DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DER WODNO, DIE TRESKASCHLUCHT UND DAS KLOSTER MARKOVA
Schon an einem der ersten Tage, die ich in Üsküb weilte, Mitte Mai 1917, hatte ich einen Spaziergang auf den 1000 m hohen Berg, der sich südlich der Stadt erhebt, auf den Wodno unternommen. Damals schon konnte ich in den wenigen Stunden eine Anzahl interessanter Beobachtungen machen.
Am Fuß des Berges liegt der slavische Friedhof. Alle diese mazedonischen Gräberstätten machen auf uns Deutsche einen ungeordneten und vernachlässigten Eindruck. Die Gräber liegen kreuz und quer durcheinander; sie bestehen aus kastenförmig zusammengesetzten Steinplatten, sind meist ohne Inschriften, unregelmäßig gebaut, oft etwas zerfallen. Dazwischen wachsen regellos Gras und Kräuter und allerhand Büsche. Hier in Üsküb beschatteten stattliche Bäume die Gräber. Die Umgebung war nicht reinlich gehalten und gar im Sommer, wenn die Pflanzen verdorrt und Gräber und Bäume verstaubt waren, machte die Stätte einen unfreundlichen und unfriedlichen Eindruck.
Das Seltsamste sind aber die Besucher des Friedhofs. Sie machen ihren Toten regelrechte Besuche. In Feiertagsgewändern, hier am Rand der Stadt, teils städtisch, teils ländlich gekleidet, kommen sie mit Körben und Paketen voll Eßwaren zum Friedhof heraus. Auf den Grabstätten lagern sie, packen ihre Sachen aus und es beginnt eine allgemeine Speisung. Für den Toten wird sein Anteil auf sein Grab gelegt. Dabei geht alles ganz behaglich zu, als mache man bei einem Lebendigen seinen Besuch. Man hat den Eindruck, als weckten die Leute alte Erinnerungen an den Toten bei solcher Gelegenheit so sehr auf, daß sie sich vorstellen, er weile in ihrer Gegenwart. Selten, wenn der Tote erst seit kurzem im Grabe liegt, ertönen Klagen. Gebete werden stets gesprochen. Bei Beerdigungen ist der Pope dabei, es wird allerlei Pomp entfaltet und Gesänge von weicher, melancholischer Art, auch laute Klagen erschallen dann.
Hinter dem Friedhof geht es steil auf Saumpfaden und engen Steigen den Berg hinan. Wie oft bin ich auf diesem Berg herumgestreift und was gab es da alles zu beobachten und zu bewundern.
Der Wodno ist ähnlich wie die Plaguša Planina das Musterbeispiel eines mazedonischen Gebirges von etwa 1000 m Höhe. Charakteristische Unterschiede bringen hier die etwas nördlichere Lage und der größere Quellenreichtum mit sich. Außerdem ist der Gesteinsuntergrund ein abweichender. Im unteren Teil liegen Alluvionen des Wardar, darüber Marmor, Kalk und Schiefer. An seinen Abhängen sind drei deutliche Terrassen erkennbar.
Wald ist hier infolge der Nähe der großen Stadt noch weniger erhalten als in der Plaguša. Wo Wasser ist, an den Schluchten und in der Nähe der Ortschaften, sind größere Baumbestände vorhanden. So sind die Dörfer von stattlichen Obst- und Nußbäumen, Pappeln, Erlen und Weiden umgeben. In der Nähe des Dorfes Neresi befindet sich ein stattlicher Hain von Edelkastanien ([Abb. 173], [S. 355]), der einzige, den ich in Mazedonien sah, außer einem bei Kalkandelen im Sarskatal. In dem westlichen Teil des Bergzuges, gegen die Treskaschlucht zu, mehren sich Bestände von Eichen und Buchen, die aber stets ziemlich licht sind, höchstens Wäldchen, keine Wälder bilden.
Prof. Müller phot.
Abb. 168. Alter mazed.-bulgarischer Friedhof in Pletvar.
