FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL

AM PRESPASEE.

Im September 1917 hatte ich vergebens versucht, auf den Prespasee zu gelangen. Ich hatte die Parklandschaft am Nordende des Sees durchwandert und war bis an sein sumpfiges Ufer gelangt. Aber persönliche Unfreundlichkeiten der deutschen Offiziere hatten mich vergebens zurückkehren lassen, und auch im Jahre 1918 drohten ähnliche Widerwärtigkeiten den Plan zu stören. Auf Quartier und Verpflegung sollte es schließlich nicht ankommen. Die Motorboote und die zugehörigen Marinemannschaften hatten den Befehl, sich mir zur Verfügung zu stellen und das war das Wesentliche.

Die Boote erwiesen sich als sehr gut und leistungsfähig, die Mannschaften waren gefällig, voll Interesse für unsere Zwecke; und so kam ich mit ihnen sehr gut zurecht. Ich konnte meine Absichten am Prespasee vollkommen erreichen, zumal mein Mitarbeiter Dr. Nachtsheim mir die Hauptarbeit bei der Seenuntersuchung abgenommen hatte.

Inmitten einer weiten Sumpffläche lag nahe dem Nordende des Prespasees eine kleine Hütte, in welcher die Seeleute hausten. Wir selbst übernachteten im Dorf Podmočani im Freien neben einem Heuhaufen, da man uns dort kein Quartier anwies. In der schönen warmen Nacht war dies nicht unangenehm und in gewissem Sinn vorteilhaft; denn die Hütte der Marinemannschaften dicht am See wimmelte von Anopheles, so daß wir dort, wenn auch nicht unter allen Umständen Malaria bekommen, doch sicher eine durch die Stechmücken gestörte Nacht gehabt hätten.

Das Nordende des Prespasees ist sehr versumpft. Man kann vielfach infolge des unsicheren Strandgeländes gar nicht bis an das freie Wasser heran. Ähnlich wie am Doiransee umgibt ein breiter Schilfgürtel das Ufer. Das Niveau des Sees ist häufigen Schwankungen unterworfen, was wohl hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß er keinen Abfluß hat; denn die im Volk verbreitete Annahme, daß er einen unterirdischen Abfluß zum tiefer gelegenen Ochridasee habe, ist wohl kaum ernsthaft zu diskutieren. Wie beträchtlich die Wasserstandsschwankungen sind, beweist die Tatsache, daß der Ort Perovo, der auf der Karte etwa 1 km nördlich des Nordufers eingezeichnet ist, zur Zeit meines Aufenthalts auf einer Insel lag. Er konnte nur im Boot über einen Kanal von etwa 200 m Breite erreicht werden.

Der Prespasee liegt in einer Meereshöhe von 857 m. Er umfaßt ein Areal von 288 qkm, ist also etwas kleiner als der Ochridasee, welcher der größte der mazedonischen Seen ist. Er ist ein relativ seichter See, denn seine größte Tiefe erreicht nur 54,2 m.

Abb. 261 a. Arbeiterfamilie in Lera.

War er mir schon vom Peristeri und von der Höhe über Gopes aus sehr reizvoll erschienen, so bestätigte sich dieser Eindruck, als ich an seinem Nordufer stand. An beiden Längsufern war der See von stattlichen Gebirgen eingefaßt. Im Osten traten die Ausläufer des Peristeri an ihn heran. Ihre schönen Formen bildeten einen sehr malerischen Hintergrund zu der blauen Fläche des Sees. Auch das Westufer war von hohen Bergen eingefaßt, Tomoros und Malisat gehörten zu ihnen. Fern im Süden sah man auch stattliche Berge über dem See aufragen. Vor allem am Westufer traten die Berge steil an den See heran. Hier waren es zum Teil mächtige Steilabstürze zum See, unter denen wir bei Motorbootfahrten herankamen. Auch die beiden bergigen Inseln traten bei diesen Fahrten deutlich hervor. Ich bedauerte sehr, daß ich diese Inseln und den im Süden an den großen anschließenden kleinen Prespasee mit seiner Insel infolge der feindlichen Besetzung nicht besuchen konnte. Gerade die eine Insel im Prespasee machte nicht nur einen sehr malerischen Eindruck, sondern sie enthält in der dem heiligen Achil gewidmeten Basilika ein Bauwerk altbulgarischer Kunst, das sehr interessant sein muß.

Das Sumpfgelände am Nordende des Prespasees macht einen sehr eigenartigen Eindruck. Vielfach sind es sumpfige Wiesen welche an den See grenzen, zum Teil ist das Ufer in zahlreiche kleine Inseln und Sandbänke geteilt. Schöne Baumgruppen treten an vielen Stellen an den See heran; ja Wälder von Ulmen, Erlen, Weiden und Eichen sind oft als Sumpfwälder für den Menschen kaum erreichbar und infolgedessen sichere und günstige Brutstätten für zahlreiche Reiher, Adler, Geier und andere Vögel.

Abb. 262. Am Nordrande des Prespasees. Blick gegen die Ausläufer des Peristeri n. O.S.O.

Die weiten Wiesen bilden eine gute Weide für Pferde und Rinder und so waren sie damals von großen Herden von Rindern, Eseln, Maultieren, Pferden und Büffeln belebt, was nicht wenig zum Reiz des Landschaftsbildes beitrug. Gruppen von Pferden oder Stieren sah man oft im seichten Wasser des Strandes stehen und da saufen, Büffel in den tieferen Tümpeln sich suhlen und der Kühlung im Wasser erfreuen.

