SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DIE ERFORSCHUNG DER GOLESNIZA PLANINA

Fährt man von Üsküb mit der Orientbahn südwärts gegen Veles, so fällt einem im Westen ein Gebirge von reichen Formen auf. Im Frühling und Frühsommer glänzen von seinen Gipfeln breite Schneefelder herüber. Je öfter ich vorüberfuhr, um so lebhafter wurde mein Wunsch, dies Gebirge kennen zu lernen. Bisher war nur einmal ein deutscher Geograph, K. Östreich, ein guter Kenner Mazedoniens, an seinem Rand gewesen und hatte eine Skizze von ihm entworfen, welche manches Interessante versprach.

Als ich im Sommer 1918 mein Standquartier in Üsküb hatte, konnte ich dem Plan näher treten. Es mußten gewiß Schwierigkeiten vorhanden sein, die es verhindert hatten, daß die so wanderlustigen Offiziere und Ärzte der verbündeten Truppen in Üsküb das reizvolle Gebirge in den Jahren der Besetzung nicht aufgesucht hatten. Es war bisher ein unbekanntes Gebiet geblieben.

Im April 1918 traf ich die ersten Vorbereitungen zu einer Expedition in das südlich von Üsküb gelegene Gebirge. Zunächst suchte ich nach dem Studium der Karten aus der Ferne einen Überblick über die Lage des Gebirges und günstige Anmarschwege zu gewinnen. Einen guten Einblick in seine Lage und seinen Aufbau gewann ich vom Gipfel des 1100 m hohen, südlich im Weichbild von Üsküb ansteigenden Wodno, den wir ja schon im 23. Kapitel kennen lernten. Im April sah ich von dessen Gipfel das wundervolle Bild der schneebedeckten Berge, welches die nebenstehende Abbildung wiedergibt ([Abb. 191]). Mächtige steile Gipfel schimmerten rosig im Glanz der Abendsonne und winkten vielversprechend zu mir herüber, als ich den festen Entschluß faßte, sie zu besteigen. Vom Gipfel des Wodno übersah man das weite Tal, durch welches man an das Gebirge herankam; ein Bachtal führte tief ins Gebirge hinein, das mußte man verfolgen, um in die Schluchten und an die steilen Abstürze heranzukommen, die jetzt von tiefblauen Schatten scharf hervorgehoben wurden.

Einige Vorexpeditionen bereiteten die Unternehmung vor, die planmäßig ausgedacht, die Unterstützung unserer obersten Heeresleitung fand. Ich wurde in meinem Vorhaben in großzügigster Weise gefördert. Zunächst war das Einverständnis der bulgarischen Behörden, die zuerst alle möglichen Bedenken wegen angeblich im Gebiet hausender serbischer Banden vorbrachten. Schließlich siegte aber doch der Wunsch, durch uns genaueres über das auch den Bulgaren wenig bekannte Gebiet zu erfahren. Wir bekamen Führer, Tragtiere, Bedeckungsmannschaften zugesagt; ein Dolmetscher, der serbisch, albanisch, türkisch, kutzowallachisch, bulgarisch, deutsch, französisch und allerhand andere Sprachen beherrschte, wurde uns zugewiesen. Die deutsche Heeresleitung stellte mir Reit- und Tragpferde, dazu die nötigen Mannschaften und gab mir die Möglichkeit, den sehr wichtigen Reiseproviant aus dem Magazin in Üsküb zu erwerben.

Abb. 191. Golesniza Planina im April, gesehen vom Wodno (Gipfelregion).

So war es denn eine stattliche Karawane, die sich zum Abmarsch auf einem kleinen Platz in Üsküb ansammelte, wo sie feierlich von General von Scholtz und den Herren seines Stabes verabschiedet wurde. Etwa 30 Pferde und Lasttiere wirbelten den Staub der Straße auf, als wir stolz abrückten.

An der Expedition nahmen von deutschen Gelehrten außer mir zwei der Mitglieder der mazedonischen landeskundlichen Kommission teil: der Botaniker Prof. Bornmüller aus Weimar und der Geologe Dr. Gripp aus Hamburg. Mich begleitete ein ganzer Stab von Zoologen und technischen Hilfskräften, Prof. Müller, Dr. Nachtsheim, die Präparatoren Aigner und Rangnow und mein getreuer Johann Maier. Auch die anderen Forscher hatten ihre Gehilfen bei sich.

Der Marsch ging nun um den östlichen Sattel des Wodno herum auf dessen Südseite. Ein mehrstündiger Ritt führte uns gegen Abend zum Kloster Markovo, das ich bei den Vorexpeditionen als geeigneten Ausgangspunkt für die Gebirgsexpedition gewählt hatte. Über das Kloster und seine Umgebung finden sich Angaben im 23. Kapitel ([S. 347]). (Vgl. dort auch [Abb. 170] u. [171].)

Bei dämmerndem Morgen brachen wir am 17. Juni 1918 auf, durchritten das obere Markovatal und erreichten um Mittag das kleine türkische Dörfchen Crnvrj, das mir von einer Vorexpedition her schon bekannt war. Unterwegs hatten wir schon gewisse Schwierigkeiten mit unserer Lasttierkarawane, deren Lasten zum Teil schlecht gepackt waren und in dem steilen Gelände abrutschten. Wir sammelten dabei Erfahrungen mit unseren Leuten, die sich für später als sehr wichtig erwiesen.

In Crnvrj rasteten wir im Garten des mir schon bekannten Hodscha vor dem schweren steilen Anstieg und bereiteten unser erstes Mittagsmahl. Bald brachen wir aber auf, denn wir hatten keine Zeit zu verlieren, wenn wir am Abend einen geeigneten Lagerplatz in anständiger Meereshöhe erreichen wollten.

Es ging zunächst das Bachtal hinauf, in der Hauptrichtung südwärts, bald aber begann das Klettern am östlichen Talrand empor zu dem uns winkenden hochstämmigen Tannenwald. Der Weg, ein offenbar von Hirten benützter Pfad, war so steil, daß wir oft von unseren Pferden absteigen mußten, um sie zu führen. Es wollte viel heißen, daß sogar unsere Bulgaren stellenweise den Sattel verließen.

Während wir beim Anmarsch meist durch Buschwerk und niederen Buchenwald gekommen waren, brachte uns der Anstieg bald in stattliche Bestände von Tannen (Abies alba Will.). Es waren schöne Edeltannen, welche an der gegenüberliegenden Talseite einen geschlossenen, dichten Wald bildeten. An unserer Seite wechselten dichte Bestände mit lichten Hainen und größeren Waldwiesen. Man hatte vollkommen den Eindruck eines deutschen Waldes, eines Gebirgswaldes mit seinen stattlichen Edeltannen und ihren weißlich schimmernden Stämmen. Zwischen den Tannen wuchsen, besonders an den Waldwiesenrändern, allerhand Laubbäume. Es war eigenartig, hier im fremden Land Buchen, Birken, Zitterpappeln und Eichen neben den Tannen emporragen zu sehen, alle noch im frischen Grün des Frühsommers.

Ein wundervoller Anblick bot sich aber dar, als wir in etwa 1200 m Höhe an große Waldwiesen kamen, welche von hohen lilienartigen Gewächsen bestanden waren. Vor einer solchen Wiese stand ich lange Zeit, ergriffen von der Schönheit; mein Pferd legte mir seinen Kopf über die Schulter und stand leise schnaubend ebenso still wie ich.

Jenseits der Wiese erhob sich ein Wald von stolzen Tannen, in tiefem Schatten wie eine hohe dunkle Wand den offenen Raum abgrenzend. Zwischen den Tannenwipfeln sichtbar und hoch über ihnen hinaufragend lagen die Berghänge der anderen Talseite; graue Felsen mit Waldflecken und Matten dazwischen waren von goldenem Sonnenschein übergossen. Nur das ferne Rauschen des Talbaches verriet die Tiefe der Schlucht, die hinter den Tannen lag und deren Wände wir heraufgeklettert waren. Vor der dunklen Wand des Waldes breitete sich leuchtend vom Sonnenglanz die hellgrüne Wiese aus, bedeckt von hunderten von Lilien, den Asphodelos mit ihren schlanken Blütenständen. Sie weckten klassische Erinnerungen an alte Griechen, die auf der Asphodelos-Wiese die Schatten ihrer Freunde erwarteten. Man mußte sich daran erinnern, daß man nicht weit vom Land der Griechen war, dem der Deutsche so viel von seiner Seele geschenkt hat. Es war Asphodelus albus Willd. ([Abb. 192], [S. 384]).

Ein leiser Wind wehte über die goldglänzende Wiese; die Lilien schwankten zart und weiß über dem wogenden Gras. Kühlung umwehte mich und gab Mut für den steilen weiteren Anstieg. Der Bach, der in der Tiefe rauschte, war der gleiche, dessen Tal wir vom Kloster Markova an verfolgt hatten. Seine Quellen entflossen einem weiten Bergzirkus, der vor uns manchmal offen lag, während wir an seiner Ostwand emporklommen. Dieser Quellbezirk enthält keine Seen, wie Östreich und der serbische Forscher Cvijié annahmen, welche die Markova Reka, den Talbach, als Ausfluß der Seen betrachteten. Wir konnten uns überzeugen, daß im Quellgebiet der Markova Reka keine Seen lagen, was uns auch die Aussagen der Bevölkerung vorausgesagt hatten.

Abb. 192. Lilien im Tannenwald (Asphodelos albus Will. Abies alba Will.). Anstieg zum Pepelakkar.

Nach etwa einer Stunde Rittes durch den Tannenwald gelangte unsere Karawane auf eine ausgedehnte Berghalde, in welcher der Wald immer mehr von hochgrasigen Wiesen unterbrochen wurde. Nun tauchte vor uns, noch hoch über dem Wald, das Schneefeld des Pepelak auf, das uns schon den ganzen Tag die Marschrichtung angab. Denn unterhalb dieses auffallenden Schneebandes dachte ich unser erstes Lager zu schlagen.

Als wir den Bergsattel erreicht hatten, kamen wir durch eine offenere Landschaft, in der Matten mit Gebüschen und kleineren Baumgruppen abwechselten. Mächtige Felsblöcke, vielfach von phantastischen Formen, lagen auf den Halden umher, oft von einem kleinen Hain überschattet.

Das Gestein bestand aus Gneis. Wir waren auf dem Sattel zwischen dem Tal der Markova Reka und dem eines südlichen Bachlaufes. So steil und hoch der von uns erstiegene Talrand gewesen war, so sanft war der Übergang von diesem Paß zu dem weit weniger tiefen Tal des südlich fließenden Baches. Wir hatten mit dem Paß eine Höhe von 1600 m erreicht.

Vor uns sahen wir noch einen letzten Waldstreifen, einen stattlichen Buchenwald, darüber tauchte eine Mattenregion auf, die über Hügel und Buckel bergan zog, in das Felsengebiet hinein, das sich daran anschloß. Unter dem Wald floß ein munterer Bach talwärts, der viel Geröll mit sich führte. Der Wald mußte noch durchstiegen werden, ehe ich meinen von dem scharfen Marsch in der glühenden Hitze ermatteten Leuten eine Ruhepause gönnen durfte. Die meisten waren sehr erschöpft und lagerten sich alsbald am oberen Rand des Waldes, um auszuruhen. Die Pferde wurden abgesattelt, nur die Lasttiere mußten mit ihrem Gepäck weiden; denn lange sollte die Rast nicht dauern.

