2. Jan. 15.

L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist alles so verschleiert, daß an Schießen nicht zu denken ist. Dafür war gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich sie bis jetzt noch nicht gehört hatte; alles zitterte und gellte. Eine Reihe Dörfer brennen. Es ist ein zu merkwürdiger Krieg: von einem systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengruß herübergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die „Gänge des Duells!“, bis dem einen oder andern plötzlich die Geduld reißt und er „Ruhe haben will“ und er, nach Erkundigung der feindlichen Stellung durch die vorangegangenen Einzelschüsse, mit wahnsinnigen Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen Salven wirksam übergehen kann. Liegen die Schüsse gut, verstummt der Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir zwei französische Gebirgsgeschütze vernichtet haben. Als „Strafe“ schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem wir Thann in Brand schießen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier kann nie eine große Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in warmer Stube und schreib an meinem Artikel! — Alles Liebe und Gute — — — — —

Bertschweiler, 3. Jan. 15.

L.,

— — — — — — Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und während sie eilt, „steht“ der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. — Wie geht es wohl Euch? Ich denk so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, — es kann nicht mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das Wie des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund — — —