigentlich gar kein Mann.

Schön

Ich glaube nicht, daß Sie von einer rühmlichen Ausnahme so ohne Weiteres auf die ganze Zunft schließen dürfen.

Schwarz

(von der Staffelei zurücktretend)

Ich hätte mir im vergangenen Herbst doch lieber ein anderes Atelier mieten müssen.

Schön (zu Goll)

Was ich fragen wollte — haben Sie die kleine O’Morphi schon als peruanische Perlenfischerin gesehen?

Goll

Morgen sehe ich sie mir zum viertenmal an. Der Fürst Polossow führte mich hin. Sein Haar ist vor Entzücken schon wieder dunkelblond geworden.

Schön

Sie finden sie also auch so fabelhaft?

Goll

Wer will das je im Voraus beurteilen!

Lulu

Ich glaube, es hat geklopft.

Schwarz

Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. (Geht zur Türe und öffnet)

Goll

Du darfst ihn getrost etwas unbefangener anlächeln.

Schön

Dem macht das gar nichts.

Goll

Und wenn! — Wozu sitzen wir Beide denn hier!