Unterdessen war ein interessanter Fund gemacht worden. Bisher hatten wir ja in der Hauptsache schon bekanntes Gelände durchwandert und in der für mich neuen Zone des Tannenwaldes war die Sorge um unsere Tragtiere mit ihren kostbaren Lasten, die Arbeit des Steigens und die große Hitze naturwissenschaftlichen Beobachtungen hinderlich gewesen.

Zwei unserer Nachzügler hatten eine Giftschlange erbeutet, die sehr unserer Kreuzotter ähnlich war und tatsächlich stellte sie sich als eine solche heraus. Damals wurde sie zunächst für Vipera macrops Mih. gehalten, jene Form, welche wir auf der Kobeliza gefunden hatten. Bei genauer Untersuchung in der Heimat wurde nachgewiesen, daß es sich doch um eine echte, wenn auch etwas abweichende Kreuzotter (Vipera berus L.) handelt, die auch sonst in den Gebirgen des Balkan gefunden wurde.

Während meine Leute am Waldrand rasteten, ritt ich am Bach entlang bergauf, um einen Lagerplatz zu suchen. Er sollte möglichst hoch liegen, um die Bergbesteigungen abzukürzen, sollte aber nahe am Bach sein, Weide darbieten und womöglich Brennholz liefern. Obwohl ich und mein Pferd schon recht müde waren, suchte ich das Ziel bald zu erreichen, da wir doch vor Sonnenuntergang unsere Zelte aufschlagen sollten. Es war ein merkwürdig welliges Gebiet, das sich zu beiden Seiten des Baches hinzog; ich mußte beständig auf Hügel hinauf und in Falten hinunter reiten, um allmählich in die Höhe zu gelangen. Überall waren üppige Wiesenmatten, vielfach sumpfiger Boden; nirgends fand sich ein trockener Lagerplatz nahe dem Bach. Holzige Gewächse fehlten vollkommen. So kam ich schließlich in die Felsenlandschaft hinein; das Tal verengerte sich und fand seinen Abschluß in einem grandiosen Felsenzirkus, dessen obere Randeinfassung jenes Schneeband darstellte, dem ich zustrebte. Vor ihm vermutete ich die zwei kleinen Seen, welche auf den Karten ohne Namen angegeben waren. Ich hatte vor, zunächst diese zu erforschen und wollte daher mit dem ersten Lager möglichst nahe an sie heran.

Zwei Stunden war ich vom Rastplatz am Waldrand geritten, als ich endlich an einen Platz kam, der zum Lagerplatz geeignet erschien. Er lag unter den ersten Felsenwänden, war von großen Blöcken bestreut, dazwischen mit Rasen bewachsen. Weide war also da, Wasser auch, nur Holz fehlte, da er weit über der Baumgrenze lag. Die notwendige Winddeckung war durch einen mächtigen Felsen mit steilem Abfall gegeben. Wir bestimmten später die Meereshöhe des Lagerplatzes auf 1950 m.

Es dauerte lange, bis meine Truppe nachkam; am letzten Rastplatz hatte sich ein Unfall ereignet. Die erschöpften Mannschaften hatten nicht genügend auf die Pferde geachtet und so hatte mein Wachtmeister einen Huftritt an den Kopf erwischt, als er schlafend am Boden lag. Zum Glück hatten wir gerade an diesem Tag einen Arzt bei uns, der uns bis ins erste Lager begleiten wollte. Der hatte den Verletzten verbunden und nahm ihn am nächsten Tag wieder mit nach Üsküb zurück.

Wir aber schlugen vor Abend noch unsere Zelte auf; wir schmiegten sie möglichst tief in die Mulden vor den Felsen hinein, um vor dem vom Berg herunterfegenden Wind geschützt zu sein. Direkt über uns dehnten sich Grashalden in einen Halbkreis von Felsen hinein, deren oberer Rand von einem langen, schmalen Schneefeld eingefaßt wurde. Eine prachtvolle Mondnacht folgte dem anstrengenden Tag. Wir waren alle zu sehr ermüdet, als daß wir sie genießen konnten. Zudem trieb ein kalter Wind uns in die Zelte und unter die warmen Decken.

Am nächsten Morgen machte ich mich zeitig auf, um womöglich die so viel angezweifelten Seen aufzufinden. Steil die Talmulde hinauf ging es durch sumpfiges Gelände zwischen Felsen in der Richtung auf das Schneeband. Ein noch kälterer Wind als gestern abend wehte von oben herunter uns entgegen und versprach wenig Gutes für die nächsten Tage.

Abb. 193. Lager am Pepelakkar.

Kaum dreiviertel Stunden hatte ich anzusteigen, da stand ich vor den Seen. Es waren zwei kleine Wasseransammlungen, kaum 1-2 m tief, mit klarem Wasser; der Boden war von Steinen bedeckt. Grün schimmerten sie aus dem weißgrauen Gestein heraus, wenn man aus der Höhe auf sie hinabblickte. Ein Damm aus Felsentrümmern und Geröll trennte sie von dem Abhang der Talmulde.

Das klare, kalte Wasser enthielt eine spärliche Tierwelt: Larven der Chirocephalus-Art, welche wir einige Tage später weiter unten im Begovatal im erwachsenen Zustand fanden, Wasserkäfer, oligochäte Würmer und sonst sehr wenig Getier. Es waren diese kleinen Wasseransammlungen eine rechte Enttäuschung. Wir hatten nach den Karten etwas Größeres und Interessanteres erwartet. Die Wasserkäfer waren Dytisciden, unserm Gelbrand verwandt, aber kleinere Arten. Zwei Arten fanden sich in dem kalten Wasser, Gaurodytes solieri Aubé, eine alpine Art, und Gaurodytes nitidus F. Auch eine Wasserwanze (Corixa Sahlbergi (?)) wurde dort gefangen.

Hinter den Seen stieg der Berg schroff zum Schneeband hinan; eine mächtige Schutthalde füllte den Raum zwischen scharfen Felsenrippen aus. Das Schneeband war kaum 50 m breit; an den Schnee schloß sich noch eine steile Halde an, die bis zum Bergkamm reichte, der über die drei Gipfel des Pepelak hinstrich. Das Gestein des Berges, wie der Ufer der Seen war Gneis. Das herabfließende Schmelzwasser füllte die Seen. Von ihnen floß es in einigen Rinnsalen ab, welche in kleinen Wasserfällen talab strebten. Die Seen lagen auf einer Meereshöhe von 2100 m.

Die Pepelakseen sind typische Karseen. Hinter ihnen steigen die Berge steil an; vor ihnen liegt eine Moräne von 6-7 m Höhe. Unser Geologe Dr. Gripp stellte fest, daß in der Moräne seitlich des Abflusses Kuppen aus Granatglimmerschiefer aufragen, welche zu Rundhöckern abgeschliffen sind und deutliche Gletscherschrammen aufweisen. Er fand etwa 25 m höher die Reste eines zweiten Kars mit einer etwa 150 m langen Moräne von durchschnittlich 7 m Höhe. Diese kleinen zwei Kare liegen in der Rückwand eines viel größeren Kars, das den ganzen Bogen zwischen den Gipfeln Pepelak-Nord und Pepelak-Süd umfaßt. Als Reste des einstigen Karsees finden sich in 2020 m Höhe zwei durch einige Felskuppen getrennte Moorbecken. Am Gestein am Rande dieses Karbodens sind ebenfalls Rundhöcker nachzuweisen.

So waren denn die Annahmen Östreichs, der schon vor 20 Jahren Spuren einer einstmaligen stärkeren Vereisung erwähnt hatte, bestätigt. In den nächsten Tagen sollten wir viel großartigere Eiszeitspuren auffinden.

Beide Seen sind miteinander durch einige Rinnsale verbunden, der nördliche liegt ein klein wenig höher als der südliche, so daß das Wasser von ersterem zu letzterem abfließt. Aus dem südlichen See fließt der Bach ab, an dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und an welchem ich am Abend des vorigen Tages entlang geritten war. Er hatte also nichts mit dem Markovabach zu tun. Er heißt bei den Bewohnern des Gebirges Jezero Reka, also Seebach und mündet bei Aldince in die Kadina Reka, welche selbst ein Nebenflüßchen des Wardar ist.

Abb. 194. Pepelakseen, vom Schneeband aus gesehen.

Als ich von den Seen zum Lager wieder abstieg, kam ich zwischen den Wasserfällen in ein Gebiet, welches von einer wundervollen Fülle von Alpenpflanzen überwachsen war. Zwischen den Steinen drängten sich üppige Büsche der Alpenrose, deren rote Blüten sich von den Steinen und dem dunklen Laub reizvoll abhoben (Rhododendron myrtifolium Schott und Kotchy). Die schönen Sterne der Anemone narcissiflora und nemoralis L. wetteiferten mit dem Ranunculus nivalis und den grellen Geum-Arten (montanum L., molle V. B. und coccineum F.). Veilchen (Viola Griesebachiana Vis) standen neben Pedicularis limnogena, dazu kamen Primeln (Primula intricata), ein roter Steinbrech neben weißen und prachtvollen großen Enzianen (Gentiana cruciata L.). Kleine Büsche von Salix polaris, einer Zwergweide, wuchsen dicht am Wasser. An den moosigen Stellen sah man die feinen Glöckchen einer Soldanelle (S. pindicola Hauskn). Wo der Boden etwas moorig wurde, sproßte ein charakteristisches Sumpfmoos, eine Sphagnum-Art, welche Gattung damit zum erstenmal auf dem Balkan nachgewiesen wurde. Etwas weiter bergab, vor allem an den Waldrändern, stand in voller Farbenpracht in großen Mengen eine schöne, leuchtend gelbe Akelei (Aquilegia aurea Janka). Neben den Alpenrosen wuchs der Türkenbund in großen, blühenden Büschen (Lilium martagon L.).

Am selben Tag wurde noch ein Erkundungsmarsch auf den Kamm des Pepelak unternommen, über dessen drei Gipfel und auf die Hochfläche fortgesetzt, die sich südlich des Kammes hinzog, um einen Plan für die Fortsetzung der Expedition gleich ins Auge fassen zu können. Schon beim Anmarsch waren die drei dunklen Spitzen über dem weiß leuchtenden Schneefeld als charakteristisches Merkmal des Pepelak erschienen. Beim Anstieg sah man nun, daß ein südlicher Gipfel näher am mittleren lag, während der nördliche in größerer Entfernung einsam aufragte. Ich kletterte die Felsen hinauf und umging das Schneeband im Süden. So kam ich zuerst auf den südlichen Pepelakgipfel. An seinem steinigen Abhang fand sich wieder eine artenreiche alpine Flora. Wenn der Wind ruhte, so summten um die farbenprächtigen Blumen allerhand Insekten, darunter zahlreiche Hummeln. Zwischen ihnen schwirrten Exemplare eines dem Taubenschwanz ähnlichen Schmetterlings (Hemaris scabiosae). Kleine dunkle Motten flogen vor unseren Tritten auf, um sich schnell wieder zu setzen. Unter den Steinen waren zahlreiche Käfer zu finden.