Zu allen Zeiten des Jahres gab es auf dem Wodno etwas Interessantes zu beobachten. Im ersten Frühling waren auch hier, wie unten in Üsküb, Spinnen besonders häufig; im Kapitel über die Spinnenfauna Mazedoniens habe ich auch die Arten erwähnt, die auf dem Wodno vorkommen. Von Arten, welche ich unten im Tal nicht antraf, erwähne ich den Weberknecht (Metaphalangium propinquum Luc.), von dem ich hier oben schon im April ein junges Männchen fand. Von echten Spinnen stieß ich ebenfalls Anfang April auf die Springspinne (Hyctia canestrinii Canest. u. Pav.), von Wolfsspinnen auf die stattliche Lyçosa amentata (Clerk), welche sonst im Süden Mazedoniens häufiger war.
Röhrenspinnen waren auch oben nicht selten, so die große Tarentula praegrandis C. L. Koch. Unter den Steinen fanden sich außer allerhand Spinnen viele Juliden und Skolopender, auch Skorpione der Art Euscorpius carpathicus L. Unter anderen Steinen gab es zu dieser Zeit zahlreiche langhörnige Käfer aus der Gattung Dorcadion, die jetzt im Frühjahr in vielen Arten auftrat, während ich im vorigen Sommer nur zerfallene Reste von ihnen gefunden hatte.
Die ersten Frühlingsschmetterlinge sahen nicht viel anders aus als bei uns; auch hier flogen zuerst Zitronenfalter, Weißlinge, kleine Füchse und vor allem der unvermeidliche Distelfalter, dieser häufigste Tagschmetterling Mazedoniens.
Beim Aufstieg kam man durch blühende Hecken, in den Dörfern blühten die Obstbäume. Weiße und gelbe Krokus sproßten zwischen den Büschen, Veilchen dufteten und etwas später tauchten zahlreiche Anemonen auf. Einen wundervollen Kontrast zu den fernen schneebedeckten Bergen bildeten die sanft grünenden Weiden und Pappeln, die blütenbedeckten Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenbäume, später die Apfel- und Birnbäume.
Winterlicher wurde der Eindruck, stieg man im April in die Gipfelregionen des Wodno, dort waren die Flächen noch braun und kahl; nur in windgeschützten Mulden hatten die Büsche ausgetrieben. An einer solchen Stelle konnten wir interessante Beobachtungen machen. Nahe dem Gipfel fanden sich alle Sträucher bedeckt von tausenden kleiner Käfer. Es war unser Marienkäfer, der Siebenpunkt (Coccinella septempunctata B.), der gerade aus seinem Winterquartier mobil wurde. So ließ sich hier feststellen, daß dieser Käfer in Mazedonien im Winter auf Berggipfeln Massenquartiere bezieht. Das tut er wohl auch in Deutschland; wenigstens ist im Riesengebirge entsprechendes schon gesehen worden. Aber in Mitteleuropa hat man bisher kaum auf dies Verhalten geachtet.
Mir fielen damals gleich die interessanten Beobachtungen ein, welche in Kalifornien an einer Coccinellide gemacht und wirtschaftlich in sehr kluger Weise ausgenutzt wurden. Die Art Hippodamia convergens überwintert dort in Mengen im Gebirge, während sie im Sommer in der Ebene als Blattlausvertilgerin in den ausgedehnten Melonenpflanzungen eine sehr nützliche Arbeit tut. Die amerikanischen Entomologen haben diese biologischen Eigentümlichkeiten ihrer einheimischen Art rationell ausgenützt. Im Winter werden von eingelernten Sammlern die Käfer in den vorher erkundeten Winterquartieren eingeheimst, in kalten Räumen bis zum Frühsommer aufgehoben und dann in bestimmt zugemessenen Portionen auf den Melonenfeldern ausgesetzt.
Das hat sich als sehr erfolgreich und gewinnbringend bewährt, ist zu einer Dauerorganisation gemacht worden und wird mit Nutzen in Kalifornien weiter betrieben. Wenn ich an die Melonenfelder unten im Wardartal dachte und an die Möglichkeiten eines zukünftigen größeren Betriebes durch die Bulgaren, so nahm ich mir sofort vor, ihnen unsere Entdeckung mitzuteilen. Leider entwickelte sich alles anders als man damals hoffte.
Vom Gipfel des Berges zieht sich der Kamm zu immer höheren und unwirtlicheren Felsenmassen hin, die schließlich in ungeheurem Absturz zum Tal der Treska abfallen. Dieses stellt eine der majestätischsten Schluchten in dem an solchen Schaustücken so reichen Mazedonien dar. Als im Februar die Sonne einen trügerischen Frühling über das Tal von Üsküb gezaubert hatte, habe ich einen Ausflug mit einigen deutschen Ärzten in die Treskaschlucht und an ihren Westhang unternommen.
Mächtig strömt die Treska aus der schattigen Klamm hervor, deren Wände 600-800 m hoch fast senkrecht zu beiden Seiten aufsteigen. Welche Arbeit hat das Wasser da wohl in Jahrtausenden geleistet, um das harte Gestein bis zu dieser Tiefe durchzubohren. Auf beiden Seiten führen steile Saumpfade hoch in die Felsen hinauf, wo zwei einsame Bergklöster sicher jahrhundertelang eine Zuflucht der mazedonischen Christen waren. Heute liegen beide in Ruinen.
Das eine von ihnen, Sveti Nedelja, war unser Ziel. Auf steilen Pfaden klommen wir die Hänge entlang. Einige junge Albaner, Hirten, welche wir unterwegs antrafen, trugen uns unseren Proviant hinauf und zeigten uns den Weg, der allmählich bis zu einer Höhe von 800-900 m uns führte. Hier waren die Hänge unten von einer eigenartigen Buschvegetation bedeckt, die aus Buchsbaum (Buxus sempervirens L.) bestand. Auf dem vergilbten Rasen erhoben sich Gruppen dieser dunklen Büsche; in den oberen Teilen zeigten ihre Blätter noch ihr glänzendes Dunkelgrün, während sie unten durch den Winter dunkelrotbraun gefärbt waren, so daß sie fast aussahen, als wären sie aus Bronze gegossen. Zwischen dem Buchs standen Wacholdersträucher, die zum Teil baumartig gewachsen waren und in ihren Umrissen fast an Kiefern erinnerten (Juniperus communis L.).
Später im Jahr, im Juni, blühte in der Treskaschlucht außer anderen eigenartigen Pflanzen die schöne, eigenartige Ramondia serbica Pančič. mit ihren großen rosaweißen Blüten in einem Kranz dunkler Blätter zwischen dem grauen Gestein, ein schönes Bild darbietend.
Jede Wendung des Steigs brachte neue wilde Gebirgslandschaften. Stellenweise konnte man weit in die gewaltige Klamm hineinschauen, die nach Süden eng und hoch sich hinzog. Ihre Wände stiegen in Absätzen fast senkrecht in die Höhe; auf den Vorsprüngen standen Bäume und Büsche und von ganz oben sahen wir tief hinunter auf die Ruinen von Kirche und Kloster von Sveti Nikola. Wie auf einer aus den Felsen hervorragenden Plattform lagen die Gemäuer auf einer kleinen Fläche höchst malerisch in der Felsenwildnis am rechten Ufer der Treska, während wir am linken emporkletterten.
Da lag nicht weniger romantisch das Kloster Nedelja an den Felsen angeklammert vor uns. Die Vorliebe der slavischen Mönche für bizarre Felsenlandschaften hatte hier sich ausleben können. Heute war es noch schwerer, von einem Mauerrest zum anderen zu gelangen als einstmals, als noch hölzerne Treppen und Galerien sie verbanden. Die Trümmer hingen ziemlich isoliert, zum Teil über tiefem Abgrund, umwuchert von Brombeersträuchern, Rosenhecken und Buchsbaum. Reste von Türmen und Arkadengalerien waren noch zu erkennen. Auch hier in der Höhe waren die Mauern zum Teil aus Felsgestein mit wagrechten Zwischenlagen aus roten Ziegeln gebaut.