Dazwischen stolzierten Reiher; Uferläufer, Sichelschnäbel, Brachvögel, Enten und Gänse suchten sich zwischen Gras und Schilf ihre Nahrung. Kraniche und Störche fanden sich zahlreich ein, dazu Purpurreiher, Fischreiher, Löffelreiher und auch hier die schönen Edelreiher. Unendliche Mengen von Fröschen erhoben ihre Stimmen vor allem in den Abendstunden. Ringelnattern von verschiedenen Formen schwammen im Wasser oder huschten durch das Schilf.

Nicht selten hörte man die dröhnende Stimme der Rohrdommeln ertönen, Rallen, Schnepfen, Brachvögel und Bekassinen liefen am Strand entlang. Daß auch hier Rohrsänger und Rohrweihen häufig waren, wie am Katlanovosee, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch Nachtreiher wurden beobachtet.

Daß es in dem sumpfigen Gelände nicht leicht war, an die Vögel heranzukommen und die erlegte Beute auch zu sichern, ist verständlich. So wurden dort mehr Tiere beobachtet als erbeutet. Leichter war es auf den Motorbootfahrten an die Tiere heranzukommen. Durch Schilf, Buschwerk und tote Bäume, die als Zeugen des Wachstums des Sees aus dem Wasser hervorragten, fanden die flotten Seeleute als Führer der Motorboote geschickt ihren Weg. Unsere Motorboote auf dem Prespasee waren besonders gut und rasch und da sich die feindlichen in diesen Tagen selten auf dem See zeigten, konnten wir es wagen, uns weit nach Süden in den schönen, bergumgebenen Teil des Sees zu begeben und dahin unsere Untersuchungen auszudehnen.

Daß wir dabei von den Feinden nicht unbemerkt blieben, erfuhr ich erst später auf der Rückreise in Prilep, wo unser Nachrichtenoffizier mir belauschte Gespräche des Feindes über die seltsamen Manipulationen auf dem Prespasee erzählte. Sie hatten sich allerlei Gedanken über Minenlegen u. dgl. gemacht, während wir harmlos loteten und die Planktonnetze ins Wasser senkten.

Vor allem war es schön in der Abendstimmung an die Felsenhänge oder gegen die Insel heranzufahren und bei aufglühendem Himmel über den milchblauen See zu steuern, auf dem tausend Reflexe von den vielfarbigen Wolken wiedergestrahlt wurden.

Reizvoll war die Rückfahrt durch die Schilfinseln. Dort sammelten sich hunderte von Kormoranen [Phalacrocorax carbo subcormoranus (Brehm)] und der Zwergscharbe (P. pygmaeus Pall.) auf den toten Bäumen an, die ihnen als Schlafbäume dienten ([Abb. 263]). Aus dem Schilf trieb das Geräusch unseres Bootes die verschiedensten Entenarten, Wasserhühner, Taucher auf. Ja stolze Pelikane sahen wir einige Male in der Ferne wie duftige Wölkchen über dem Wasser schweben. Auch Adler, Fischadler und Seeadler zogen in großen Kreisen ihren Schlafbäumen in den Sumpfwäldern zu, aus denen Fledermäuse sich erhoben und über dem See Insekten jagten.

Abb. 263. Schlafbäume der Kormorane im Prespasee.

Daß mein Sammler tagsüber am Ufer manches von Insekten und Spinnen erbeutete, ist selbstverständlich. Schmetterlinge und Käfer, Wanzen und Heuschrecken, Ameisenlöwen und vor allem zahlreiche Libellen wurden erbeutet.

Bemerkenswert, weil bezeichnend dafür, wie abhängig man beim zoologischen Beobachten vom Zufall ist, oder vielmehr von der Zeit und der Örtlichkeit, an die man gerade gerät, ist die Tatsache, daß ich damals im Juli 1918 am Prespasee kaum solitäre Bienen beobachtete, während ich bei meinem ersten Besuch, am 22. Aug. 1917, in den Niederungen nördlich vom See, deren eine Menge fing. So erbeutete ich damals allein neun echte Halictus-Arten, darunter H. morbillosus Kriechb., eine typisch östliche Art, welche von Ungarn bis weit nach Kleinasien vorkommt. Vielfach waren es zweite Generationen, die gerade jetzt zur Stelle waren, so z. B. von Andrena carbonaria Scop. Außer den solitären gab es damals auch zahlreiche Honigbienen, und zwar die gewöhnliche deutsche Biene und die griechische (Apis mellifica var. cecropia L.).

Wir anderen, vor allem Dr. Nachtsheim, waren unterdessen mit Untersuchungen auf dem See beschäftigt. Hier zeigte sich, wie im Doiransee, ein großer Reichtum an Algen im Wasser. Auch Peridineen in großer Zahl traten auf. Das tierische Plankton war reich vor allem an Krebsen. Unter ihnen waren Daphniden und Copepoden etwa gleich stark vertreten. Unter letzteren traten Diaptomiden besonders hervor. Diaptomus Steindachneri kam in verschieden großen Rassen vor. Ähnlich wie im Doiransee gab es hier auch eine schöne, durchsichtige Form von Leptodora. Sie war aber nicht sehr reichlich vorhanden, trat hauptsächlich in Fängen aus Tiefen von 5-12 m auf, weniger an der Oberfläche. Auch hier waren Muschellarven in Mengen im Plankton vertreten.

Daß in diesem See bei der geringen Tiefe, die er erreicht, keine solche Variation in den Fängen durchgeführt werden konnte, wie im Ochridasee, ist zu verstehen. So nahmen wir uns vor, nach diesen ersten Feststellungen zu anderen Jahreszeiten wiederzukehren. Das hätte interessante Resultate versprochen. Leider kam der Rückzug dazwischen und verhinderte die beabsichtigte Vertiefung unserer Seenforschungen auf allen vier Seen Nordmazedoniens.