BLICK ÜBER PEPELAK SÜD ZUR BEGOVA UND SOLUNSKA.

Als wir am Gipfel in warmer Sonne saßen, umschwärmten uns zahlreiche Tagschmetterlinge, vorwiegend die gewöhnlichen Vanessa-Arten, die bei dem starken Wind sehr schwer zu fangen waren. Es war die übliche Gipfelversammlung, die wir schon öfter erwähnt haben.

Während wir die Fernblicke genossen und uns in der Gegend orientierten, wurden die Instrumente abgelesen und die notwendigen Aufnahmen gemacht. Wir bestimmten die Höhe des südlichen Pepelakgipfels auf 2290 m.

Vor uns lag ein wundervolles Gebirgsbild. Zu unseren Füßen fielen die Felsen steil ab zu den Matten, kleine Schneefelder waren überall noch zu sehen. Direkt nach Süden zog ein flaches Hochtal, das abgegrenzt wurde durch eine Kette hoher Marmorberge mit weißblinkenden Flanken. Kahle, wilde Felsengebiete taten sich da vor uns auf; nur hier und da sah man kleine Rasenflächen, sonst war die Pflanzenwelt sehr spärlich. Ganz im Süden erhob sich in zarter Bläue ein Berg von schönen Umrissen, eine mächtige Pyramide, die ein gut Stück höher sein mußte als unser Standpunkt. Es war die Solunska, die eines unserer nächsten Ziele werden sollte.

Wir wanderten in den Nachmittagsstunden noch über den Kamm, am Hang des mittleren Gipfels entlang zum Nordgipfel, der etwas höher ist als der Südgipfel; er mißt 2300 m. Das weißgraue Gestein um uns herum war Glimmerschiefer, meist Granatglimmerschiefer.

Auch hier um uns nur Steine und kleinere und größere Grasflächen! Westlich des Pepelakkammes zieht sich ein welliges Hochgebiet hin, welches von den nachher zu beschreibenden Kalkbergen abgegrenzt wird. Ich bestieg einen der westlich vom Pepelak-Nordgipfel gelegenen Kalkberge, der noch etwas höher war als jener, nämlich 2315 m.

Ungefähr an dessen Flanke zog sich die Grenze der Urgesteinszone gegen das Kalkgebiet hin; an der Nordseite der Kalkhöhe zog sich eine tiefe Schlucht hinab, deren Anfang von einer mächtigen Schutthalde gebildet wurde. Die linke Seite war eine steile Wand, an deren unterem Ende mehrere große Schneefelder lagen. An deren Rändern flogen eigenartige dunkle Schmetterlinge, eine Noctuide, die uns ein Eiszeitrelikt zu sein schien.

Tatsächlich stellte sich das Tier als die Eule Anarta melanopa Thnbg. var. rupestralis Hb. heraus, welche aus den Alpen und vom Gran Sasso in Süditalien bisher in besonderen Formen bekannt ist, während die Stammform in Lappland, Labrador und auf den Shetlandinseln vorkommt. So stimmt das Vorkommen dieses Schmetterlinges gut zu den sonstigen Eiszeitspuren, welche wir im Gebiet fanden.

Abb. 195. Rand des Kalkgebirges der Karaschiza westlich vom Pepelak. Flugstelle von Anarta.

Nach den Feststellungen unseres Geologen Dr. Gripp stellt der Pepelak mit seinen drei Gipfeln das Nordende eines schmalen Bergzuges dar, der von Nordwesten nach Südosten verläuft. Er erstreckt sich bis nahe an das Dorf Jabolcista hin und zeigt nur eine Unterbrechung, welche von Östreich als Salakova-Senke bezeichnet wurde. In seinem Verlauf bildet der Höhenzug eine bemerkenswerte Grenze zwischen zwei ganz verschiedenartigen Landschaftstypen. Östlich von dem Bergzug streichen fünf einander parallele Bergrücken von Südwesten nach Nordosten; sie enden alle an ihrem nordöstlichen Ende in Gestalt rundlicher Bergkuppen, deren Höhe jeweils von Norden nach Süden geringer wird.

Abb. 196. Anarta melanopa Thnbg. var. rupestralis Hb. Als Eiszeitrelikt im mazedonischen Gebirge erhalten.

Als Namen dieser Bergzüge wurden Herrn Dr. Gripp von den Einwohnern des Dorfes Jabolcista angegeben: Salakova, Schachkaviza, Eilagiza und Jurudschiza. Etwas höher als diese ist die quer vor ihnen liegende Mumjitza, auf der zahlreiche Felsklippen aufragen. Sie fällt steil nach Westen zur oberen Kadina Reka ab, während sie auf der Ostseite in einen sanften Abhang übergeht. Alle diese Berge zeigen mattenbedeckte breite Rücken, während steilere Hänge dichten, grünen Buchenwald tragen. Zwischen dem Südende der Mumjitza und dem südöstlich von ihr gelegenen Berg Liseč, den wir von unserem dritten Lager mehr aus der Nähe sehen konnten, ragten zwei schmale, parallele Höhenzüge empor; der näher gelegene, genannt Szriba(i)tschan erreicht die Höhe von 1805 m, während die zwischen ihm und dem Liseč hinziehende zweite Kette, deren Namen wir in dem öden menschenarmen Gebiet nicht erfahren konnten, noch höher ist.

Abb. 197. Endmoräne des Gletschers im Wannental. Golesniza Planina.

Dr. Gripp beobachtete in diesem Gebiet nur Gneise. Dieser einheitlichen Gesteinszusammensetzung schreibt er die gleichmäßige Oberflächengestaltung des Gebietes zu. Angelagert an diese Gneise fand er eine Hülle von Glimmerschiefer, zum Teil Granatglimmerschiefer, aus der auch der größte Teil des Pepelak und des Höhenzuges zusammengesetzt ist, der sich vom Pepelak bis Jabolcista erstreckt.

Ganz anders als diese milden, gleichartigen Berge sehen die Gebirgszüge aus, welche westlich von diesem Glimmerschiefergebirge liegen. Es ist das weiße, kahle, baumlose und überhaupt vegetationsarme Gebiet, welches ich oben schon erwähnte. Wir alle, welche die Gebirge der Gegend von Triest, von Istrien oder der Herzegowina kannten, wurden durch seinen Anblick an den Karst erinnert. Unser Geologe bestätigte uns die Richtigkeit dieser Annahme. Es war ein typisches Kalkgebirge; die Gesteine, die es zusammensetzten, waren nur Marmor und Dolomit. Und überall traten uns die typischen Karstphänomene entgegen, welche für Gebirge vom Bau des Karstes in aller Welt charakteristisch sind und den Namen dieses südkrainischen und küstenländischen Gebirges zu einem geologischen Fachausdruck gemacht haben.

Dr. Gripp phot.

Abb. 198. Doline bei Lager 2 im Golesnizagebirge.

Vor allem war die Wasserarmut dieser Berge auffällig. Streifte man durch diese weißen, plattigen Gesteine, dann mußte man seine Feldflasche wohlgefüllt mitnehmen. Denn auf Quellen konnte man nicht rechnen. Die Täler und Schluchten waren trocken und keine munteren Bäche durchströmten sie. Wo Schmelzwasser von den Schneefeldern herabfloß, versickerte es bald im Boden oder verschwand in unterirdischen Spalten. Die Täler waren sämtlich abflußlos. Die für den Karst so bezeichnenden Dolinen waren überall in großen und kleinen Ausmaßen anzutreffen. Es sind das Einsturztrichter, welche dadurch entstanden sind, daß unterirdische Höhlen durch Auslaugung der Felsen sich bildeten, in welche später die Felsendecke einstürzte. Solche riesigen Dolinen wie im adriatischen Gebiet, in denen große Felder und Gärten, ja ganze Dörfer liegen können, fanden wir allerdings hier im Hochgebirge nicht. Karstphänomene werden wir weitere zu erwähnen haben, wenn uns die Beschreibung der weiteren, von uns durchforschten Strecken der Golesniza Planina dazu führt.

Besonders interessant für den Geologen waren die Beobachtungen einer Auflagerung von mehreren hundert Metern mächtigen Marmormassen auf dem kristallinen Schiefer. An zwei Stellen konnten solche Überlagerungen beobachtet werden; in beiden Fällen lagerten helle Kalke und Kalke mit Glimmer, die unter 50-70° nach Südwesten einfielen, über den kristallinen Schiefern, und zwar ohne jede Transgressionsmerkmale zu zeigen. Die Kalke gingen nach oben bald in graue Dolomite und hellen Marmor über. Im Patiskatale fand Dr. Gripp eine linsenförmige Scholle von Gneis von einer Länge von 8-10 m in den untersten Lagen der Kalke.

Interessanter und auffälliger waren uns anderen Naturforschern die Spuren einer einstigen starken Vereisung der Gebirge, welche Dr. Gripp eifrig untersuchte und abends im Lager, wenn wir schmausend vor unseren Zelten saßen, hörten alle gern zu, wenn er von seinen Beobachtungen erzählte.

Die Resultate im Gebiet der Karseen des Pepelak haben wir oben schon zusammengefaßt. Vor dem Karstgebiet zeigten sich im Gebiet des Gneisgebirges viele Spuren der Gletschertätigkeit, die sehr auffällig waren. Südlich vom Pepelakkar fand sich am Osthang des Glimmerschieferzuges in 1990 m Meereshöhe ein weiteres Kar. Etwas südlich von diesem lagen auf dem Glimmerschiefer 80 Marmorblöcke von verschiedener Größe, dem Gestein nach vollkommen den anstehenden Gesteinen im westlich liegenden Karstgebirge entsprechend. Daran anschließend am Westhang der Höhe sind Rundhöcker zu finden, auf denen verstreut gerundete Marmorblöcke umherliegen. Wir können daraus schließen, daß in das Tal zwischen dem Glimmerschiefergebirge und dem Karst ein Gletscher sich ausdehnte, der bei 2040 m Höhe das Tal ausfüllte. Es muß ein prachtvoller großer Gletscher gewesen sein, dessen Eis hier hinabfloß. Kein anderes Transportmittel wäre fähig gewesen, die mächtigen Marmorblöcke und Kalkfelsen aus dem Karstgebiet weit in das Gneisgebiet hinein zu verschleppen. Im Tal selbst lagen in 1945 und 1990 m Höhe noch zwei mächtige Moränen aus Marmorgeschieben, von denen die obere 3 m hoch und 50 m lang, die untere 15 m hoch und 120 m lang ist. Im Grunde des Zungenbeckens der oberen Moräne gibt es mehrere Dolinen. Unterhalb der tieferen Moräne liegt eine steile Marmorwand, an deren Fuß eine Quelle entspringt (Östreichs Salakova-Quelle). Ihr Abfluß, dem zwei kleine Bäche seitlich zufließen, durchbricht in der Salakova-Senke die Glimmerschieferkette und fließt steil bergab zur Kadina Reka.