Die Mönche hatten auch hier die Lage für schöne Aussichten gut gewählt. Auf kleinen Balustraden, über dem Abgrund hängend, hatte man großartige Blicke die Schlucht aufwärts, in ihre Tiefe, aus der der Fluß nur leise zu uns herauf brauste und vor allem zur Schlucht hinaus in das Tal von Üsküb. Man sah drunten den Zusammenfluß des Wardar mit Treska und Lepinatz, die Felder und Baumgruppen der Talfläche, jenseits die Hänge des Karadakh, ein schönes, farbiges Bild. Während wir oben verweilten, kreisten fünf mächtige Mönchsgeier über uns und tauchten oft tief in die Schlucht hinein, so daß wir von oben auf ihre Rücken und ihre schimmernden Flügelfedern blicken konnten.
Im Mai wurde es immer reizvoller auf dem Wodno. Eine Menge interessanter blühender Pflanzen entzückten den Botaniker, so Astragalus fugioniferus Fisch. und Genista nyssana Petr. Im Dörfchen Oberwodno bildeten Erlen, Weiden und andere Büsche einen dichten Hain um einen kleinen Bach, in welchem die Frauen des Ortes ihre Wäsche wuschen. An den Obstbäumen hingen schon reifende Früchte.
Abb. 169. Treskaschlucht von Sv. Nedelja gesehen.
Auf den Wegen wälzten die heiligen Skarabäen ihre Mistkugeln und eine Fülle von Bienen beflogen die Blüten. Vor allem auffallend waren solitäre Bienen mit langen Fühlern, Vertreter der Gattung Eucera, und Arten von Andrena und Halictus sah man in ihren Löchern im Boden ein- und ausfliegen.
Um einen Begriff von der Mannigfaltigkeit, die mir manchmal an einem Ort entgegentrat, zu geben, führe ich die Bienenarten einzeln an, die nach den Bestimmungen von Dr. Friese damals am Wodno von mir gefangen wurden: von Eucera die Arten E. seminuda Bz. und E. caspica var. peregi Moos., von Halictus die charakteristischen Vertreter H. quadrinotatus K., malachurus K. und rufocinctus K. Noch reicher war die Gattung Andrena vertreten, und zwar mit sieben Arten (A. thoracica F., A. pectoralis Perez, A. bimaculata var. apiformis Kriechb., A. gwynana K., A. ephippium var. macedonica Friese n. var., A. flavipes K., A. taraxica Gir.). Gerade dort war es auch möglich, das Vorkommen von zwei Generationen im Jahre bei einigen Arten, so Andrena thoracica F. und pectoralis Perez, von denen je eine Generation im April und eine im Juli flog.
Dieselbe Feststellung gelang bei Anthophora crinipes Sm., von der auch beide Generationen auf dem Wodno gefunden wurden; und die gleiche Beobachtung wurde auch bei A. acervorum L. gemacht.
Damit war die Menge der Wodnobienen noch nicht erschöpft. Im Frühjahr flogen noch Ceratina cyanea K., Osmia cornuta L. und im Hoch- und Spätsommer kam noch eine ganze Anzahl dazu, so Osmia notata F., O. dimidiata Mor. Vier Arten von Megachile (M. lagopoda L., M. leucomalla Gerst., M. apicalis Spin., M. argentata L.), ferner noch Anthidium cingulatum Latr.
Auf die Gefahr hin, manchen Leser etwas zu langweilen, habe ich diese lange Liste hier eingefügt, um zu zeigen, wie vielseitige Aufgaben dem Naturforscher dort im Lande überall sich boten.
Im Mai und Juni besuchte ich auch die Südseite des Wodno und kam öfter bei den Vorbereitungsexpeditionen für die große Forschungsfahrt in die Golesniza Planina ins Kloster Markovo. Man erreichte es am besten auf einem Weg, der über den östlichen Sattel des Wodno in das Tal der Markova Reka führte. Am Abhang lag das Dorf Kisela-Voda, bei welchem Dr. Gripp interessante Pflanzenversteinerungen entdeckte. Entweder durch das Tal des Markovabachs oder über die Hänge des Wodno gelangte man in ein engeres Stück des Tals, in welchem an einem lößartigen Hang inmitten von Pappeln und Weiden, von grünen Wiesen umgeben, das malerische gastliche Kloster lag.
Es ist dem heiligen Dimitri geweiht, so auch die malerische Kirche in ihm, welche aus der Serbenzeit Mittelmazedoniens stammt. Daher ist sie in Bau und Stil erheblich verschieden von der älteren Kirche in Neresi (S. 365). Auch diese Kirche ist reich ausgemalt; die Malereien sind zwar zum Teil überschmiert, aber besser erhalten als in Neresi. In der Apsis finden sich Darstellungen von Heiligen und Engeln.
Am Bach lag ein großer Lehmschuppen, dessen Wand für den Zoologen außerordentlich interessant war. Ich besuchte ihn zweimal, um dort zu beobachten und zu sammeln. Oft hatte ich in Mazedonien Wände voll der Nester von einsam lebenden Bienen gesehen. Beim Anstieg zur Klosterruine Sv. Nedelja in der Treskaschlucht waren die sandigen Wände neben dem Weg zum Teil ganz porös gewesen von den Nestern von Anthophora und ähnlichen Bienen. Damals schon, in den ersten Tagen des Februar, waren die ersten dieser Bienen ausgeflogen, und zwar waren es damals nur Männchen gewesen, welche wohl vergeblich auf das Ausfliegen der Weibchen gewartet hatten. Denn in jenen Tagen hatte der harte Winterrückschlag eingesetzt.
Dr. Gripp phot.
Abb. 170. Kloster Markovo (Sveti Dimitri).
Im Juni an der Lehmmauer bei Markovo sah es anders aus; da flogen nur Weibchen. Die hier wohl rechtzeitig ausgeflogenen Männchen waren längst gestorben und hatten die Weibchen bei der Arbeit des Bauens und Pflegens der Brut allein gelassen. Diesmal waren die Bienenweibchen in eifrigster Tätigkeit.
Abb. 171. Klosterhof von Markovo. Tabak zum Trocknen und Gähren aufgehängt.
Viele hundert Bauten senkten sich in die Lehmwand hinein, von deren Aussehen die umstehende Photographie eine Vorstellung gibt ([Abb. 172], [S. 351]). Nicht alle diese Bauten waren von der gleichen Bienenart gebaut. Manche Öffnungen hatten einen kleinen Durchmesser, in diese sah man kleine Bienchen hineinkriechen, andere waren größer und waren das Werk größerer Tiere. Vor allem waren aber auffallend die Bauten der offenbar häufigsten Art, welche einen zierlichen Vorbau trugen, der das Loch umfaßte und in Gestalt einer nach unten gekrümmten Röhre über die Oberfläche der Lehmwand vorragte. Die war nicht ringsum geschlossen, sondern bestand aus einem zierlichen Gitterwerk, welches in Gestalt von Stäbchen und Strängen ein luftiges Gebilde darstellte. Offenbar hatte die Biene beim Bau kleine Lehmklümpchen herangetragen und eins an das andere angeklebt. Da der Anbau genau die gleiche Farbe hatte, wie die Lehmwand selbst, so war es nicht unwahrscheinlich, daß die Baumeisterin beim Aushöhlen der inneren Röhre des Baues das ausgegrabene Material der Lehmwand gleich beim Anbau verwandte. Dabei war sie ganz eigenartig vorgegangen; sie hatte nicht etwa gleichmäßig am Umkreis des Ausgangsloches angebaut, sondern oben und unten kleine Lehmwürstchen gebildet, die da und dort untereinander verklebten und so das Gitterwerk erzeugten. Die ganze große Kolonie war noch im vollen Ausbau. Manches Weibchen, welches einen oder mehrere Bauten schon gefüllt hatte, fing gerade mit einem neuen an. So konnte man alle Stadien des Baues an der Wand nebeneinander sehen. Hier bohrte eine Biene gerade an einem neuen Loch, dort schloß eine einen fertigen Bau; hier war eine an der Ausgangsröhre tätig, dort war eine andere eifrig beim Aus- und Einfliegen und beim Eintragen von Blütenstaub und Honig als Nahrung für ihre Brut.
