2. III. 16.
L.,
ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem Wege sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natürlich Postsperre. Wir stehen natürlich mit in der Riesengeschichte im Westen, schauerlich und ungeheuerlich wie es Worte nie werden schildern können. Ich führe mit Lt. M. zusammen unsre Kolonne unter schwierigsten Umständen; aber es geht alles. Und gottlob geht es bis jetzt auch gut. Wir sind 10 Kilom. durch die französische Front durch. Wir hausen nachts in den französischen Unterständen. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch (25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen.
Ich selbst fühle mich wohl und frisch, — meine Nerven sind unberührt, daß ich oft selbst staunen muß; Dinge, die mein eigentliches wahres Wesen nichts angehen, berühren mich überhaupt nicht mehr. Jetzt ist übrigens der Moment gekommen, in dem ab und zu ein gutes Päckchen (Schokol. Gilka, Stück Hartwurst u. dergl.) hochwillkommen sein wird. Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich zweifle nicht, daß Verdun fallen wird, — aber ob es dann gelingt, den grausamen Stoß in’s Herz des armen Frankreich zu führen! Seit Tagen sehe ich nichts als das Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können.
Ich freute mich gestern über eine Karte von Dir und Lisbeth’s Brief, in dem Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend für mich, Euch jetzt beisammen zu wissen und zu hören, daß Ihr Beide Euch Menschliches und Künstlerisches zu sagen habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich komme Dir wieder. — Der Krieg geht in diesem Jahr zu Ende.
Ich muß schließen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht fort. Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und laß Dich küssen und laß uns in Gedanken immer beisammen sein. Grüß Lisbeth und die Kinder.
4. III. 16.
L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! Ich hab mich schon ein bißchen geschämt aber auch doppelt gefreut, daß ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde ich auch zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib und alles was mir gehört, zu mir gehört!
Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten Schloßbesitz, über den die ehemalige französische Frontlinie ging. Als Bett hab ich einen Hasenstall auf den Rücken gelegt, das Gitter weg und mit Heu ausgefüllt und so in ein noch regensicheres Zimmer gestellt! Natürlich hab ich genug Decken und Kissen dabei, so daß sich ganz gut drin schläft. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief!
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Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen!
Aufzeichnungen
Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich 1911-12.
Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig, seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bildkreis zu erraten.
In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine Kristallisationskraft zu prüfen.
Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein, in dem wir Maler uns bewegen.
Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf er liegt?
Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das Problem auf „Kugel und Fläche“ stellt, so fällt der Begriff Apfel im Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche?
Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil wir die Welt kubistisch fühlen?
Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als „Reh“, die Landschaft muß also „Reh“ sein. Das ist ihr Prädikat. Die künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist vollkommen und einwandfrei; sie „sehen“ das Reh gar nicht und kümmern sich nicht darum; sie gaben „ihre“ innerliche Welt, — das Subjekt im Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert. Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann aber auch ein Bild malen wollen: „Das Reh fühlt“.
Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die Ägypter haben es gemacht. Die „Rose“. Manet hat sie gemalt. Die Rose „blüht“, wer hat das „Blühen“ der Rose gemalt? Die Inder. Das Prädikat.
Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt, nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist, sein Prädikat.
Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das Subjekt, sondern von dem Raum etwas „ausgesagt haben“, das Prädikat des Subjekts gegeben haben.
Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.
Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu geben, bleibt ungelöstes Problem.
Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen.
Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker).
Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft.
Das Groteske:
aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt, wie Märchen.
Größer ist die naive Darstellung, die die Wirkung des Grotesken (das oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht.
1912?
Einzelne Blätter.
3.
Was wir unter „abstrakter Kunst“ verstehen.
Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen. Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte; der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, — er hat aber auch alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen, Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.
Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der „anderen Seite“, auf der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen.
Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein. Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern wie sie wirklich sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns gelingt, die traditionelle „Logik“ von Jahrtausenden beim künstlerischen Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der „anderen Seite“.