Nach Süden schließt sich westlich vom Glimmerschieferzug das von Östreich so benannte Wannental an; in Wahrheit handelt es sich um zwei größere, abflußlose Täler. Sie führen Bäche, deren Wasser vom Glimmerschiefergebirge kommt und welche jetzt verstärkt durch die Schneeschmelzwasser des Frühlings noch im Tal in Dolinen verschwanden.

Am Abend unseres ersten Tages im Pepelaklager erlebten wir einen starken Barometersturz, ein kalter Regen trieb uns in unsere Zelte, die Temperatur sank auf 6° C. Nebelschwaden zogen das Tal herauf und hüllten unser Lager vollständig ein. Eine kurze Aufklarung ermöglichte uns wenigstens abzukochen. Nachts aber kam wieder Regen, dem ein schweres Gewitter und schlimme Kälte folgten. Das schlechte Wetter hielt den ganzen nächsten Tag an, gegen Abend schneite es sogar; das dauerte die Nacht hindurch an. Gegen Morgen trat sogar Frost ein, wir hatten -4° C, morgens im Zelt noch -1,5° C; die Erde war stark gefroren, der Schnee war nicht liegengeblieben, aber Wiesen und Felsen waren stark bereift. Und das widerfuhr uns während des subtropischen Sommers Mazedoniens in der Nacht zum längsten Tag des Jahres.

Der Tag wurde trotzdem gut ausgenützt, obwohl es unmöglich war, in dem immer wieder aufziehenden dichten Nebel sich weit vom Lager zu entfernen. Der Botaniker kam immerhin zu seinem Rechte. An den zahlreichen Wasserläufen, welche den Berg herabliefen, standen neben farbenprächtigen Polstern von Läusekraut (Pedicularis limnogena Gris.), die goldenen Sträuße der Sumpfdotterblume; dazwischen bogen sich im Wind die Stengel der roten Bachnelke (Geum coccineum S. S.). Die Bachnelken waren hier im Kar sehr häufig, und zwar kamen vier Arten vor (Geum montanum L., G. molle V. B., G. urbanum L. und das rotblühende Geum coccineum L. L.). Prof. Bornmüller benützte die Zeit, um nach Bastarten zwischen diesen nahe verwandten Arten zu suchen und er fand tatsächlich solche auffallend häufig. So waren zahlreich Bastarte von coccineum und montanum, ebenso von urbanum und coccineum, dagegen sehr selten solche von molle und coccineum.

Selbst für den Zoologen gab es trotz Regen, Nebel und Kälte manches zu beobachten. Um die Zelte trieben sich zahlreiche Wasserpieper (Anthus spinoletta L.) herum, Braunkehlchen (Saxicola rubetra L.) schwirrten in den Felsen oberhalb des Lagers, Feldlerchen und Ohrenlerchen gab es auch. Das schlechte Wetter zwang einen Steinadler und einen Lämmergeier nebst einem Schwarm Alpendohlen zu einem flüchtigen Besuch in unseren Tiefen.

Ja ich konnte hier sogar zwischen den Bächen eine ganze Anzahl von Ameisenhaufen entdecken. Es war eine Formica-Art (Serviformica fusca L.), welche in dieser Bergeshöhe zwischen den Polstern einer hier häufigen Wachholderart (Juniperus nana Will.) regelrechte Haufen hauptsächlich aus Wachholdernadeln gebaut hatte. An dem kalten Tag waren die Tiere alle tief im Bau verkrochen.

Am nächsten Morgen überraschte uns klarer Himmel in unserer Höhe, während die Täler, so auch das Wardartal, tief unten im Nebel steckten. Wasser und Schwämme waren selbst im Zelt gefroren, die Zeltbahnen hart und steif. Die kurze Stunde Sonnenschein half uns unsere Sachen annähernd trocknen, unsere Waschung im Bachwasser vollbringen. Wir brachten diesen Tag noch in der Umgebung des Lagers zu, die verschiedenen begonnenen Untersuchungen fortsetzend. Nachmittags stieg ich einige Kilometer bergab, um die Buchenwaldregion am Sattel, welche wir beim Aufstieg rasch durchschritten hatten, noch einmal zu durchstreifen. In dem schönen, lichten Buchenbestand war ein reiches Vogelleben. Vor allem wimmelte es von kleinen Singvögeln, von denen Kleiber, die beim Nestbau waren, Baumläufer, Zaunkönige, Drosseln und Waldlaubsänger beobachtet wurden.

Vor uns lag, blau hinter dem Buchenwald sich erhebend, der schön umrissene Berg Liseč, hinter welchem die Berge des Wardartals um Veles und die jenseitigen Gebirge auftauchten.

Am nächsten Morgen, am 24. Juni, hatte schöner Sonnenschein uns begrüßt, nachdem wir noch beim Sternenschein begonnen hatten, die Zelte abzuschlagen und die Tragtiere zu bepacken. Aber noch ehe wir losritten, erhob sich ein starker, kalter Wind, schwere Wolken zogen von Westen heran. Trotzdem setzten wir uns in Bewegung und erklommen die Hänge des Pepelakkargebiets. Südlich des Südgipfels wollten wir den Sattel überschreiten, um in das längs der Karstberge hinziehende Tal zu gelangen.

Abb. 199. Meine Karawane am Pepelaksattel.

Oben auf dem Sattel überfiel meine Karawane ein gewaltiger Sturm; die Stöße des Westwindes brachten Menschen und Pferde aus dem Gleichgewicht. Es war kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Dabei war es bitter kalt, daß die Hände einem am Zügel erstarrten. Plötzlich entriß mir, der ich auf alle Menschen und Tiere aufpassen mußte und darum auch auf mich selber am wenigsten achten konnte, ein Windstoß meine Militärmütze und trug sie über das Schneefeld im Nu kilometerweit zu den Seen und über sie hinweg. Sie war dahin und die Reise mußte ohne Mütze fortgesetzt werden.

Zum Glück kamen wir bald über den Sattel und ritten abwärts in das Tal, welches sich am Fuß der Marmorberge hinzog. Trotzdem kamen wir noch nicht in Winddeckung und alle Mitglieder der Expedition litten an diesem Tage sehr durch den eiskalten Wind.

Ganz einsam und menschenleer war hier das Gebirge auf beiden Seiten des Tales. In den letzten Tagen hatten wir keine Hütte und keine menschliche Siedelung angetroffen. Nordwärts vom Pepelak hatten wir einige Hirten mit ihren Herden in der Ferne gesehen. In der Tiefe hatten wir Dörfer bemerkt und mit einem von ihnen waren wir auch in Beziehungen getreten. Und so sollte es noch für einige Tage weiter gehen.

Es war ein wasserloses Tal, welches wir nun zu durchreiten hatten. Schroff und kahl stiegen zu unserer Rechten die Karstberge auf, eine lange Kette von Gipfeln, an deren Südostecke ein Doppelkegelberg mit schönen Umrissen emporragte, der höchste Gipfel des ganzen Gebirges, der für die nächsten Tage unser wichtigstes Ziel war. Diesen Berg hat Östreich wohl als erster Forscher 1899 bestiegen und nannte ihn Begova. Cvijić gibt ihm den Namen Jakupiza; den kannte aber keiner der Einwohner, die wir in diesen Tagen befragten. Die österreichische Karte 1: 200000 bezeichnet die beiden Gipfel als Solunska und Begova. Diese beiden Namen wurden uns bestätigt, wobei allerdings der Name Begova auch auf das weitere Gelände ringsum bezogen wurde und ja weiter nichts bedeutet als der Besitz des Beg.

Die Rast bei der von Dr. Gripp untersuchten Moräne war wenig erfreulich; denn keiner von uns fand Deckung vor dem kalten Winde, der durch das Tal fegte. So ritt ich bald mit Dr. Gripp voraus, um zu versuchen, rechtzeitig einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Der Ritt führte über die zweite Moräne, dann links über einen Hang hinauf durch den letzten Teil des Wannentals. Hier sahen wir an vielen Stellen die Zeugen der Arbeit des Gletschereises in den gewaltigen Marmorblöcken, die oft über 40 m über der Talsohle auf dem Gneis lagen.

Nun ging es hinab und auf eine weite Fläche hinaus, an deren gegenüberliegendem Rand Nadelgehölz uns eine geeignete Lagerstätte zu versprechen schien. Seit Tagen schien zum ersten Male wieder ein Waldbestand uns zu winken. Die hohen Gipfel, vor allem die Solunska, waren hier durch vorragende Berge der Kalkkette verdeckt; aber weit die Vorberge hinauf sah man den Nadelholzbestand reichen, der der Landschaft einen ganz anderen Charakter gab, als ihn die öden Wiesen- und Steinregionen besaßen, die wir zu verlassen im Begriff waren.

Unsere Pferde griffen auf dem weichen Wiesenboden flott aus. Es war eine noch magere Wiese, über welche wir ritten, man sah ihr an, daß der Schnee noch nicht lange von ihr abgeschmolzen war. In munterem Ritt ging es über eine weite, flache, von Bächen durchzogene Talebene, an derem jenseitigen Rand neue Berge aufragten, an die im Südostwinkel die hohen Berge sich anschlossen, die allmählich frei wurden und in einem kühlen Nachmittagslicht vom trüben Himmel sich abhoben.

Wieder packte uns der Wind an und wir suchten wieder Winddeckung für unser Lager, die wir schließlich am Südrand des Tales auf einem Felsen fanden, hinter welchem dicht anschließend das Nadelholz anfing, zu unserem Erstaunen Legföhren, Latschen, die mich höchst heimatlich anmuteten.

Vor dem Felsen stand eine zeltförmige kleine Hütte aus Reisigholz; sie wurde von unseren bulgarischen Soldaten und den Tragtierführern freudig begrüßt. So winkte ihnen doch die Aussicht, einige Nächte unter Dach zuzubringen, wenn dies Dach auch nicht übermäßig fest und dicht war. Wir schlugen unsere Zelte etwas oberhalb der Hütte auf der Felsplatte auf und bald rauchten die Lagerfeuer, so daß man hoffen durfte, vor der Nacht durch warme Nahrung die durchfrorenen Körper etwas zu erholen.

Holz gab es genug in der Nähe, denn die ganzen Hänge waren von dem Krummholz bedeckt, dessen dunkelgrüne Nadeln einen neuen erfreulichen Farbton in die Landschaft brachten. Dicht bei unseren Zelten begannen die Latschenbestände und zogen sich auf allen Hängen weit hinauf. Es waren stattliche Büsche, oft fast baumartig emporragend. Mit ihren liegenden Ästen und oft hervorragenden Wurzeln erschwerten sie das Steigen sehr. Die Latschen hatten lange, weiche Nadeln von dunkelblaugrüner Farbe. Die Bestände waren durch diese blaugrüne Färbung außerordentlich charakteristisch und beherrschten durch diesen Farbton vielfach die Stimmung der vorherrschend düsteren Landschaften im Solunskagebiet. Es war Pinus montana Mill., Sbsp. mughus Scop.