Denn in der Lehmwand hatte die Bienenmutter im inneren röhrenförmigen Bau eine Reihe von Zellen geglättet, jede durch eine Zwischenwand von der vorigen getrennt, in die sie Blütenstaub eingetan, etwas Honig hinzugefügt und dann vor dem Zuschließen ein Ei auf diesen Nahrungsvorrat gelegt hatte. War sie mit einem Bau fertig, so begann sie mit einem neuen und so fort, bis ihre Kräfte erschöpft waren und sie sich zum Sterben hinlegte. Ihre Brut ließ sie wohlversorgt mit genügender Nahrung zurück. Die konnte ohne die Mutter auskommen; und wenn sie im nächsten Frühling ausschlüpfte, Männchen und Weibchen, die sich begatteten, dann starben die Männchen wieder nach kurzem, fröhlichem Leben im Sonnenschein und ließen die Weibchen allein bei der großen Sommerarbeit, die sie ungelernt, ohne Leitung und ohne die Gesellschaft von Eltern, durchzuführen hatten. Und das konnten sie auch sehr gut; denn sie hatten alle Fähigkeiten dazu als Erbgut von ihren Vorfahren mitbekommen, wie schon ihre Eltern.
Wir sahen auf dem Bild neben den Nestern mit den Ausgangsröhren auch allerhand Nester von verschiedenen Bienenarten ohne solche.
Es war reizvoll zu beobachten, wie an all den Hunderten von Bienennestern ein ständiges Aus- und Einfliegen stattfand. Die Erbauerin der Anflugsröhren war eine große, dunkle Biene (Anthophora parietina F.), von der diese Bauweise schon lange bekannt ist. Achtete man nun auf den Anflug der verschiedenen Bienen, so konnte man große Unterschiede in der Art bemerken, wie die einzelnen Tiere ihr eigenes Nest fanden. Bei den Formen mit den einfachen Löchern, so z. B. Andrena hattorfiana Spm. (vgl. [Abb. 189], [S. 377]), sah man vielfach die Bienen, wenn sie anflogen, zunächst vor der Lehmwand hin- und herfliegen, als suchten sie ihr eigenes Nest. Nach einiger Zeit flogen sie direkt auf ein Nest zu und krochen in dieses hinein. Nicht immer aber hatten sie das richtige getroffen. Manchmal kamen sie sofort wieder heraus und suchten von neuem. Ja es kam vor, daß sie schleunigst wieder zurückkamen, vertrieben von der rechtmäßigen Eigentümerin.
Ganz anders verhielt sich aber Anthophora parietina, die Erbauerin der Anflugsröhren; denn als solche erwiesen sich bei diesen Beobachtungen jene Vorbauten. Ohne Zögern flog jede ankommende Biene auf ihr eigenes Nest los und bewies die Richtigkeit der Wahl dadurch, daß sie drinnen blieb, solange die Arbeit dauerte, die sie dort zu erfüllen hatte. Stracks schlüpfte sie mit dem Kopf voraus in den Bau und kam ebenso mit dem Kopf zuerst wieder heraus; die anderen Bienen, welche in fremde Bauten geraten waren, kamen meist rücklings aus diesem zurück.
Abb. 172. Ausschnitt aus der großen Bienenkolonie von Anthophora parietina F. von Markovo 1918.
Es war ersichtlich, daß in den Einzelheiten des Baues, in der Anordnung der Lehmspangen, in der Größe der Durchbrechungen, in der Biegung der Röhre, in den Einzelheiten des Ausgangs die einzelnen Anflugsröhren untereinander verschieden waren. So kam ich zu dem Schluß, daß der Vorteil dieser Bauten in einer solchen großen Kolonie darin bestand, daß jede Biene ihren eigenen Bau an seiner Form rasch erkennen konnte.
Ich prüfte diese meine Theorie, indem ich kleine Veränderungen an den Ausgängen vornahm, Stückchen vom Rand oder das ganze gekrümmte Ende abbrach. Es war auffallend, wie die heimkehrende Biene, die zunächst geradewegs auf ihre Röhre losgeflogen war, nun zögerte, ähnlich wie ihre weniger künstlich bauenden Nachbarn der anderen Arten hin und herflog und sich oft erst nach langer Zeit entschloß, den Versuch des Einfliegens zu machen.
Wie interessant wäre es gewesen, längere Zeit vor diesen Bauten zu verweilen, zu beobachten und zu experimentieren. Leider war dies zunächst unmöglich und die Absicht, noch einmal die Stelle aufzusuchen, wurde durch allerlei Ereignisse verhindert.