4.
Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, — oh des glücklichen Tages! — vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat seine Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, — aber glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind hinter dem Schein?
5.
Die absolute Malerei.
Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden, je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort, ganz aus eurem Geiste weg, — denkt euch fort samt eurem Weltbild, — die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.
Grenzen der Kunst.
— — — Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z. B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent „Pegasus“ darunter schreiben.
Religiöses.
Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen. Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie könnten alles daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen, daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit unvereinbar ist, — nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten Herzen einziehen.
Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die „guten Mitteleuropäer“. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen. Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist verhungert. Eisenbahn — die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine, — kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten, Geist zu sparen. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft grenzenlos langweilig finden; man wird sie vollkommen liegen lassen, ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen Gütern handeln wird.
Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.
Geschrieben Anfang 1915 im Felde.
1.
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Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, — was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?
9.
Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen.
Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal, wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus „wider Willen“.
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15.
Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und 20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.
Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen, um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.
Alles, das Größte ist heute in den Anfängen.
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23.
Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille bestimmt das weiße Schicksal.
25.
Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern und unerhörten Klängen leben.
Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und die Welt hat Zeit.
30.
Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches, Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr.
31.
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Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen, nicht von Traditionen leben.
32.
Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten.
Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der Oberfläche, niemals im Vordergrund.
Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt, sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt: das „Wissen um das Heil“, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der „Kultur“ vorausgeht.
35.
Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, — die wenigen Europäer, die es erst geben wird, — der große Schmerz seiner Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in Weltdurchschauung verwandelt hat.
Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung, Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat.
38.
Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre Jenseitigkeit zu zeigen, — wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen, da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet.
Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind.
Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir seine Zukunftsart.
39.
Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren ihr „Vermögen“ dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.
45.
Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die „neue Buntheit der Welt“ ausmachen.
Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz, eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze.
Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, — wir werden sie mit voller Sicherheit finden — werden wir vielleicht das dritte Gesicht haben.
55.
Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem „Jenseits“ zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.
Gott kam einst in einer Krippe „zur Welt“. Heute steht sie leer. Wir suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären, in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur.
Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische Kraft wandeln.
70.
Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres Geistes.
78.
An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener, primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer Zeit.
79.
Den Menschen graut vor Leichen und Moder, — warum thut er so vertraut und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur „ihre“ Bazillen.
80.
Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das Paradigma des Geistes ist.
Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei und wie gewiß sein Gegenteil.
Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist verseucht und erkrankt.
Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?
Was ist Reinheit?
82.
Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte Auftauchen an einem andern Ort, — erkennt, meine Freunde, was Bilder sind: das Auftauchen an einem andern Ort.
83.
Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.
Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen.
Das Aufblühen des Unbekannten.
85.
Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen.
Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.
Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig?
Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.
87.
Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte liebten wie wir.
In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht uns mit seltsamen Augen an.
Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen Möglichkeiten des abstrakten Denkens?
Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des sentimentalen Geistes. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.
89.
So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens.
Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen alternd dieser Krankheit.
Der Europäer als Arzt und Wiederverkünder alter Wahrheit —
Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender.
90.
Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten.
Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht.
Ich singe mit Mombert:
„Nur einen Flügelschlag möcht ich thun,
Einen einzigen!“
Briefe an Frau Lisbeth Macke
Hagéville, 23. X. 1914.
Liebste Freundin,
gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon schreibt mir Maria ganz traurig und verstört, daß wir ihn alle verloren haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, daß Du es August’s und Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte nicht mehr schreibe, als daß ich nun das Ärgste weiß; und mit Dir um ihn trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergiß uns, Maria und mich, nicht über dem Leid. Wir haben ein Häuschen und möchten Kinder sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die Deinen sind, können wir Dir gewiß nie sein — aber das andere, was Dir und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und getötet hat, die Malerei von August, das Erbe seiner Ideen — dies Leben sollst Du bei uns weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. Laß Dir die Wangen streicheln von
Deinem treuen Franz
Grüße Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?