In unserer Nähe war der Legföhrenbestand immerhin etwas gelichtet; verbrannte Stellen zeigten uns, wie unvorsichtig und nachlässig die Bevölkerung auch hier mit dem kostbaren Holz umgegangen war. Die kleine Hütte war von Köhlern errichtet worden, welche offenbar regelmäßig im Hochsommer einige Monate zum Kohlenbrennen hier verbringen. Im Krummholzwald zeigten auf zahlreichen Lichtungen die Reste von Kohlenmeilern, daß hier eifrig gearbeitet worden war. Aus manchen Meilern konnten wir uns noch erhebliche Mengen Holzkohlen herausholen, die unsere Feuer nachhaltig machten, und uns erlaubten, um sie herum hockend, uns ordentlich anzuwärmen.

Während die Zelte aufgeschlagen und gekocht wurde, hatten wir Naturforscher Zeit, uns an unserer neuen Arbeitsstätte umzusehen. Es war eine großartige Landschaft, die sich um uns ausbreitete. Vor uns lag eine weite, grasbewachsene Ebene, durch welche mehrere Bachläufe sich verzweigten. Direkt unseren Zelten gegenüber, also nördlich von ihnen, zog sich von West nach Ost eine Hügelkette hin, welche dem Gneisgebiet angehörte und dies durch ihre graue Färbung erkennen ließ. Sie setzte die Begrenzung des Wannentals fort, das gleichsam durch eine Pforte sich in das weite Tal öffnete. Westlich zogen die hellen Karstberge heran und grenzten mit ihren weißen Wänden das Tal ab, sich fortsetzend in die stattlichen Gipfel der Begova und Solunska. Diese prachtvollen Berge erhoben sich steil etwas rechts hinter unserem Lager; wir brauchten nur einige hundert Meter in die Ebene hinauszuwandern, um einen grandiosen Anblick zu genießen. Von der Abendsonne rosig überhaucht hoben sich die mächtigen Kalkhalden aus dem dunklen Polster der Latschen, welche auf dieser Talseite überall hoch die Hänge hinaufstiegen. Tiefe, blaue Schatten hoben die zerrissenen Wände der beiden Kegel scharf hervor.

Der Blick nach Norden und Osten war weniger großartig; ziehende Wolkenschwaden verhüllten meist die Aussicht. Immerhin war diese sehr interessant. Der Grund des weiten Tals war wellig und zum Teil mit Rasen bedeckt. Zahlreiche Rinnen durchzogen ihn, von Bächen und den von allen Höhen niederrauschenden Schneeschmelzwässern gebildet. Auf den ersten Blick mußte man an einen ausgetrockneten Seeboden denken, eine Meinung, die tatsächlich von Östreich ausgesprochen wurde. Das ganze Tal gehörte dem Karstgebiet an und als interessante Karsterscheinung konnten wir zwei von West und Nord zuströmende Bäche feststellen, welche in der Mitte der Talebene beide gemeinsam plötzlich im Boden verschwanden. Beide Bäche strömten hier in eine tiefe Doline; ihr Wasser wurde vom Boden verschluckt, um irgendwo weit bergab aus einer Felsspalte wieder zum Vorschein zu kommen.

Das Tal wies auch die Spuren einer einstigen Vergletscherung auf. Am Ostrande war es eng geschlossen und setzte sich in eine trockene Schlucht fort, welche durch Moränen gesperrt war und an ihren Rändern Marmorblöcke auf dem Gneis trug, die Verlauf und Mächtigkeit des einstigen Gletschers anzeigten.

Abb. 200. Ziesel nahe seinem Loch (Citillus citillus L.).

Das Tal selbst gab zu allerhand Beobachtungen Anlaß. Die Präparatoren waren eifrig auf der Vogeljagd, wobei interessante Arten, wie die Ohrenlerche (Chionophilos alpestris balcanicus Rchw.), erbeutet wurden ([Abb. 201]). Im Talgrunde waren zwischen dem kurzen Rasen viele Erdlöcher mit ausgeworfenem Sand zu beobachten, von denen viele von Zieseln bewohnt waren. Dieses fast hamstergroße Nagetier hatte ich in Mazedonien schon oft beobachtet. Er ist ein reizvolles, putziges Tierchen; oft sieht man es, wie ein Murmeltier aufgerichtet vor seinem Erdloch sitzend und Männchen machen, um schnell wie der Wind sich in die Tiefe zu stürzen, sobald es den Menschen bemerkt ([Abb. 200]).

Abb. 201. Ohrenlerche im mazedonischen Hochgebirge, oben Männchen, unten Weibchen. (Chionophilos alpestris balcanicus (Rchw.)).

Einige Belegstücke wurden geschossen, um diesen eigenartigen Fundort festzulegen. Es war auffallend, dies Steppentier in so großer Meereshöhe (2000-2200 m) so zahlreich zu finden. In den Ebenen des Wardar bei Hudova und Üsküb hatte ich immer nur einzelne gesehen, hier waren hunderte von Löchern im Talboden und die Tiere ließen sich leicht beobachten, da sie in dieser einsamen Gegend viel weniger scheu waren, als im Tiefland. Die Weibchen waren hier gerade trächtig, also fast 6 Wochen später als im warmen Tiefland. Hier oben müssen sie auch einen viel längeren Winterschlaf halten als unten. Auch die Nahrung mußte bisher sehr mager gewesen sein, denn vor kurzem hatte der Schnee noch das Tal gedeckt. So hatte das Tier hier auch wohl sicher noch keine Vorräte eingetragen, bei welcher Tätigkeit ich es im Wardartal schon viel früher im Jahre beobachtet hatte. Dort hatte ich den Ziesel große Gras- und Heubüschel, größer als er selbst, im Mund im raschesten Lauf einschleppen sehen. Hier auf dem Balkan scheint also der Ziesel seine Vorräte nicht nur in den Backentaschen einzutragen, wie er das in Rußland tun soll. Die bisherigen Untersuchungen ließen keine Abweichungen von der typischen Form (Citillus citillus L.) erkennen.

Ein Iltis, der rasch in einem der Bauten verschwand, konnte leider nicht erbeutet werden.

Im Tal war eine Senke stark versumpft, zahlreiche größere und kleinere Tümpel von geringer Tiefe waren da durch das Schmelzwasser des Schnees entstanden; von ihnen waren einige im Austrocknen begriffen, einige wenige schon ganz ausgetrocknet. In diesen Tümpeln und in ihrer Umgebung fand sich eine reiche Tierwelt. Ich beobachtete dort Laubfrösche, Unken, den großen Bachfrosch (Rana ridibunda L.), im Wasser tummelten sich verschiedene Arten von Wasserkäfern (Gaurodytes-Arten), Wasserwanzen und Käferfliegenlarven. Vor allem aber wimmelten einzelne der Tümpel von ungeheueren Massen einer Euphyllopoden-Art (Chirocephalus diaphanus stagnalis); zu vielen Tausenden schwammen die rotgelben Krebschen in langsamer Bewegung in dem kalten Wasser umher. Sie waren in allen Entwicklungsstadien vertreten, auch erwachsene Männchen und Weibchen, welch letztere auch schon reichlich Eier entwickelt zeigten. Die Dauereier dieser Tiere sinken in den Schlamm, der den Boden der Tümpel bedeckt. Ist das Wasser der Tümpel verdunstet, so trocknen die Krebseier mit dem Schlamm aus und können Trockenheit und schwersten Frost überstehen. Füllt neues Schmelzwasser die Tümpel von neuem, so schlüpfen junge Krebschen aus den Eiern aus und erfüllen die entstehenden Gewässer mit neuem Leben. Aus den frisch ausgetrockneten Tümpeln nahm ich Schlammproben mit, um später in der Heimat im Laboratorium die Chirocephalus zu neuem Leben zu erwecken. Es war dieselbe Branchiopoden-Art, welche in den Pepelakseen erst den Larvenzustand erreicht hatte.

Von Chirocephalus diaphanus sind bisher zwei Rassen beschrieben worden, eine größere und eine kleinere. Unser Fund gehört zur kleineren Rasse, die bisher in Mazedonien noch nicht beobachtet war, während die größere schon einmal im Wardartal gefunden wurde. Sie gilt als eine Art subtropischen Ursprungs, eine Warmwasserform, welche ihr Hauptverbreitungsgebiet im Norden Afrikas hat. Daß sie trotzdem starke Temperaturschwankungen aushält, beweist unsere Beobachtung, daß das Wasser der Tümpel im Begovatal nachmittags bis 22,4° C erreichte, während morgens in der Frühe eine Eisdecke ihre Oberfläche überzog. In den Tümpeln lebte außerdem ein Kopepode Diaptomus tatricus Wierz., bei welchen die Männchen prachtvoll von Carotin rot gefärbt, die Weibchen aber mit Ausnahme der roten Eier farblos waren. Auch diese Art war neu für Mazedonien.

SOLUNSKA GIPFEL.

Dem ereignisreichen Tag folgte eine bitterkalte Nacht. Morgens um 5 Uhr maß das Thermometer noch 2° unter Null. Die Zeltbahnen waren dick bereift. Aber uns Bergwanderer grüßte ein wolkenloser Himmel und machte uns den Entschluß leicht, an diesem Tag die Besteigung der beiden Hochgipfel zu unternehmen. Wir stiegen die tiefe Mulde hinan, welche sich vor Begova und Solunska, wie die beiden Gipfel nach den Aussagen der Einwohner hießen, ausbreitete. Wir hatten Felsblöcke zu überklettern und — wer Latschenwälder der Alpen kennt, wird würdigen, wie schwer es war über die Wurzeln und Äste der sehr stattlichen Legföhren hinwegzuklettern, um durch das Moränenfeld des großen Kars zu gelangen, das sich hier vom Sattel zwischen beiden Gipfeln zu uns erstreckte. Die oberen Mulden des Karhanges waren noch mit ausgedehnten Schneefeldern erfüllt, von denen murmelnde Bäche sich zu kurzem Lauf zwischen den Kalk- und Marmorblöcken des Hanges entwickelten. Beim Aufstieg an die jenseitigen Hänge des Kars verließen wir bald die Latschenzone und kamen in ein fast vegetationsloses felsiges Gebiet. Der Anstieg war an dem kühlen Morgen nicht allzu anstrengend. Die Höhendifferenz von unserem hochgelegenen Lagerplatz bis zu den Gipfeln war ja nicht sehr beträchtlich. Dazu kam, wie in allen von mir besuchten mazedonischen Gebirgen, mochten sie noch so entlegen und einsam sein, das Vorhandensein von Pfaden, die allerdings oft undeutlich waren, selbst verschwanden, um nach einigen hundert Metern wieder erkennbar zu werden. Jetzt war die Gegend ja vollkommen menschenleer; aber im Sommer wurde sie von zahlreichen Hirten mit ihren Herden durchzogen, die alle Pässe überwandern. Auch mögen Schmuggler und Flüchtlinge diese Pfade ausgetreten haben und noch vor kurzer Zeit mochte manche Bande in diesem wüsten Gebirge Zuflucht gesucht und gefunden haben.