Damals konnte ich noch beobachten, daß um die Nester zahlreiche andere Hymenopteren herumflogen, welche als Nestparasiten in die Löcher eindrangen, um ihre Eier bei der fremden Brut unterzubringen. Es waren mancherlei Formen, unter ihnen am auffälligsten die wie Edelsteine schimmernden Goldwespen (Chrysiden), deren Schönheit sie nicht hindert, solche für die Bienenbrut verderbliche Absichten zu verfolgen. Dazu kamen andere Arten von Nestparasiten, welche im 25. Kapitel erwähnt sind.
Überall in Mazedonien, wo ich solche Siedelungen solitärer Bienen an Lehm- und Lößwänden antraf, in Kaluckova an den Lehmmauern der Häuser und Gärten, bei Valandova, Dedeli und Üsküb fing ich solche Goldwespen mit ihren prachtvollen, wie in glänzende Metallpanzer gehüllten Körpern, Tiere von verschiedenster Größe bis herab zu winzig kleinen Wespchen, welche wie Goldstaub schimmerten.
Am Wodno fand ich auch zahlreiche Ameisenarten, darunter einige, die ich sonst in Mazedonien nicht beobachtet hatte. Daß die Körnerameisen aus der Gattung Messor hier bis hoch hinauf zahlreich vorkommen, überall ihre Bauten und Straßen sichtbar waren, ist nicht verwunderlich. Ebensowenig, daß in den Obst- und sonstigen Bäumen Camponotus-Arten häufig bauten. Interessanter war mir das Auffinden eines eigenen Baues der kleinen Diebesameise Solenopsis fugax West., welche also hier ihrem deutschen Namen keine Ehre machte. Auch eine noch winzigere dunkelbraune kleine Ameise (Plagiolepis pygmaea Latr.), eine südliche Form, die ich schon aus dem Kaiserstuhl bei Freiburg i. Br. kannte, fand ich nur auf diesem Berg.
Nicht minder interessant was das Vogelleben. Hier erlegte ich schon Mitte April einen Kuckuck (Cuculus canorus canorus L.), der also hier, wie an der Riviera früher angekommen war, als bei uns in Deutschland. Auch der Grünling war schon da (Chloris chloris mühlei Parrot.). Der Weidenlaubsänger (Phylloscopus collybita collybita Viell.), und der Vitislaubsänger (Ph. trochilus trochilus L.) waren etwas später häufig in den grünen Büschen. Dort ließen sich auch verschiedene Grasmücken hören und an den unteren Hängen war auch hier die Nachtigall ein häufiger Vogel. Am Eingang der Treskaschlucht trieb sich in den hohen Bäumen am Fluß die Sumpfmeise herum (Parus palustris stagnalis Br.). Dort und weiter oben am Berg wimmelte es manchmal von Zaunkönigen (Troglodytes troglodytes L.).
Ebenfalls in der Treskaschlucht begegnete mir die Ringdrossel (Turdus torquatus alpestris Br.) und an den Hängen gab es zahlreiche Balkanamseln (Turdus merula aterrima Mad.).
Damit ist der Reichtum bei weitem nicht erschöpft; denn in den Hainen oben bei Neresi flogen der Nußhäher (Garrulus glandarius L.) und Spechtarten (Picus viridis Dofleini Stres.). Die Würger waren häufig, in den kahlen oberen Zonen gab es Heidelerchen (Lullula arborea flavescens Elenka), auch Feldlerchen (Alauda arvensis cantarella Bp.) und selbst Haubenlerchen kamen ganz oben vor.
Daß Raubvögel, Adler, Geier, Bussarde, Falken und all die Krähenvögel auch auf dem Berg nicht fehlten, braucht kaum erwähnt zu werden.
So ist es verständlich, daß mir als Naturforscher und Zoologen der Wodno in guter Erinnerung geblieben ist. Aber wie auch sonst die Gegend von Üsküb, so bot er auch in seinen Dörfern manche Gelegenheit zu Studien über Kultur und Lebensweise der Mazedonier. Davon soll das nächste Kapitel einiges berichten.