12. I. 16.
L.,
ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies alles so klar, — der Krieg hat alles so klar gemacht. (Es ist wirklich traurig, — man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wie z. B. Strauß’sche Musik und auch * * *’s Arbeiten. Bei * * * denk ich oft: ja, ganz schön, — wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, — Lebensausstrahlung.)
Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend weit ausstrahlen (Eigenart slavischer Genies), ohne darum ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; — er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine Toleranz nicht mißverstehen; — ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und Wichtignahme nicht wesentlicher Erscheinungen) das thust. Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem Reichtum. Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, — ich beginne daran zu arbeiten. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky’s „Verstehen“. Die Menschen, die nur am Besten, am „schlechthin Gültigen“ sich entzünden können, sind unproduktive, nicht aus der „eigenen Mitte“ lebende, sondern nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: „Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.“
Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.), wo er über das Volk schreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den Begriff Volk in Europa nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in dieser Kriegszeit begriffen.
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Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.
Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen treffen, — hab nur keine Angst davor. — — — — —
Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato.
Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den Sonetten von Shakespeare zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, — es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdings sehr skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, — meinetwegen eigenmächtig vergewaltigt, — aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung.
Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs „Normal“ (Seite 31). Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten „Normal und Volk“.
Über den Kern des Artikels: „Leib“ kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als „Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung“, — das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, drückt aber nicht den geistigen Sinn der christlichen Entsagung aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und Rationalismus in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: „Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß“. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß noch niemand etwas darüber zu sagen), — wozu leere Worte gebrauchen?
Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, — also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich war nie frühreif, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.
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Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft viele Stunden.
Dein
Frz.
14. I. 16.
L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; — so entschwunden diese mir heute sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften, die sich zur „angewandten Wissenschaft“ mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der Organe, — der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.
Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des αγων, des Wettkampfes, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht „erklären“, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, Herr zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, — das war auch „angewandte Religion“!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen Lebens und der eigenen Aufgabe rein bleiben oder sagen wir offen: wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, — er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, „wo’s fehlt“, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir „verstanden“ werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, — nur so kann man seiner Zeit oder einigen Seelen „vorangehen“.
Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, — insofern behältst Du betreff * * * wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr loszulösen. Fast bei allen Menschen, denen ich in diesem Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, sie wollen es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.
Ich las letzthin in Luthers Tischreden, — köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther berückend stark und klar.
Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich wieder zu schicken, da ich ihn gern * * * zum Lesen geben will; ich hab Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so dringend bald wieder haben wolltest.
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