Wir stiegen einen Berg hinan, der mit der Begova durch einen offenbar leicht zu überschreitenden Sattel verbunden war. Als wir höher kamen, wurde der Pfad unerkennbar, wir hatten fest zu klettern über steile Hänge und plattige Gesteine. Rückwärts hatten wir einen schönen Blick in das weite Kar mit seinen Kalkfelsen und Marmortrümmern, zwischen denen nach unten immer größere Inseln von Vegetation sichtbar wurden, bis an den unteren Hängen der dunkle breite Gürtel des Latschenwaldes sich ausbreitete. Über das Kar hinaus sahen wir die schwarzen Felsengipfel des Pepelak mit ihren Schneebändern und östlich von ihm den grünen Liseč.

An den Abhängen der Solunska gab es mancherlei typisch alpine Pflanzen. So wuchsen an den Felsen polsterbildende Steinbrecharten mit Blattrosetten, welche eine einheitliche wie ein Mosaik aussehende Fläche bildeten. Die Arten sind noch nicht bestimmt ([Abb. 202]).

Abb. 202. Saxifraga sp. Polsterbildender Steinbrech.

Auch Gentiana cruciata L. und die gelbe Akelei Aquilegia aurea Janka wuchsen dort.

Am Rande eines Schneefelds wurden einige Schmetterlinge der Gattung Mnemosyne aus der Gruppe der Parnassier gefangen. Sie waren offenbar auf dem Flug in die Hochregion begriffen, wie andere Schmetterlinge aus den Gattungen Vanessa und Colias, die mit uns im warmen Sonnenschein gipfelwärts strebten, und die wir dann oben in großen Flügen antrafen.

Überall mußten wir auf dem Weg kleine und große Dolinen umgehen. Wir stiegen zuletzt auf den Westhang der Gipfelregion über kahle Kalkfelsen hinan an einem tiefen Gesteinsspalt, der in eine von Schnee erfüllte Höhle überging. Hier mußten Alpendohlen ihre Brutstätte haben; denn ein großer Schwarm dieser blauschwarzen Vögel mit ihren roten Schnäbeln und gelben Beinen flog lärmend aus der Felsspalte vor uns auf, vergeblich beschossen von unseren ermüdeten Präparatoren (Pyrrhocorax graculus L.).

Wir erstiegen nacheinander die beiden Gipfel der durch einen steilen Grat getrennten Schwesterberge, der Begova und Solunska. Auf jeder der Spitzen des Doppelkegels weilten wir längere Zeit und bestimmten die Höhe des nördlichen Gipfels (Begova) mit 2420 m, den der südlichen Solunska mit 2530 m.

Auf dem Gipfel der Solunska blieben wir über Mittag im schönen Sonnenschein; und während gemessen und photographiert wurde, konnte ich einen Fernblick von wunderbarer Größe genießen. Von der Solunskaspitze hat man einen Rundblick über das gesamte Mazedonien. Den Horizont im Westen begrenzten der Schardakh mit dem Ljubotren und der Kobeliza, südlich davon der mächtige Kegel des Korab und die blauen Ketten der albanischen Berge. Im Südwesten erkannte man die Kessel, in denen der Ochrida- und Prespasee liegen mußten, daneben den Peristeri. Darüber hinaus lag Dunst auf der Ebene von Saloniki, aus dem noch einzelne Gipfel aufragten.

In der Mitte des Bildes dehnten sich, Kette hinter Kette, die mazedonischen Mittelgebirge wie ein von Wellen bewegtes Meer. Direkt südlich das Berg- und Talgewirre des Babunagebietes, die von Bergen umsäumte Ebene von Prilep; ja an deren Grenzen, die man so ferne wähnte, wenn man der umständlichen Reise dorthin gedachte, erkannte man deutlich die Kette der Granitberge, an deren Hang das Kloster Treskowač und die absteigende Kette bis zum Varosberg, jenseits der Ebene die Berghalde, an der die Stadt Krusewo liegt.

Mehr gegen Osten verfolgte man, ohne den Fluß selbst zu sehen, den Verlauf des Wardar, das Felsenland von Demirkapu und fern dahinter die Gebirge der Belasiza, der Dudica und Mala Rupa. Seltsam deutlich tauchte im Osten die Ebene um Stip, in ihr diese Stadt selbst auf, die sie umgebenden Felsenberge und die von Veles zu ihr führende Straße.

Ich genoß mit tiefem Empfinden des Glücksgefühls, welches über mich kommt, wenn ich einer schönen, großzügigen Landschaft gegenüberstehe. Wie ein wundervolles Kunstwerk liegt sie vor mir, erfüllt mich und es kann wie ein Rausch über mich kommen. Nun sauge ich sie mit ihrer ganzen Schönheit in mich hinein; sie tritt in mich ein, wird ein Teil meiner Seele.

Dann beginnt es in mir zu schaffen; ich stehe all dieser Schönheit der Welt nicht mehr passiv gegenüber. Ich bemächtige mich ihrer. Ich rahme sie ein, sie wird zum Kunstwerk in mir, mit ihren Schatten und Lichtern, ihren Massen, ihrem Duft, ihren Formen und Farben. So nehme ich sie für alle Zeiten in mich auf, sie kann jeden Augenblick in ihren großen Zügen und mit all ihren Einzelheiten vor mein inneres Auge treten, so, wie ich sie in dem Augenblick des starken Eindrucks erschuf. Und so zwingt sie mich, sie wieder neu zu erzeugen, in der in mir geborenen Form, in Worten oder mit dem Pinsel.

Abb. 203. Gebirgsketten gesehen südwärts vom Solunskagipfel.

Das ganze mir bekannte Mazedonien lag im Glanze des Mittags vor mir, mit seinen Bergen und Tälern, Flußläufen und Ebenen in allen Einzelheiten deutlich durch die Klarheit des ersten schönen Tages nach dem Regenwetter. Alle Erinnerungen an die Erlebnisse und an die großen Natureindrücke, die ich in diesem weiten Gebiete genossen hatte, lebten in meiner Seele auf. So wurde ich nicht satt, stundenlang in die Ferne zu schauen und mit wohligen Gefühlen im warmen Sonnenschein zu schwelgen.

Nicht minder reizvoll war die nähere Umgebung, die grellen Steinhalden mit ihren blauen Schlagschatten, die Umrahmung durch die ausgedehnten Latschenbestände und jenseits gegen Veles und das Wardartal die grünen, bewaldeten, schöngeformten Berge, auf denen blaue Wolkenschatten wanderten.

Nach der anderen Seite sah man in eine breite U-förmige Talung, welche im Südwesten von sehr stattlichen Karstbergen begrenzt wurde; diese stellen eine Fortsetzung der vom Pepelak aus beobachteten Karstkette dar.

Bereichert, in froher Stimmung trat ich den Abmarsch durch die Latschenregion an, nachdem am Gipfel noch eine ganze Anzahl von Schmetterlingen und Dipteren erbeutet worden waren, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, unter anderen Hesperia malvae L. Von Vögeln wurden in der Gipfelregion außer der Alpendohle die Steindrossel (Saxicola rubetra L.) und der Mauerläufer (Tichodroma muraria L.) beobachtet.

Auch in der Latschenregion war das Insektenleben an dem warmen Sonnentag erwacht, so daß der Marsch talwärts zum Lager bis zum Abend sich hinzog. Auf dem Grasboden zwischen den Latschen bildeten Gruppen eines schönen Enzians (Gentiana verna var. aestivalis R. u. Sch.) leuchtend blaue Flecken. Auch sonst war eine reiche Alpenflora hier in der Entwicklung begriffen. An den Felsen klebten die Polster mehrerer Steinbrecharten, von denen eine von dekorativer Schönheit in der Photographie der umstehenden Abbildung festgehalten ist ([Abb. 202], [S. 406]). Es ist eine der typischen polsterbildenden alpinen Arten. Große Begeisterung erregte bei unserm Botaniker der erstmalige Fund der Alpenbärentraube Arctostaphylos uva ursi Sprg. im mazedonischen Gebirge.

Im Sumpftal und im Latschengebiet wurden interessante Käfer gefangen, darunter ein zierlicher Dorcadion, silbergrau gefärbt mit schwarzen Flecken, wohl eine neue Art und der Rüsselkäfer Cleonus albicans Schm. Am Sumpf flog der Bläuling Callophrys rubi L., während weiter oben in den Felsen der Spanner Larentia turbata Hb. gefangen wurde.

Am Nachmittag des nächsten Tages (26. Juni) brachen wir unser Lager in dem schönen, latschenumrahmten Begovatal ab, um noch in einer tieferen Region vor dem Rückmarsch eine Station zu machen. Es ging steil das Abflußtal hinab, in welches früher der Gletscher noch ein Stück hineingereicht hatte. Wir traten nun wieder in das Gneißgebiet ein. Hier bildete sich im Talgrund ein plätschernder Bach, der uns beim steilen Abritt begleitete, dabei sich immer mehr vergrößernd und verstärkend.

Im Anfang des Gneißtales war eine Talmulde reich mit Brennesseln und Disteln bewachsen. Nach den Erfahrungen in den Alpen war dies ein sicheres Anzeichen, daß hier früher einmal eine menschliche Siedelung gewesen sein mußte. Von einer solchen war aber keine Spur mehr zu entdecken, was bei der primitiven Bauart der Sommerwohnungen, welche die Bewohner des Gebirges hierzulande nur für die gute Jahreszeit zu errichten pflegen, nicht verwunderlich war.

In dem steilen Tal mit seinem reichen Pflanzenwuchs flogen viele Insekten. Wir fanden eine schöne große Art des Parnassiers Mnemosyne, von dem wir ja Ausflüglern am Solunskahang begegnet waren. Arten von Argynnis, Erebia (E. medusa F.), Geometriden und Arctien nebst Bienen und Wespen gab es in zahlreichen Formen.

Allmählich verschwanden die Latschen; an ihre Stelle trat Buchengestrüpp, das allmählich höher wurde. Gegen Abend langten wir in flottem Trab auf einem grünen Wiesenhügel an, der an seinem unteren Rand von einem prachtvollen Buchenhochwald abgegrenzt wurde. Unsere Pferde wieherten fröhlich, als sie das frische grüne Gras der Matte sahen; ihnen war es ja oben in den Bergen in der Vorfrühlingszone nicht allzu gut ergangen. Hier war in einer Meereshöhe von 1620 m ein sehr geeigneter Lagerplatz für uns gefunden. Ein Bach plätscherte in der Nähe und noch dazu wurde eine Almhütte entdeckt mit großen Hürden für Schafherden, die schon bewohnt war. Das erschien eine gute Gelegenheit unsere Verpflegung zu verbessern. So wurden denn rasch die Pferde abgesattelt, die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Man freute sich allgemein auf etwas mehr Behagen und wärmere Nächte, als wir sie in der Hochregion gehabt hatten.

Die Almhütte, eine Mandra, wie man sie hier wie überall, wo Türken regiert haben, benennt, war eine primitive, aber ziemlich große Reisighütte, in der eine ganze Anzahl Hirten hausten mit einer großen Schafherde von mehreren hundert Köpfen. Es waren nur Männer und einige Knaben hier oben, Albaner, Türken und Aromunen friedlich beieinander, ein Bild des Völkergemisches Mazedoniens. Der Obersenn, ein Aromune, begrüßte mich sehr freundlich, als ich ihn mit meinem Dolmetscher aufsuchte. Er versprach uns Milch und Käse zu liefern und erzählte manches Interessante. Er berichtete, daß Rehe und Hirsche im Gebiet vollkommen fehlten, während in den Wäldern Wildschweine nicht selten seien. In der Hochregion kämen aber Gemsen vor. Ganz sicher scheint mir letzteres nicht, wenn es auch sehr wohl möglich ist. Es ist jedenfalls sehr auffallend, daß wir keine Gemsen bei unseren einsamen Streifzügen in der Hochregion beobachtet haben. Immerhin ist ja möglich, daß sie sehr selten sind, da ihnen jedenfalls von den Albanern, die geschickte Jäger sind, viel nachgestellt wird.

Vor allem sprach er von den Wölfen, die seinen Herden nachstellten, was ich ihm gern glaubte, nachdem ich am Pepelak schon einen prachtvollen alten Wolf erbeutet hatte. Ich ging denn auch nachts auf den Anstand, aber ohne Erfolg. Es war eine helle Mondnacht, in der der Obersenn mich zum angeblichen Wechsel der Wölfe oberhalb des Waldes ins Latschendickicht führte. Ich saß lauernd in den Latschen am Rand einer kleinen Wiese, in deren Mitte er ein Böckchen als Lockmittel angepflockt hatte, während der fast volle Mond rot über dem Berg aufging.

Es war wundervoll am mondüberglänzten Berghang zu sitzen, auf den die dunklen Latschen schwarze Schatten warfen; zwischen ihnen ragten phantastisch geformte riesige Felsblöcke in die Höhe. Ein leichter Wind bewegte die Büsche und trug das Rauschen des Waldes herauf. Ich hörte Grillen zirpen, hier und da die leise Stimme eines Vogels. Aber die Wölfe kamen nicht, ich hörte sie tief unten im Tale heulen, wo die Hunde der Hirten ihnen wütend antworteten. Und als das Böckchen sich auf die Wiese zum Schlafen gelegt hatte und keine Lust mehr zeigte, die Wölfe durch sein Blöken anzulocken und auch mein Führer in seinem Busch ein mörderisches Schnarchen anhob, nahm ich an, daß auch er kein großes Zutrauen auf das Erscheinen der Wölfe habe. Ich entschloß mich, lieber nach dem ermüdenden Tag zu meinem Zelt zurückzukehren. Es war ein wundervoller Weg bergab durch den Buchenwald, durch dessen mächtige Stämme das Licht des Vollmondes fiel. Ich war aber doch froh, als ich auf der silbern überglänzten Matte zu meinem Zelte gelangte und zwischen 1 und 2 Uhr nachts in einen erquickenden Schlummer fiel.

Die nächsten Tage dienten der Erforschung der Waldregion, welche manches schöne Ergebnis brachte. Von der Mandra führte ein ganz kurzer Pfad durch den Wald aufwärts bis zur Waldgrenze, die hier hochstämmig an die Matten, die von Latschengruppen bestanden waren, stieß. Den Weg kreuzten viele Waldbäche, von üppiger Pflanzenwelt, vor allem Doldenpflanzen, umrahmt. Der Wald bestand aus hochstämmigen, schönen blanken Buchen. Man hätte glauben können, in einem deutschen Walde zu wandern, hätte er nicht so viele Spuren einer barbarischen Behandlung gezeigt. Es war ein trauriger Eindruck, zu bemerken, wie die Bevölkerung hier so gar kein Verständnis dafür hat, den Wald zu hegen und zu pflegen, der für seine Wohlfahrt so wichtig wäre. Wo hier Wald ist, wird ein planloser Raubbau getrieben, niemals planmäßige Ausnützung. Hier verdankte der alte stattliche Wald sein Leben nur dem Umstand, daß der Abtransport des Holzes zu beschwerlich und kostspielig ist, sonst wäre er längst verschwunden.

In der Nähe des Pfades war grausam in ihm gehaust worden. Zahlreiche gefällte Stämme faulten unbenutzt am Boden. Ihnen waren nur die Äste abgeschnitten, die zum Feuermachen geeignet waren. Die meisten stattlichen Stämme waren in der Mitte abgehauen, was einen traurigen Eindruck machte.

Für mich war es reizvoller, tief in den unverletzten Wald einzudringen und die Vogelwelt zu beobachten, die sehr reich war und vollkommen an die unseres Buchenwaldes erinnerte. Spechte, vor allem der Mittelspecht und der Liljefordspecht, viele Meisen, am zahlreichsten die Nonnenmeise, Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen, Baumläufer, Kleiber und Häher belebten die hohen Hallen des schattigen Waldes.

Vor allem reizvoll war die Grenzregion gegen das Latschengebiet, wo zahlreiche rasenbedeckte Blößen sich am Waldrand einfügten. Hier war in etwa 1700 m Meereshöhe ein außerordentlich reiches Insektenleben.

Auf den Blößen ragten große, seltsam gestaltete Felsblöcke empor, deren einen wir wegen seines pompösen, denkmalähnlichen Aussehens in unseren Gesprächen den Hindenburgfelsen nannten. Vor dem dunklen Hintergrund der Latschen wuchsen auf den Wiesen schneeweiße Blattrosetten einer für das Hochgebirge typischen Königskerze. Es war Verbascum longifolium Ten. Wie zarter weißer Samt sahen die Blätter aus, die sich auch wie solcher anfaßten. Etwas abwärts am Waldrand flogen große Schwärme von Schmetterlingen über den Blumen der Waldwiese. Da war die eigentliche Flugstätte der schönen Mnemosyne, die wir in den höheren Regionen nur spärlich angetroffen hatten. Hier gab es schöne Argynnus-Arten, dunkle Geometriden, bunte Bärenspinner, viele Hummeln; solitäre Bienen in großen Massen umschwärmten die Blumen, dazu summten mit ihnen um die Wette Bombyliden und andere große bunte Fliegen. Unter den Steinen fanden sich interessante Käferarten, auf den Felsen liefen Sandlaufkäfer herum. Von den Bienen möchte ich Andrena dubitata Schenck und die neuentdeckte Osmia bulgarica Friese erwähnen. Sehr reichlich waren die Hummeln vertreten, von denen wir allein in dieser Region neun Arten fingen, vor allem Gebirgsformen (vgl. Anmerkungen zu diesem Kapitel).

Abb. 204. Wollige Königskerze zwischen Latschen. (Verbascum longifolium Ten. zwischen Pinus montana Mill. subsp. mughus Scop.) Golesniza Planina 1800 m. 27. Juni 1918.

Durch die Luft zogen Raubvögel, Sperber, Bussarde, Weihen, Habichte ihre Kreise. Adler fehlten nicht. Ein schöner Kaiseradler ließ sich auf einem dürren Baume nieder, ließ aber leider keinen zum Schuß nahe genug heran.

Durch die verschiedenen Streifzüge der Mitglieder der Expedition wurde die Eigenart der Bergregion in der Meereshöhe von 1500-1800 m ziemlich eingehend erforscht. Unterhalb der Latschenzone zogen sich hier am Abhang von Begova und Pepelak hochstämmige Buchenwälder, zum Teil abwechselnd mit Weißtannen hin. Zwischen diesen breiteten sich weite Grasmatten aus. An steilen Talhängen traten oft nackte Gneißfelsen in weiter Ausdehnung auf. Den gleichen Charakter besaßen die anschließenden Berge von gleicher Höhe, so der Liseč und die Bergketten, welche sich zwischen dem Gesamtstock der Golesniza und dem Wardartal in der Gegend von Veles hinzogen.

Abb. 205. Schafherde auf Matte unterhalb der Latschenzone.

Die großen Grasflächen dienten als Viehweiden, in dieser Höhe vorwiegend für Schafe, von denen Herden von vielen Hunderten bis Tausenden beobachtet wurden. Die Hirten versorgten uns auch reichlich mit Butter, Käse und Milch, was alles von den Schafen stammte. Abends wurden die Schafe zum Melken in die Sennhütten getrieben. Sie wurden in Hürden gejagt, von denen sie einzeln durch einen schmalen Durchgang zu den fünf Melkern gelangten, deren jeder ein Schaf mit grober Hand erfaßte und schief über ein Gestell von Brettern und Latten stellte, daß es nicht davonlaufen konnte. Dann wurde die wenige Milch, die ein Schaf liefert, mit drei bis sechs energischen Melkzügen am Euter in Holzeimer gespritzt, worauf sofort ein neues Schaf an die Reihe kam. Der ganze Betrieb war auffallend gut organisiert. Jugendliche Albanerknaben brachten immer rasch frische Schafe heran und nahmen die gemolkenen Tiere weg, die dann stumpf und ruhig, mit gesenkten Köpfen in der Hürde standen, ehe sie wieder auf die Weide gelassen wurden. So vollzog sich die Arbeit auffallend rasch und planmäßig, nicht ohne Geschrei der Leute und ein wildes Gebelle der vielen großen Hunde, welche zum Hüten der Herden dienten. Es waren schöne große Hunde, vom Typus der Schäferhunde mit zottigem Fell, die hier benutzt wurden. Meist werden sie von ihrem Herrn sehr schlecht behandelt, sind daher bissig, feig und für den einsamen Wanderer nicht ungefährlich. An ihren Herrn sollen sie sehr anhänglich sein, sie machen überhaupt den Eindruck einer vorzüglichen Rasse.

Dr. Gripp phot.

Abb. 206. Die Hirten in der Mandra Sribatschan.

In der Mandra dampfte die Milch in großen Töpfen, in denen sie zu dem vorzüglichen Kiselo Mleko, der Sauermilch, dem Yogurth zubereitet wurde. Es wurde auch gebuttert und Käse hergestellt. Die Produkte wurden von hier mit Lasttieren in etwa einem Tagesmarsch nach Veles gebracht.

Abb. 207. Bauern in Kiselawoda beim Schafmelken.

Der Rückmarsch, nach Abbruch des Lagers, führte uns am Nachmittag des 28. Juni durch Buchenwälder und malerische Schluchten über den Kamm, welcher das Begovamassiv mit dem Liseč verbindet. Unsere Absicht, letzteren noch zu besteigen, mußten wir aufgeben, da wir die Entfernungen unterschätzt hatten. Der Proviant für die Mannschaften ging auf die Neige, ebenso der Hafer für die Pferde. Auch waren am letzten Abend Abgesandte der bulgarischen Opcinabehörden in der Mandra angelangt, welche Einspruch erhoben, daß den Bundesgenossen in der Sennerei deren Produkte verkauft wurden. Da wir unsere wesentlichen Ziele erreicht hatten, beschloß ich auf dem Paß nach Südosten den Abstieg anzutreten und am nächsten Tage Üsküb wieder zu erreichen.

Im Walde wurden noch zahlreiche Schnecken gesammelt, Nacktschnecken und Clausilien. Die Waldbäche beherbergten auch eine reiche Fauna, vor allem Larven von Trichopteren und Perliden, deren Imagines auch vielfach herumflogen, viel gejagt von der häufigen Lacerta muralis, der Mauereidechse. Im Wasser der Bäche fanden sich zahlreiche Larven des gefleckten Salamanders (Salamandra maculosa), der sich also hier in einer Höhe von 1800 m fast genau zur selben Zeit fortpflanzt wie in Deutschland. Von den zahlreichen Wasserwanzen seien Velia rivulorum, Limnotrechus lateralis var. costae, Notonecta glauca var. furcata und eine Corixa-Art erwähnt. Auch die Alpenplanarie (Planaria alpina) fehlte diesen Bergbächen nicht, wie denn dies Eiszeitrelikt in den mazedonischen Bächen eine regelmäßige Erscheinung ist.

Während wir jenseits des Lisečkammes abstiegen, kamen wir durch malerische Waldgruppen und weite Wiesenflächen. Auf letzteren weideten große Viehherden, als wir etwa auf 1000 m Höhe herabgekommen waren, mehrten sich die Herden von Rindern und Pferden. Trotzdem begegneten wir wenig Menschen und diese waren ausschließlich Türken und Albaner.

Der Charakter der Landschaft änderte sich, je tiefer wir herabritten. Es war ein Gebiet von großer eigenartiger Schönheit. Gruppen mächtiger Bäume, zum Teil von riesigen Ausmaßen, wechselten mit Buschwerk und grünen Wiesen. Auf weiten Flächen standen wieder die schlanken Asphodelos (Asphodelus albus Willd. und Asphodelina lutea Reichenb.), die hier jetzt schon am Verblühen waren. Große Bestände von Farnen bedeckten den Waldboden.

Es war geradezu eine Parklandschaft, in der meist alte Buchen, dazwischen Eichen, Eschen und Ulmen in schönen Gruppen die Ausblicke umrahmten, die wir zunächst auf das verlassene Gebirge genossen. Bald aber öffnete sich vor uns der Blick in das Tal der Kadina Reka. Dies Flüßchen strömte raschen Laufes durch ein enges, auf den Hängen bewaldetes Tal. Der Talgrund war grün von Wiesen und Feldern, zwischen denen vereinzelte, sehr sauber aussehende türkische Bauernhäuser standen. Ein Dorf konnten wir aber in der ganzen Gegend nicht wahrnehmen. Über dem Kadinatal erhoben sich jetzt im Glanz der Nachmittagssonne die vom Wardartal so wohlbekannten stattlichen Gipfel von Kitka und Ostri.

Rasch ritt jetzt die Karawane den Hang hinab zum Ufer der Kadina Reka; am Einfluß eines stattlichen Nebenbaches schlugen wir auf einer üppigen Wiese unser letztes Lager auf. Der Nachmittag wurde noch zu Beobachtungen und Sammlungen ausgiebig ausgenutzt. Das Kadinatal ist eine üppige Gegend, voll interessanter Pflanzen und Tiere, so daß Zoologen und Botaniker noch reichlich Beute machten, während für den Geologen hier weniger zu suchen war.

Wasserstare flogen über das rauschende Wasser der Kadina; die Wiesen am Ufer waren von einer bunten Blütenpracht bedeckt; die Ochsenzunge (Anchusa hybrida Tem.) spielte da eine große Rolle. Die Berghänge waren von Buchenbüschen dicht bestanden, zwischen denen Weißdorn und andere Dornbüsche vorkamen. Am Fluß erhoben sich stattliche Ulmen, Weiden und andere Bäume. Im Grase hüpften zahllose Heuschrecken und über den Wiesenblumen schwangen sich im stolzen Flug Perlmutterfalter, während dunkle Erebien und Bläulinge in Menge auf den Blüten saßen. Als die Zeltbahnen ausgelegt und die Zelte aufgestellt wurden, sammelten sich unter ihnen viele Laufkäfer einer großen, schönen Art. Um die Zelte flogen „Landlibellen‟, Vertreter einer buntgefärbten Ameisenlöwenart aus der Gattung Ascalaphus.

Hier brauchten wir nachts im Zelt nicht mehr zu frieren; wir waren bis auf 870 m herabgestiegen und näherten uns wieder dem Gebiet des Sommers. Unsere Pferde genossen die üppige Weide und meine Mannschaften waren sichtlich froh, daß mit dem Proviant nicht mehr gespart zu werden brauchte. Mit leichter bepackten Pferden erfolgte am Morgen des 29. Juni der Abmarsch, zunächst die Kadina abwärts, auf dicht umbuschten, etwas halsbrecherischen Pfaden über dem Fluß, der wieder durch einen Engpaß brach. Ehe die Kadina in scharfem Winkel nach Osten zum Wardar abbog, verließen wir ihr Tal und erklommen auf steilem Pfad einen Paß, der in der bisherigen Richtung des Flußlaufes fast gerade nach Süden über einen Kamm führte, der vom Ostri bis hier herüber reichte.

Es war eine anständige Leistung nicht nur unserer mazedonischen Tragtiere, sondern vor allem unserer deutschen und rumänischen Reitpferde, uns diese steile Paßstraße hinaufzutragen. Im eigentlichen Europa hätte man sein Pferd am Zügel hinaufgeführt. Hier hatten sich unsere deutschen Pferde so an die Erfordernisse der mazedonischen Gebirge gewöhnt, daß sie freiwillig ein flottes Tempo anschlugen und mit sicherem Schritt alle Schwierigkeiten des Pfades, der oft wie eine steile Treppe den Berg hinaufführte, überwanden.

Oben auf dem ganz schmalen Paß empfing uns eine bulgarische, aus Albanern gebildete Wache, welche den Übergang beaufsichtigte. Wir wurden von der bunten, verlumpten Gesellschaft, die einer irregulären Bande angehörte, freundlich aufgenommen und rasteten da oben eine kurze Weile neben den Reisighütten und Lagerfeuern der wilden Kerle.

Dann ritten wir sehr steil einen Hang hinab, der durch ein ziemlich breites Tal an den Hängen des Ostri entlang, unterhalb des Dorfes Paligrad nach Crvenavoda führt. Die Wand des Bergs, an dem wir entlang ritten, fiel steil in ein schon recht trockenes, felsiges Tal ab. Die Pflanzenwelt des Gebirges hatten wir schon verlassen; die Vegetation wurde allmählich wieder mazedonisch; zwischen trockenem, rotgelbem Boden erhoben sich niedrige Büsche. Es eröffneten sich vor uns schöne Ausblicke in die Hügel- und Bergketten der Brazda und Rudina Planina. Vor dem Dorf Crvenavoda (Rotwasser) kamen wir an zwei kreisrunden, flachen Becken vorbei, welche wie Pfannen im lehmigen Boden eingesenkt waren. In der Mitte jeder Pfanne strudelte ein Strom perlenden Wassers hervor. Es waren Mineralquellen, welche offenbar, nach den roten Niederschlägen zu schließen, Eisen und unzweifelhaft Schwefel enthielten. Die Luft ringsumher war von starkem Schwefelduft erfüllt.

Ohne uns lange aufzuhalten, setzten wir unseren Ritt steil bergab fort und stiegen nun bald in das Gebiet des altbekannten Markovatales ab. Nun wurde es allmählich wieder gehörig warm, der Himmel war wolkenlos und die mazedonische Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Die warmen Hüllen, Decken und Mäntel, die oben in den Bergen so notwendig gewesen waren, hatten wir längst auf den Tragtieren verladen.

Vor uns dehnte sich die breite Mulde des unteren Markovatales aus, das wir jetzt von seiner Nordseite ganz im Unterlauf des Baches, nahe seiner Mündung in den Wardar durchqueren wollten. Wieder hatten wir die vom Wasser zerrissene und modellierte Landschaft eines mazedonischen Flußtales vor uns. Von allen Seiten sah man tiefe, steile Schluchten die Berge und Hügel hinab dem Bach zustreben, dem durch sie alle Gewässer des Gebietes zugeführt wurden. Mehr und mehr machte sich die Trockenheit des Gebietes auf den Hügelpfaden und auf den Halden, die wir hinabritten, geltend. Die Pflanzenwelt wurde immer geringer; die Kulturpflanzen der Äcker, die Hecken überwogen. Menschen und Pferde wurden durstig und begannen sich nach Wasser und Schatten zu sehnen.

So strebten wir an dem türkischen Ort Kolicane vorbei einem in einem Ulmenhain gelegenen malerischen türkischen Friedhof zu, in welchem der Schatten der Bäume uns anlockte. Aber leider gab es dort in der ganzen Gegend kein Wasser.

So ritten wir denn lieber nach Kolicane zurück, einem am Bergabhang malerisch gelegenen Städtchen, an dessen Rand sich auch ein Ulmenhain mit Resten eines alten Friedhofes befand. Dort fanden wir, wie vorauszusehen, Wasser für die Pferde und schönen Schatten. Hier hielten wir Mittagsrast und kochten ab, umringt von den türkischen Einwohnern des Ortes, deren Knaben uns bereitwilligst Wasser heranschleppten.

Trotz aller Müdigkeit wurde auch hier noch beobachtet und gesammelt. Im Hain standen zahlreiche fast meterhohe Büsche von zwei gelbblühenden Korbblütlern, Alantarten, nämlich Inula hirta L. und I. salicina L. Unser Botaniker, Prof. Bornmüller, prophezeite, daß da auch der Bastart zwischen beiden wachsen müsse; und richtig, kaum 5 Minuten suchte er, so hatte er ihn in zahlreichen Exemplaren gefunden.

Nachmittags ritten wir über einen Höhenrücken in die weite Mündungsebene des Markovabaches, dann am Wardar entlang auf guter Landstraße auf Üsküb zu. Wieder ragte vor uns der Wodno mit seinen im Abendschein scharf hervorstechenden Rinnen und Kanten auf. Wir überblickten den Weg, den wir vor 10 Tagen bergwärts zurückgelegt hatten.

Auf der Straße mußten wir einen schlanken Trab anschlagen, denn ein nahendes Gewitter zog am Berg entlang. Der Wind wirbelte bereits ungeheure Staub- und Sandwolken auf. Kurz vor der Stadt Üsküb faßte uns noch das Gewitter und so ritten wir in strömendem Regen in guter Ordnung in die Stadt ein. Am Abmarschplatz löste sich die Karawane auf. Ich führte noch die Pferde und Mannschaften über die Wardarbrücke durch die ganze Stadt zum Zitadellenberg, wo Pferde und Leute im Heerespferdedepot vollzählig und wohlbehalten wieder abgeliefert wurden.

Dann rückte ich persönlich mit meinem braven Burschen in mein nahegelegenes Quartier bei den bulgarischen Freunden wieder ein, müde und hungrig nach den anstrengenden Tagen.

Nach einem erfrischenden heißen Bad saß ich abends behaglich bei meinen Freunden und erzählte befriedigt von den wundervollen Natureindrücken und den interessanten wissenschaftlichen Beobachtungen, welche dieses schöne Stück Mazedoniens mir beschert hatte.